Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1909)
- Date
- 1909-04-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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‘ r 4 22. April 1909 »er StattUI 9b. 16 -fbiadam Seiger'; religiöser Ldarslrter. Von Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. II. (Fortsetzung.) Abraham Geiger wurde am 24. Mai 1810 in Frankfurt a. M. als Sohn altjüdisch frommer Eltern geboren, deren höchster Wunsch und innigste Hoffnung es war, dies ihr Lieblingskind, das schon früh eine hervorragende Begabung zeigte, zu einem frommen Thorajünger zu machen, die daher auf das sorgsamste und liebeyollste bestrebt waren, ihn in strenger Religiosität.zu erziehen und ihn die reichen Schätze des jüdischen Schrifttums, vor allem hie Kenntnis der Bibel und des Talmuds sich aneignen zu laffen. Wir sind über seiner Jugendzeit durch ein von ihm in seinem fünfzehnten Lebensjahre begonnenes Tagebuch unterrichtet, das nicht für die Oeffentlichktit bestimmt war und eben darum für die Kenntnis seines Charakters besonders wertvoll ist. Dieses Tagebuch liegt uns zwar nicht im Original vor, sondern in der Bearbeitung des Herausgebers von „Abraham Geiger's Leben in Briefen" *). Immerhin aber bietet es uns, trotzdem vieles darin gemildert und auf „das gebührende Maß beschränkt"') ist, ein überaus bemerkenswertes Bild von der Charakterentwicklung des jugendlichen Schreibers. Dieses Bild ist ein — für mein Empfinden — nicht sympatisches. Es wäre zwar ungerecht, wollte man an die Aufzeichnungen eines Knaben denselben Maßstab legen, wie an die eines erwachsenen Menschen. Beim Lesen des Geiger'schen Tagebuchs muß ich aber doch unwillkürlich an eine Bemerkung denken, die ein Dichter, der eine sehr harte und trübe Jugend verlebte, und sie doch in einer reizenden Schilderung betitelt: „Meine Kindheit", mit zartem Glanze zu umweben wußte, die Friedrich Hebbel in sein Tagebuch schrieb, als er Goethes „Wahrheit und Dichtung" gelesen hatte: „Wer sein Leben darstellt, der sollte, wie Goethe, nur das Liebliche, Schöne, das Beschwichtigende und Ausgleichende, das sich auch in den dunkelsten Verhältniffen auffinden läßt, hervorheben und das übrige auf sich beruhen lassen". So schief und töricht es nun auch wäre, das Tagebuch des jugendlichen Geigers nach diesem hohen Maßstab zu meffen, so muß doch gesagt werden, daß auch bei Würdigung der Jugend v) Herausgegeben von Ludwig Geiger. Berlin 1878. -) A o. O. Vorwort T. IV." des Schreibers der Eindruck, den man von seinen Aufzeichnungen empfängt, kein günstiger ist. Wir sehen einen Knaben, einen Jüngling vor uns, der zwar hochbegabten Intellekts, unglaublich wissensdurstig und strebsam ist, dem aber das Herz zu fehlen scheint, dessen Gemüt keine Spur von Kindlichkeit zeigt, leer an Wärme und voller Dünkel ist. Die unreifen Urteile des frühreifen Knaben wirken schroff und abstoßend. Es spricht aus ihnen eine Ueberheblichkeit, ein Haß gegen alles spezifisch Jüdische, der geradezu greulich ist. Nicht eine Aeußerung eines dankbaren Gefühls für seine guten Eltern, für die glückliche und beneidenswerte Lage, in der er lebte, ist in diesen Bekenntnissen zu finden. Selbstsucht und Lieblosigkeit sprechen daraus. „Ich lernte. . . bald hebräisch und deutsch lesen und jetzt (d. h. im Alter von drei Jahren) ging man weiter, mich schon in die Tiefen der Bibel