Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1909)
- Date
- 1909-04-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Ttt. IS «ette 4 15. April 1*09_ möchten. Die Ueber-Patrioten, diesseits wie jenseits der Vogesen, deren Chauvinismus sie in ihren Mitbürgern anderer Konfession die schlimmsten Feinde erblicken läßt, mögen nun sehen, wie weit eine solche Hetzpolktik führen kann. Sie mögen vor allem über die Qualität ihrer russische« Gesinnungsgenossen, die sie so gern als Krön-Zeugen für die Bewertung der Juden in Rußland anführen, ernstlich Nachdenken und dann auch mit sich selber zu Rate gehen, ob im Kampfe gegen die wahren gemeinsamen Kulturfeinde noch ein Festhalten an einer engherzigen intoleranten Rassenpolitik im eignen Lande von Vorteil sein kann. Weber dar Judentum. Bon Wilhelm Freyhan in Breslau. (Schluß.) Ich bin hiermit bei dem Sabbathgottesdienst und dem Sabbath selbst angelangt, dessen Besprechung ich im Rahmen der Festtagsbetrachtung lebhaft vermißte. Wie ich allerdings nachträglich feststellen konnte war dem Sabbath, in Würdigung seiner fundamentalen Bedeutung für das Judentum ein besonderer Aufsatz rat vorigen Jahrgange der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" gewidmet worden. Um Mißverständnissen vorzubeugen hätte es sich aber empfohlen, bei den Festtagsbetrachtungen auf jenen Artikel hinzuweisen, da sich Sabbath und Festtage schwer voneinander trennen lasten. Aus diesem Grunde muß ich bei der Verteidigung der Festtage auch auf den vorjährigen Sabbathaufsatz zurückkommen und freue mich, hier Meine volle Uebereinstimmung mit einem Teil desselben feststellen zu können. Nur schade, daß aus den einem wahrhaft religiösen Herzen entspringenden Sabbath-Empfindungen nicht überall die Konsequenz gezogen ist und daß Widerspruch auf Widerspruch folgt. Wenn ich mir, um dies nachzuweisen, zunächst den Grundgedanken des Sabbaths vergegenwärtigen will, dann darf ich nur den Herrn Reformator selbst eitleren. Die Sabbathweihe treffender zu kennzeichnen als mit leinen eigenen Worten: „an einem Tage der Woche sich loslösen von allem Irdischen und ausschließlich seinem innersten Seelenleben, der Religion, sich widmen", vermag auch ich nicht. Aber schon wieder trennt sich unser Weg dort, wo wir die Erhaltung dieser Sabbathweihe erstreben. Wird man sie sich und den kommenden Generationen wirklich dauernd sichern können, wenn man sie als einen „moralischen Selbstzwäng betrachtet, der ein freiwilliges Ghetto, eine freiwillige Verstein-Jnschristen, gewonnen aus Material, das neuerdings zutage gefördert wurde, hat der genannte Forscher gleichfalls bereits in Angriff genommen. Sie läßt eine reiche Ausbeute für hebräische Paläographie, Inschriftenkunde und jüdische Literaturgeschichte erwarten. Tie drei hier behandelten Steine, von denen der erste bei der Kanalisierung in der Stadthausstraße, in der Nähe der Falkschen Truckerei, der zweite und dritte bei der Ausschachtung des Fundaments für den Neubau des Tietzschen Warenhauses gefunden 'Ift, beweisen durch khre Schriftcharaktere, daß, sie nicht über die erste Hälfte des 14 Jahrhunderts hinausreichen. Ta sie alten Mainzer Synagogen eingefügt waren, müssen hier einige Bemerkungen über die letzteren vorausgeschickt werden. Mainz, das