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Der Israelit · 1909-04-05 · Heft 14 (5.4.1909) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 14 (5.4.1909)
Date
1909-04-05
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Nr. 14 er JSraelit S. April 1909 Peffelle verzehrte ihr einfaches Mahl und füllte mit zitternden Händen den großen Pokal, das einzige Familienerbstück, den Becher des Propheten Eliah. Der große Moment war da und feierlich öffnete sie die Türe. Er wird unberührt bleiben, der gefüllte Becher, das wußte sie. Er wird unsichtbar bleiben, der große Prophet, der Freund aller Armen und Bedrängten und wttd ihre Klagen und Wünsche nicht hören. Gch«lha«S einet jüdischen Kolonie in Palästina. SKUnd sie hätte doch der Klagen und Wünsche so viele. Sie war einsam und verlassen, alt und krank... Die Stunde konnte bald schlagen und sie war allein.... Sie war doch Jüdin und möchte als solche sterben . . . Und die Menschen waren so Hortfund lieblos, auch wenn sie gaben . . . „Peffele hat Geld" sagten sie. Er, der hohe unsichtbare Gast, der heute als Abgesandter Gottes still ihre Hütte betritt, wußte es aber: sie hatte nichts und war auf die Gaben aus der Menschen Hand angewiesen. Er wußte es, daß wenn dem so wäre, sie ihren Lebenrest ganz anders eingerichtet hätte . . . Nicht ein besseres Haus, auch nicht bessere Kost oder gar andere Vergnügungen mochte sie, aber das ewige Warten auf die Spenden, die, da sie nicht mehr zu den Leuten gehen konnte, immer zu spät und zu wenig eintrafen, und besonders die unfreundlichen Mienen, auch den offnen Spott, mit denen sie ihr verabreicht wurden, vermochte sie . noch kaum zu ertragen. Und dann war die Lea, das arme Waisenkind, ihre noch einzige Anverwandte, die in der Stadt bei fremden Menschen schwere Dienste verrichten mußte! Wie gern hätte sie doch für das arme Kind gesorgt, es bei sich behalten . . . Und dann wäre sie doch nicht so einsam und verlassen und nicht in Gefahr und Angst, allein zu sterben . . . Der Prophet wußte es, wie gern sie auch, für ihre Seele sorgen mochte, wie gern sie ein kleines Sümmchen hinterlaffen hätte, damit an ihren Jahrestagen eine Kerze gebrannt und Kaddisch gesagt werde .... Peffele stand an der offenen Türe und lauschte länger als notwendig, da sich ihre Gedanken, Klagen und Wünsche immer mehr und stürmischer häuften. Vom Dorfe her winkten unzählige Lichtlein und erschallten Helle Stimmen „O laß uns nicht bedürfen der Gabe eines Menschen!" betete der dicke Simche, etwas müde und heiser vom reichen Mahle und der sangfrohe Kinderchor im Hause des I a k o b l e trillerte in die stille Nacht hinaus: „Mächtig ist er, mächtig, er erbaut den Tempel bald!" Den Hügelweg herab rollte der schwerfällige Postwagen daher, schon von der Ferne vernehmbar Er war leer, da die Juden heute nicht fuhren und auf dem Bocke saß der Postillon und blies: ,,O Schweizerland, o Schweizerluft, ihr Berge mit ewigem Schnee, wohin so oft mein Herz mich ruft, euch gilt mein stilles Weh!" Und darüber lächelte der Mond kugelrund und silberhell und strahlend vor Glück und Freude .... Peffele wollte nun die Türe schließen, als sie ein verdächtiges Geräusch hinter den Stauden zu vernehmen glaubte. Es knasterte und rasselte etwas im dicken Gesträuch und nun konnte sie ganz genau eine dunkle Gestalt sehen, die sich mühsam durch das Geäst durcharbeitete und jetzt die breite Landstraße erreichte. Ein Schauer überlief sie, und sie wollte rasch die Türe schließen. Da stand aber schon die Gestalt, ein Mann mit schwerem schwarzen Kasten beladen, keuchend und in Schweiß gebadet, vor ihr und sagte mit einer Stimnie, die wie ein Ruf des Schmerzes nud der Freude zugleich klang: „Ein jüdisches Haus?!" Es war nicht der Prophet, das konnte sie auf den ersten Blick erkennen. Er war nicht, in Weiß gehüllt, sondern hatte einen grauschwarzen, schäbigen und an vielen Stellen zerrissenen langen Rock an. Statt des schneeweißen herabwallenden Bartes hatte der Fremde ein kurzes schwarzes uud struppiges Spitzbärtchen. Auch