einzuweihen, nicht um mich die hebräische Sprache zu lehren, sondern aus Frömmigkeit, mich zu einem wohlerzogenen Juden zu bilden und des Segens des Paradieses teilhaftig werden zu laffen"'). Welche Ueberheblichkeit gegen die Eltern zekgt sich in diesen Worten! Dervierzehnjährige Junge fühlt sich in feiner abgeklärten Weisheit seinen Eltern sehr überlegen, die in ihrer beschränkten Auffassung die Frömmigkeit und die Freuden des Paradieses höher bewerten als die Philologie. „Zu sechs Jahren fing ich endlich bei meinrm Vater Talmud an, von dem ich noch gar keinen Begriff hatte. Da aber mein Vater mit Mühe fich und seine Familie ernähren mußte, schickte er mich in eine Schnle, wo man den ganzen Tag mit Talmud und auch nicht einmal damit, sondern mit nichts zubrachte, und so verbrachte ich in einem kläglichen Zustande zwei Jahre meines Lebens. Denn nicht blos, daß ich bet einem so unwisienden Lehrer und eben solchen Mitschülern nichts anderes als. Sitter - Verderbnis wahrnahm, ich wurde auch von meinen Mitschülern als stolz verabschrut und gehaßt, denn ihren Gaffenbübereien wohnte ich nicht bet, und dies gab den Stoff zu ewigen Feindseligkeiten und mir zu vielen Widerwärtigkeiten. Ferner ragte ich, icy darf dies, ohne mich zu rühmen, gestehen, geistig weit über fie hervor, wodurch ich gleichfalls ihren Neid und Haß erweckte — und kurz, eS kam durch diese und andere Umstände dahin daß eine völlige Feindschaft ausbrach, die eine völlige Trennung notwendig machte " *) Der vierzehnjährige Knabe blickt voll Verachtung auf seinen früheren „unwissenden" Lehrer herab. „Unwissend" ist ihm jeder, auch wenn er ein großes talmudisches Wissen hätte, der keine wirkliche „Bildung" besitzt. Die „Sittenverderbnis" des Lehrers, von der er spricht, besteht offenbar darin, daß dieser ein Talmudist und nicht „aufgeklärt" ist. „Sittenverderbnis" sind ihm die ftöhlichen Jugendstreiche feiner Mitschüler, an denen der unverträgliche Tugendbold keinen Anteil nimmt, und die ihm widerwärtig sind. Den Talmud haßt und verabscheut er. *) A. a. O. „Ich kam auf die Mathematik durch einen seltsamen, aber für meinen durch den Talmud an Sophistereien und Spitzfindigkeiten gewöhnten Verstand wertvollen Zufall.^?) Anstatt dankbar zu sein für die Schulung des Geistes, die er durch den Talmud gewonnen hat, verunehrt er die Quelle, aus der er getrunken hat. Er blickt darauf mit einem lächerlichen Dünkel herab. Er schildert z. B., wie er erfolgreich mathematische Aufgaben zu lösen versuchte: „Nach einigem Nachdenken enträtselte ich sie und man denke fich die Freude, die ein aufgeblähter Geist, der Talmudisten eigen ist, und unter deren Klaffe ich doch auch damals war, haben mußte." (S. 5.» „Wir ganz unwissende Buben glaubten jetzt schon d e größten Mathematiker zu sein, und wie diel hätte mir dieser talmudisttsche Dünkel schaden können, wäre ich nicht zeitig genug demselben entrissen worden."') Haß und Verachtung gegen den Talmud spricht aus diesen dünkelhaften Urteilen des vierzehn- bis sechzehnjährigen Jungen. „Wehe, wehe! Wie seid ihr mir entflohen in nichtigem Tande, meine Jugendjahre! Nicht wurden mir Lehren der Moral eingepräat, nicht der Körper durch Letbesbewegungen gestärkt, und nicht die Seele durch Belehrung und Bildung veredelt! Wehe!, fie find dahin, htngeflogen wie Staub! Kommt zurück, daß ich euch benütze. Aber nein, fie find