im Mittelalter als „Haupt und Fürstin unter allen Städten des Deutschen Reiches" gepriesen wird, haben Inden schon zurzeit der römischen Weltherrschaft ausgesucht. Als es vom. 8. Jahrhundert an einer industriellen und kommerziellen Blüte entgegenschritt, entwickelte sich in seiner Mitte ein jüdisches Gemeinwesen, das nach und nach für die Judenschaft der Tiaspora tonangebend wurde und, soweit cs ihm ermöglicht wurde, gewissenhaft im öffentlichen wirtschaftlichen Leben sich betätigte. Mainzer Juden, die sich 1084 nach Speyer geflüchtet hatten, wo der Bischof Rüdiger Huozman ihre Intelligenz und ihren Fleiß für seine Stadt nutzbar machte, sprechen mit hoher Verehrung von ihrer Vaterstadt.. Ein jüdischer Chronist aus dem Anfang des 12.. Jahrhunderts sagt von der ün ersten Kreuzzug vernichteten jüdischen Gemeinde Mainz, daß ihr Ruf in allen Ländern verbreitet und sie wie Gold geschätzt sei. Er hebt besonders die in ihr anzutreffende Gelehrsamkeit, Ehrenhaftigkeit und Fröhlichkeit, ihren Reichtum und rhr Wohltun ,_ Der ft*«***. zichtleistung auf bte Durchführung der vollen Gleichstellung im Dienste des Staates, der Kommunen, im Dienste des Handels und der Industrie bedeutet?" Und in dieser.Erkenntnis soll. der Sabbath geopfert werden, um die Sabbathidee zu retten! Welch ein Widerspruch. Als ob sich die Sabbathidee Herausreißen ließe aus dem Sabbath der Schöpfung. Sie, die gleichsam die Seele des Sabbaths ist, soll ihrer schützenden Hülle beraubt werden! Was kann denn eine Idee nützen, die nicht verwirklicht werden soll? Dadurch, daß sich der Mensch mit dem Gedanken der Sabbathruhe trägt, wird ihm doch die himmlische Wohltat dieser Ruhe noch nicht zuteil. Wenn daher zur Erhaltung der Sabbathidee empfohlen wird, aus dem Sabbathtage Sabbathstunden zu machen, so ergibt sich wieder hieraus daß unser Laie, die Idee selbst in ihrer anzen universellen Bedeutung gar nicht erfaßt at. Wohl vermag sich das ernste religiöse Streben, von dem jene Sabbathbetrachtung Zeugnis ablegt, mit der „märchenhaften Poesie" des Freitag Abend zu vermählen. Den Sabbathdienst als solchen, den der Sabbath uns leistet und den wir gleichzeitig Gott leisten, hat der Herr Reformator leider mißverstanden. Er hätte ihn sonst kaum Phantomen hingeopfert, von deren Verwirklichung wir noch weit entfernt sind. Oder darf man etwa annehmen, daß die deutschen Juden ihr gutes Recht Offiziere, zu werden und sei es auch nur Reserveoffiziere, Verwaltungsdienste zu leisten und in die Stellungen niederer oder hoher Beamten einzurücken, auch nur einen Tag früher erreichen werden, wenn sie der staunenden Welt verkünden: „Der Sabbath hat von heut an aufgehört, uns Sabbath zu sein?" Diese Welt bat sich niemals darunt gekümmert ob ein Jude seinem Religionsgesetze gerecht wird, oder nicht. Noch fkein Offizierkorps hat Aspiranten jüdischen Glaubens mit der Begründung abgelehnt, daß es die jungen Herren zwingen müsse, am Sabbath den Militärdienst zu verrichten und einen derartigen Gewissenszwang nicht üben wolle. Oder hat man schon, wie ferner angeführt wird, von einem christlichen industriellen Werke, einem Fabrikunternehmen oder selbst einer kaufmännischen Firma von geringem Umfange gehört, die „sehr gern" jüdische Bewerber aufttehmen, wenn sie