Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1909)
- Date
- 1909-04-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Ro. 14. _ Probleme in den Vordergrund des Interesses treten, dann treten auch alle Lösungsversuche wieder auf, aber jedesmal mit besserer Begründung, jedesmal mit größerer Sicherheit, bis dann endlich die Lösung, bis die Wahrheit gefunden ist. Und wenn die Wahrheit gefunden ist, wenn sie unverlierbar und unabänderlich dasteht, dann nennen wir das Kulturfortschritt. Und warum sind bis dahin alle Lösungsversuche wiede gekehrt? Nur weil ein Körnchen Wahrheit in ihnen wurzelte und weil die Wahrheit unverlierbar ist. Und das ist eben der beste Prüfstein, ob etwas Wahrheit enthält, wenn man immer wieder darauf zurückkommt, wenn es nie veraltet. Diesen Prüfstein, dieses Gesetz von der ewigen Wiederkehr des Wahren, an das heute natürlich //längst veraltete" Judentum anzulegen, bietet sich nun gerade in diesen Tagen eine interessante Gelegenheit, und aus der Fülle des . Materials wollen wir zwei Tatsachen herausgreifen. Am 1. Januar 1900 trat das neue bürgerliche Gesetzbuch in Kraft, und unter den Verbesserungen, die es gebracht hat, wird hauptsächlich die erwähnt, daß die neuen sozialen Gedanken Eingang in das Buch gefunden haben. Als besonders wichtig pstegt man hierbei folgendes anzuführen. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß jemand, der Vermögen besitzt, im wirtschaftlichen Kampf weit solchen überlegen ist, die nur von der Hand in den Mund leben. Dies tritt besonders in schlechten Zeiten hervor, in denen der Kampf ums Dasein noch mehr erschwert ist. Folgendes Beispiel diene zur Erläuterung: Gerade in den letzten Jahren ist eine solche wirtschaftliche Krisis eingetreten, viele Industriezweige liegen danieder, und die Fabriken sind gezwungen, einen Teil der Arbeiter zu entlassen. Diese Arbeiter müssen nun sehen, wie sie sich, zum Teil auch, wie sie ihre Familie ernähren Sie suchen also neue Arbeit, werden sie aber nur schwer finden, da doch überall die Verhältnisse ungünstig liegen. Auf eine Besserung, die später wieder eintreten wird, können sie nicht warten, da sie dazu nicht die nötigen Reserven haben. Sie werden also jede Arbeit annehmen, die sich ihnen bietet. Jetzt ist es dem Kapitalisten möglich, seine ganze Ueberlegenheit zu zeigen. Ec bietet dem Arbeiter eine Stelle, natürlich zu kärglichem Lohn, der den schlechten Zeiten sich anpaßt. Der Arbeiter hat keine Wahl und nimmt an. Jetzt aber stellt der Arbeitgeber noch eine Bedingung, auch sie muß vom Arbeiter angenommen werden, nämlich die, daß die angebotene Stellung aus 15 Jahre von Seiten des Arbeiters unkündbar sein soll. Wenn also auch bessere Zeiten kommen sollten, muß der Arbeiter doch, gemäß der Verpflichtung, die er eingegangen ist, für den geringen Lohn arbeiten. Auf diese Weise ist ein Heraufkommen der unteren Klassen vollkommen ausgeschlossen, kaum das Notwendigste wird verdient. Es leuchtet bald ein, daß die Klassen, welche nur ihren täglichen Unterhalt verdienen, in die angegebene Lage bei einer Krisis sehr leicht kommen. Diese Mißstände haben sich so fühlbar gemacht, daß sich die Gesetzgebung damit befaßt hat, und ihre Lösung des Problems findet sich in § 624 des BGB: „Ist das Dienstverhältnis auf längere Zeit als 5 Jahre eingegangen, so kann es von dem Verpflichteten nach Ablauf von 5 Jahren gekündigt werden. Die Kündigungsfrist beträgt 6 Monate." Es wäre also in unserem Beispiel ein Vertrag auf 15 Jahre ungültig, die längste Zeit, die unser Arbeiter verpflichtet werden kann, beträgt 5 Jahre und 6 Monate Kündigungsfrist, also 51/* Jahre. Diese Lösung des B. G. B. wird als eine höchst glückliche und als ein großer Fortschritt bezeichnet. Wenn dem aber so ist, dann wäre doch die Lösung nicht so schwierig gewesen,- man hätte nur ein Gesetzbuch aufschlagen sollen, das vor 4 Jahrtausenden folgende Regelung der Frage anordnete: „Wenn Du einen ibrischen Knecht dingst, sechs Jahre soll er Dir dienen, im siebten aber : sollst Du ihn zur Freiheit entlassen."