Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1909)
- Date
- 1909-04-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6, «r. 17. __ sonders kritischen Zeit den badischen Juden in den Rücken fiel. Er schreibt darüber in seinem Tagebuch: „Schon lange bat mich das elende Treiben der jüdischen Theologie in Heidelberg und Wür.chnrg, besonders in ersterem Orte, wo ich es aus eigener Anschauung kennen gelernt hatte, angeekelt, so das; ich Lust hatte, eine öffentliche Beleuchtung desselben erscheinen ,;u lassen. Durch einen neuen Borgang angeregt, lvurde der Borsatz ,;ttv Tatheute habe ich den Aufsatz an den Hofrat Paulus in Heidelberg geschickt, mit der Bitte, ihn im „Sophronizon" zu veröffentlichen. Wollte Gott, dieser Aufsatz verfehlt seine Wirkung nicht." n) Der Aufsatz selbst, der wohl nicht gedruckt worden ist, ist nicht bekannt. Doch kann ans seinen Inhalt ge chlossen werden aus der Tagebuchnotiz und dem Begleitschreiben, in dem es heißt: „Die lleberzeugung, dag nur eine wahre, vernunftgemäße religiöse Bildung das Glück einer Gemeinde gründen, das; diese nur durch Anregung und kräftige Förderung der Geistlichen stattfinden könne, hat mich stets so durchdrungen, das; ich in allen Lagen meines Lebens auf diejenigen unter meinen Glaubensgenossen, die teils schon geistliche Stellen bekleideten, teils sich zur Ilebernahme solcher vorbereiteten, meinen Blick warf, ihre Gesinnungen und ihr Streben prüfend, ob nach Verbreitung des Lichts oder nach Stützung des Eitlen sie sich sehnten, und da fand ich leider, das; fast alle, bald aus verkehrten Ansichten, b.,ld aus Mangel an gründlicher Wissenschaft, bald sogar aus engherzigen kleinlichen Absichten alle Gewalt, die ihnen verliehen wurde, dazu verwendeten, das Herkömmliche ohne Unterschied zrl erhalten. So wunderte ich mich vorzüglich, als ich im Sommer 1829 die Universität Heidelberg besuchte, dort jüdische Theologen zu finden, die so in Finsternis wandelten und kaum eine Spur von der belebenden Nähe Ew. Hochwürden zeigten ... So neuerdings w ederum angeregt, konnte ich den Wunsch nicht unterdrücken, die Sache, die so schön in Formen sich darstellt, in ihrer wahren Gestalt aufzudecken und aus ihre Blößen hinzuweisen. Da ermutigte mich auch der Gedanke an Sie, leuchtendes Borbild und würdiger Verteidiger der Wahrheit und des Lichts, daß Ihnen bei dem Streben überall das Gute zu befördern und das Wahre zu vertreten selbst eine solche Ausdeckung lieb sein, -und es Ihnen vielleicht gefallen möchte, diesen Aussatz in Fh'.em So- Phronizon einzurücken . .18) Was Geiger hier tat, war also nichts anderes als die Aufdeckung der Blöße seiner Mutter, des Judenrums, oder dessen, was er für deren Blöße hielt. 3) Daß er sich des Häßlichen seines Schrittes bewußt war, zeigt die Nachschrift: „Ich erlaube mir noch die Bitte, weder dieses Briefes noch meines Namens erwähnen zu wollen, da dieser Aufsatz vielen Mißdentigen ausgcseht, mir manche Unannehmlichkeiten zuziehen möchte." *•) Um wieviel hoher steht der edle und vornehme, nur um wenige Jahre ältere R i e ß e r, der in hochsinniger Gerechtigkeitsliebe den Kampf für alle seine unterdrückten Brüder führte, als Geiger, der vom Aufklärungsfanatismus verblendet, einem Judenfeinde Waffen zur Bekämpfung des altgläubigen Judentums lieferte. (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen und Nachrichten Deutsche« Ketrh. Berlin, 25. April. Ueber die Vorgänge in Kirmanschah in Persien, über die wir in Nr. 14 des Israelit kurz berichteten, wird der „Alliance Jsraelite Universelle" folgendes mitgeteilt: -') A. fi. O. S. 7. Is) dl a. O. S. 17. Vjj Fm Fahre l^>2 veriiv e er ähnliches, indem er in seiner „Füd. Zeitschrift"!, Seite Hü) ein halachisckiesPrn fungsthema des Breslauer Nabbinerseminars geflissentlich lächerlich nmchte, was von dem Fudenseinde Professor Lagarde in seinen „Deutschen - chrislen" aufgcgrisfen und gegen., das Judentum ausgebeutel wnrdex .