Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1909)
- Date
- 1909-04-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449369--65470-2508110- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
£rzidf?umj und Lei? qflogis Organ des Bundes gesefcestreuer jüdischer hehrer Deutschlands. Das jüdische Datum. Von Lehrer M nnheimer in Dettelbach. Die erste äußere Bedingung, von der jede menschliche Tätigkeit abhängt, ist die Zeit. Bei all unfern Unternehmungen, in jeglicher Lebenslage und in den verschiedensten Lebensverhältnissen ist die Zeit zu berücksichtigen. „Obgleich, wie es scheint, die Zeit nur ein äußeres Maß des Lebens bestimmt, so ist es doch auf dies Leben selbst, mit dem, was in ihm geschieht und unterbleibt, von nicht unbedeutenden! Einfluß, ob und wie die Menschen ihre Zeit zählen." (Hirsch's Choreb, Kap. 35, § 250.) Während nun die Weltgeschichte nachweist, daß alle Völker von selbst auf den Gedanken kommen, den Maßstab der Zeit an ihre Unternehmungen zu legen, je nachdem die natürlichen Vorgänge, wie der Wechsel von Tag und Nacht, von Sommer und Winter, der Phasen des Mondes oder hervorragende Ereignisse im Bölkerleben sie darauf leiteten, während bei allen Kulturnationen die angeführten Momente die gleichen und hauptsächlichsten sind, welche bei der Zeitberechnung und Einteilung mitsprechen, tritt bei den Israeliten noch das religiöse Moment hinzu. Schon die Schöpfungsgeschichte umkleidet den siebenten Tag, an dem Gott ruhte, mit der Weihe einer religiösen Feier. Sieben Tage abzuzählen, um den Sabbat nach göttlichem Willen und Gebot feiern zu können, ward fortan zur ersten heiligen Pflicht. In einer milden Frühlingsnacht führt Gott Moses hinaus in's Freie, zeigt ihm die schmale Sichel des sich verjüngenden Mondes und lehrt ihn so die Neumondsweibe, überliefert ihm die wesentlichste Grundlage des jüdischen Kalenders. Mischna und Talmud erzählen uns gar ausführlich, welch umfassende Maßnahmen getroffen wurden, die kalendarischen Bestimmungen genau und gewissenhaft nach den Normen der schriftlichen und mündlichen Lehre zu treffen. Es wird uns berichtet, mit welchem Scharfblick man darauf bedacht war, das Kalendarium für alle Zeiten zu einem einigenden Band für die gesamte jüdische Diaspora zu machen. Jahrhunderte und Jahrtausende haben bewiesen, wie glänzend sich die weitschauenden Pläne jener Weisen verwirklichten. Der jüdische Kalender darf mit Recht heute noch als ein Meisterwerk, als eine meisterhafte Tat großer führender Geister in Israel betrachtet werden. Und eben darum gebührt der für unser gesamtes religiöses Leben so wichtigen Einrichtung auch eine Beachtung un jüdischen Religionsunterricht. Es ist dies in der Gegenwart umsomehr geboten, als bekanntlich das jüdische Datum im Vergleich zum bürgerlichen sehr stiefnlütterlich behandelt wird. Ignoranz und Jndifferentismus auf religiösem Gebiete haben zusammengearbeitet, um diesen bedauerlichen Zustand zn zeitigen. Und doch sollen die Fest- und Feiertage noch in altherkömmlicher Ordnung und Einteilung begangen werden. Auch diejenigen unserer Brüder und Schwestern, welche dem praktisch religiösen Leben so ziemlich ganz entfremdet sind, möchten den „Jahrzeitstag" um die Hingeschiedenen Lieben noch in altjüdischer Art, also am entsprechenden jüdischen Datum begehen. Das jüdische Datum soll aus gleichem Grund auch auf den Grabsteinen noch Platz sinden, obzwar man inr Leben sich nicht sehr darum kümmert. Die Majestät des Todes wird oft mehr gefürchtet als das „Gesetz des Lebens" im Leben. Wie viele oder besser wie wenige wissen noch ihren Geburtstag nach dem jüdischen Datum anzugeben? Das deutsche Datum liegt zum Aussprechen bereit vorn auf der Zungeman wird es sofort nennen können. Freilich, wir leben unter nichtjüdischen Mitbürgern, deren Zeitangabe wir selbstverständlich respektieren müssen in allen Beziehungen des bürgerlichen Lebens. Soll denn aber das jüdische Datum darum ganz vernachlässigtwerden? Soll die Schule nicht ein