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Der Israelit · 1909-04-22 · Heft 16 (22.4.1909) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 16 (22.4.1909)
Date
1909-04-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
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>- * Leuilleton-Beilage zu Nr. j6 des „Israelit". euilleton. (Kinderecke.j D<$ Uafers Eled. Bon Jenny Stiebel in Jerusalem. Wie auf Unrechter Tat ertappt, schraken alle drei zusammen. Aber der fidele Ernst erzählte lebhaft der Mutter, wie hübsch Fräulein erzählt habe. „Ja, es ist aber etwas spät dabei geworden" gab die elegante Frau eisig zur Antwort, indem sie ihre kalten Blicke aus dem Fräulein ruhen ließ. In der Tat, sie halte Recht, die Kinder waren viel zu lange aufgeblieben. So ließ sie sie schnell der Mutter gute Nacht wünschen und geleitete sie in ihr Schlafzimmer. Seit jenem Freitag Abend waren drei Monate verflössen. Sie waren inhaltschwerer für Ra- Hel Schwarz, als ebensoviele Jahre. Denn nach dem Vorfälle an jenem Freitag hatte Frau Berg das junge Mädchen Knall und Fall entlassen. Umsonst waren Ernst's Bitten und Tränen. Gerda die Stolze war verschloffen und bleich. O wenn es Rahel wäre, die ihr zürnte, sie hätte sie auf den Knien um Verzeihung flehen können. Aber für die strenge Mama hatte sie kein Wort. Und doch liebte diese Frau ihre Kinder. Sie tat es nur auf ihre Weise. Nach ihren strengen Grundsätzen hatte Rahel Schwarz ihr Wort gebrochen — das war keine Erzieherin für ihre Kinder. Wenn sie nur ein wenig Wärme und Verstehen hätte walten lasten, die kalte Frau, so hätte sie einsehen müssen, daß das junge Mädchen im Affekt gehandelt hatte, als sie am Freitag Abend, da sie ihre Träume in das Elternhaus trugen, die Gesänge sang, die man an eben dieser Stätte, wohin ihre Träume sie hingebracht, erklangen. Konnte man diese köstlich kindlich naive, tiefreligiöse Schwärmerei mit der häßlichen Bezeichnung Wortbruch benennen? Wie jäh und unerwartet war das Unglück über Rahel Schwarz hereingebrochen. Ganz allein in der großen, fremden Stadt, ohne Geld und ohne Stellung. Aber so jung sie war, sie war mutig und stark und daS Gefühl, daß sie nichts Schlechtes getan, hielt sie aufrecht. So begab sie sich in eines der großen Vermittlungsbüros. Aber angesichts des nicht gerade bescheidenen weiblichen Personals sank dem feinfühligen Kinde der Mut. Wie sie sie alle so dreist anstarrten, da liefen ihr auch schon die verräterischen Tränen die vor Empörung erglühenden Wangen hinab. Aber als ob ein Engel mit weißem Fittich ihr himmlischen Trost zugeweht hätte, so fiel ihr in diesen qualvollen Minuten das herrliche.Trostwort der weisen Lehrer, das sie aus den Schriften Samson Rafael Hirsch's kannte, ein: „Wenn auch alle Tore vor Gottes Tron geschloffen sind, die Träne eines gekränkten Herzens findet stets Einlaß!" Und ihre Tränen fanden Einlaß vor dem Trone des Allerhöchsten. Eine alte Dame, die ein frommes, bescheidenes Mädchen suchte, bot Rahel eine Stelle in ihrem Hause an und Rahel griff zu, wenn sie auch hier ganz gewöhnliche Arbeit verrichten sollte. Was tut's? Sie ist jung und besitzt ein wenig Humor und Seelenstärke, es wird jitcm gehen. Und es ging in der Tat. Nur die Sehnsucht nach Gerda und Ernst trübte ihre Zufriedenheit. Wieder war ein Freitag Abend trostverheißend eingekehrt. Heilige Sabbatruhe, seliger Frieden, Befreiung vom Arbeitsjoche der Werktage. Sehnsüchtig versonnen