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Der Israelit · 1909-04-29 · Heft 17 (29.4.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 17 (29.4.1909)
Date
1909-04-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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39. Ppril 1909. No. 17. Seite 5. als das Judentum, wurde in ihm der leidenschaftliche Wille lebendig, für die Zerstörung der altjüdischen Frömmigkeit zu wirken. Im Oktober 1829 bezog er die Bonner llniversität. Hier studierte er fleißig Orientalia und Philosophie, lernte Talmud und gründete gemeinsam mit Samson Raphael Hirsch einen theologischen Rednerverein. Er schreibt darüber: „Dieser Verein möchte vielleicht von entschiedenstem Einfluß auf mich sein, teils brachte er mich mit Hirsch in enge freundschaftliche Verbindung, teils befreundete er m'ch mit der Theologie, teils gewährte er mir Nutzen und Vergnügen. Nachdem Hirsch die e ste Rede gehalten hatte, rezensierte ich sie am folgenden Donnerstag und sagte meine Meinung, sowohl über das Ganze als über das Einzelne in homiletischer, philosophischer und sprachlicher Hinsicht. Wir hatten einen sehr langen Streit, in welchem ich seine außerordentliche Beredsamkeit, seinen Scharfsinn, sein klares und schnelles Erfasien kennen und bewundern lernte; aber dieser Streit brachte uns nicht näher, da auch zuweilen die religiöse Seite berührt wurde, wabet ich obgleich ich mich nur immer vom Standpunkt der jüdischen Religion aussprach, seiner Auffassung nicht selten durch die meinige nahe treten mußte. L>och näherten wir uns immer mehr, teils durch eine gemeinschaftliche Rezension der Predigt eines Dritten, teils durch seine billige und schöne Beurteilung meiner Predigt, teils dadurch, daß wir noch in demselben Winter kursorisch Talmud lasen. So entstand allmählich gegenseitige Achtung und Liebe. Ich achtete seine vorzüglichen Geistesgaben, seine stre ge Tugend und liebte sein gutes Herz - er achtete meine ihm nicht ganz verwerflich scheinenden Anlagen, liebte me ne Offenheit und meinen jugendlichen Frohsinn. Sein Umgang war mir sehr nützlich und genußreich."") Daß Hirsch ihn zu seinem Freunde erwählte, war wohl nur dadurch möglich, daß er ihn in seinen wahren Gesinnungen nicht kannte. Denn Geiger sprach sich, wie er hier bekennt, ihm gegenüber in Bezug auf die religiöse Sette immer nur „vom Standpunkt der jüdischen Religion" aus d. h. unter Verschweigung des eigenen Standpunkts. Dies geht auch aus einer Bemerkung hervor, die Geiger über einen anderen Freund, Ullman, macht, mit dem er recht vertrant wurde.") „besonders dadurch, daß ich ihn von seinem orthodoxen reli- ") A. a. O. S. 19. '0) Trotz dieser intimen Jugendfreundschaft mit Ullmann, die auch später noch fortdauerte, war Geiger so herzlos in einer anonymen Korrespondenz im Israelit des 19. Jahrh. 184 t Nr. 14 (vergl. L. i. Br. S. 175) dem früher so vertrauten Freunde, als dieser eines frühen Todes als Rabbiner in Krefeld gestorben war, beschimpfende Worte ins Grab nachzurufen und zu schreiben, daß „ihm die Verachtung der Beffergestnnten ins Grab inchfolgen" möge. Und warum das? Weil Ullmann in einem Gutachten entschieden Stellung gegen die „Frankfurter Reformfreunde" genommen hatte, welche alles spezifisch Jüdische, einschließlich des Beschneidung- Bundes ausrotten wollten. Geiger hatte zwar das betreffende Gutachten nicht gelesen, sondern kannte eS nur von Hörensagen (Jsr. d. 19. Jahrh. 