Wissensgebiet bebauen, das im späteren Leben auf Pflege nicht rechnen darf? Wäre es nicht zweckmäßig, das Kind planmäßig einzuführen in den Gebrauch des jüdischen Datums? Sicher wird diese Forderung von keinem vernünftigen Schulmann bestritten werden können. Der ganze Unterricht spricht dafür! Wer könnte ohne jüdisches Datum das Festjahr behandeln oder die Schüler in zweckentsprechender Art vorder e i t em? Man denke beispielsweise an den Monat Tischri mit seinen vier Feiertagen, die nach Datum und Dauer verschieden sind; man denke an Peßach mit seinen Ganz- und Hülbfeiertagen, an die „drei Wochen", die Chanukatage, welche das Ende eines Monats überschreiten und einen neuen beginnen. Ohne Kenntnis des Datums und zwar des fortlaufenden Datums geht ein gut Teil der gründlichen Vorbereitung auf jeden jüdischen Gedenktag verloren. Die jüdischen Gedenkzeiten sollen nicht nur nach ihrer geschichtlichen Bedeutung und zeremoniellen wie liturgischen Eigenart begriffen werden, sie müssen auch aus dem Bilde der Zeit sich besonders ab- und hervorheben. Die Aufgabe des Unterrichtes wird es bleiben, den Kindern dieses Bild der Zeit zu übermachen, um an ihm die Gedenktage abzulesen. Es muß hier zunächst darauf hingewiesen werden, daß von einer Kalenderberechnung in der Religionsschule nicht die Rede sein kann. Das ist weder möglich noch nötig. Wenn das Kind von der jüdischen Zeiteinteilung soviel kennen lernt, daß es sich in dem jüdischen Kalender, in der m1?, zu orientieren vermag, so ist das erreicht, was die Religionsschule unter normalem Verhältnissen leisten kann. (Fortsetzung folgt.) Ein wohlgemeinter Rat. Als Herr Realschuldirektor Dr. Lange bei dem Festessen gelegentlich der jüngsten Generalversammlung des „Bundes" den Reigen der Redner eröffnete, da galt sein Toast in Anlehnung an die m^sn von tp:n: d“ik p nnnt Tva onntA vm.INK dem Frieden und der Einigkeit unter den Lehrern. Der Friede, der ihm vorschwebe, so führte er weiter aus, könne allerdings nur auf der Basis erfolgen, die der Prophet Secharjah vorgezeichnet: ‘QnKD'iWm nDNn, erst die Wahrheit, dann der Friede. Diese Worte machen unserem verehrten Führer alle Ehre, aber wir scheinen von diesem Frieden noch recht weit entfernt zu sein. Erstens fehlt das Bedürfnis danach unseren Gegnern vollständig. Sie führen lieber von Zeit zu Zeit „vernichtende" Schläge gegen uns, denrr sie sind noch immer der Meinung, man könne den „Bund" entweder totschweigen oder totschlagen. Sie dürften sich nach beiden Seiten hin verrechnet habenjede derartige Attacke trägt zu unserer Erstarkung bei. Es fehlt bei ihnen aber auch der richtige Sinn für Wahrheit und Aufrichtigkeit. Es ist doch wahrlich kein Geheimnis, daß in der jüdischen Lehrerschaft recht schroffe religiöse Gegensätze vorhanden sind. So kann man sich kaum einen stärkeren Gegensatz denken als den zwischen dem bekannten Expos« des Herrn Rektor Dr. Gutmann und dem an dieser Stelle veröffentlichten Referat des Herrn Seminarlehrer E. Gut. Ja, selbst das Referat des Herrn Rektor Feiner-Hamburg, gehalten auf dem Verbandstage in Kassel, in dem er in Tönen der höchsten Befriedigung von dem Vortrag eines christlichen Kollegen: „Warum und inwieweit sind die Ergebnisse der alttestamentlichen Bibelforschung*) im Religionsunterricht der Volksschule zu berücksichtigen?" spricht, zeigt bei einem Vergleich mit dem des Herrn Gut, daß sich hier zwei Weltanschauungen gegenüberstehen. Trotzdem hat man erst jüngst wieder versucht', dieser Gegensatz hinwegzueskamotieren und von einem „Entrüstungsrummel" gesprochen. Etwas schwieriger dürfte es sein, die folgenden Gegensätze als nicht vorhanden zu erklären: In seinem Referat: *) Wenn der betreffende Herr über die neutesta ment l ich e Bibelkrittk in gleichem Sinne gesprochen und ihre Berücksichtigung beim Religionsunterricht verlangt hätte, so wäre er heute frei von Amt und Würbe und könnte über den fundamentalen Unterschied zwischen alt» und neutestamentltcher Bibelkrittk nachfinnen.