fehlten die leuchtenden Augen und die engelsüße Stimmeaus den eingefallenen knochigen Wangen schauten matte Augen hervor und seine Stimme war klang- und tonlos. Aber gleichwohl fühlte sich Peffele beglückt, einen Menschen, einen Juden in solcher Stunde vor ihrer Türe zu sehen. Ohne die Einladung abzuwarten, trat der Fremde ein und erzählte kurz seine Geschichte. Er hatte seit Morgengrauen in den umliegenden Dörfern hausiert, mit der Absicht, nachmittags in der jüdischen Gemeinde einzutreffen, wo er, da er fremd im Lande war, die Feste verleben wollte. Ein falscher Weg, stundenlanges zielloses Umherirren, überhandnehmende Schwäche, da er als Erstgeborener den ganzen Tag gefastet, hinderten ihn am, rechtzeitigen Eintreffen. Nun war er da und wollte beim ersten Schritt in die Gemeinde, beim Anblick des ersten jüdischen Hauses sich nicht weiter einer Festentweihung schuldig machen. — Nur seinen Packen wollte er da lassen, vielleicht auch einige Minuten ausruhen. Dann wollte er weiter gehen, , eine gastliche Familie im Dorfe aussuchen .... Peffele hörte das alles nur halb, sie nickte aber verständnisvoll und schob, ohne ein Wort zu reden und ohne aufzuschauen, als beginge sie etwas Unstatthaftes, dem Fremden den gefüllten Becher des Propheten zu. Dieser aber sagte, nachdem er sich so schwer niedergelassen hatte, daß der alte Tisch zusammenfuhr und zu wackeln begann: „Habt ihr vielleicht eine Hagodoh?" Eine Hagodoh? Ihre alte Tefillo mochte sie ihm nicht anbieten. Für sie war wohl alles darin, ob sie auch genügend Gebete für andere enthielt? Aber sie hatte auch eine Hagodoh. Tief im Kasten lag das alte graue Buch, mit den massiven Holzdeckeln und Messingschlöffern. Sie hatte sie seit dem Tode der Eltern fast nicht mehr in der Hand gehabt. Der Altwarenhändler, dem sie einst alles Entbehrliche verkauft, bezeichnete sie als wertlos, und sie hatte an der alten Tefilloh genug ... Peffele holte mit großer Mühe und Umständlichkeit das alte Buch aus seinem tiefen Verstecke hervor, reichte es wortlos dem Fremden und ging hinaus auf den dunklen Vorplatz, der auch als Küche diente. Es schien ihr, als ob der Fremde sich in ihrer Abwesenheit heimischer und behaglicher fühlen müßte. Ihr Küchenvorrat war nicht groß, aber Mazzoh hatte sie genügend und auch das Fleisch schien ihr reichlich genug für den unerwarteten Gast. Die Alte, die ihr ganzes Leben nur nahm, nehmen mußte, empfand plötzlich ein unaussprechlich beglückendes Gefühl, auch einmal geben zu können, nicht als Bettlerin, sondern als Spenderin da zu stehen. Sie war entschtoffen, alles freudig herzugeben, alles, alles.... Es war doch so erhebend und beseligend, einmal einem Menschen gegenüber zu stehen, ohne dankesschuldig den Kopf senken zu müssen, einmal geben zu könnend Sie war so alt geworden und heute zum ersten Mal wurde ihr dieses nie geahnte Glück zu teil, heute sollte der Becher nicht unberührt bleiben, sollte auch die Hagodo wieder zu Ehren gelangen . . . Eine Art Eifersucht bemächte sich ihrer, eine Angst, der Fremde könnte bald aufstehen und gehen, zu den Reichen und Glücklichen, die soviel Licht und Glanz in ihren Häusern haben und reichgedeckte Tafeln und frohsingende Kinder.... Aber der Fremde dachte wohl gar nicht daran, aufzubrechen. Er sang und weinte und betete und jubelte aus der alten Hagodo, daß eS eine Lust war und sich das Herz der Alten weitete. Nie hätte sie gedacht, daß man diesem alten, vergilbten Buche solche holde süße, so tief in die Seele dringende Töne hervorlocken könnte. Alles alles wollte sie ihm geben .... Da hielt der Fremde plötzlich still. Peffele erschrak. „Er wird jetzt gehen", dachte sie und Am Lt-eriassee zur Tonristeuzeit. ttef geängstigt trat sie auf die Schwelle der offenen Verbindungstüre. Der Fremde saß noch fest auf der Bank, aber er betete nichtseine Augen ruhten groß und verwundert und bewegungslos auf einer Stelle des alten, vor ihm aufgeschlagenen Buches. Als er seiner Wirtin, die hilflos .und verlegen

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