! Der JSraelit. Der ganze Unterschied also, der zwischen der Tora vor 4000 Jahren und dem Gesetzbuch von 1900 besteht, beträgt — 6 Monate. Daß es sich tatsächlich in beiden Gesetzen um denselben Fall handelt, wissen wir aus der Ueberlieferung. Es wird nämlich im Talmud gefragt, in welchen Fällen ein Hebräer als Knecht verdingt werden könne und es werden 2 Möglichkeiten angegeben: Der erste Fall ist der unsere: es ist jemand in ' Not geraten, und kann infolgedessen nicht selbständig bleiben. Dann soll eben durch das Gesetz verhütet werden, daß in dem oben angedeuteten Sinne eine Ausnutzung erfolgt. Außerdem ist aber auch der Gerichtshof ermächtigt, einen Dieb als Knecht zu verdingen, der für den Diebstahl nicht Ersatz zu leisten vermag, was ja wohl in den meisten Fällen eingetreten sein wird. Auch diese Seite des alten jüdischen Gesetzes hat ein überaus modernes Ansehen. Heute stehen wir ja im Zeichen der Strafreform. Man hat allgemein eingesehen, daß das »nis und das Zuchthaus nicht geeignete sind, einen Menschen zu bessern, daß sie höchstens den Menschen von der übrigen Gesellschaft fernhalten können. Wie behandelte das jüdische Gesetz den Verbrecher? Es gab ihn in Pension, es brachte ihn in einer ordentlichen Familie unter, damit er am eigenen Leibe die Segnungen eines geordneten Familienlebens und der bürgerlichen Gesellschaft kennen lerne. Nun, das sind wohl Utopien eines Moses gewesen, an die heute kein vernünftiger Mensch ernsthaft mehr denkt? Dann lese man die Verhandlungen des Preußischen Landtages vom 4. März 1909: „Abgeordneter Ströbel beklagt die häufige Verhängung von Gefäugnisstrafen über schulpflichtige Kinder. Es handelt sich um Strafen bis zu 2 Jahren. Kinder, die mit dem Strafgesetz in Konflikt kommen, gehören nicht ins Gefängnis, sondern in eine gut geleitete Erziehungsanstalt oder in die Obhut einer ordentlichen Familie .... Dr. v. Liszt . . . Soviel ich weiß, ist der Satz, daß Schulkinder nicht in Gefängnisse gehören, kein spezifisch sozialdemokratischer, sondern von verschiedenen Theoretikern und Praktikern bürgerlicher Parteien aufgestellt." Wenn auch die Forderung des Landtages bisher nur auf Kinder sich erstreckt, so sehen wir doch gerade hier dasselbe Prinzip, wie bei cem jüdischen Verbrecher, und es ist anzunehmen, daß das Prinzip auch bald konsequenter c urchgeführt werden wird. An einem jüdischen Gesetz haben wir es nun verfolgen können, wie durch Jahrtausende hindurch die Fäden hinüber- und herüberspielen und wir müssen dem weisen Rabbi recht geben: Es ist alles schon einmal dagewesen, und alles kehrt auch wieder, wenn es den Stempel der Wahrheit an sich trägt. Leo Adler, 8tuä. jur. 3$raelin$cbe fiönigsgescdlchte. Elijahu verließ das Heimatland, durchwanderte Judäa bis nach Beer Scheba. Hier trennte er sich von seinem Diener, um in der Wüste die Erlösung durch den Tod herbeizusehnen. Er war des Lebens müde. Tiefe Entmutigung war über ihn gekommen. Die Erkenntnis der traurigen Wirklichkeit, daß er inmitten desselben Volkes, das soeben erst der sichtbaren Offenbarung des allmächtigen Gottes gewürdigt war, dennoch des eignen Lebens nicht sicher sei, ließ ihn an jedem nachhaltigen Erfolge seines Wirkens verzweifeln. Damit war aber, wie er glaubte, seinem Leben jeder Wert genommen. Er verzweifelte und wünschte sich den Tod. Als gottesfürchtiger Mann hatte er gleichwohl das Seinige getan, das ihm zur Bürde gewordene Leben zu erhalten, solange es dem Schöpfer gefiele, der es ihm verliehen. Ihn bittet er um Erlösung. Da wird ihm in der Wüste, wie einst den Vätern, durch göttliche Fügung Speise. Er legte sich nieder und schlief ein unter einem Ginsterstrauche. Siehe, da berührte ihn ein Engel und sagte zu ihm: „Stehe auf, iß!" Da schaute er auf, und siehe, da war ihm zu Häupten ein auf Kohlen gebackener Kuchen und eine Flasche Wasser — er __ 5. April 1909. | aß und trank und legte sich