saß Rahel Schwarz in der Küche, ihrem jetzigen Aufenthaltsort am halbgeöffneten Fenster. Es war einer jener ahnungsvollen Vorfrühlingstage. Ein herzhafter warmer Erdgeruch stieg vom Garten herauf, in tiefen Zügen atmete sie die herbe Luft ein. Dann beugte sie das dunkle Lockenhaupt über ihr im Schoße liegendes Gebetbuch. Ein schriller Ton der Hausglocke ließ sie erschrocken auffahren. Was konnte das sein? Die Besucher ihrer alten Dame klingelten nicht am Sabbat. Verzagt öffnete sie und erschrak nicht wenig, als sie den Livreediener des Commerzienrates Berg erblickte. Sie fragte nach seinem Begehren. Wortlos reichte ihr der Diener ein offenes Schreiben und da es an ihre Adresse gerichtet war, so entfaltete sie den Brief und las denselben, noch immer an der Tür stehend. Sie war tief erblaßt, während sie las. Es mußte eine gar traurige Lektüre sein, denn indem sie den Brief faltete und in ihre Schürzentasche gleiten ließ, liefen ihr heiße Tränen über das kummervolle Gesicht. Eine kurze Unterredung mit ihrer Dame und sie folgte dem Diener in das Haus, aus dem man sie vor noch nicht langer Zeit so herzlos verjagt. Zitternd stieg sie die teppichbelegten Treppen empor, sie drängte allen verletzten Stolz gewaltsam zurück. Hier durfte man nicht an kleinliche Eigenliebe denken. Gerda, das liebe Kind war krank, ihre liebe Freundin, von der man sie gewaltsam gerissen und jetzt rief man sie zu dem kranken Mädchen. Durfte sie da zaudern? Im Vestibül wurde sie von Frau Berg empfangen. Rahel wehrte alle Entschuldigungen mit einenk traurigen Lächeln ab. Was mußte diese Frau gelitten haben, wenn sie sich so gab? Sie wollte sogleich zu Gerda geführt sein und man willfahrte ihrer Bitte doppelt gerne, indem das Kind in seinen Fieberträumen immer nach Rahel verlangte. Das war ein trauriges Wiedersehen. Gerda erkannte die so lange Herbeigesehnte nicht. Apatisch lag sie nach dem langen Fieber in ihrem schneeweißen Bette, selbst so bleich und so schön wie eine weiße Rose. Monatelang saß Rahel an dem Krankenbett des teuren Kindes, sich kaum nachts, wenn sie abgelöst war, ein paar Stunden Ruhe gönnend. Die alte Dame mußte nun ihr braves Mädchen, das sie so gerne hatte, doch wieder hergeben, sie war eine gute Frau und tat es ohne viel Lamento. Und wieder war ein Freitag Abend eingekehrt. Es war im Mai. Ein weicher, süßer Duft strömte durch die weit geöffneten Fenster in das Speisezimmer der commerzienrätlichen Wohnung. Zwei junge übermütige Mädchen sind beschäftigt, weißes Linnen über den großen eichenen Tisch zu breiten. „Und das Herz wird wieder weit, Frühling, Frühling, goldene Zeit" singt Rahel Schwarz, denn keine andere ist es, mit ihrer lieben Altstimme und Gerda Berg, die nach ihrer Genesung blüht wie ein Psingströslein, fällt jubelnd mit ihrer süßen Kinderstimme ein. Hier sieht man nicht, wer die Tochter des reichen Hauses und wer die Dienende ist. Das reiche Kind ist nicht protzig und das arme Mädchen ist nicht untertänig. Ernst sitzt in einer Ecke des Speisezimmers in seine Aufgaben im Tnach vertieft. Und es ist merkwürdig so kurze Zeit dieser drollige Wildfang erst in dem heiligen Buche lernt, so hat er doch schon Riesenfortschritte gemacht. Frau Berg hat ihren Kindern seit Gerdas Genesung erlaubt, daß sie sich, soviel sie wollen, in das Judentum vertiefen mögen. Sie hat sogar Gerdas Bitten nachgegeben und den Haushalt rituell eingerichtet. Sie selbst bleibt kalt und