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Der Israelit · 1909-04-15 · Heft 15 (15.4.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 15 (15.4.1909)
Date
1909-04-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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an ort Feuilleton-Beilage zu Nr. (5 des „Fsraelit 1 DC cm die Irr em Lsmf che uck tb. sll. en, ort en. SU ort S'l len nd >or;rn Setgolorrei SP A trnt em bst nd ncke eil en lUf nd er aß m. zu ge )2 n, V en >n, ne SU nnS ge euilleton. 5am«rl da üsgid. Sine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit (Schluß.) „Beruhige Dich, mein Vater, der Anfall geht vorüber, Du wirst noch lange leben. Auch Israel, das auserwählte Volk Gottes wird leben, auch in der Verbannung, es wird Macht hab.en über den weiten Erdball, wohin es auch immer verjagt werden wird. Praktische Träumer, arbeitende Grübler, schaffen sie sich unterirdisch und überirdisch den Weg zum Werke ihrer Vollendung." „Sch'mang Jisrael", begann Samuel, er vollendete die Schemoth und sprach das große Sündenbekenntnis. Mit einem sanftruhigen Lächeln auf den Lippen schied der Zweiundsechszigjährige dahin. Samuels Gattin wurde herbeigerufen. Joseph sagte, auf den entseelten Körper deutend, weiter nichts als: „Sein Herz". Fatime sprach: „O, Du mein armer, geliebter Gatte, alles, w^s das jüdische Volk peinigte und quälte, alles, was es beunruhigte und ergriff, alles auch, was es wünschte und beglückte, alles, alles ging durch dieses Herz. Fern von den Kämpfen des Tagemag es nun ruhen." Man führte die still Weinende hinaus. Als der König sah, daß Samuel verschieden war, rief er: „Ich kann das Andenken meines liebsten Freundes hienieden wohl nicht bester ehren, als wenn ich Dich Joseph ibn Nagdelü in alle Aemter, die Dein Vater besaß, einsetze. Sorge, Großvezier von Granada dafür, daß Dein Vater auf eine ehrenvolle Weise bestattet wird, so wie es dem ersten Beamten eines großen Reiches geziemt. Ich selbst werde als Erster hinter der Lade einyerschreiten." Vierzehntes Kapitel. Bielwöchentliche Trauerfeiern wurden allenthalben, wohin die schmerzliche Kunde traf, unter den Glaubensbrüdern des Nagid abgebalten. Die Rabbiner, nicht nur im Reiche Granada, auch in Afrika, in Palästina/ in Südfrankreich, ja am fernen Rhein im Lande der Weisen von Lothar hielten herzergreifende und geistvolle Nachreden, denn mit Samuel hatte, nachdem die Gaonenzeit ihrem Ende entgegenging, das rabbinische Zeitalter seinen Anfang genommen und Samuel kann wohl als erster Rabbi im heutigen Sinne gelten. Die Schüler der Talmudhochschule in Granada, deren Oberhaupt und Ernährer er gewesen, pilaerten alltäglich, mit Ausnahme der Pagratage, hinaus nach Elvira auf Samuels Grab, über besten Wölbung man eine Halle errichtet hatte, in der ein Jahr lang einundzwanzig Kerzen Tag und Nacht brannten. Dort mußte täglich ein anderer Schüler eine von Samuel gehörte talmudtsche Abhandlung zum Vortrage bringen. Die jüdischen Grammatiker ehrten den Fürsten wiederum in anderer Weise. Sie ließen alle grammatischen Werke aus Samuels Feder mehrfach abfchreiben und schickten die Abschriften nach Babel, nach Jerusalem, nach Narbonne und nach Alexandrien. Der Khalif ließ Trauermünzen prägen, die einandergereiht, jüdischen Frauen und Mädchen als Kopf- und Armschmuck dienten. äiiüii Joseph schien, trotz aller Schwächen, sich als Vezier vorzüglich zu führen. Bald besaß er die Gunst der gesamten Bevölkerung. Sein