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Der Israelit · 1909-04-05 · Heft 14 (5.4.1909) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 14 (5.4.1909)
Date
1909-04-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Der Israelit 5. April 1909. des Materialismus zu versinken oder dem Ideal zu retten, was zu retten ist? Geht doch einmal durch die Zentren unserer Technik. In den Industriestädten, die im letzten Jahrzent nur so aus der Erde gewachsen sind, wie tragen sie das Gepräge rastloser Sklavenarbeit. Kein Baum, kein Strauch, an dem sie sich erfreuen, über dessen Blüte sie gerade im Nissanmonat im Gedanken an den Zweck der Schöpfung unserer Nationalaemeinschaft den Segensspruch über den Frohsinn und die Heiterkeit sprechen könnten, die Gott in die Natur gelegt, den Menschen damit zu erfreuen. Um das religiöse Unglück, in dem wir uns befinden, und das so groß ist, daß sein Schmerz uns schon zu Bewußtsein kommen dürfte, und das nichtsdestoweniger noch immer weitere Kreise zieht, recht zu erfassen, dürste uns die wirtschaftliche und allgemein menschliche Lage der den Materialismus am ausgeprägtesten zur Schau tragenden Jndustriebezirke am eindringlichsten zu Herzen reden. Es ist ein Jammer. Diese Menschen kommen sich ja gar nicht mehr zum Genüsse. Keine Rast und keine Muße, onderes als Ziffern zu denken. Kein Interesse, kein Gedanke, anderes als Zahlen zu sehen und zu hören. Und es sind durchaus keine siebenstelligen, kaum vierstellige Zahlen, mit denen sie u rechnen haben. Hand aufs Herz! Wäre es a nicht viel, viel zeitgemäßer als den Sabbath zu entweihen, ihn zu halten, ihn zu heiligen? Ist eine Arznei, die der Arzt reicht, unzeitgemäß, weil sie einen anderen, besseren Zustand herbeiführen soll? Der Krankheit ihren Lauf lassen, sich mit ihr abfinden, sie unausrottbar einwurzeln lassen, wäre zeitgemäßer? Der am Sabbath Hölzer suchende, die das Mannah am Sabbath sammeln wollten, fanden es schon vor fast viertausend Jahren zeitgemäß, den Sabbath zu entweihen. Und nach viertausend Jahren finden die sonst auf ihr Jahrhundert so Stolzen nichts zeitgemäßer, als das alte soziale Verbrechen. Nichts gelernt, das ist zeitgemäß. Zu Jesajas und Jeremias, zu Amos und Nehemias Zeiten hielten die Viehhändler und die Fruchthändler schon keinen Sabbath. Ihre Erfolge betrauert, die Geschichte, die tränenreiche, unseres Volkes. Sie zu kennen, ohne Brille subjektiver Gläser sie zu lernen, sie zu beherzigen, wäre wahrlich zeitgemäß. Nicht mehr zeitgemäß, so höhnte man Chiskias königlichen Boten entgegen, die zur Pesiachfeier nach Jerusalem einladen sollten. Wahrlich nicht zeitgemäß nach der Regierung eines Achas, der die Lehrhäuser schloß, auf daß das Volk verdumme und seine eigenen Gesetze und seine Geschichte nicht mehr kennen sollte, nach der Regierung eines Achas, der seine Kinder durch das Feuer führte und, als Reformator voranleuchtend, Nur kannte man ihn viel weniger als heute. Doch dos wissen Sie jalassen Sie mich also zu meinen persönlichen Erlebnissen kommen. Unter den jüdischen Studenten an meiner Universität befanden sich auch zwei Brüder aus der Nähe von Krakau. Der Vater muß ein ebenso kluger als auch frommer Mann gewesen sein, er hatte ein großes Gut und die Jungen waren dort von einem Lehrer erzogen worden, der auch mit Hilfe einiger Fachlehrer ihre Profanbildung geleitet hatte. Im Jüdischen hatte der Vater sie selbst unterrichtet. Sie konnten sehr gut lernen, ich hatte mit oder bei ihnen Schiur, der meine Kenntnisse sehr bereicherte. Hirfch's Schriften lernten sie oft durch mich kennen, doch hatten sie nicht die Freude daran wie ich. Ihr scharfer Verstand hatte mehr Freude an der Gemoroh, am Selbstforschen. Sie waren weltfremd und wußten nicht, daß die tiefe innige Gottesfurcht bei Hirsch auch ohne Vorkenntnisse mehr Halt gewährt, als die scharfe Dialektik der Gemoroh, die doch nur