Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1909)
- Date
- 1909-04-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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flu$ vergilbten Blättern. Eine Pessach-Erzählung von S. Schachnomitz. Sie stand schon mit dem Morgengrauen auf, die alte Peß oder Pessele — wie man die kleine alte im grauen Häuschen auf „der Steig" am Hügelabhang vor dem Dorfe allgemein nannte — denn es war Erew-Pessach, und wer wollte, wer konnte an einem solchen Arbeits¬ und Rüstetag ruhig im Bett bleiben? Und was bitte sie eigentlich noch zu tun, für das Fest vorzubereiten? Der Fußboden ihres dunklen Gemaches war blank gescheuert und, seit Purim mit allerhand Säcken und Strohmatten belegt, vor Chomez geschützt, alle Ritzen und Spalten sorgfältig gereinigt, Decke und Wände mit frischem Kalk übertüncht. Auch die wenigen alten Küchengeräte waren bereits in Ordnung gebracht. Was hatte sie also noch zu tun? Eine müßige Frage für eine jüdische Hausfrau am Tage vor Pesiach. Und ein jüdisches Haus hatte auch sie, heute war sie sich dessen mit Stolz bewußt. „Pessele, sagte die feuchtgraue Decke über ihrem Haupte, bist ein gut jüdisches Kind!" „Pessele, flüsterten die Säcke und Matten vertraulich, du hast ein jüdisches Haus!" „Pessele, klirrte der neue Tontopf dumpf, es ist ein großes Fest, ein schönes und heiliges Fest und du wirst es mitfeiern!" Und Pessele lief, so gut es ihre müden Füße zuließen, geschäftig von Ecke zu Ecke, stellte, ordnete, rückte und arbeitete mit Aufbietung ihrer ganzen chwachen Kraft. Der alte Tisch, dessen eines Bein lose und dessen anderes zu kurz war, wackelte bedenklich, aber zurechtgerückt und an die Wand gestützt, stand er doch fest und sicher . .. Überhaupt ei' sonderbarer Kauz, dieser Tisch. Er war so alt, vielleicht noch älter als sie selbst. Er hatte damals schon stark gewackelt und die Beine hilflos bewegt, als sie, noch ein Kind, auf ihm saß und schaukelte, und er hatte sich in diesen vielen Jahren nicht sonderlich verändert. Erwar ihr Freund, der treulich zu ihr hielt, mit ihr alterte und mit ihr kränkelte, immer schwächer, immer hinfälliger, aber er stand, wie sie, er füllt seinenn Platz in der Bude aus und tat seiner Dienst. Und heute schien er in feinem Festschmucke, der aus einem frischgehobelten Brette und einer schneeweißen. Decke bestand, wie verjüngt, er hatte, wie sie, alle Gebrechen, alle Leiden der vielen Jahre vergessen und glänzte in Festfreude. Und als nun der Tag zu Ende war und der Festabend herandämmerte, da war auch Pessele mit der Arbeit und Vorbereitung fertig und konnte ausruhen, in ihrem blitzsauberen Häubchen am gedeckten Tisch Seder halten. —. Sie war allein, Einladungen nahm sie nicht Alter Jer»sale«er Jude. an, da ihr das Gehen beschwerlich war und weil sie daheim im Elternhause bleiben wollte. Das dicke alte Gebetbuch lag vor ihr. Es waren so viele gelbe Flecken darin, wohl Spuren von Tränen, die die Mutter einst für das Kind, das sie, einsam und allein, der Mildtätigkeit anvertrauen sollte, in das heilige Buch hineingeweint hatte. Pessele blätterte das Buch. Ihre schwachen Augen konnten die alten, fass unkenntlichen Buchstaben kaum noch lesen. Aber sie wußte es, alles war in diesem Gebetbuche enthalten, die Ge bete der Armen und der Reichen, der Kranken und Gesunden, Glücklichen und Unglücklichen, Gebete um Regen und Sonnenschein, um Brot und langes Leben... Auch die Sedergebete waren darin enthalten, die sie von der Kindheit her fast auswendig kannte, deren Melodien so ttef in ihrer Seele saßen, ob sie sie auch schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr laut gesungen hatte. „Hier das armselige Brot! Wer hungrig ist, der komme und esse, wer bedürftig ist, der komme und feiere mit!"— Es wird keiner kommen, Pessele wußte es. Nur selten verirrte sich jemand in ihre Stube. Und wer da kam, wollte nichts haben, sondern der armen Alten etwas bringen. Aber sie betete gleichwohl die Worte mit Andacht und Inbrunst und meinte es sehr aufrichtig mit ihrer Einladung... . Keiner? Einer wird kommen, das wußte Pessele noch von ihrer Kindheit her, sie kannte den großen Propheten, der an diesem Abend jedes jüdische Haus, auch das ärmste und verlassenste, aufsucht, tröstet und erfteut und die Herzen der Kinder den Eltern wieder zuführt. Sie kannte ihn fast von Gestalt, denn in ihrer Phantasie konnte sie sich eine rechte Vorstellung von ihm machen. Und sie freute sich auf sein Kommen wie ein Kind, ob sie auch wußte, daß er stumm und unsichtbar bleiben wird. . . . Unterdessen betete Pessele weiter mit übervollem Herzen und feuchten Augen. Sie stellte sich die vier Fragen und beantwortete sie selber, sie freute sich über die Befteiung der Väter aus dem Sklavenhause in Mizrajim und begeisterte sich sogar für die fünf Gelehrten in Bn^brak, die erst mit dem Morgengrauen aus ihrer Unterhaltung über den Auszug geweckt werden mußten. Immer weiter und höher ging ihr stilles Lied, nur für sie hörbar, aber ihr Herz, ihre Seele, ihr ganzes Innere ausfüllend . . . Und leise sangen und schwangen und zitterten mit längst verklungene Töne aus ihrer Jugend, aus der Kindheit, aus ihrem ganzen sonnenarmen freudlosen Leben. „Er richtet auf vom Staube den Armen, er erhebt den Bedürftigen — . — Er setzt einKdie Verlassenen — Hallelujah!" . . .