unnahbar. Vielleicht denkt sie sogar schon wie ihre Kinder, und ist nur zu stolz, es zuzugeben. Als der Commerzienrat aber heute Abend zu Tisch kommt, da nimmt er ganz erschrocken die brennende Zigarre aus dem Munde und bittet Rahel und seine minderjährigen Kinder um Verzeihung. Die Feierlichkeit dieser jungen Geschöpfe ergriff ihn ttef. Er hatte bisher, wie das in den meisten reichen Häusern Sitte ist, die Erziehung seiner Frau und bezahlten Leuten überlaffen. Seine Börsengeschäfte nahmen ihn imebst gesellschaftlichen Pflichten vollkommen in Anspruch. Es war ihm noch nie ausgefallen, wie außergewöhnlich hübsch Gerda und wie lieb Ernst war. War Gesellschaft im Hause, so wurden die Kinder wohl hie und da gezeigt und dann wieder den Dienstboten überlaffen. Welche Wandlung war aber mit den beiden Wesen vorgegangen, seit Rahel ihnen Liebe und Glauben in die jungen Seelen gepflanzt! Sie gediehen wie zarte Blumen, die der Gärtner zu behandeln versteht. Noch nie hatte sich der reiche Commerzienrat so wohl und leicht gefühlt als wie heute Abend im Kreise dieser jungen Geschöpfe. Heute Abend kam es ihm so recht zum Bewußtsein, welchen Schatz er in seinen beiden Kindern besaß. Duftwellen sandte der linde Frühlingswind in das trauliche Sabbatgemach. Ein wunderbares Ahnen stieg in der Seele des Zahlenmenschen auf. Was war es nur? Von Jugend auf hatte er nur Arbeiten und Geldverdienen gekannt. Ihm waren Frühling und Sommer genau so gleichgültig wie Herbst und Winter. Der Sabbat stand ihm nicht höher als jeder andere Tag in der Woche. Aber heute Abend packte ihn etwas, er konnte sich selbst keine Erklärung dafür geben. Verträumt ließ er "seine Blicke auf den Sabbatkerzen haften. Die jungen Mädchen hatten sie entzündet und den Segen dabei gesprochen. Es ist eine größere Weihe, wenn es die Hausfrau und Mutier tut. Aber Frau Berg mußte in Gesellschaften gehen, was kümmerten sie die feinsinnigen Pflichten der jüdischen Hausfrau? „Papa, komm mit in die Synagoge." Ernst hatte sich mit diesen Worten an den Vater ge: schmiegt. Dieser lächelte — ein seliges Lachen. „Auf, Mädels, macht Euch fertig, kommen wir mit Ernst," sagte aufgeräumt der Herr Commerzienrat. Rahel war bei diesen Worten über und über errötet. Aber der Commerzienrat ttat dicht vor sie hin und sagte, indem er ihre Rechte erfaßte: „Nehmen Sie Dank, liebes Fräulein, für die Liebe, die Sie meinen Kindern gegeben und für die Sonnenwärme, die Sie über unser kaltes Heim gegossen." Weiter kam er nicht, denn Frau Berg erschien jetzt auf der Schwelle, sie trug ein weißes Spitzenkleid und auf ihrem blonden Haar saß eine gleichfalls weiße Spitzenhaube. Wortlos schloß sie das junge Mädchen in die Arme, sie hatte durch die halbgeöffnete Türe vom Nebenzimmer aus den ganzen Vorgang beobachtet und so fand sie jetzt die beste Gelegenheit, Rahel alles vergessen zu machen, was sie ihr getan. Rahel konnte uur schluchzen und Gott danken, daß er sie auserjehen, durch wahrhafte Herzensgüte Menschen auf den rechten Weg zu führen. Sie gedachte ihres lieben Mütterchens, das sie die Liebe gelehrt. Als nach der Synagoge Rahel mit den Kindern „Schalom Alechem" sang, da war es, als ob wirklich himmlischer Friede über irdische Menschenkinder herabgeschwebt sei. 1 Nl Bej sre üb sta he hül gri der «« bee Ad 8 mit Q an A.-' l\ mit fort ft ber I Far wiri früh Js «nfj untr stet, ber 17; P-, Gefl an «.< Ja

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