*") A. a. O. S. 48. _ Der J-raeltt. Das Judenviertel ist dort ausgeraubt worden. Den Vorwand bot die Ausstreuung, daß ein „Seyed" d. i. ein von Ali abftammender Priester, im Dienst eines Juden stehend, von diesem Mißhandelt und zu Tode gemartert worden sei. Es war kein Wort davon wahr, aber es reichte aus, eine regelrechte und vollständige Ausplünderung des Judenviertels herbeizusühren. Die Konsuls, an der Spitze der englische Konsul, haben die Abberufung des Gouverneurs verlangt, der nichts getan hatte, um die Plünderung hintanzuhalten. Der englische Konsul besteht auch unbedingt aut Entschädigung der Beraubten. Die Alliance Jsraelite Universelle, von den Unglücklichen um Hilfe angegangen, hat telegraphisch 6000 Francs für die erste Hilfeleistung nach Kirmanschach überwiesen. Berlin, 23. April. Zu dem Beschluß des Kuratoriums des städtischen Vieh- und Schlachthofes, von dem wir in der letzten Nummer berichtet haben, wird noch folgendes mitgeteilt: Vor etwa zweieinhalb Jahren wurde von der Schlachthof-Verwaltung die obligatorische Einführung der Betäubung mittelst Schußapparats beantragt. Hiergegen erhob sich ein einmütiger Widerstand der Metzgermeister von Groß-Berlin, welche geltend machten, daß die Tötung durch Schuß sehr häufig mit grausamen Tierquälereien, ferner mit Gefahren für das Schlachtpersonal verbunden und zudem aus ökonomischen Gründen zu verwerfen sei, weil infolge der unzureichenden Ausblutung das Fleisch schneller verdirbt. In einem Gutachten des Hofschlächtermeisters Hnebner- Charlottenburg, vereidigten Sachverständigen beim Berliner Landgericht I, II und III, wurde die Schußbetäubung geradezu als die „verwerflichste und schlechteste Schlachtmethode", in einer von 372 Delegierten auf dem Bezirkstage des Provinzial-Vereins Brandenburg des Deutschen Fleischer-Verbandes am 14. Mai 1907 einstimmig angenommenen Resolution als „eine allen Erfahrungen hohnsprechende Tötungsart" verurteilt. Die daraufhin mit den verschiedenen Schußapparaten vorgenommenen Probeschlachtungen rechtfertigen den Widerspruch der Metzgertrotzdem beharrte die Sch'achthof-Verwaltung bei ihrem Beschlüsse und veranlagte beu Magistrat, durch Vermittelung des Landwirtschafts-Ministeriums ein Gutachten der „Technischen Deputation für das Veterinärwesen" einzuholen. Dieses am 29. Oktober 1908 erstattete Gutachten gelangte zu dem bedeutsamen Ergebnis: „De Tötung mittels Behrschen Schlachtpistolc, de Stoffschea Kugeischußapparales und anderer Schußapparate verdient, vom Standpunkt der Humanität betrachtet, vor anderen Tö ungsarten, insbesondere vor dein Kopfschlage, nach den bisherige < Erfahrungen nicht einen derartigen Vorzug, daß ihre zwar gsweise Einführung befürwortet werden kann." Diesem Urteil der höchsten Veterinär-Instanz Preußens mußte die Berliner Schlachthof-Leitung sich fügen: die Schußbetäubung wurde preisge geben und zwar unter ausdrücklicher Hervorhebung daß „den im Gebrauch befindlichen Apparaten immer noch Mängel anhaften". Das ist ein sehr wichtiges Zugeständnis, denn, wie bekannt, wird anderwärts, überall das Drängen auf Verbot des Schächtens mit den „unbestreitbaren^ Vorzügen der Tötung durch Schuß begründet. Die vom Schlachthof-Kuratorium angeordnete Betäubung durch Kopfschlag (Hammer oder Axt) richtet sich gegen die zahlreichen Großmetzger, welche die Tiere auch für eigenen Bedarf, nicht nur für jüdische Abnehmer, durch Halsschnitt töten, also schächten lassen, weil sie diese Schlachtmethode als die humanste und zweckniäßigste erkannt haben. Daß der famose Antrag des Sozialdemokraten — es handelt sich upr den „Zehngebote"-Hoffmann, auf den alles Religiöse wie ein rotes Tuch wirkt — keine Mehrheit fand, war doch wohl selbstverständlich,' aber die Tatsache, daß er innerhalb einer Berliner städtischen Behörde überhaupt gestellt wurde, ist deshalb nicht minder bezeichnend. Berlin, 26. April. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, der neben anderen Vereinen die _ 29. April 1S0S. Upedition des Herrn Dr. Faitlowitsch zu denF^- laschas, dem versprengten jüdischen Stamm in Abeffynien materiell unterstützt hat, erhält von Herrn Oberrabbiner Dr. Margulies in Florenz, dem Präsidenten des pro Falascha-Komites folgende Mitteilungen: „Der italienische Minister des Auswärtigen, Herr Tittoni, hat in einem an Herrn Dr. Margulies gerichteten Briefe offiziell bestätigt, daß Herr Dr. Faitlowitsch bei dem Kaiser von Abeffynien einen sehr guten Empfang gefunden hat und daß die von Herrn Dr. Faitlowitsch in der ihm gewährten Audienz zum Ausdruck gebrachten Ideen zu gunsten der Falaschas von dem Negus günstig ausgenommen wurden. Ueber die von Herrn Faitlowitsch ihm überreichten Schriften in amharischer Sprache, die Resultate seiner Forschungsreisen in Abeffynien, war der Monarch sehr erfreut. Es sei dazu bemerkt, daß Herr Dr. Faitlowitsch a > den Negus eine längere Ansprache gehalten hat, in der er ihn über seine Reisen zu den Falaschas und die Aktion der europäischen Juden zugunsten ihrer Glaubensbrüder näher unterrichtete. Herr Dr. Faitlowitsch brachte unter anderem auch einige Mißstände zur Kenntnis des Negus, unter denen die Falaschas besonders schwer zu leiden haben. Sie seien unbegründeten Beschuldigungen und gefährlichen Verfolgungen seitens der abergläubischen fanatischen Bevölkerung ausgesetztdie Handwerker unter ihnen würden gewaltsam zum Bau von Häusern und Kirchen in der Hauptstadt aus ihrer Heimat entführt und die ohne Schutz und Hilfe zurückbleibenden Frauen und Kinder verfielen dadurch oft dem Untergangdie Entführten müßten nicht nur zwangsweise arbeiten, sondern würden dabei auch zum Bruche religiöser Vorschriften, der Sabbathruhe, gezwungen. Der Negus versprach Herrn Dr. Faitlowitsch für Abstellung der Mißbräuche zu sorgen. Herr Faitlowitsch fand, wie Herr Dr. Margulies besonders hervorhebt, während seiner ganzen Reise Schutz und Unterstützung seitens der italienischen Regierung, die den Bestrebungen des pro Falascha-Komites in jeder Weise wohlwollendes Entgegenkommen zuteil werden ließ. Wie von seiner ersten Reise hat Herr Dr. Faitlowitsch wieder mehrere junge Falaschas mitgebracht, die in Palästina, dem auch den Falaschas heiligen Lande, eine Ausbildung teils als Lehrer, teils als Kolonisten empfangen sollen, die sie in den Stand setzt, die Verbindung zwischen d m europäischen und abbeffynischen Judentum herzustellen und speziell auf dem Gebiete des Schulwesens wie der Landwirtschaft als Vermittler zwischen der ganz primitiv-rr heimischen und europäischen Kultur zu dienen. Auf diesem Wege werden die Falaschas — die europäische Missions- Gesellschaften in ausgedehntem Maße ihrem Glauben zu entfremden suchen — in ihrer religiösen Position gefestigt, und mit der Erweiterung ihres Gesichtskreises und ihrer Kenntnisse wird sich zugleich ihre wirtschaftliche Lage heben sowie ihre Stellung im Lande wesentlich gestärkt werden. Der Hilfsverein der Deutschen Juden wird es voraussichtlich übernehmen, den jungen Falaschas, die Herrn Dr. Faitlowitsch begleiten, eine Ausbildung zu geben, die sie zur Erfüllung der ihnen zugedachten kulturellen Mission in ihrer abessynischen Heimat befähigt." Straßburg, 22. April. In der Sitzung des Gemeinderats vom 21. April 1909'lag auch ein Gesuch der hiesigen jüdischen Kultusgemeinde um Erhöhung des bisherigen jährlichen Zuschusses von 400 Markaus i50u Mark. Das Gesuch wird damit begründet, daß die israelitische Kultusgemeinde zur Bestreitung der Kosten der Anlage eines neuen Friedhofes eine Anleihe von 130 000 Mk. mit jährlicher Amortisation aufzunehmen gezwungen sei, wodurch der Gemeinde große Verpflichtungen entstünden. Es wird dabei noch darauf hingewiesen, daß der Zuschuß der Stadt seit 50 Jahren der gleiche geblieben sei, während die Ausgabe infolge der bedeutenden Zunahme der Gemeinde sich seit 1870 verzehnfacht habe. Auch her Unterhalt der Synagoge