Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1909)
- Date
- 1909-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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WM •22. S^piil 1909, Dyc JSraM. No. IR C c te 5. diesen Orthodoxen auch sein frommer und gelehrter Vater und seine nächsten Verwandten gehörten, ficht den von Gemütswärme und Pietät freien jungen Mann nicht im geringsten an und hinderte ihn nicht, sein dünkelhaftes Urteil in forscher Formulierung zu fällen. „Gelehrsamkeit, überhaupt scbon die pcrinaste Einsicht in irgend eine a >Lere Wissenschaft außer dem Talmud, der mir nun täglich verabscheuungswürdiger wurde, war zu dieser Zeit (d. fi. int Alter von 14 Jahren) in meinen Augen das schätzenswerteste Gut. Einen Mann wie Dr. F., ausgerüstet mit solchen Kenntnissen zu meinem Vertrauten in einen! so wichtigen Gegenstand zu machen, war mir der glücklichste Zufall. Seine Schwäche konnte mir allerdings keine Gegengründe auföringen, nur die Versicherung, daß der Talmud doch nicht so arg sei, und die Bitte nicht alles abzuschütteln, worunter er die Beibehtltuug des Glaubens an das Dasein Gottes, an dessen Offenbarung an Moses usw. verstand."^) Nicht nur der Talmud wurde ihm täglich verabscheuungswürdiger, sondern, tvie aus den Ermahnungen des Dr. F., der sein Lehrer in den klassischen Sprachen war, hervorzugehen scheint, er hatte überhaupt jedes innige religiöse Empfinden eingebüßt und drohte sogar dem Glauben an das Dasein Gottes entfrenidet zu werden. II. Die religiösen Stimmungen des jugendlichen Geiger wechselten allerdings, doch überwog das Negative, so daß er in seinem Plane, Rabbiner zu werden schwankend wurde, und ein innerer Kampf wegen der Wahl seines künftigen Berufs in ihm wogte. „Ich hr-te mich nämlich teils selbst sowohl in der ganz früheren Zeit, als auch in der späteren, wenn mich der Eifer zu wirken belebte, zum Stande des Theologen brstimmt, teils war ich dazu durch meine Familie gedrängt worden die meine Sinnesänderung in religiösen Dingen nicht ahnen durfte, obgleich meine Mutter oft über die Abnahme meiner Gottesfurcht klagte, und meine Geschwister mit meinem religiösen Betragen und besonders dem Umgang mit meinen fretdenkenden Freunden unzufrieden waren. Diesen suchten ste mir durch häufige Drohungen und Ermahnungen zu verbieten und glaubten dadurch jeden Anlaß der Sinnesänderung entfernt zu haben. So ward ich nun bestimmt, die Theologie zu ergreifen. Aber ich haßte jeden Zwang und wurde, obgleich ich oft mit Leidenschaft den Gedanken seiner einstigen theologischen Wirksamkeit verfolgte, durch den Ueberoruß an dem Studium des Talmud oft voll dieser Bestimmung abgewandt und zwar umsomehr, da schon einige Jahre hindurch das Studium der orientalischen Sprachen ein außergewöhnliches Jntereffe für mich gewonnen hatte."^) Im Jahre 1829 bezog Geiger, wohlbewandert im jüdischem und weltlichen! Wissen, die Universität Heidelberg. Die Stellung, die er damals und auch später zum Judentum einnahm, kann man mutanclis mrnaiis mit den Worten von Zunz charakterisieren: „Aus düsterer abgeschlossener Unwissenheit zu dem Lichte freier °) A. a. O. A. a. O. 8) A. a. O. S. 11. Wissenschaft geführt, wurden wir berauscht und geblendet zugleich .... und im rasenden Laufe nach Lieblingsmeinungen zertraten wir unbekümmert die Blumen des Judentums und ließen Glaube und Liebe weit hinter lins zurück. So verweilerr wir bei Punkten, die uns zusagen, weil sie vergänglichen Zwecken dienen. . . . Und weil wir die Menschen und ihr Tuil nicht um ihrer selbst willen aufsuchen, sondern unr des für uns zu erwartenden Gewinnes halber, so bleiben wir in Vorurteil versenkt, ebenso ungerecht gegen viele Produktionen der Vorzeit, als die spottenden Feinde, denen wir, um in einem Streite gegen einen Rabbinatskanditaten Recht zu behalten, neun Zehnteile unseres ehrwürdigen Altertums preisgeben." .... „Es war jene Reaktion gegen alles Jüdische, die als Gefolge der Aufklärung sich geltend gemacht."