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Der Israelit · 1909-04-22 · Heft 16 (22.4.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 16 (22.4.1909)
Date
1909-04-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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22. 1909 ■ ■ -«or. 'f—* »-1 ■ .. 1 1 d ie Etwfältiaen zu fangen. Darum wird alsbald dieses Gesetz an allen Ecken beschnitten, bis es zur Farce verunstaltet ist. (Fortsetzung folgt.) Mochmrm-scha«. Der Seburfsfagsmunfdi der „fremden“. König Carl von Rumänien feierte am 20. April seinen 70. Geburtstag, unter warmer Teilnahme seines Volkes und seiner Freunde und Verwandten auf den Thronen Eurovas. Wir leben in einer Zeit, da die Politik, die innere wie die äußere, nicht mehr allein von den Höfen der Könige bestimmt und geleitet wird. Das gilt auch von Rumänien, wo einem Fürsten aus dem Hause Hohenzollern die schwere Aufgabe zukommt, unter nicht gerade günstigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen ein romanisches Volk zu regieren. König Carl, so wird ihm heute in den politischen Blättern des In- und Auslandes nachgerühmt, kann von der Höhe seines Lebens auf einen reichen Ertrag seiner Arbeit zurückblicken. Vor allem wird seine weise, auf die Erhaltung des Friedens gerichtete Politik rühmend hervorgehoben. Und wenn heute nicht alles, was unter feiner Leitung geschaffen wurde, oder sich erhalten hat, die Anerkennung der ganzen gesitteten Welt genießt, so kann es gewiß nicht allein die Schuld des greisen Königs sein, der im „Verfaffungsftaate" Rumänien nur einen bedingten Einfluß auf die Gestaltung und Handhabung der Gesetze hat. Die Juden werden als „Fremd e" den Geburtstag ihres Landesvaters feiern, aber nichtsdestoweniger herzlich und aufrichtig, im Bewußtsein, daß nicht er, der greise Monarch, für alle Unbill, die ihnen in den vielen Jahrzehnten seiner Regierung widerfahren ist, verantwortlich zu machen ist, in der Hoffnung, daß, wenn je eine Besserung der Lage eintreten sollte, die Initiative dazu vom Königshause ausgehen würde. Der König hat persönlich nie Veranlassung gegeben, ihn als Mitschuldigen am klassischen Antisemitismus in seinem Lande zu bezeichnen. Die Königin aber, die geachtete und allbeliebte Dichterin auf dem Throne, hat oft genug Gelegenheit genommen, den Juden direkte Zeichen des Wohlwollen zu zeigen, nicht nur in ihren Wohnrecht in den Dörfern und den Handel mit Branntwein. Die Wald-Schenke ging in andere Hände über und unser Hirsch hat in irgend einer weltvergessenen Ecke ein Häuschen ausfindig gemacht, wo er den Reflektanten einen kalten Imbiß verabreichte und in aller Heimlichkeit auch einen „bitteren Tropfen". Die Veit ging ihren ehernen Schritt weiter. Hirsch ist inzwischen alt, schwach und was nicht erst gesagt werden braucht, auch sehr arm geworden. Er pflegte den ganzen Tag auf der Ofenbank zu liegen, während leine greise bessere Hälfte Socken strickte und die Maschen Zahlte. Eines schönen Morgens, im Jahre 1847, als unser virsch wie gewöhnlich auf seiner Ofenbank ^tag, kommt tht Polizist aus dem nächsten Torfe und fragt: „He, Alter, steh' auf und komm' sofort mit! Es ist ein amtliches Schreiben eingelaufen, welches eine Vorladung für dich enthält, sofort aus dein Kreisamte ’>u erscheinen und dich der Polizei zu stellen." Man kann sich den Schrecken der alten Leute vorüellen, die ihr Lebtag nichts mit der Polizei zu tun hatten und letzt in ihren alten Tagen plötzlich eine wiche Borlqdung erhielten. „Der Himmel weiß", weinte die alte Frau, „was sie dort.von ihm wollen; sicher handelt es sich n»i einen Bilbul (falsche Verdächtigung)." — Sie suchte die paar letzten Groschen zusammen und gab sie dem Polizisten für Branntwein. Der Polizist nahm das Geld zu sich, ging wieder seines Weges und ließ die alten Leute ungeschoren. Aber kaum waren wenige Wochen vergangen, er,wieder kam. ^,,Jetzt Hirsch," fügte er. ^,ist die ^ache verfallen; es ist ein» zweite amtliche Aufforderung eingelaufeu, jetzt mußt du aufs Kreisamt, es »sitzt dir nichts." Nicht einmal