1844. S. 110), aber das hindert ihn nicht das Urteil darüber zu fällen, daß es „in jeder Beziehung höchst erbärmlich" sei. Der JSraeltt. giösen Ansichten befreit, und ich mich fast allein vor ihm in meinen wahren Gesinnungen äußern darf."") Hirsch gegenüber hat er sich also nicht in seinen wahren Gesinnungen geäußert. III. Der Umgang mit Hirsch und anderen frommen Rabbinatskandidaten hat, wenn auch nicht einen nachhaltigen, so doch einen vorübergehend guten Einfluß auf die Sinnesart Geigers ausgeübt und eine Zeit lang eine gewisse Umwandlung seiner früheren Stimmung gegen das Judentum erzeugt. So schreibt er zu dieser Zeit (22. Aug. 1830): „Glücklicher Weise lernte ich früh geuug die Vorzüglichkeit meines Berufes eiuseheu und gewahrte bald, daß jenes Nebenwesen der positiven Religion uns zum Mittel für Verbreitung sittlicher Wahrheiten und zur Erregung des Gefühls für Höheres und Edleres dienen könne. Freilich hat das Judentum solch Geschnörkel in Menge, aber der Prediger braucht seiner nicht zu erwähnen. Vielmehr bieten die reinen, erhabenen Lehren, die uns überall in der Bibel und den Prinzipien des Judentums begegnen, Stoff genug und ihre Verbreitung, ihr Einpflanzen in die Gemüter sei einst die vorzüglichste Sorge, der ich als Geistlicher mich unterziehewenn dann der Geist frei gebildet und das Gemüt von den einfachen Wahrheiten durchdrungen ist, wird das Gebäude des Trugs und des Wahns von selbst einstürzen. Gott sei Dank, mein Gefühl gewinnt an Ergriffenseiu für das Edle und mein Eifer reinigt sich stets. Ich verlange nicht mehr nach dem prunkvollen Auftreten, als Reformator, nicht mehr nach glänzendem Ruhmesschinimer, nicht mehr darlach, die morschen Wände der jüdischen Religion einzureißen, sondern danach, in stillem Kreise, dem mich der Herr bestimmt, die göttlichen Wahrheiten von einem Schöpfer und einem Lenker, von der Würde des Menschen, seiner Freiheit, seinen höheren Zwecken, von reiner, erhabener und uneigennütziger Tugend in die Herzen einzugraben." ") Diese demutsvolle Stimmung hielt jedoch nicht lange vor, sondern schlug bald eher in ihr Gegenteil um. Die politischen Zeitereignisse, die er mit großem Interesse verfolgte und glossierte, wirkten stark auf ihn ein. Er erhoffte auch für die Juden politische Freiheiten und Rechte, aber nicht um ihrer selbst willen, sondern um der Wirkungen willen, die dadurch auf die Aufklärung der Juden ausgeübt würden: „Frägt uran sich, was ist aus den Juden politisch geworden, erteilt nian ihnen nur: endlich die jedem Menschen ebührenden Rechte, werden sie nun endlich durch freie ürgerlliche Stellung fähig gemacht, ihre rühmlich begonnene Revolution im Innern ihres Herzens, in ihren religiösen Ansichten zu beendigen?" ") Er nannte diese seine Gesinnung, in der Frage der Emanzipation „mehr theologisch als politisch gestimmt" '^), d. h. die Herbeiführung einer religiösen Revolution der Juden war ihm das Ausschlaggebende bei der Frage der politischen Gleichstellung. “) A. o. O. S. 21. ") A. a. O. S. 36. ") A. a. O. S. 37. Aus einer solchen Gesinnung heraus unternahm er (Januar 1831) einen Schritt, der als ein geradezu verräterischer zu bezeichnen wäre, wenn man dem Zwanzigjährigen nicht seine jugendliche Unreife zu Gute halten müßte. Es war die Zeit, in welcher die Völker allenthalben dringend ihre politischen Rechte verlangten, in welcher Gabriel Rießer für die Juden in die Schranken trat und als ein Anwalt der Undrückten mit Kraft seine Stimme für die Freiheit seiner Brüder erhob. Rießer hatte eben (Ende 1830) seine epochale erste Schrift: „Ueber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland; an die Deutschen aller Konfessionen" veröffentlicht, in welcher er die Gleichheit des Rechtes für die Gleichheit der Pflichten forderte und dem Staate das Recht absprach, zwischen