Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1909)
- Date
- 1909-04-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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22. April 1909. Der Israelit. Rr. 16. Gelte 7 der nächsten Sitzung schloß der Vorsitzende die Versammlung. mehreren Fällen haben sich die Staatsbehörden auf die Arbeiten des Bureaus berufen oder direkt an dasselbe gewendet. So hat das kgl. Preuß. Statist. Lanoesamt Anfragen, die bei ihm eingegangen waren, an das Bureau zur Erledigung weiter gegeben In der von der Hessischen Regierung veröffentlichten Darstellung der letzten Volkszählungsergebnisse wird auf die vom Bureau veranstaltete Erhebung hingewiesen. Mit Rücksicht auf diese werden in der amtlichen Statistik nur einige Ergebnisse über die Statistik der jüd. Bevölkerung in Hessen mitgeteilt, während im Uebrigen als Ergänzung der amtlichen Publikation ausdrücklich auf die erwähnte Untersuchung verwiesen wird. Gelegentlich der z Z. viel besprochenen Finanzprojekte ist dem deutschen Reichstag eine umfangreiche im Reichs-Schatzamt ausgearbeitete Denkschrift vorgelegt worden. Diese Denkschrift befaßt sich u. a. auch mit den Kirchensteuern und enthält auch Angaben über die jüd. Kultussteuern. Diese Angaben beruhen ausschließlich auf den Veröffentlichungen des Bureaus, wie auch in der Denkschrift hervorgehoben wird. Die Hauptversammlung genehmigte die Satzungen für den „Verband für Statistik der Juden", der die z. Z. bestehenden Vereine umfaßt. Bei den Wahlen wurden das Kuratorium, der Vorstand und die Revisionskommission wiederbestätigt. B erlin, 20. April. Mit der Schlachtmethode auf dem Berliner städtischen Schlachthof beschäftigte sich am Dienstag das Kuratorium des städtischen Vieh- und Schlachthofes. Nach einer eingehenden Beratung wurde ein Antrag des Vorsitzenden des Kuratoriums, Stadtrats Fischbeck, angenommen, der mit Bezug auf das Schächten folgendes besagt: „Das Schächten nach jüdischem rituellen Gebrauch soll zugelassen bleiben, jedoch nur, wenn der Schächter eine Erlaubnis dazu von der Schlachthofverwaltung erwirkt hat. Durch diese Bestimmung soll verhindert werden, daß das Schächten zur Umgehung des Betäubungszwanges von sogenannten wilden Schächtern ausgenützt wird, deren Tätigkeit nach den eingeholten Aeußerungen der jüdischen Kultusgemeinde religiösen Wert überhaupt nicht hat." Ein von sozialdemokratischer Seite gestellter Antrag, auch das jüdische rituelle Schächten zu verbieten, wurde abgelehnt. Die Beschlüße des Kuratoriums werden nunmehr dem Magistrat und danach dem Polizeipräsidenten zur Zustimmung unterbreitet werden. Berlin, 19. April. Das Lehrerseminar des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Jerusalem entließ jetzt, zum dritten Mal seit seinem Bestehen, 9 Absolventen. Sämtliche 9 Examinanden haben die Lehrerprüfung bestanden. Bis aus einen jungen Mann, der direkt aus Rußland kam, sind sie in Palästina heimisch, fünf in Städten, drei in Kolonieen. Fünf sind Zöglinge der Lämelschule in Jerusalem, die übrigen haben eine Kolonieschule oder eine Jeschiwah durch gemacht und alsdann zu der erforderlichen Vorbereitung für das Seminar die Präparandenklaffe desselben besucht. Die Absolventen finden u. a. an der Lämelschule, an den Kolonieschulen, die der Hitfsverein subventioniert und an Schulen des Hilfsvereins Anstellung. Nürnberg, 16. April. Der soeben erschienene Jahresbericht des hiesigen Tierschutz- Vereins enthält die nachftehe. den verständigen Ausführungen, welche von dem Gepolter anderer Vereine vorteilhaft abstechen: „Die 11. Versammlung des Verbandes der Tierschutz- Vereine des deutschen Reiches hat am 5. bis 8. Oktober in Düsseldorf stattgefunden. ... Die Tagesordnung war reichlich, im Ganzen und Großen so ziemlich die gleichen Gegenstände umfassend, wie sie schon bei früheren Kongressen, auch dem hier in Nürnberg abgehaltenen, besprochen wurden. - Im Einzelnen auf die Verhandlungen einzugehen, ist nicht Aufgabe dieses Berichtes. Nur ein — aber sehr wichtiger — Punkt sei erwähnt. Es war wiederum der Antrag gestellt worden, bei allen