ein Schnaps konnte den Polizisten __ »er gptidtt. _ lyrischen Ergüssen, in ihren Dichtungen, die sich durch tiefes Empfinden, durch Liebe und Teilnahme an allen Gedrückten, Enterbten und Entrechteten auszeichnen, sondern auch in rein praktischer Beziehung hat sie es nicht an Versuchen fehlen lassen, der Frage einer Besserung der jüdischen Lage in ihrem Lande näher zu treten. So hat sie auch erst vor kurzem eilte Vertreterin des „Jüdischen Frauenbundes" empfangen, mit der sie mit großem Interesse und Verständnis über die Mittel und Wege verhandelte, welche zur Steuerung eines Kardinal-Uebels im sozialen Leben der rumänischen Juden/ des Mädchenhandels, zu ergreifen wären. Politisch verfolgt und wirtschaftlich gedrückt, zu Tausenden bereits zur weiten Ausreise gerüstet, werden sich die „fremden" Juden in Rumänien noch einmal in ihren Synagogen versammeln, um für ihren König, den Beherrscher des Landes, das sie, seine treuesten Kinder, so stiefmütterlich behandelt, zu beten. Mögen die Gebete in Erfüllung gehen! Möge es dem greisen König vergönnt sein, es noch mitzuerleben, daß Glück nnd Wohlfahrt seinem Lanoe zuteil wird, und seinem Volke die Erkenntnis, daß die erste Voraussetzung für ein ersprießliches Gedeihen des Landes eine gerechte und gleichmäßige Behandlung aller Bürger ist, eine weise nach modernen Grundsätzen der Humanität und Gerechtigkeit geleitete innere Politik, die auch die Juden nicht außerhalb des Gesetzes stellt, denen, die alle Bürgerpflichten gleich freudig und gewissenhaft erfiillen, die wohlverdienten Rechte nicht böswillig vorenthält. vss gallische ßilfsroerh. In Wien bestehr ein „Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien", der von Zeit zu Zeit über seine Tätigkeit öffentliche Rechenschaft ablegt. Im Berichte des Vereins, der in seiner letzten Generalversammlung erstattet wurde, werden, wie wir in voriger Nummer des ausführlichen berichteten, die Einnahmen mit Kr. 2903,20 gettnger bezeichneten als im Vorjahre, die Ausgaben dagegen um Kr. 18607,32 höher als im vergangenen Jahre angegeben. Für den Ausfall der Einnahmen kann gewiß der Verein nicht verantwortlich gemacht werden, während die Steigerung der Ausgaben ihm zur Ehre gereicht und als Beweis dienen kann, daß er es mit seiner Aufgabe ernst nimmt. Die Verhältnisse in Galizien haben sich in letzter Zeit nach innen und außen wesentlich verschlimmett und erheischen gebieterisch rationelle Hilfe. Die antisemitischen Parteien im Lande gewinnen immer mehr an Boden, an Macht und Verbreitung und machen durch allererweichen. Es gelang Hirsch nur einen Aufschub von eitrigen wenigen Tagen zu erwirken, um sein bischen armselige Habe inzwischen zu Geld zu machen. Blutenden Herzens haben die Alten ihre einzige Ziege verkauft, von der sie ausschließlich lebten. Ter alte Hirsch band sich einen Sack um, in den er den Tallis und Tesillin und ein paar Laibchen Brot hineinlegte und verabschiedete sich von den armen Christen seiner Nachbarschaft, die ihn alle aufrichtig bedauerten. So ging er mit seiner Frau fort. . . . Nachdem der alte Hirsch an den Ort seiner 'Bestimmung angekommen war, ließ der Kommandant, als er seiner ansichtig wurde, zwei Reihen Soldaten aufstellen. „Das ist mein Ende," sagte der Alte, als er die Soldaten sah und fing an, sich durch Widdui ('Ablegung des Sündenbekenntnisses) auf seine letzte Stunde vorzubereiten. „Stillgestanden!" donnerte der Kommandant die Soldaten an. Tann las er mit lauter Stimme den Tank des Kaisers dem alten Juden vor, der ihm im 'Jahre 1818 in dem großen Wald zu Hilfe gekommen war als der kaiserlichen Eguipage die Achse brach. Ter Schreck hatte Hirsch so konfus gemacht, daß er kein Wort von alledem verstand und nicht wußte, was man mit ihm vorhabe. Als er dann ein wenig zu sich gekommen war, erinnerte er sich, daß er in der Tat vor 30 Jahren einem hohen Herrn die Achse ausgebessert hatte, als er durch den großen Wald fuhr. Wie es selbst unter dem Schlendrian des russischen Bureaukratismus möglich war, daß der kaiserliche Dank erst nach 30 Jahren an die rechte Adresse gelangte, das haben auch die erfahrensten Greise in Poniewesch nicht zu ergründen vermocht. Nur das wissen sie, daß der alte Hirsch Gomel gebenscht (d. h. vor verto. 