nur tüchtig und ehrlich sind und am Sabbath arbeiten? Mir sind Hunderte christliche Firmen bekannt, die prinzipiell keine Juden engagieren. Aktiengesellschaften, deren Hauptaktisnäre Juden sind, in deren Aufsichtsrat einflußreiche jüdische Persönlichkeiten ihren Sitz haben, beschäftigen mit verschwindender Ausnahme nur Christen. Sind derartige Fälle auf die Sabbathruhe zurückzuführen und sollte man glauben sie verhüten zu können, wenn man auch hier verkündet, der Sab« hervor. Nach den Schreckenszeiten der Kreuzzüge batdie Gemeinde sich langsam wieder erholt und friedlich entwickelt, bis im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts der Blutwahn seine Furien entfesselte, zahlreiche Mainzer, Frankfurter und Wetterauer Juden 1286 zur Auswanderung zwang und den Katastrophen der Armleder- Verfolgung von 1336 bis 1337 und der sozialen Revolution mit ihren Judenbränden von 1348 bis 1349 die Pfade ebnete. Taß die alte Mainzer jüdische Gemeinde neben ihren blühenden Hochschulen schon früh würdige Gotteshäuser hatte, ist selbstverständlich. Tie erste Erwähnung einer Synagoge stammt aus dem Jahre 1093. Drei Jahre später, am 29. Mai 1096, ward sie ein Raub der Flammen. Der bei der Verfolgung gewaltsam getaufte Vorsteher Mar Jsak hatte sie angezündet und darin mit seinen.Angehörigen hen Feuertod erlitten.. (Näheres hierüber findet der Leser in den Aussätzen: „Zur Geschichte der^Juden von Mai.qz" in den Nummern des „Mainzer Journals" vom 27...Mai und vom 1. .Juni 1907.) Dadurch verhinderte er, daß die Synagoge zu .einer Kirche umgebguj wurde, .wie man'beähftchtigt hatte. Neben der Hauptsynagoge bestanden noch andere Tempel. Bon Mainzer Synagogen erhalten wir ferner Kunde aus einer Mitteilung zum Jahre 1188, 13. Februar. An jenem Tage bestieg der Rabbiner Juda, Sohn des Kalonymos, „die hölzerne Tribüne", um seine Gemeinde bei drohender Gefahr, die ein Machtwort des Kaisers Friedrich Barbarossa abwandte, zu ermahyen, zu .trösten 'und auszurichten. Ferner erzählt uns ein Leichenstein von 1281, der dem Rabbiner Mair, Sohn des Abraham Hakohen, gesetzt wurde, von der Einäscherung der Synagoge. Nach der Flucht vieler Juden aus Mainz (1286) ist die Synagoge von den Zurückgebliebenen wohl notdürftig wiederhergestellt worden. Sie ist Eigentum der Gemeinde bath ist uns kein Tag der Ruhe mehr? Liegen ihre Ursachen nicht vielmehr auf einem ganz anderen Gebiete, besten Behandlung nicht im Rahmen meiner Ausführungen liegt? Ist es gerecht, für solche Vorkommnisse den Sabbath verantwortlich zu machen? Traurig ist es allerdings, daß, wie an einent Beispiel gezeigt wird, jüdische Angestellte sofort vor der Alternative ständen, entweder den Sabbath oder ihre Stellung auszugeben, falls eine größere Anzahl Firmen ein und desselben Geschäftsbetriebes am Sabbath feiern wollte. Warum soll dieser Betrieb — es handelt sich in dem Beispiel um die Banken und es sind nicht wenige die in jüdischen Händen sind, — nicht am Sabbath geschlossen werden? Dann wäre auch dem Herrn Reformator und seinen nach Sabbathruhe lechzenden Juden geholfen. Oder ist es unmöglich, einen größeren Geschäftsbetrieb am Sabbath ruhen zu laffen? Die Anzahl der die Sabbathruhe streng durchführenden Firmen ist allerdings eine verhältnismäßig geringe. Ihre