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Der Israelit · 1909-04-05 · Heft 14 (5.4.1909) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 14 (5.4.1909)
Date
1909-04-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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5. Jahrgang M 3. \S> üdiöcber Volköfreund 444 Monats-Keilage zum „Israelit Verantwortliche Redaktion« Rabbiner Dr. ß. CQolf in Köln Diejenige« Ginzelrnilgiieder nnd Gemeinde«, die den Keilrag;«r Kasse de» Derein» für die jüdischen Interessen Rheinland» (G. U) für da» lanfende Jahr noch nicht geleistet haben, werde« gebeten, denselben baldigst;« entrichten. LeitgemSker Juaenium! Seit je fühlte sich unser Volk berufen, den Nationen der Welt voranzuleuchten auf dem Wege der Kultur, und seitdem der zweite Stammvater der Erdenbürger seinen Seherspruch getan: „Gott wird wohnen in den Zelten Sems", hatte Israel, die Blüte der semitischen Rasse, ein Recht darauf und eine Pflicht dazu, dieses Wort wahr zu machen. Das auserwählte Volk erblickt seine Lebensbestimmung darin, die Entwicklung der Menschheit zu dem Ziele hiuzuleiten, das im Glanze der Vollendung, vor Alters gegeben, aus der Zukunft fernem Dünkel entgegenwinkt. Es ist selbstredend, daß ein Gesetz und eine Religion, die sich bereits als unsterblich bewiesen haben und deren Lebenskraft in ungebrochener Frische uns noch immer entgegenleuchtete, zeitgemäß sein müssen. Sie müssen ja jederzeit und allen Zeiten das Beste bieten, müssen darum von jeder Zeit begriffen werden können und sind als Muster und Vorbild jeder Zeit zeitgemäß. Freilich — heißt zeitgemäß nur, was die Fehler und Schwächen der zeitigen Gegenwart teilt, heißt zeitgemäß nur die vorüberrauschende Mode, die Laune, die Phantasie, das große alles bedeckende und verdeckende moderne Huttablette, unter dem der wahre Mensch verschwindet, dann verzichtet allerdings das Judentum darauf, zeitgemäß zu sein. Das wäre wahrlich keine Ehre fürs Judentum, alle paar Jahre als Diener und Prophet, Priester nnd Förderer einer anderen Lebensrichtung und Weltanschauung zu gelten. Es gibt wohl Einzelmenschen, es gibt weiter nicht zu bezeichnende Charaktere, die heute so und morgen anders können, die den Mantel nach dem Winde hängen, die mit demselben Brustton der Ueberzeugung morgen das Gegenteil ihrer heutigen Offenbarung lehren: Anspruch auf Ernst und Glaubwürdigkeit dürfen allerdings solche Menschen nicht erhebet,. Schließlich hat aber der Einzelne seine Handlungsweise mit sich abzumachen. Doch Frevelmut und Dreistheit, nun sich erheben zu wollen und dem Judentum als solchem solch fadenscheiniges Wesen anzudichten, als könne es die Götter Griechenlands und hellenische Unsitten, die Bürgertugenden Roms und seine Verweichlichung, den französischen Leichtsinn und den deutschen Gelehrtephochmut ebenso mit seinem Judentum vereinbaren, wie es den ägyptischen Apis und die affyrische Astarte, den phönizischen Baal und den kanaanitischen Moloch ganz bequem in das jüdische Bewußtsein von Gort dem Schöpfer und Lenker der Dinge und Menschen hineinzuschmuggeln versucht hat. Das nannte man damals' zeitgemäßes Judentum. Wir würden über die Blindheit lachen, wäre sie uns nicht so teuer zu stehen gekommen. Ohne viel Mühe begreifen wir den jesajanischen Unmut über diese geistige und sittliche Anspruchslosigkeit, sich mit diesen Wahngeburten der Fremden zu begnügen, während man doch sich des Besitzes einer Wahrheit erfreute, um die die Welt uns beneidete, wollte sie sich nur Mühe geben, sie zu verstehen, um die uns die Welt beneiden wird, die einmal in kommenden Tagen die Feffeln der Politik und der Engherzigkeit, der Selbstsucht und der Scheelsucht abzustreifen so stark und ehrlich sich erweisen wird. Unsere heute zeitgemäßen Propheten des zeitgemäßen Judentums werden es sich dann von dem Weltgeift gefallen lassen müssen, daß man sie mit dem jesajanischen Wort, das auf ihre seligen Amtsbrüder gemünzt war, verurteilt: „Die deinen Fortschritt anpreisen, leiten dich irre." Und mitleidig staunend wird man über die Schar ihrer Gläubigen mit den Worten das Haupt schütteln: „Ihre Augen sind wie verklebt, damit sie nicht sehen." Sie waren eben zu zeitgemäß. Sie gehen in ihr unter, statt sich über sie zu erheben, statt sie zu heben. Nicht „Sohn deiner Zeit sollst du sein," hatte der Schöpfer unseres Volkes unserem Urahn Abraham zugerufen. „Zum Vater