Entschluß war gefaßt. Er verzichtete auf Chefzi-bah und vermählte sich dem Wunsche seiner Eltern entsprechend mit Asma, der Tochter Rabbenu Nissims. Auf das Gemüt Josephs aber übte die Verbindung keinen günstigen Einfluß aus. Eine Frau, die er in der Gesellschaft nicht zeigen konnte, ließ ihn jede Gesellschaft meiden und so schloß er sich gegen die vornehmen Berber vollständig ab. Seine ftühere Beliebtheit schlug rasch in ihr Gegenteil um und steigerte sich bis zum Haffe, zumal er die kluge Politik des Vaters nicht befolgte und statt den arabischen Mittelmännern, seinen Freunden und Verwandten die höchsten Aemter überließ. Joseph nahm ein trauriges Ende. Die Wildheit der Berber, die sich nie vollkommen kultivieren konnten, kam wieder einmal in heftigster Weise zum Ausbruch, er wurde das Opfer eines furchtbaren Aufstandes, der fünfzehnhundert jüdischen Familien das Leben kostete. Um die gleiche Zeit wurde der Jude Abu- Fadyl vom König von Saragosta zum Staatsminister erhoben, wohl um den verhaßten Berbern seine Verachtung auszudrücken. So wird die Sonne Israels wohl manchmal verdunkelt, um an anderer Stelle desto heller zu leuchten. Abu-Fadyl war ein Sohn des Dichters Joseph ibn Ehasdei, der einst Samuel ibn Nagdela in einem Gedichte feierte. Den herrlichsten Denkstein setzte aber der unsterbliche Gabirol seinem Lehrer und Gönner, indem er sang: In meinem Herzen ist Dein Ort, Fest steht Dein Zelt für immer dort, Dich such ich da, Dich sind ich da, Bist mir wie meine Seele nah. D<$ Uatm Red. Bon Jenny Stiebet in Jerusalem Tief erblaßt läßt Rahel Schwarz die beiden Briefe, die sie soeben erhalten und sogleich gelesen hat, in den Schoß sinken. Also es war wieder nichts. Die frommen, guten, jüdischen Häuser waren nicht so gestellt, Erzieherinnen zu nehmen. Und in ein anderes Haus wollte sie nicht gehen. Eine heiße Angst stieg ihrem jungen Herzen auf, sie sah, wie sich die armen Eltern mühten für die begabten jüngeren Brüder das Schulgeld zu erschwingen. Sie ist schon 18 Jahre alt und will es den geliebten Eltern um jeden Preis erleichtern. Aber es ist so schwer. Sie seufzt tief auf. Doch * halt, da ist noch ein Brief. Sie erbricht ihn rasch. Und während sie liest, überzieht ein tiefes Rot ihr junges, volles Gesicht. Dann nickt sie selbstzufrieden mit dem Kopfe. Es wird wohl gehen. Zwar ist die Dame selbst nicht fromm, aber sie will ihre Kinder religiös erzogen haben. Klopfenden Herzens stieg Rahel Schwarz die teppichbelegten Treppen der kommerzienrätlichen Wohnung empor. Wie im Krampfe zog sich ihr junges Herz angesichts dieser Pracht zusammen. Wenn hier außen schon schneeweiße Marmorfließen, dicke Teppiche, die jeden Schritt dämpften, den Boden bedeckten, wie mußte es dann erst im Innern dieser herrschaftlichen Wohnung aussehen? Sie sollte sich nicht getäuscht haben. Zaghaft klingelte sie. Dabei lich sie noch flink einen prüfenden Blick über ihren äußeren Menschen gleiten, strich über ihr einfaches schwarzes Kleid, da öffnete auch schon der Diener die Entreetüre. Sie wurde in das Zimmer der Hausfrau geführt. O, diese Flucht von Zimmern, die sie durchschreiten mußte, und diese verschwenderische Pracht. in allen Räumen. Rahel hatte das Gefühl, daß sie in eines der Märchen von Tausend und eine Nacht versetzt sei. Mit unverhohlenem Erstaunen schaute sie auf die kostbaren Möbel, die Bilder von Künstlerhand an den Wänden, und was sie am meisten entzückte, das waren ein paar elegant gebundene Gedichtsammlungen