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Der Israelit · 1909-04-05 · Heft 14 (5.4.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 14 (5.4.1909)
Date
1909-04-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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und Nachrichten. orrefpondenzen Dentsthr» MeUH. Berlin, 1. April. Nach einer Depesche an den Berliner Lokal-Anzeiger aus Teheran vom 29. März seien in Kermanschah in Persien infolge eines Raufhandels zwischen einem Juden und einem Muselmann ernste Unruhen ausgebrochen, in deren Verlaufe viele jüdische Häuser von der erregten Menge ausgeplündert wurden. Nähere Berichte über die Ausschreitungen fehlen noch. Straß bürg, 29. März. Am Samstag, 27. d. M, fand im Saale des „Grand Hotel Stadt Paris" eine öffentliche Versammlung statt, in welcher Rechtsanwalt Dr. Ed. Dreyfuß aus Mülhausen über das Thema „Die Reorganisation der israelitischen Kultusverfaffung" referierte und ungefähr folgendes ausführte: „Tie ganze Bewegung richtet sich nur gegen die veraltete Konsistorialveriossung von 1808, 1828, 1844, 1850 usw., die man unserer modernen Zeit anpassen soll. Im Jahre 1902 ging bereits von Mülhausen eine Bewegung aus, oie aber im Tande verlief, da die 250 Israeliten, die die Denkschrift an die Regierung tür eine Reorganisation d.-r Kultusverfassung unterzeichnet hatten, merkwürdigerweise auch eine Gegenschrift Unterzeichneten. Straßburg könnte ja zufrieden lein, Denn Strasburg ist der Sitz des nnterelsässischen Konsistoriums. Mülhausen aber, mit seiner Syuagogengemeind: von 600 jüdischen Steuerzahlern und'einem ^ahresbudget von 46,500 Mk., ist der kleineren Gemeinoe Colmar von kaum 200—300 jüdischen Steuerzahlern als Konsistorialplatz unterstellt. Colmar darf vier weltliche Mitglieder neben dem Oberrabbiner von Colmar zum Konsistorium stellen, der ganze große Bezirk Oberelfaß mit den 600 Mülhauser jüdischen Steuerzahlern aber nur zwei! Und in Altkirch wurde weder die Gemeinde noch auch mir der Borstand wegen oes neuen Rabbiners befragt, man setzte den Altkircher Israeliten einfach einen Rabbiner hin! In Sierentz ist seit Jahren Streit in der Gemeinde, kein Gottesdienst findet statt, die Gemeinde will ja nichts meyr als ihren Vorstand wählen, und das verweigert ihr das. oberelsässische Konsistorium! In Thann kam es so weit, daß die Synagogengc- 'WUT WMM . Ktm Aitstrvss bringen wußte! In Hirsingen mußte die Gemeinde durch die politischen Behörden und das Gericht sich Recht verschaffen! In Colmar steht die Konsiftorialgemeinde ohne Vorstand, und zur Krönung des Ganzen hat das Konsistorium des Oberelsaß den Vorstand der israelitischen Gemeinde in Mülhausen aufges ordert, in ihr Wohltätigkeitstableau, welches bei öeit freiwilligen Thoraspenden aufliegt, auch noch zwei Anstalten einzustellen. Ter Vorstand aber, der des Guten nicht allzuviel tun will, um sich nicht selbst zu schaden, soll vom Konsistorium des Oberelsaß eine Rüge erhalten und gezwungen werden, zu gehorchen. Die Straßburger sind mit ihrem Konsistorium besser daran. Im Unterelsaß dürfen die Gemeinden ihre Vorstände wählen, bei der Anstellung von Rabbinern und Kantoren hat in letzter Zeit auch mehr Selbständigkeit in den Gemeinden geherrscht und das unterelsässische Konsistorium hat sich mehr auf die Bestätigung der von den Vorständen vorgeschlagenen Beamten gelegt, als auf die direkte Ernennung. Alber immerhin hat auch das unterelsässische Konsistorium