Schlachttieren den Betäubungszwang einzuführen und eine Kommission einzuletzen, welche ständig für den Vollzug dieser Neuerung tätig sein soll. Das bedeutet einfach ein Schächtverbot. Emen Erfolg konnte dieser Antrag diesmal ebenso wenig erzielen, wie seinerzeit bei der Nürnberger Tagung. Wir haben Anlaß dies mit GenugMung zu konstatieren. Denn, wie man die Sache auch ansehen und wenden oder deuten niag, es liegt da im Hintergründe inuner die Absicht der Vergewaltigung einer Religionsgemeinschaft - des Judenunts — verborgen, gegen welche Vergewaltigung der Gerechtigkeitssinn atlch aller Nichtjuden sich sträubt. Es ist nicht nachgewiesen, daß das Schächten der Schlachttiere — zumal unter den in neuerer Zeit so ernst vorgeschriebenen und peinlich überwachten schonenden Vvrbereitungs Maßnahlven - eine grausamere Tötnngsart sei als anderelind mithin besteht weder Grund, noch Recht, durch Auf zwingen einer, die' religiöse» Empfindungen der Inden verletzenden Schlachtar, gegen diese ganze Reiigwns Gemeinschaft die Macht des' stärkeren zur Geltting zu bringen. Es ist auch nicht anzunelnnen, daß eilt so un gerechtes und widersinniges Stück Kulturkampf jemals seitens der Regienntg begonnen oder mit ibrer Autorität gedeckt rverden tvird. Die übertreibende Forderung privater Kreise in dieser Hinsicht rbznwebren, bleibt Aufgabe und Pflicht der unbefangen denkenden, nicht über's Ziel liinaus eifernden Tierfreunde. Unser Tierschutzverein 'Nürnberg bat diesen Standptlnkt seit seinem Bestehen eingenommen und gibt auch heute ivieder Zeugnis davon, daß er auf ihm stehen bleiben will. Der Vertreter unseres Vereins bei dem Verbaitdstag in Düsseldorf ivar hiervon unterrichtet. Der Antrag wurde dort schließlich in einer Kommission begraben. Hoffentlich für immer!" Kassel, 6. April. Die Verhältnisse und Einrichtungen der jüdischen Gemeinden im ehemaligen Kurfürstentum Hessewerden noch heute nach den kurhessischen Gesetzen von 1823 und 1833 behandelt. Im Jahre 1907 setzte dagegen eine lebhafte Agitation ein, die zu einer Petition an den Minister des Innern und den Kultusminister führte, in welcher einschneidende Aenderungen der bezeichueten Gesetze verlangt wurden. Nun ist den Unterzeichner!! die Antwort der Minister zugegangen. Sie hat folgenden Wortlaut : „Der in Ihrer Vorstellung vom 21. Oktober 1907 beantragten Neuregelung der für die Juden des ehemaligen Kurfürstentums Hessen geltenden Gesetzgebung haben die von uns gehörten jüdi chen Provinz al-Vorst'. Herämter zu Kassel, Marburg, H nau und Fulda teils ausdrücklich widersprach n, weil sie die best hende Gesetzgebung «er von Ihnen angeregten Neuregel ng entschieden v rziehen, teils haben fie gegen wesentliche Punk.e Ihrer Vorschläge so erhebliche Bedenken getend gemacht, daß sich auch nur über die G undlagen Ihres Abänderungsplanes keine Einigkeit hat erzielen lassen. Unter diesen Umständen können wir uns von einem gesetzgeberischen Vorgehen im Sinne Ihrer Anreaungen, das vom einmn igen Wunsche der geordneten Vertretungen der hessischen Judenschaft getragen sein müßte, einen E folg um so rreniger versprechen, ais offenbare Mißstände, welche vom Standpunkte der Staatsaufsicht zu einem Einariff in die bestehenden Bei hältnisse nötigten, bisher nicht hervorgetreten sind. Posen, 16. April. Die „Vereinigung von Rabbinern der Provinz Posen zur Wahrung des überlieferten Judentums" hielt gestern hier im Gemeindehause ihre Ouartalssitzung ab, an der außer dem Ehrenvorsitzenden, Herrn Rabb. Dr. W. Feilchenseld - Posen, noch die Herren Rabbinen Dr. Dr. Bamberger-Schönlanke, Blum- Posen, Cohn-Rawitsch, Friedmann Grätz, Grünthal-Pinne, Kraus-Schildberg, Levin-Wreschen, Weyl-Czarnikau, Wreschner-Samter, sowie als Gast Direktor Dr. A.Feilchenfeld-Fürth teilnahmen. Einige Mitglieder hatten ihr Fernbleiben entschuldigt. Nach diversen geschäftlichen Mitteilungen erhielt Dr. Kraus das Wort zu seinem halachischen Bortrag über nVnroV -HD’# pteao den er durch mannigfache Ausblicke auf das Gebiet der Praxis interessant zu gestalten wußte. Die lebhafte Debatte, die sich an den Vortrag anschloß, wurde