auf dem Arbeitstische der HauSftau. Der Diener lächelte spöttisch, als er des jungen Mädchens naives Staunen sah. Rahel in ihrer Unschuld bemerkte es nicht. Der Diener hieß sie nun ein wenig warten, bedeutete ihr, daß die gnädige Frau, bald kommen würde und entfernte sich dann. Jetzt wurde eS Rahel wieder so recht beklommen um das junge Herz. Sie gedachte der Heimat, der kleinen Stadt mit dem lieben alten Haus, in dem ihre Eltern wohnten und wo es trotz der kleinen Verhältniffe so traut und so herzlich war. Eine brennend heiße Träne rollte ihr die glühende Wange hinab, sie trocknete sie schnell und nur mit der der Jugend eigenen Elastizität redete sie sich selbst Mut inS junge Herz. Als die Hausfrau erschien und mit ihr über die Erziehung ihrer beiden Kinder Gerda, die dreizehn Jahre, und Ernst, der zehn Jahre zählte, sprach, da war sie ruhig und sachlich. Es fiel auch alles zu ihrer Zufriedenheit aus, sogar ihre Mittagsmahlzeit im rituellen Speisehaus einzunehmen, gestattete die liebenswürdige Mutter. Ihre anderen kleinen Mahlzeiten durfte sie sich selbst auf ihrem Zimmer richten. Der vornehmen Frau gefiel dieses schlichte, offene Mädchen recht sehr für ihre blaffe, denkende Gerda, uud auch Ernst, den Wildfang, sollte sie zu allem Guten anhalten. Deshalb hatte sie die orthodoxe Jüdin in ihr Haus genommen. Hier war jeder verderbliche Einfluß ausgeschloffen. Nur eines war noch zu bedenken, sie wollte ihre Kinder religiös, aber nicht orthodox erzogen haben. Diese Bedingung stellte sie auch zum Schluß der jungen Lehrerin. Die Kinder dürfen nur deutsch beten nnd Rahel solle sie nicht zu beeinfluffen versuchen. Das junge Mädchen versprach es jugendlich unbekümmert. Nun wurden ihr die beiden Kinder zugeführt. Am liebsten hätte sie die beiden holden Wesen gleich in ihre Arme geschloffen, einen so lieben Eindruck machten die Kinder. Gerda war schlank und groß mit einem sehr feinen Gesicht, das nur viel zu bleich für ihre große Jugend war. Ernst war ein lieber pausbäckiger Junge mit strahlenden, blauen Augen, aus denen unverkennbare Güte leuchtete. Gerda hatte dunkle Augen. Was Rahel Schwarz nicht gedacht hätte, traf dennoch ein. Sie lebte sich gut in dem vornehmen Hause ein, und da die Kinder gut lernten und die neue Erzieherin lieb gewonnen hatten, ja Gerda, die ftüher mit allen Erzieherinnen unzufrieden war, an ihrer jetzigen mit schwärmerischer Neigung hing, so stoffen die Tage in schönster Harmonie hin. So waren der Sommer und Herbst dahingegangen. Die Tage hatten schon merklich abgenommen, dafür aber gab es gemütliche Abende am traulichen Kamin. An einem solchen Abend waren Gerda und Ernst zu einer Kindergesellschaft geladen. Aber Gerda hatte die Mutter gebeten, zuhause bleiben zu dürfen und da die gnädige Frau selbst ein Fest besuchen wollte, so fuhr sie bald weg und die Kinder blieben daheim. Es war an einem Freitag Abend. In Rahels Zimmer brannten die Sabbathkerzen und die Kinder hatten sie dorthin begleitet, um sich erzählen und, was ihnen noch lieber war, singen zu lassen. Und Rahel sang mit ihrer weichen Altstimme Lied um Lied. Sehnsüchtige deutsche Volkslieder, die in ihrer Schlichtheit so sehr ergreifen. Rahel machte jetzt eine Pause, ließ die Hände in den Schoß sinken und sah traumverloren dem Verlöschen der Sabbathkerzen zu. „Singen sie das letzte Lied noch einmal, liebes Fräulein, riefen beide Kinder wie aus eirldm Munde." -§

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