Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1909)
- Date
- 1909-04-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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22. April 1909. 9te.l6. Der JSraelit. Seite lS. „Die jüdischen Gemeinden und die Lehrerbewegung" sagte Herr Seviinaroberlehrer Stall u. a.: „Wie sollen jüdische Gemeinden, die festhalten an dem Satze jo mm ihre Kinder einem Lehrer anvertrauen, der die Göttlichkeit der Thora leugnet? Wie kann eine ideale Gemeinschaft bestehen zwischen denen, die dafür eintreten, daß jedes Gebot der Tauroh heilig und unverletzlich ist und denen, die, herangebildet in Pflegestätten rationaler Bibelkritik, die Bibel als das Phantasiewerk von Dichtern erklären und ihre Gebote mit Füßen treten?" Demgegenüber vergleiche man den Bericht über einen Vortrag des Herrn Oberlehrer Geballe-Berlin: „Die Behandlung der Wundererzählungen der Bibel" in Nr. 15 der „Bl. f. Erz. u. Unterr.", dessen markanteste Stelle folgendermaßen lautet: „Wir dürfen in den Wunderberichten nur Mythen sehen, wie sie jedes Volk hervorgebracht hat und wie sie ganz besonders im Orient blühen." So wenig sich nun die Herren Gut -und Stoll das Recht verkümmern lassen wollen, offen und ungescheut ihre Meinung zu äußern, so wenig sind wir gesonnen, unseren neologen Kollegen das Recht dazu abzustreiten. Es besteht aber ein kleiner Unterschied zwischen dem Vorgehen von hüben und drüben. Die Herren Gut und Stoll haben ihre Referate in gesetzestreuen Korporationen gehalten, sie gaben nie versucht, ihre Meinung Andersdenkenden aufzuoktroyieren, oder Propaganda dafür zu machendie Veröffentlichungen der Herren Dr. Gutmann und Geballe aber sind auf angeblich neutralem Gebiete, in dem Organ einer Vereinigung, die viele gesetzestreue Mitglieder in sich schließt, erschienen und sie nehmen dadurch den CharaÜer der Propaganda für neologe Ideen an. Takt und gute Lebensart müßten es schon verbieten, Ennunziationen wie den Bericht über den Vortrag des Herrn Geballe, der, nebenbei gesagt, ja kaum eine Spur von Originalität besitzt, sondern nur die Ideen des Herrn Prof. Dr. Maybaum wiedergibt (siehe deffen Methodik, S. 65 u. w.) einem „interkonfessionellen" — um bei dem Jargon unserer Gegner zu bleiben — Leserkreis zu bieten. Man verweise doch solche Dinge in die „Allgemeine Zeitung des Judentums"! Dort sind sie am Platze und verletzen die religiösen Gefühle Andersgesinnter nicht. Dann wird man auch nicht mehr genötigt sein, sie für ganz harmlose und selbstverständliche Dinge auszugeben. Man wird eher dem nDK gerecht werden können und der Friede und die Einigkeit kommen dann von selbst:! lanK oAtwn noan ßorrespondenzen u. üacbricblen. Aus Bayern. Niemand ist heute imstande vorauszusagen, welche Entwicklung die Bestrebungen zur Revision des bayrischen Judenedikts eigentlich nehmen werden. Daß hier die verschiedensten Kräfte tätig sind, brauche ich den Lesern des „Israelit" wohl nicht erst zu sagen - die Gegner und Freunde der Revision im orthodoxen Lager sind in diesen Blättern ja schon ausreichend zum Worte gekommen. Daß wir Lehrer zu den Freunden derselben gehören, bedarf wohl kaum einer Frageder gegenwärtige Zustand ist für uns gar zu unerfreulich, sowohl nach der materiellen als auch nach der ideellen Seite hin. Es ist aber sehr zu befürchten, daß auch im günstigsten Falle noch recht viel Wasser den Main hinunterfließen wird, bis Freunde und Gegner, Gesetzestreue und Neologe sich geeinigt haben, bis das betreffende Gesetz greifbare Gestalt gewonnen hat und von den gesetzgebenden Faktoren verabschiedet worden ist. Da drängt sich denn die > Frage auf, ob wir Lehrer ruhig abwarten wollen, bis uns der Odem ausgegangen, oder ob es nicht vielmehr unsere Pflicht ist, in der Zwischenzeit zur Selbsthilse zu schreiten. Wohl haben wir auch als Lehrer ein hervorragendes Interesse daran, daß die Freiheit des rettgiösen Lebens gewährleistet werde, aber vor allem gilt es, die finanzielle Grundlage der Landgemeinden sicher zu stellen, dafür zu sorgen, daß eine Zentralkaffe ins Leben gerufen werde, die