Existenz beweist aber die Möglichkeit, die Sabbathruhe zu realisieren. Ist dem Herrn Reformator unbekannt, daß der Weltmarkt eines gesamten Handelszweiges fast ausschließlich in Händen jüdischer Firmen liegt, welche die strengste'Sabbathruhe beobachten, obgleich sich sogar gerade in dieser Branche ein großer Teil des Verkehrs telegrafisch abwickelt? Und trotzdem bleiben die eingehenden Telegramme ein Mal wöchentlich 24 Stunden lang unerledigt liegen! Warum sollte sich nicht in andern Geschäftszweigen dasselbe Resultat erzielen laffen? Wo ein Wille ist, da ist auch die Tat. Die Durchführung der Sabbathruhe ist bei allen' Juden, die das redliche Bestreben dazu haben, sehr wohl möglich. Sie würde um so geringere Opfer von dem Einzelnen fordern, je größer die Zahl derer wäre, die den Sabbath heiligen. Würde er doch der Tätigkeit seines Konkurrenten am Sabbath nicht mehr zu fürchten und zu fühlen haben. Warum sollte man sich nicht vorstellen können, daß die gesarate jüdische Handelswelt den Sabbath auf ihren Schild erhöbe? Bedeutet also die Sabbathheiligung wirklich eine „freiwillige Verzichtleistung auf die Durchführung der vollen Gleichstellung im Dienste des Staates, der Kommunen, des Handels und der Industrie?" Wenn sich aus meinen Ausführungen ergibt, daß die Sabbathheiligung in der alten unveränderten Form auch im heutigen modernen Erwerbsleben zu ermöglichen ist, dann ist bereits das Wesentliche der Sabbathbetrachtungen unseres Laien widerlegt, so daß es sich geblieben und nicht als „Judenerb" in den Besitz der Stadt übergegangen. .Tie jüdische Gemeinde bediente sich ihrer bis zum Bartholomäustage, 24. August 1349. ' Auch sie ging in Flammen auf. historische Resultat, das die neugefundenen Gedeilksteine ergeben, läßt sich in folgendem zusammenfassen: Die Synagoge, an die der erste Stein erinnert, ist 1271 in einer, dank der judenfreundlichen Bulle des Papstes Jnnocenz IV. und des Landfriedens von 1265 verhältnismäßig ruhigen Zeit erbaut worden. Sie ist in einem Volksaufstande 1281, als die Blutbeschuldigung von neuem erhoben und auch für den sogenannten „Rheinbezirk" zur furchtbaren Geißel wurde, angezüudet und demoliert worden. Tie Freigiebigkeit der Mainzer Israeliten ermöglichte die Ausbesserung und Wiederherstellung, wie dies der zweite Stein kündet. Als die Gemeinde von den Wunden und Schäden, die die Ueberfälle von 1281 und 1283 verursacht hatten, sich langsam erholte, konnte man an die innere Ausschmückung der Synagoge denken und nach Angabe des dritten Steins, einen mit Steinen ausgelegten Fußboden Herstellen lassen. Das renovierte Gotteshaus bestand, wie gesagt, bis zu den furchtbaren Tagen der Verfolgung in den Zeiten des schwarzen Todes, da man die Juden der Brunnenvergiftung bezichtigte, sie zu Tausenden mordete und in den Tod trieb, ihren Besitz raubte und ihre Häuser in Schutt und Asche legte. Das gewaltige Feuer, das die Häuser des Judenquartiers in Mainz verzehrte und die Glocke der nahen Quintinskirche zum Schmelzen brachte, zerstörte auch die Synagoge in der Schustersträße (später Nr. 41—43, jetzt Tietzsches Warenhaus.) So erzählt die fast verwitterte Schrift der alten Gedenksteine auch ein Stück bewegter Mainzer Geschichte. Taß es Dr. Salfeld gelungen, den Inhalt der In-