freisinnigen und orthodoxen Juden zu unterscheiden und nach freisinnigen religiösen Gesinnungen die bürgerlichen Rechte abzumeffen. Er hatte in dieser Schrift auch den aufgeklärten Juden das machtvolle Wort zugerufen: „Nichts von Ausnahme und Bedingungen! Schande über diejenigen, die sie für sich fordern! Denn sie wollen ihr gutes Recht als ein Gnadengeschenk und lassen sich den Lohn ihrer Bildung und Aufklärung' mit der Preisgebung ihrer minder glücklichen Brüder bezahlen." Gegen diese Rießer'sche Schrift trat der Kirchenrat und Prof. Dr. Paulus in Heidelberg, der Herausgeber einer Zeitschrift: „Sophronizon, Beiträge zur neueren Geschichte, Gesetzgebung und Statistik der Staaten und Kirchen" mit einer judenfeindlichen Gegenschrift hervor. Paulus war ein nationalistischer evangelischer Theologe, dessen System es war, aus dem Christentum alles Dogmatische und Spezifische durch Umdeutung auszuscheiden und der in Aufklärungsfanatismus und Intoleranz meinte, daß sich jeder zu dieser seiner geläuterten Religion bekennen müffe. Er bekämpfte die Emanzipationsbestrebungen der Juden in gehässigster Art, suchte deren Unzulässigkeit durch die Besonderheit der jüdischen Religionsgesetze darzutun und forderte von den Juden das Opfer einer „unschuldigen Ceremonie" d. h. der Taufe, wenn sie von Deutschland als gleichberechtigte Söhne ausgenommen werden wollten. Die Paulus'sche Schmähschrift erschien in einem wichtigen politischen Momente, nämlich kurz vor der Zeit, wo die badischen Kammern, deren Mitglieder als die vornehmsten Vertreter der politischen Freiheit galten, über die Stellung der Juden beraten sollten (März 1831) und alles erwartungsvoll des Votums dieser Versammlung harrte, deren moralisches Ansehen ein großes war. An diesen Judenfresser Paulus sandte nun Geiger einen Aufsatz, durch den er in dieser be- „Jn Johannesburg befinden sich sechs Schulen und Bcthäuser, eine große Anzahl von Betstuben, eine Genossenschaft, welche arme Emigranten unterstützt, ein stjrauenkomitee, welches ein „Nsyl für Verwaiste" unterhält, eine Schule für Emigrantenkinder und einige vndere Anstalten. Ueberdies hat die Stadt eine .Religionsschule und eine Bibliothek. In Kapstadt sind drei Schulen, ein Verein zur Unterstützung von Armen, ein Frauenverein zur Unterstützung von Kranken, ein Asyl für Verwaiste, eine Geineindeschule, einige Klubs. Solche religiöse und gesellschaftliche Vereinigungen existieren auch in folgenden Ztädten: Prätoria, Kimberley, Port Elisabeth, Blumfontein, Kronstadt, Marizberg und Durban. In Durban, der Hauptstadt von Natal, ist der englische Gouverneur, Sir Mathias Nathan, ein Jude. Im allgemeinen beschäftigen sich die Juden dort mit denselben Erwerbszweigen, mit welchem sie sich in Europa beschäftigt haben. Die Mehrzahl von ihnen besteht aus Hausierern und kleinen Krämern. In den jüdischen Kramereien werden die unterschiedlichen Warenarten verkauft, die aus den einfachen Geschmack der Kaffern und Buren berechnet sind. Tie reicheren europäischen Käufer haben nur mit den großen, englischen Geschäftsläden zu tun. Aber auch die von der Muftur schon beleckten Kafsern genieren sich nicht, auch iu solche englische Magazine zu gehen, wenn sie ein besseres Stück Ware zu finden hoffen, als bei den jüdischen Kleinkrämern. Besser als den Krämern geht es jenen, welche eine >.andelskonzessrvn bekommen bei den Minen, fern von der Stadt und der Eisenbahn, weil eben dort die Buren uiiö .ttaffern kein anderes Geschäft haben, wo sie kaufen lbunten. So eine Konzession ist sehr schwer zu bekommen. Die Krämer, welche das Glück haben, eine solche Konzession zu