keine direkten Beziehungen zu den Genieinden. Nehmen wir z. B. die zweitgrößte unterelsässische Gemeinde Hagenau? Das Budget wird von Straßburg bestimmt; es wird den Hagenauer Steuerzahlern vorgelegt. Wenn das Gesetz so bestimmt, dürfen die Konsistorialmitglieder nicht anders handeln, und wenn das unterelsässische Konsistorium den Gemeinden mehr Freiheit gewährt, so tut es das aus aus eigenem Antrieb. Gesetzlich kann es niemand dazu zwingeru" Der Referent schlug dann folgende Resolution vor: „Die Unterzeichneten geben hiermit ihrer Ueberzeugung Alusdruck, daß die bestehende Verfassung des israelitischen Kultus einer grundsätzlichen Münderung dringend bedarf, und daß diese Mänderung in der Richtung vorgenommen werden muß, daß den Kultusgemeinden die größtmögliche Selbständigkeit gegeben und die gesamte Kultusverwaltung in eine oberste Behörde zusammengefaßt werden soll." Die Klagen des Herrn Dr. Dreyfuß über die Mängel der jetzigen Verfassung sind berechtigt.. Da er aber merkwürdigerweise alles Heil von einer oberen Behörde erwartet, so wissen sich die Wenigsten mit seinen Vorschlägen einverstanden. Das zeigte sich auch bei der Diskussion, in deren Verlaufe besonders Herr A. Dur lach den Ausführungen des Redners scharf entgegentrat. Zu einer Abstimmung über die Resolution kam es nicht. S«h«»er,. Lengnau 30. März. Auf die Korrespondenz ans Baden in der Schweiz in No. 12 des „Israelit »,^inIwelcher auch von den Gemeinden Endingen und Lengnau die Rede war, erhalten wir eine Zuschrift des Vorstandes der jüdischen Gemeinde Lengnau, in welcher die Meldung von einem Anträge des Vorsitzenden, Herrn Moses Guggenheim, auf Auflösung der Gemeinde entschieden dementiert wird. Wie Endingen so erfreue sich auch die jüdische Gemeinde in Jtsche ging zum Rabbiner, der sollte ihm einen Rat in seinem großen Unglücke gewähren. Wer der Rabbiner wußte ihm weiter nichts zu sagen, als daß er nicht nötig habe, den Branntwein auslaufen zu lassen, er solle ihn nur öffentlich als herrenloses Gut erklären, was dann weiter geschehe, müsse er dem Allweisen überlassen. Jtsche tat, wie ihm der Rabbiner geheißen. Ein Gensdarrn erhielt einen Rubel, dafür mußte er mit einer Schelle im Dorfe von Straße zu Straße herumgehen und ausrufen, daß der Branntwein des Juden Jtsche nicht mehr ihm gehöre, indem dieser ihn zum herrenlosen Gut" erklärt habe, jeder also, der zuerst käme, könne sich den Schnaps aneignen. Wie sperrten da die Bauern Maul und Nase auf, so etwas war ihnen in ihrem Leben noch nicht vorgekommen, Schnaps ohne Ende und ohne Geld, das war ja der Himmel auf Erden. Schaarenweise strömten sie nach den Kellereien Jtsches und bereits berauschten sie sich im Vorgefühle des Genusses. Unterdessen kam Jtsche nach Hause traurig und ohne Hoffnung auf Rettung, .seine .Gattin und seine einzige Tochter suchten ihn zu trösten. Der Vater aber wollte sich nicht trösten lassen, er machte im Gegenteil der Tochter noch Vorwürfe. „Hättest Du Abraham genommen, so wäre ich doch der Sorge um Deine Verheiratung ledig, heute da Du ein armes Mädchen bist, wirst Du viel schwerer einen Gatten finden." „Mache Dir meinetwegen keine Sorgen, Vater," sprach Bela,. „liebt Wraham mich wirklich, so wird er Mich auch nehmen, nun da wir unser Vermögen verloren, wollte er mich nur meines Geldes halber, so ist es gut, baß es so gekommen, denn ich wäre dann nicht glücklich mit ihm geworden." Da öffnete sich die Türe und Abraham erschien