16 lei Hetzmittel und besonders durch das ,Modernste und bewähtteste Kampfmittel, den Boykott, das Leben des ohnehin notteidenden galizischen Juden noch um so unerträglicher und trostloser. Es tteten denn auch immer schwerere Aufgaben an die Hilfsvereine heran. Und fast möchte es scheinen, als wäre der Wiener Verein der Berufene, diese hochwichtigen und schwierigen Aufgaben zu lösen, müßte man leider bei all seinem Eifer und seiner Arbeitsfreude nicht die Ansätze jenes Fehlers konstatieren, an dem heute noch andere größere Organisationen kranken und der in dem Bestreben besteht, den „notleidenden Brüdern", ohne sie zu befragen, ohne in ihre Lage, in die Psychologie und die Quellen ihres Elends einzudringen, d i e Hilfe angedeihen zu lassen, welche ihnen, den Wohltätern, als die geeignete und zweckmäßige erscheint. Eins ersprießliche und zweckdienliche Hilfstättgkeit kann begreiflicherweise nur im engsten Einvernehmen mit den Hilfsbedürftigen und nach eingehender Kenntnis ihrer Leiden, Wünsche und Bedürfnisse entfaltet werden, und in dieser Beziehung läßt es der Verein, wie gesagt, fehlen. Ob nicht in diesem Fehler auch der Grund für manchen Mißerfolg zu suchen ist, über den der heurige Jahresbericht Klage anstimmt? In der Versammlung trat ein einziger Galizianer auf, — der einzige, der auch an der Versammlung teilnahm — nicht um irgendwelche Wünsche geltend zu machen, Anträge zu stellen, sondern um im Namen seiner Landsleute für die Wohltaten zu danken. Mit diesem Danke, meinen wir, kann dem Vereine nur wenig gedient sein. Erfahren müßten die Männer, die vom besten Willen beseelt sind, zu helfen, was des Juden Herz in Galizien in politischer, sozialer, wirtschaftlicher und nicht zuletzt in religiöser Beziehung am meisten bedrückt, erfahren das Wesen und die Quellen seines Leidens und daraus Belehrung über die zu ergreifenden Hilfsmittel schöpfen. Dazu ist, wie schon erwähnt, eines nötig: Die eifrige Mitarbeit der Nächstbeteiligten, der galizischen Juden am Hilfswerke. Dieser sich zu versichern wird der Verein nicht umhin können, will er sich für die Zukunft Mißerfolge ersparen und seiner Aufgabe ganz gerecht werden. In nächster Nnrnmer beginne« mir mit dem Abdruck einer Grrähinng non K. Kchnchnomitz: „Vergeltung KnUnrbiider nns der jüngsten Nergnngenheit in R«ßln«d." sammelter Gemeinde Gott gedankt) hat für das Wunder, das ihm wiederfahren ist und daß man dem alten Hirsch noch oft mit einem Bettelsack begegnet ist, mit dem er die Mildherzigkeit in den jüdischen Hausern aufsuchte, auf welche er seit dem Dank des Kaisers angewiesen war. die rumänischen Juden unter dem Tärsten und König Karl. Gelegentlich des 70. Geburtstages des Königs von Rumänien sei an ein“ kleines Heftchen erinnert, das unter denr obigen Titel der verstorbene Frankfurter Rechtsanwalt Julius Plotke, der Freund Charles Hallgartens, im Jahre 1901 veröffentlichte und das s. Z. bei weitem nicht die ihin gebührende Beachtung gefunden. Der Verfasser sucht in dieser Schrift den Nachweis zu erbringen, daß ausschließlich der Umschwung in der Auffassung der Judenfrage in Teutschlaick» es gewesen, der es verhinderte, daß Rumänien seinen Verpflichtungen, die es auf dem Berliner Vertrage übernommen, nachkam. Da Deutschland gegen Ende der 70er Jahr? die erste Geige spielte, fand der Gesinnungsumschwung auch in den übrigen europäischen Großländern nur zu bald ein überlautes Echo; es folgten die Pogrome in Rußland, die Luegerei in Oesterreich, der Drehfußhandel in Frankreich usw., brauchte da das kleine Rumänien noch fernerhin Angst vor einer internationalen Interpellation zu haben? Das war in den 60er Jahren anders, als der „Humanitätsdusel" noch gang und gäbe war. Ta durfte sogar Rußland, das unter dem milden Szepter Alexander II. soeben erst die Leibeigensch. ft aufg-

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