^ (Fortsetzung folgt.) v) Zur Geschichte und Literatur 184}. S. 28 und 188. orrespondenzen und M!achrichten. Deutsches gUtd?. Berliner Brief. (Bon unserem Korrespondenten.) E. B. Berlin, 2. April. II. Zwei interessante Vorträge brachte die Woche. Den einen hielt der 'Feuilletonist des Monismus', Herr B ö l s ch e in der Singakademie über die „neuen Entdeckungen über den Urmenschen." Für den Fachmann brachte derselbe nichts Kienes, was Herr Bölsche wohl auch gar nicht beabsichtigt hatte. Desto mehr schien er der zahlreichen Zuhörerschaft zu gefallen, die mit dem Vortragenden gern den Boden des unpoetischen Tatsächlichen verließ, um in das schönheits umflossene Reich der freigeborenen Phantasie sich hin übertragen zu laffen. Bemerkenswert an dem Vortrage war aber das Schlußergebniß, zu dem Bölsche gelangte. Auf Grund der neueren Entdeckungen ist er geneigt anzunehmen, daß die Entwicklung des Menschen nicht aus Formen hervorgegangen ist, die den heutigen Anthropoiden ähnlich sind, sondern aus einer Grundform mit einem dem heutigen menschlichen ähnlichen Gebiß, und daß sich von dieser Urform einerseits der Mensch, andererseits die Halbaffen, niederen und Menschenaffen mit ihrem Raubtiergebiß entwickelt haben. Der Mensch brauchte sein Gebiß nicht zu entwickeln, da. er sich der Werkzeuge als Waffe bediente, aber dazu mußte er schon eine gewisse Intelligenz entwickelt haben. Bölsche glaubt nun annehmen zu dürfen, daß zu einer Epoche d.r Tertiärzelt der Mensch vom Kampfe ums Dasein entlastet gewesen wäre, wo er keine Veranlassung gehabt habe, sein primitives Gebiß weiter zu entwickeln, da ihn große, ihm gefährlicke Tiere nicht bedrohten, nife bis heute noch die Insel Neuseeland ein solches Asyl für Vögel gebildet habe. In diesem Asyl oder Paradiese habe die Gehirnentwicklung stattgefunden, die ihm ein Werkzeug als Waffe in die Hand gedrückt habe, so daß der Mensch einerseits zum größten Raubtier der Erde tverden konnte, andererseits auch den Grund zur Entwicklung der Ethik und Sittlichkeit legte, die das Wesen unserer heutigen Kultur bilden. -- Ist es nicht interessant, daß nun auch schon die Herren vom alleinseligmachenden Monismus sich nicht anders mehr helfen können, als ans letzte Ende all ihrer Erkenntnisse nun doch „ein Asyl oder Paradies" zu setzen, in dem der Mensch diejenige Bildung erhielt, die ihn eben zum Menschen macht! Ich will Herrn Bölsche in den Augen seiner Gemeinde nicht kompromittieren; aber im Vertrauen, so etwas Aehnliches, wie seine Entdeckung hat der Schöpfungsbericht der Genesis schon vor ein paar tausend Jährchen entdeckt.! Der zweite Vortrag galt dem Thema: „Die assyrisch-babylonischen Ausgrabungen und die biblisch-christliche Weltanschauung." Vortragender war der gelehrte Franziskanerpater Engelbert Huber. Mit Recht wies derselbe auf die übertriebenen Erwartungen hin, welche auch in gelehrten Kreisen an die Ausgrabungen aus den Trümmerfeldern Babyloniens vor Jahr und Tag geknüpft wurden, wie man schon sogar das „meneh tekel upharsin" auf alten Backsteinen gefunden zu haben glaubte, und wie man sich für berechtigt hielt, die ganze biblische Sittenlehre und Religionsanschaung auf babylonische Einflüsse und direkte Vorbilder zurückzuführen. Es war zu erwarten, daß auf diese Ueberspannung unbedingt eine Reaktion folgen werde, und heute ist dieselbe bereits zur Tatsache geworden. Man hat heute einsehen gelernt Dieses Wort hat seine Wahrheit in der Folge nicht blos in Rumänien bewährt. Inzwischen bezeugten die Regierungen in Berlin, Paris und London nicht mehr das frühere Interesse für die Einhaltung des Berliner Vertrages. Man begnügte sich vielmehr damit, eine identische Rote von Deutschland, England und Frankreich dem rumänischen Kabinett unter dem 28. Februar 1880 zu überreichen, durch welche die Anerkennung Rumäniens ausgesprochen wurde; freilich wurde hierbei von den Regierungen erklärt, daß die Mächte die erfolgte Lösung nicht als den leitenden Gesichtspunkten des Berliner Vertrags entsprechend anerkennen können, und daß sie insbesondere die Unterwerfung der rumänischen, keiner Nalionalität angehörigen Inden unter den Zwang einer formellen, individuellen Naturalisierung nicht billigen können — indessen tut Vertrauen auf den ausgesprochenen Willen der Regierung und aus die formellen Versicherungen, die den Mächten in dieser Beziehung gemacht tvurden, habe man sich mit der Unabhängigkeit Rumäniens einverstanden erklärt. Damit