der Völker habe ich dich gemacht." Sie zu erziehen und zu veredeln muß dein Ziel bilden. Dazu aber führt der Weg nur über die Selbsterziehung. Selbst verfallen kann andere nicht retten. Hätte doch mit demselben Rechte der Tertianer aus gutem Hause es als Fortschritt zu ersehnen, mit den Mitschülern verwahrloster Erziehung sich an die Freuden und Gebrechen des Alkohols zu gewöhnen. Ein Unerfahrener und Unwissender hält gar oft Dinge für erstrebenswert, die der Verständige und Gereifte als Unglück und Unheil erkennt. Der Fortschritt im Wahn ist Rückschritt im Geist. Zeitgemäß soll das Judentum sein und ist es. Aus dem Brande den Unglücklichen retten, ist ja zeitgemäß. Oder zeitgemäßer ihn in den Flammen umkommen zu taffen und das Feuer noch anzufachen? Zeitgemäß mit in den Pfuhl Feuilleton. Hm Kaminreuer. (Fortsetzung aus Nr. 1.) „Also haben Sie sich Ihre Weltanschauung, auch die religiöse, ebenso erkämpft, wie wir Alle und das, was Ihnen Ihr seliger Vater war, bemühen Sie sich uns zu sein!" rief Lahnstein und mit welch' seltenen Erfolgen! „Ihnen ist gewiß noch keiner der jungen Leute verloren gegangen, denen Sie Ihr Haus so bereitwillig öffneten." Eilt tiefer Seufzer war die Antwort - dabei war des älteren Herren Gesicht so schmerzhaft verzogen, daß der junge Mann erschrocken aufsprang, um dem Leidenden zu Hilfe zu kommen. Doch er winkte ab. „Laffen Sie, es ist nichts.^ Nur eine — na, sagen wir mal nicht gerade rosige Erinnnerung." „Das tut mir aber leid," wollte Lahnstein sich entschuldigen. „Sie konnten es unmöglich wissen, was mich so schmerzlich berührtemeine Erlebnisse sind Ihnen schwerlich bekannt?" Der junge Mann verneinte. „So können Sie auch nicht wiffen, daß die beiden, die mir am nächsten stehen sollten, meine eigenen Söhne, mir verloren gegangen find!" Laut aufschluchzend sank Dorfzaun zurück. Sein Gast blickte betreten vor sich hin. Wie konnte er Worte des Mitgefühls, des Bedauerns finden, da er keine Ahnung von den Verhältnissen hatte. Und sich still fortbegeben, den leidenden Mann seinem Schmerze überlassen, konnte er doch nicht, wenn es diesem, der sonst so zurückhaltend war, vielleicht angenehm gewesen wäre, zu sprechen. Doch Dorfzaun hatte sich schon wieder ausgerafft. „Verzeihen Sie, es kommt heute zu vieles zusammen, was mir meine sonstige Selbstbeherrschung geraubt hat. Ich behellige nicht ^ern andere mit meinem traurigen Schicksale. Doch nachdem ich Ihnen diese Andeutung gemacht, ist es wohl am besten, ich erzähle Ihnen alles." „Sie wiffen, daß ich Ihr Veitrauen zu würdigen weiß," antwortete der Gast einfach. „Von meinem Jugendleben erzählte ich Ihnen," begann Dorfzaun, daß ich es eigentlich ohne Gefährten und doch mit dem besten, den es geben konnte, dem Vater, sehr glücklich verbracht! Erft allmählich lernte ich es auf der Universität, Freude am Verkehr mit Altersgenossen zu finden. Das gemeinschaftliche Streben, die Freude an der gemeinsamen Arbeit, führte mich näher mit Studenten zusammendoch Persönliches trat meist zurück. In meiner Jugendzeit war es gerade bei Medizinern sehr selten, daß sie den Gesetzen ihrer Väter treu blieben. Ich will gerecht sein, es war auch schwerer für pe als heute. Ihre Väter „lernten" vielleicht noch, aber waren schon angekränkelt von der Zeiten Bläffe, der Reformbeweungsogenannte moderne Begriffe, die nicht veraut waren, waren ihre geistige Nahrung von Jugend auf. Nur wenige Lehrer waren imstande, ihren Zöglingen zu weisen, daß das moderne Wissen, die moderne Humanität ihren höchsten Ausdruck in der „veralteten" Thora fand. Jugend läßt gern Schranken fallen, sie stürmt gern uneingeengt geistig aber auch physisch vorwärts, das Gebot des Schabbos und die Speisegesetze fielen rasch, manches andere folgte. Ich war ja glücklicher daran und hatte meinen Halt vom Hause mitgebracht. Allmählich gelang es »nir doch, einige Kollegen zu finden, mit denen ich auch in religiöser Hinsicht harmoniertewir fanden uns im Studium der Thora zusammen. Dann kamen damals auch die Schriften des Mannes heraus, der wohl mit Recht als Retter der Jugend bezeichnet wir-, ich meine natürlich S. R. Hirsch. An seinen herrlichen Worten stärkten' wir uns. Weggeweht waren die modernen Schlagworte von der hinreißenden Gewalt seiner Ueberzeugung. Es war damals wie es heute ist: wer S. R. Hirsch erfaßt, der ist und bleibt Jehudi

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