den leistungsschwachen Gemeinden die Erfüllung ihrer religiösen Aufgaben erleichtert. Eine auf Freiwilligkeit basierte Zentralkaffe besitzen wir aber schon jetzt in dem „Landesverein", nur daß seine Mittel völlig unzureichend sind gegenüber dem wirklichen Bedürfnis, denn seine Jahresbeiträge erreichen pro 1907 noch nicht einmal die Höhe (?) von 10000 M.! Wenn man bedenkt, daß beispielsweise das Waisenhaus in Diez, daß noch lange nicht zu den gutdotierten Anstalten dieser Art gehört, für den gleichen Jahrgang ca. 26 000 M. an Spenden und Jahresbeiträgen gesammelt hat, so ist das obige Resultat bei dem anerkannt großen Wohltätigkeitssinn der bayrischen Juden in der Tat recht beschämend und es scheint, daß es seitens der maßgebenden Stellen bisher an dem richtigen Sammeleifer gefehlt hat. Ein Blick in die Spendenliste des Landesvereins beweist die Richtigkeit meiner Vermutung. Viele angesehene Gemeinden sind mit geradezu lächerlich geringen Beiträgen vertreten. Selbst in dem reichen Nürnbe rg sind Spenden von 3 und 5 M. die Regel und über 10 M. geht nur einzige hinaus! Aehnlich liegen die Verhältnisse in den anderen Großgemeinden. Ist es denn gar so schwer, unseren reichen Glaubensgenossen klar zu machen, daß sie die moralische Verpflichtung haben, den kleinen Landgemeinden, denen sie enstammen, unter die Arme zu greifen und daß mit so kleinen Beiträgen nichts Nennenswertes geleistet werden kann? Sollte es denn wirklich nicht möglich sein, auf dem Wege der Freiwlliigkeit diejenige Summe aufzubringen, die nach der Dingfelder'schen Broschüre*) genügen, um den bayrischen Religionslehrern wenigstens ein Existenzminimum zu garantieren? Ist seitens unserer Kollegen in den großen und mittleren Gemeinden schon alles geschehen, um bessere Erfolge zu erzielen? Man komme mir nur ja nicht mit dem Einwand, daß durch eine stärkere Agitation für den Landesverein die Einnahmen des Lehrervereins geschmälert werdendas wird nirgends der Fall sein. Wohl gemerkt! Mein Vorschlag bezweckt nur eine vorläufige Lösung. In den Streit über die endgültige Gestaltung der Verhältniffe in Bayern wollen wir Lehrer als solche uns nicht einmischen. Daß aber der vorgeschlagene Weg die definitive gesetzliche Regelung bedeutend erleichtert, dürfte einleuchtend sein. ücherscha«. Rahmer-A br aham Hebräische Leseslvel, zugleich eine Bor stufe zu Rahmer- Abraham Tefilla Kezara. Dritte verbesserte Auflage. Schaare Thora. Vorstufe des Uebersetzungsunterrichts im Hebräischen. Bon I. B. Levy. Zweite, stark vermehrte und verbesserte Auflage. Wenn der Ueversetzungsunterricht allmählich aus den Fesseln deS Mechanismus befreit wird und wenn wir in absehbarer Zeit zu einer, billigen Ansprüchen genügenden Methode gelangen, so ist dies fast ausschließlich daS Verdienst der beiden Männer, deren Lehrbücher zu besprechen *) Nach den Korrekturen, die ihre Berechnungen durch die Ausführungen des Herrn Seminaroberlehrer Stoll- Würzburg erfahren, dürsten 45000 M. genügen. nur heute das Vergnügen haben von Abraham-Berlin und Levh-Frankfurt a. M. Sie haben stch nicht damit begnügt, gleich dem Gros der Refe enten, die über die Umgestaltung der Methode deS hebräischen UebersetzungSunterrichts zu Worte c' Linien sind, an der bisherigen Methode eine vern' ...ide Kritik zu üben, sondern sie haben es verstanden, ihren methodischen Ansichten auch praktische Gestalung zu verleihen, Abraham durch^Peubearbeitung der Fibel von Rahmer-Magdeburg mH' der Tefilla Kezara desselben Verfassers, Levy aber durch seine Schaare Limmud und Schaare Thora. Während Abraham, eben weil er auf den Schultern seines Vorgängers stand und nur, frei gestaltend, weiter baute, sogleich festen Beden unter den Füßen fand, bemerkte man bei Levh anfangs noch ein unsicheres Tasten nach dem Richtigen, das aber in der zweiten Auflage seiner Lehrbücher sofort einem recht zielbewußten Borwärtsschretten Platz machte. Die beiden Kollegen haben stch in ihrer Methode, die man als eine analytisch-synthetische bezeichnen kann, unter voller Wahrung ihrer L elbständigkeit gegenseitig genähert, sie haben von