war das Los der rumänischen Juden entschieden; statt der von Anfang begehrten, bündigen, gesetzlich statuierten Verpflichtungen begnügte man sich mit dem „guten Willen" und den „Versicherungen der Regierung"! In weiser Voraussicht hatte das der Vater des Fürsten längst komnren sehen; unter dem 26. Juli 1878, unmittelbar nach dem Abschluß des Berliner Vertrages, beruhigt er seinen Sohn über die Bedeutung jenes schönen humanen Artikels: - „Der vom Kongreß oktroyierte Judenparapraph ist eine allgemeine Humanitätsphrase. Es ist der Gesetzgebung allein überlassen, diese Verhältnisse zu regeln, und ich bin überzeugt, daß späterhin abgesehen von der Alliance Jsraclite, kein Hahn danach krähen wird, wie jene Bestimnulngen zur Ausführung gelangen mögen." Der Fürst hat recht behalten! iDer jüdische Kriedhos zu Hamburg.) Mit dein 1. April ist der seit Jahrhunderten bestehende Israelitische Friedhof am Grindel zu Hamburg laut Senatsvcrfügung geschlossen worden, nachdem bereits der Termin zu verschiedenen Malen verlängert worden war und in den letzten Jahren der Friedhof nur noch für Erb-Begräbnisse benutzt wurde. Der Friedhof, auf dem sich bekanntlich das Grab des in .Hamburg noch unvergeßlichen Ehacham Bernays, des großen Lehrers Samson Raphael Hirschs befindet, hat eine für die Entwickelung der Hamburgischen Verhältnisse .interessante Geschichte, aus der hier einiges nach den ini Gewerbearchiv befindlichen Akten mitgeteilt sei. Tie Mehrzahl der tu Hamburg wohnenden Inden bildete mit den in Altona und Wandsbeck ansässigen bis zum Jahre 1016 eilte Gemeinde und genossen dänischen Schutz, wofür sie ein jährliches Schutzgeld zu entrichten hatten. Ihre Toten begruben sie in Altona (Königstraße), Ottensen und Wandsbeck auf den der Gemeinde gehörenden Plätzen, und weder in Hamburg noch auf Hambnrgischem Gebiet hatten sie einen Begräbnisplätz. Als aber im Jahre 1713 die Pest Hamburg heimsuchte, und die dänische Regierung eine weitere Verbreitung befürchtend, den Verkehr zwischen Hamburg und ihrem Gebiet untersagte, sah der Senat sich veranlaßt, sowohl den hiesigen portugiesischen, als auch den deutschen Juden, einen eigenen Begräbnisplatz „bei dem Grindelhof" anzuweisen. LazarusHerz, 92 Jahre alt, war der Erste, welcher dort beerdigt wurde, und zwar am 27. August 1713. Während der bis zum 21. April 1714 andauernden Sperre wurden keine Leichen nach dänischem Gebiet, nach Aufhebung derselben und bis zum Ausbruch der Pest in Altona aber keine mehr nach dem „Grindel" (wie der Begräbnisplatz noch heute im Volksmunde genannt wird) verbracht. Als jedoch am i7. August 1711 der Verkehr mit den Königl. dänischen und holsteinischen Staaten infolge der damals dort wütenden Pest, von .Hamburg verboten wurde, brachte man die Leichen wieder nach dem Begräbnisplatz aus dem Grindel, in dessen Mitte sich ein kleiner Hügel erhebt. unter welchem die an der Pest Verstorbenen ruhen. Nach Aushebung dieses Verbots wurden die Beerdigungen nach Ottensen, Altona und Wandsbeck ununterbrochen fortgesetzt, und der Begräbnisplätz beim Grindel diente nur für fremde Juden, welche hier starben und keine Anverwandte in der Gemeinde besaßen. Nur zwei Familienväter der hiesigen Gemeinde Salomon Tellevie und Markus Lazarus Ryck, verfügten testamentarisch, daselbst beerdigt zu werden. Bereits im Jahre 1806 suchten die hiesigen Gemeinden um eine Vergrößerung des Begräbnisplatzes nach und wurde ihnen diese auch unterm 8. .September vom Senate zugestanden und .dazu eine Fläche von 60 Fuß Breite und 226 Fuß Tiefe überwiesen. Am 6. September 1816 wurde eine nachgesuchte abermalige Vergrößerung des Beerdigungsplatzes bewilligt und am 8. März 1832 übernahm die nach der Trennung von Altona und Wandsbeck sich. Deutsch-israelitische Gemeinde in .Hamburg" nennende Gemeinde von der Stadtkämmerei eine Fläche von 84 Quadratruthen. Am 7. Januar 183} erhielt die Gemeinde infolge eines von der bo.lstcinischen Regierung erlassenen Verbotes des weiteren Begrabens dort hamburgischen Leichen auf den Begräbnisplätzen zu Altona und Wandsbeck das Anerbieten vom Senat ihr eventuell Plätze zur Beerdigung ihrer Leichen zu überlassen. Veranlaßt wurde dieses Verbot durch eine von der holsteinischen Re-