bekommen, nehmen auch gleich die Erlaubnis, eine Restauration für Kaffern zu eröffnen. Weiter beschäftigen sich viele mit dem Verkauf von Getränken und mit eigenen Schänken oder sie verdingen sich auch bei anderen als Schanker. In Südafrika befinden sich sehr viele jüdische Handwerker: Schneider, Schuster, Tischler, Schlosser, Seßler, Seiler u.s.w. Die Meisten Handwerker leben in Vorstädten. Am besten stehen sich Schuster und Schneider. Es sind aber ihrer so viele, daß für ^Neuangekommene kein Platz mehr ist. Viele haben in der letzten Zeit sich deshalb mit Landarbeiten und Viehzucht zu beschäftigen angefangen. Letztere trägt gute Einnahmen, nur kann man ohne Kapital nicht damit ansangen. Merkwürdigerweise bewähren sich die anscheinend schwächlichen Juden bei Landarbeiten verhältnismäßig gut. Mit akademischen Berufen beschäftigen sich in Südafrika nur sehr wenig Juden. Im ganzen Lande befinden sich nicht mehr als zwölf jüdische Aerzte. Von ihnen ist die Mehrheit angekommen, ehe das neue Gesetz heransgegebeu wurde, daß im Afrika nur Doktoren mit englischen Diplomen praktizieren dürfen. In letzter Zeit vermehren sich auch jüdische Juristen und Pharmazeuten. Tie „Juristen" sind aber' eigentlich Leute ohne juristische Bildung, und sie haben nicht das Recht, vor höheren Gerichtshöfen zu plaidieren, sondern sind eine Art Rechsagenten. Aus dem ganzen läßt sich ersehen, daß jetzt Südafrika eines der unpassendsten Länder für Emigranten ist. Tausende Emigranten wollen aus Südafrika zurück, nur bietet sich ihnen keine Möglichkeit dazu. Es ist daher wichtig, daß neue Emigranten gewarnt werden. (Prof. Masaryk über den Antisemitismus.) Die „Osveta Lidova" berichtet: Anläßlich einer Versammlung in Reichenau a. K. wurde Pros. Masaryk auch über seine Stellung gegenüber der Judenfrage interpelliert. Prof. Masaryk verwies darauf, daß er während der Hilsnerasfaire gegen den Aberglauben, daß die Juden Ehristenblut gebrauchen, gekämpft habe. Sollte sich eine solche Affaire wiederholen, würde er nicht anstehen, wiederum ebenso zu handeln. „Die Juden sind unsere Mitbürger und haben dieselben Pflichten und Rechte wie wir, es ist deshalb kein besonderer Ausnahmsstandpunkt ihnen gegenüber notwendig. Das beste antisemitische Rezept ist: Trinke nicht, ergib dich nicht dem Kartenspiele, spare und sei eifrig in deinem Berufe, dann wirst du es nicht nötig haben, in der Oesfentlichkeit auf die Juden zu schimpfen, ihnen die Fenster einznschlagen und dann durch eine Hintertür zu ihnen zu gehen und von ihnen zu leihen." (Ans vergilbten Blattern.) Unter dem Datum des 9. Wintermonats 1737 bringt die „Samstags- Zeitung" einen Bericht über die Konfiskation der Effekten und Mobilien des Juden Süß. „R h e i n st r o h m / vom 30. Heumonat. Aus Hoch-Oberkeitliche Verfügung eines W. W. Magistrats der Statt Francksort tverden des im Würtemberger-Land inhafftirten Juden Süß zu gedachten Francksort ligende Effecten und Mobilien öffentlich verpanthet und denen Meistbiethenden überlassen: den 9. künsftigen Monats wird man fortfahren mit dem Brennholtz in dem Baldischen Hauße, und den 12. daraus mit denen Weinen in besagtem Hauße. Den 15. und die folgerrden Tage kommt die Reyhe an die Kutschen / Tapeten / weissen Plunder / und was sonsten vorhanden seyn mag, also daß detzfahls disem Juden wenig oder nichts uberbleiben wird." Was mag der arme Süß verschuldet haben, daß man ihn in Haft nahm und sein Gut meistbietend losschlng? Darüber gibt die Samstag-Zeitung keine Auskunft und die „Hoch-Obrigkeitliche Verfügung eines W. W. Magistrates" auch nicht.

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