nicht zurückruflich. Es ist wirklich Sünde, daß ich klage - umgekehrt, ich muß ja der Gottheit danken. Hätte ich nicht in Wahn und Dünkel bleiben können? Aber Er erleuchtete meinen Sinn, schenkte mir einen höheren Geist und entriß mich den Fesseln der Dummheit/") Welch ein gemütsarmer, durch Bildungsdünkel verdorbener Sinn offenbart sich in dieser Deklamation. Seine Kinoerjahre, die er im Hause frommer, liebevoller Eltern zubrachte, welche doch bestrebt waren, seinen Geist zu bilden und ihn zum Guten anzuleiten, sind ihm „in nichtigem Tande verflogen", weil ihm nicht „Lehren der Moral" eingeprägt wurden. Für die Liebe seiner Eltern ist er der Gottheit nicht dankbar/ dankbar ist er nur dafür, daß sie ihn schließlich doch den Fesseln der „Dummheit" d. h. der Orthodoxie entriß. „Tiefe Orthodoxie, deren Grund im Nichtnachdenken lag beherrschte bis jetzt (d. h. bis zum elfter: Lebensjahr) meinen Geist und war die Triebfeoer aller meiner Handlungen/ 5) So bekennt er mit der ganzen abgeschlossenen Reife und Lebenserfahrung eines sechzehnjährigen Jünglings. „So war ich schon in mein zwölftes Jahr gelangt, immer noch geliebt von allen Dummen, geehrt von allen Ntchtkennern, geachtet von allen Orthodoxen,aber ungekannt von allen Einfichtsvollen und bemitleidet von den mich kennenden gebildeten Leuten."') „Dumm", „Nichtkenner" und «Orthodoxe" sind dem Jüngling synonyme Begriffe. Daß zu ’) A. a. O. S. 5. ■"') A. a. O. S. 6. 4) A. a. O. S. 6. s) A. a. O. S. 7. hoben, es wagen, mit seinem Konsul Romcuwnko unter den Interpellanten zu erscheinen. Fürst Karl war von Haus aus ein äußerst toleranter Herr. In einer 1866 stattgehabten Unterredung mit dem französischen Minister Eremieux erkannte er, entsprechend feiner Vergangenheit, und der duldsamen Ausfafsung seines Hanfes an, „das; die Vorurteile eine Schande sind und daß die Ehre gebiete, sie zu bekärnpsen, daß die vollständige Emanzipation der Juden in dem Fürsten die lebhafteste und hingebendste Mitwirkung zu finden habe." In ähnlicher Weise äußerte sich der Fürst später bei verschiedensten Gelegenheiten. Aber die blutigen Judenverfolgungen dauern fort. _ U. a. hatte auch Berthold Auerbach im -soinnu'r 1867 den Plan gefaßt, nach Rumänien zu gehen, um für seine unglücklichen Glaubensgenossen^ zu wirken. Sein warmes Herz empfand bitter die Schmach, die in der Verletzung der Menschlichkeit gegenüber seinen elenden GlaubenSbrüdern lag. Er gab die Reise aus, als Sir Moses Montesiore nach Ruinänien ging, später aber bei der Nachricht von den in Baku verübten Grausamkeiten wandte er sich für seine Brüder an den Fürsten von Hohenzollern. Ter Fürst antwortete im April 1868 den: „verehrten Freunde" in einen: Briefe, in dem es n. a. heißt: „Mein Sohn ist tief verletzt über die Tatsache, daß ihm solche Willkürakte im entferntesten nur zugemutet werden konnten." Es wird alles auf Verläumdung und auf Maßregeln von untergeordneten Organen zurückgesührt. Fürst Karl wolle alles persönlich an Ort und Stelle untersuchen und die Schuldigen mit rücksichtsloser Strenge behandeln. „Durch diesen Akt," heißt es dann in bem Briefe weiter, identifiziert er sich mit den Anschauungen der Humanität und zeigt öffentlich, daß er die Niedertracht, wo fie sich auch finden möge, entschieden zu bekämpfen und auszurotten bestrebt ist. Seine Geistes- und Herzensbildung, sowie sein ganzer Erzichungslauf