nach längerer Vorbereitung zugänglich ist. Es wäre sonst wohl manches anders gekommen." Erschöpft hielt er einen Augenblick innedann fuhr er fort: „Diese beiden Brüder war die einzigen wirklichen Freunde, die ich während der Universitätszeit gewann. Sie begleiteten mich auch in die größere Universität, die ich später bezog. r. die Natur verehrte. Der Radikalismus auf dem Thron hatte gewirkt. Das zügellose Leben sonnte sich in der Wonne dieser Freiheit. Im eigenen Lande, vom eigenen Volk, durch die Regierung des eigenen Königs war das Judentum verhöhnt, verpönt, entthront, aus den Palästen und den Hütten, den Geistern und den Herzen, dem Denken und Leben verdrängt, als rückständig verlacht, als unzeitgemäß überwunden angesehen. Nur einige wenige aus nur drei Stämmen des Nordreiches, folgten, „sich demütigend", Chiskijahs Aufforderung und feierten Pessach in Jerusalem. Unzeitgemäß! Ha! Brutal intolerant, fanatisch radikal wie Ahas war, ahnte er und mit ihm seine Creaturen, seine Pfaffen und sonstigen Volksverführer, nicht, wie, allen Zeiten gemäß, derPessachgedanke ihn und seinen Unverstand Jahrtausende überdauern würde, als wie zeitgemäß das Judentum erst in den fortgeschrittensten Tagen modernster Auffassung und sozialen Begreifens anerkannt werden würde. Das Juwel der Thoragesetzgebung ist der Grundstein seines Rechts und der lautet: „Wessen Haus zu klein ist für den Segen, den Gott ihm verliehen, der suche sich den Nachbar auf, ihm mitzugeben." Nicht die Not des Darbens, die Not des Ueberstuffes, nicht die Not, sein Recht zu schützen, die Not, seine Pflicht zu tun, nicht die Not des Armen, die Not des Reichen macht die Thorah zur Grundlage des Rechts. Das göttliche Recht scheidet nicht, es verbindet, trennt nicht, es verbrüdert, schafft keine Klassentrennung, baut den Familienstaat. Dem Armen läßt die Thora nicht Gnadenbrot reichen, gibt ihm einen unbedingten Rechtsanspruch an das Vermögen des Reichen und läßt den Reichen nicht als Last und schwere Pflicht, sondern als Lebensbedürfnis empfinden, den Armen Hilfe zu gewähren. Einen gewaltigen Umschwung im Rechtsbewußtsein der Völker bedeutet diese Rechtsbegründung der Thora. Heute verstehen wir ihren Sinn. Und doch ist der jüdische Rechtskodex noch der einzige der Welt, der solche selbstlose, menschenliebende Grundanschauung seinem Gesetzbuche gegeben hat. Armer, unzeitgemäßer Achas, der Du als weiland jüdischer König verständnislos den Eid auf das jüdische Gesetz geleistet und gebrochen hast. Arme Volksbetrüger, die, betrogen, ihr Volk betrügen und zeitgemäß die ersten Vorstufen nennen, die die Kulturvölker kaum bestiegen, um auf der Jakobsleiter die himmlischen Höhen der Thora-Anschauung zu erklimmen. Wir sollten uns rückentwickeln, um verstanden zu werden?! Wir würden der Welt einen schlechten Dienst erweisen! Mag man lachen, mag man höhnen! Das sind wir nun seit Tausenden von Jahren gewohnt. Es kann uns nicht be- Während der Pfingstferien, deren Kürze ihnen die weite Heimreise nicht gestattete, waren sie einigemal meine Gäste, und es war mir eine große Freude, daß mein Vater an den jungen Leuten Gefallen fand. Das waren schöne Ferien. Nach Beendigung der Studien besuchten wir noch verschiedene größere Kliniken im Auslande, zuletzt auch in Wien. Gern begleitete ich meine Freunde auch auf das väterliche Gut. Den Vater hatte ich früher schon kennen gelernt, er hatte mir große Achtung und Sympathie eingeflößt. Die übrige Familie bestand aus der Mutter und der etwa achtzehnjährigen Schwester. Die Damen waren anfänglich außer bei den Mahlzeiten wenig zu sehen, die Mutter schien eine ziemlich beschränkte Frau zu sein, deren Verstand sich über die Freude am Essen und an der Lektüre seichtester Romane nicht erhob. Sie lief meist in recht salopper Kleidung im Hause umher, nur wenn Besuch erschien, war sie in großem Staat. Die Tochter war ein bildschönes Mädchen, deren lebhaftes Minenspiel scharfen Verstand verrietihre ehemalige Erzieherin war noch im Hause, eine ältere Französin, die allmählich Stütze des ganzen Haushalts geworden war. Allmählich ließ das junge Mädchen seine Zurückhaltung fallen, sie nahm eifrig teil an der Unterhaltung, begleitete uns auch bei Spaziergängen. Wie es irren. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Aber in unserm inneren Kreis wollen wir nicht vergessen, wie zeitgemäß der Inhalt unserer geheiligten Ueberlieferung ist, wie er emporhebt, uns erzieht zu selbstlos lauterem Idealismus, wie er uns und der Welt das Ideal reicht zur Betätigung unserer Pflicht, zum Erfassen unserer Aufgabe, zum Erkennen unserer Bestimmung, uns» auf uns selbst zu besinnen — zeitgemäß. So feiern wir Pessach und bringen mit den vier Bechern Wein ein Hoch aus aus unser zeitgemäßes Judentum. Ulte und neue Probleme. Es ist alles schon einmal dagewesen, sagt Ben Akiba, und nicht allein hat dieser Ausspruch seine volle Berechtigung, sondern man darf ihn sogar dahin erweitern: Alles auf der Welt kehrt noch einmal wieder. Nicht nur Tag und Nacht, nicht nur Frühling. Sommer, Herbst und Winter, auch die Gedanken und Ideen, die einen Menschen, ja ganze Zeitalter bewegen, wiederholen sich in regelmäßiger Reihenfolge. Welches Gebiet menschlicher Geiftestätigkeit wir auch nehmen, überall finden wir unsere Behauptung bestättgt. So wird die ganze Kunst auffassung des Altertums, werden alle Motive derselben unverändert verwertet in der Renaissance des 16. und erleben eine neue Auferstehung im Klassizismus des 17. Jahrhunderts. Unsere Naturwissenschaft steht und fällt mit der Theorie, daß alle Dinge sich aus Atomen aufbauen, vor mehr als 2000 Jahren wurde von den jonischen Naturphilosophen dieser Gedanke fast wörtlich ausgesprochen. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind die Worte, die um die Wende des vorigen Jahrhunderts die Welt erschütterten, derselbe Ruf erscholl vor Jahrtausenden in Athen und schuf die erste Demokratie. Aber trotz aller Beweise, die wir gebracht haben, ist unsere Behauptung in der Form, in der wir sie aufgestellt, falsch. Denn wenn sie richtig wäre, dann wären ja alle Jahrtausende vergebens dahin gegangen — wir wären heute ebensoweit wie damals. Dann hätten alle Menschen vor uns umsonst gelebt und gewirkt, dann gliche alles Mühen der Menschheit der Arbeit der Danaiden, die jahraus, jahrein Wasser in ein Faß ohne Boden schöpfen, natürlich, ohne es je zu füllen. Widersinnig wäre es rffenbar, wollte man den Fortschritt der Kultur leugnenunser Satz, von dem wir ausgegangen sind, muß vielmehr folgendermaßen lauten: Das Streben und die Interessen der Menschen sind seit alters dieselben, und darum drängen sich auch stets dieselben Probleme auf. Und jedesmal, wenn wiederum die sehr nahe lag, kam es nun: ich verliebte mich in das schöne und kluge Mädchen und auch sie ließ mich deutlich ihr Interesse merken. Doch sorglich bemühte ich mich, meine Gefühle zu beherrschen, ich konnte dem reichen Mädchen schwerlich ja ein Leben bieten, wie sie es gewöhnt warso wollte ich' ihr jede Unruhe ersparen. Doch wie erstaunte ich, als einer der Brüder davon anfing. Errötend bat ich ihn, zu schweigen. „Warum denn," antwortete er, „meine Schwester liebt Sie von Herzen und hat keinen innigeren Wunsch, als Ihr Leben zu teilen." „Ich kann ihr ja nichts bieten, darum wollte ich sie nicht beunruhigen," rief ich erregt. „Das macht Ihrem Zartgefühl alle Ehre," antwortete er, „doch wollte ich Ihnen einen Vorschlag machen. Heiraten Sie meine Schwester und lassen Sie sich in Krakau als Arzt nieder " Energisch lehnte ich abso sehr ich das Mädchen liebte, einfach als Gatte einer reichen Frau zu leben, widerstand meinem Ehrgefühl. Etwas gekränkt zog sich mein Freund zurück. (Fortsetzung folgt.)

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