einander gelernt und ergänzen sich, da wo sie sich noch unterscheiden, in der vorteilhaftesten Weise. Levys Sä aare Limmud beispielsweise ist als eine reine L e s e f i b e l der von Abraham entschieden vorzuziehen, die letztere aber ist dadurch, daß sie den Lese- und den Sprachunterricht von Beginn an in organische Verbindung bringt, für Lehrer und Schüler viel interessanter als jede andere und da Interesse erregen bas Alpha und Omega eines jeden methodischen Unterrichts sein muß, auch nutzbringender. In der vorliegenden dritten Auflage ist das ihr zugrunde liegende Prinzip: „Verbindung von Lese- und Sprachunterricht bei allmählichem und langsamen Fortschretten zu möglichst frühem Anschluß an das Gebetb u ch" beziehungsweise den Ueversetzungsunterricht, noch konsequenter zur Durchführung gelangt, so daß Abra:am diesen Teil seiner Fibel mit Recht als eine Vorstufe zu der Tefilla kezara bezeichnen kann. Auch sonst ist ein wesentlicher Fortschritt zu verzeichnen, hauptsöa ltch durch Hinausschiebung des pjj-j ^*7 von Nr. 18 nach Nr. 24 und durch Vermehrung der Beispiele zur Einübung des KUP und des pfn Für Erstens hätte die Vermehrung freilich eine viel stärkere sein müssen und ebenso find die Beispiele zur Einübung der Leseschwiertgkeiten bei weitem nicht ausreichend, um ein korrektes, sprachlich richtiges Lesen zu erzielen und das ist doch der Hauptzweck einer Lesefibel. Hier kann Abraham noch viel von Levy lernen. Levhs Schaare Thora repräsenttert stch in einem ganz neuen und wie wir gleich hinzufügen wollen, recht vorteilhaftem Gewände. Das Merkchen sollte in seiner ersten Auflage als Uebergangsstufe zwischen der Lesefibel und dem Gebetbuch, beziehungsweise dem Pentateuch, also einem vorwiegend formalen Zwecke dienen. Die neue Auflage enthält dagegen in ihrem zweiten Teil eine ganze Reche von Stücken aus Gebetbuch und Pentateuch, die nach der Uebersetzungsschwierigkett ausgewählt find, nebst den dazu gehörenden Präparationen und einem Wörterverzeichnis. Auch der erste Teil ist vollständig Uit gearbeitet und bereitet in direkter Weise auf das Uet ersetzen vor. So kommt daS Büchlein in seiner Methode der Tefilla kezara sehr nahe, in seinem Werte aber kommt es ihr fast gleich. Jene ist zwar elementarer gehalten, dafür tritt aber Schaare Thora nicht mit der Prätenfion auf, ein Gebetbüchlein zu sein. Wir empfehlen das Werkchen allen Kollegen aufs wärmste. nsn Briefkasten. Herrn Dr. K in Z. Wir nehmen von Ihrer freundlichen Mitteilung Notiz, daß die Gemeinde Birkenthal ihre religiösen Institutionen mit großen Opfern aufrecht erhält. Die bett. Annonce war freilich so ungeschickt als möglich abgefaßt und forderte die Satire geradezu heraus. Im übrigen hat es uns fern gelegen, der Gemeinde, die gewiß schwer um ihre Existenz ringt, irgendwie zu nahe zu tteten. Herrn B in H. Der „Bund" befitzt fteiltch eine Untcrstützungskasse, die schon jetzt, trotzdem die Karenzzeit noch nicht abgelausen ist, in dringenden Fällen deniHimer« bliebenen ihrer Mitglieder Unterstützungen gewährtden von ihm ins Leben gerufenen Fortbildungskusen zahlt, er Subventionen in -der Höhe von ca. 1000 M. p. a. Höher aber als diese materiellen Leistungen ist seine Tätigkeit nach außen zu veranschlagen. Gemeinsam mit der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentum" haben unsere Bertteter sowohl bei dem preußischen BolkSschul-Unterhatungsgesetz als auch jüngst wieder bei der Beratung der Be ottdungsvorlage hervorragende Erfolge erzielt. Die Zahl der Mitglieder beträgt gegenwärtig ca. 250. Statuten erhalten Sie von unserem Schriftführer, Herrn Kollegen Hirschberg- Frankfurt a. M, Uhlandstraße. Im Uebrigen seien Sie ganz unbesorgt, der Bund wird stch durchkämpfen. Wir find zwar erst auf der zweiten Station, d. i. Anfeindung geheißen, aber wir werden mit Gottes Hilfe auch nach fllSim kommen. Was mich persönlich cber anlangl, io ichwebten mir bei dielen Kämpfen stets die Verse eines Kollegen (Cornelius-Ro.henburg) vor: „Laß dich vom Unmut nicht verleiten, in seiner Weis' mit ihm zu streitenlaß toben ihn, doch holte Wacht."