nieder. - Da kehrte j der Engel des Ewigen zum zweiten Male wieder und berührte ihn und sprach: „Stehe auf, iß/ denn der Weg ist sonst für dich zu weit!" Da stand er auf, aß und trank und ging durch die Stärkung des Essens 40 Tage und 40 Nächte bis zum Gottesberge, dem Choreb. Dort ging er in die Höhle hinein und übernachtete dort. Siehe, da erging das Wort des Ewigen an ihn und sprach: „Was tust du hier, Elijahu?" Da antwortete er: „Geeifert, geeifert habe ich für den Ewigen, den Gott der Schöpfunasscharen/ denn verlassen haben Israels Söhne Deinen Bund, Deine Altäre haben sie niedergerissen und Deine Propheten haben sie mit dem Schwerte erschlagen — ich allein bin übrig geblieben, und auch mir trachten sie nach dem Leben." Da sprach Er: ,^omme heraus, und stehe am Berge vor dem Ewigen!" Und siehe, der Ewige zog vorüber. Und ein gewaltiger, mächtiger Wind, Berge entwurzelud, Felsen zersplitternd vor dem Ewigen — nicht im Winde der Ewige. Und nach dem Winde Erdbeben — nicht im Erdbeben der Ewige. Und nach dem Erdbeben Feuer — nicht im Feuer der Ewige. Und nach dem Feuer — Stimme tiefsten Schweigens. Da war's, als Elijahu dies vernahm, da verhüllte er sein Angesicht mit seinem Mantel und trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle. Und siehe, eine Stimme erging an ihn und sprach: „Was tust du hier, Elijahu?" Da antwortete er: „Geeifert, geeifert habe ich für den Ewigen, den Gott der Schöpfungsscharen; denn verlassen haben Deinen Bund die Söhne Israels, Deine Altäre haben sie niedergeriffen und Deine Propheten haben sie mit dem Schwert ' erschlagen — ich allein bin übrig geblieben, und auch mir trachten sie nach dem Leben." Da sprach der Ewige zu ihm: „Gehe deinen Weg zurück nach der Wüste von Damaskus. Bist du hingekommen, so salbe den Chasaöt zum Könige über Aram. Und Jehu, den Sohn Nimchi's, salbe zum Könige über Israel. Und Elischa, den Sohn Schafats aus Abel Mechola, salbe zum Propheten an deiner Statt. Und es wird geschehen: wer dem Schwerte Chasaels entrinnt, den wird Jehu töten, und wer dem Schwerte Jehus entrinnt, den wird Elischa töten. Ich werde in Israel 7000 übrig lassen, alle die Kniee, die sich nicht vor dem Baal gcbeugt haben, und jeden Mund, der ihn nicht geküßt hat." — Wo ist der Mensch, der ohne tiefstes Ergriffensein lesen kann, was Elijahu hier geoffenbarr wurde? Er war Zeuge des tobenden, Berge entwurzelnden, Felsen zersplitternden OrkaneS, war Zeuge des gewaltigen Erdbebens, war Zeuge der alles verzehrenden Feuersglut — und er erkennt, wie diese alle nur Vorboten Gottes find — „nicht im Orkane und nicht im Erdbeben und nicht im Feuer war Gott". — Da plötzlich legt sich des Orkanes Wüten, kommt zur Ruhe das Donnerrollen des Erdbebens, verschwindet das lohende Feuer — und lautloses Schweigen erfüllt die Welt. — Da verhüllt er sein Angesicht: in dieser lautlosen Sttlle des zu seinem Schöpfer und Herrn ehrfurchtsvoll auflauschenden Weltalls erkennt er, fühlt er die Nähe Gottes. Dieses lautlose, ttefste Schweigen ist die lauteste Verkündigung der Gottesnähe, lauter als Sturm und Erdbeben und Weltbrand. „Was hier Elijahu in gewalttgster und erhabenster Bergegenwärttgung vor die Seele geführt ward, ist die das ganze Gotteswort durchdringende Wahrheit, daß alle scheinbare Zerstörung Erhaltung, alle Erschütterung Befestigung, alle Vernichtung Leben zum Ziele hat, dass aber dem Einzuge Gottes in die Staaten und Städte, in die Häuser und Herzen verblendeter, chm sich verschließender Menschen lange, bange Perioden der Läuterung und Erziehung voranzugehen haben, deren Dauer keinem sterblichen Auge enthüllt ist. Daß aber eben deshalb an der Herbeiführung dieses Gottesreiches mitzuarbeiten und die Herzen der Menschen ihrem Gotte zu erschließen, ewige Aufgabe jedes Menschen sei, in dessen Geist diese Erkenntnis aufgegangen ist, gleichgiltig welchen Erfolg er in der von ihm zu überschauenden kurzen Spanne Zeit, einem verschwindenden Momente in der Reihe der Jahr-