sind mir Bürge dafür." Der Brief schließt: „Ein Menschenleben wird nicht ausreichen, die Besserung zu ermöglichen, aber es kann doch meinem Sohne beschieden bleiben, den Keinrcn einer hoffnungsvolleren Entwicklung nicht fremd geblieben zu sein." Die ganze öffentliche Meinung Europas war damals über die Greueltaten in Rumänien empört. T r o tzall e d e m hörten fie n i ch t a u f. Es kam der Berliner Vertrag, nach dein Rumänien den Unterschied des religiösen Bekenntnisses niemand gegenüber mehr zelteikd machen dürfe, die blutigen B-erfolg u n g e n in R n in ä n i e n hörten nicht auf. Teutschland, England und Frankreich vereinigten sich, um in Rumäilien eine gerechte Behaiidlnng der Juden hcrbeizuführen — es half alles nichts. So ging langsam das achte Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts zur ‘■Jicigc, da drehte sich der Wind in Berlin. Tie Bemühungei: des Paters des Fürsten, eine Umstimmung des deutscheil Kabinetts herbcizuführen, oas Interesse schlesischer Magnaten, welche materiell bei der rumänischeil Eisenbahngesellschaft mit beträchtlichen Beträgen beteiligt waren, an der Regelung der Eisenbahnfrage, die infolgedessen eintretende Verquickung dieser Eisenbahnfrnge mit der Ausführnng des Berliner Vertrages, der Wunsch in der ersterei: Beziehung, die Nachgiebigkeit Runläniens rascher zu erlangen und die eben sich ins Werk setzende Bewegung gegen deir Liberalismus, der ersten Verbote des Antisemitismus, — dies alles führte dazu, daß nach und ,iach sich ein Umschwung in Berlin vorbereitete. Anfangs September konnte der rumänische Vertreter Liteanu bereits nach Bukarest telegraphieren: „Daß in Berlin die Stimmung für Rumänien freundlich geworden sei, und daß sich, außerdem eine antisemitische Strömung in der öffentlichen Meilnmg bemerkbar mache; der psychologische Augenblick für eine möglichst günstige Lösung der Judensrage sei also gekommen." Rumänien hat mit großem Geschick diesen psychologischen Augenblick zu benutzen verstanden. Bald wnrden die nonserenzmüchte dazu veranlaßt, sich damit zu begnügen, daß nur die Aushebung des Artikels 7 der rumänischen Verfassung als Prinzip anerkannt, der Aussührnngmodus aber einer späteren Zeit Vorbehalten werde. Der Fürst Karl faßte dieses Votuin als ein Glück aus, „damit ist ein Alp von aller Herzen gefallen, das erlösende Wort ist gesprochen, nach dem man so viele Monate gesucht." Freilich war das „erlösende Wort" gleichzeitig das Todesurteil für die Idee der Emanzipation der rumänischen Juden. Der Zusammenhang dieser Lösung mit dem Beginn der antisemitischen Bewegung in Westeuropa ist auch von dem Vater des Fürsten klar ausgesprochen worden. Er schrieb am 24. Januar 1888 seinem Sohne. „Jede Sache hat aber auch ihre drollige Seite: so setzt in Preußen die evangelische Pastorenpartei mit einigem Erfolge eine antisemitische Bewegung in Szene und die konservative Partei unterstützt dieses recht gefahrvolle Experiment . ." „Wenn es so fortgeht erleben wir hier noch eine Judenhetze, und sodann müßten die übrigen Großmächte das deutsche Reich in Verruf erklären, wenn sie anders den Forderungen des Berliner Vertrags treu bleiben wollten!" „Nicht mit Unrecht hat der Kronprinz sich öffentlich gegen diese Bewegung ausgesprochen, denn wenn die bösen Geister einmal entfesselt sind, so können sie mir mit Blut und Eisen wieder gebannt werden!" . x^-wv-.