durch den Eintritt von Gemeindevertretern aus Schönlanke unterbrochen, die den Rat der Rabbinerversammlung für Anlegung einer neuen mpD erbaten. Den Hauptpunkt der Beratungen bildete sodann die Beschlußfassung über ein von der dazu gewählten Kommission entworfenes Zirkular betr. Würdigung ber rrii m^rideren Wortlaut zu ruarn awi an alle von Rabbinen der Provinz Posen angegebenen Adressen unter Beifügung der Broschüre „Die Pflichten der irdischen Frau" zugestellt werden soll. Schließlich vurde noch auf Anregung des Herrn Dr. Wrefchner!)as neu erschienene Buch „Lewkowitz, Judentum und moderne Weltanschauung" eingehend besprochen. Nach Festsetzung von Zeit und Tagesordnung Karlsruhe, 19. April. Ministerialdirektor Geh. Rat Becherer. der als Regierungskommissar die Geschäfte des Großh. Oberrats leitet, wird Ende des Sommers in den Ruhestand treten. Konstanz, 16. April. Der von unserer Gemeinde zum Rabbiner gewählte Herr Dr. Ehone aus Nürnberg wurde vom Großh. Bad. Oberrat nicht bestätigt, angeblich weil sich auch badische Kandidaten gemeldet haben, darunter die Söhne zweier Mitglieder des Oberrats, Dr. Appel und Dr. Steckelmacher. Oesterreich. Lemberg, 15. April. Am letzten Sonntag fand in Lemberg eine Sitzung des Gründungskomitees der jüdischen Volksbank („Kredit-Union" genannt) statt. Dr. Brande und Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel referierten über den Stand der Vorbereitungsarbeiten und konstatierten, daß die Subskriptionssumnien den für ein derartiges Institut beträchlichen Betrag von 140000 ftroneti erreicht hätten. Mehrere Wiener lind Prager Bankgeschäfte haben sich bereit erklärt, der „Kr edit- Union" einen hohen Kredit zu gewähren, so daß von ihr eine erfolgreiche Tätigkeit zu erwarten ist. Die „Kredit-Union" ist zwar auf rein banktechnischer, geschäftlicher Grundlage errichtet, sie wird jedoch hauptsächlich dem Wohle und der ökonomischen Förderung der galizischen Judenheit dienen. Die konstituierende Generalversammlung der „Kredit-Union" findet am 19. April d. Js. in Lemberg statt. Die neue Bank wird am 1. Juli 09 ihre Tätigkeit beginnen. Lemberg, 15. April. Palmsonntag war vor: jeher der Schrecken der in kleineren Städten Oesterreichs lebenden Juden. Alljährlich werden bald da, bald dorr am Palmsonntag Ueberfälle aus Juden verübt. Auch dieses Jahr sollte es an ernsten Ausschreitungen nicht fehlen. Aus Przeworsk wird nämlich unterm 6. April gemel - det: Am Palmsonntag versammelten sich viele Bauernburschen aus der Umgegend aus dem Ringplatze und den Nebengassen und schlugen auf jüdische Passanten ohne Erbarmen los. Dabei wurden selbst Kinder im Alter von 5 Jahren nicht verschont. Die Sicherheitsbehörden sahen diesen brutalen Szenen zu, ohne dem Treiben der Bauern Einhalt zu tun. Im Ganzen wurden gegen 60 Personen schwer verwundet. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht eine schreckliche Panik. Ungarn. N y i r e g y h a z a, 20. April. Die auf eine kaum halbhundertjährige Vergangenheit zurückblickende Ny iregyha za er Gemeinde gelangte heute an einen für ihr religiöses Leben bedeutsamen Wendepunkt. Nach einer dreijährigen Vakanz des Rabbinerstuhles wurde nämlich Dr. Bola Bern st ein aus Szombathely! Wrinamargow), einem an Gelehrsamkeit, Glaubenstreue und Pflichteifer gleichhin hervorragenden Rabbiner durch imposante Feier die Öberrabbinerstelle übertragen und wurde er in Anwesenheit aller Gemeindemitglieder und aller Behörden in sein, auch vom allgemeinen Gesichtspunkte wichtiges Amt eingesetzt. Angesichts des Umstandes, daß das religiöse Leben unserer Gemeinde ein unerfreuliches Bild des Verfalles bietet, ist es ein besonders hervorzuhebendes Verdienst des Gemeindevorstandes, an dessen Spitze der Oberarzt Dr. Emil Rosenberg steht, daß ein gesetzestreu denkender und durch eine 16 jährige Amtswirksamkeit gestählter Seelen Hirte für die Führerschaft unserer Gemeinde gewonnen wurde, deren Institutionen, namentlich die Volksschule und der Religionsunterricht in den Mittelschulen bisher durchaus nicht, selbst den bescheidensten Anforderungen entsprochen haben.