auf der Schwelle. „Geliebtes Mädchen," sprach er, „ich habe zu meinem Schrecken gehört, welch Unglück Euch betroffen, aber für mich ists gewiß ein Glück, denn jetzt kannst Du mich nicht mehr in Verdacht haben, daß meine Liebe unlauteren Motiven entspringt; werde die Meine, mein Lederhandel ist imstande, eine Familie reichlich zu ernähren, ich verlange von Deinen Eltern auch nicht eine Kopeke." Auf das tiefste gerührt gaben die Eltern die beiden zusammen, ein Lichtstrahl, der durch die düsteren Wolken brach. Aber es sollte noch Heller werden. Freunde und Bekannte aus dem Dorfe erschienen. „Denkt Euch," riesen sie, „als die Bauern an den Kellereien angekommen waren, standen bewaffnete Leibeigne des Fürsten vor den Toren und vertrieben jeden, der es wagen wollte, näher zu treten. Sie erklärten, der Fürst habe höchstselbst von dem herrenlosen Gute Besitz ergriffen, der gesamte vorrätige Branntwein gehöre ihm, wer sich nicht aus der Stelle nach Hause schere, bekäme die Nageikä zu spüren. Stumm sah Jtsche.Frau, Tochter und zukünftigen Schwiegersohn an, er konnte sich das Rätsel nicht erklären. Wollte der Fürst ihn auf diese Weise um sein Vermögen bringen? Er konnte nicht daran glauben. Während sie so den neuen Fall bedachten, da rollte auch schon die mit vier schwarzen Hengsten bespannte Equipage des Fürsten heran und der Fürst erschien innntten der staunenden Gesellschaft. „Jtsche, mein.Freund," sprach er, „Du hast die Probe, die ich Dir auferlegt, gut bestanden, ich glaubte nicht an die Aufrichtigkeit Eurer Frömmigkeit und das Verkaufen des Chomez hielt ich für eine Urngehung Eures Gesetzes, das Ihr bei dem geringsten Anlaß über Bord werfet. Heute habe ich mich davon überzeugt, wie ernst es Euch mit Eurem Glauben ist, seid versichert, Ihr werdet von mir niemals mehr Letl-gna« ekn«? -urchaüs gesmröenmtd pÄMch anerkannten Gemeinde- und Armenwesens. An eine Auflösung der Gemeinde sei nie ernstlich gedacht worden. Wir nehmen mit Befriedigung von der Berichtigung Notiz, die im übrigen die anerkennenden Worte, die auch unser Berichterstatter für die Opferfreudigkeit der Gemeinde Lengnau hatte, nur bestätigt. Oesterreirp. Jüdifdie Referoifien. Sarajewo, 28. März. Die Kriegsgefahr, welche über der österreichischungarischen Monarchie bis in die letzten Tage geschwebt, hatte die Einberufung zahlreicher Reservisten zur Waffenübung zur Folge. Die Einberufenen wurden zumeist nach Bosnien und die Herzegowina kommandiert. Unter den Einberufenen befinden sich nach halbamtlicher Schätzung 'zumindest 12000jüdischeSoldaten zum guten Teile verheiratete Reservisten, Familienväter, die Weib und Kind zurücklaffen mußten. Es muß hierbei sestgestellt werden, daß in alle die antimilitaristischen Bewegungen, welche in jüngster Zeit besonders in Böhmen ihren Sitz hatten und der Regierung inmitten der größten internattonalen Spannung nicht geringe Sorge verursachten, kein Jude verwickelt war. Es soll auch konstattert werden, daß unter den verschiedenen Fällen von Selbstverstümmelung und Flucht aus Angst vor dem Kriege, kein einziger Fall bekannt wurde, in dem es sich um einen Juden gehandelt hätte. Gleich zu Beginn der größeren Truppen-Borschiebungen wurde im Präsidium des israelitischen Gemeindebundes die Frage der Schaffung eines Hilfsfonds für die Familien der eingerückten Reservisten ventiliert und die Vorbereitungen getroffen, um im Kriegsfälle hilfsbereit in Aktion treten zu können. Mit Rücksicht daraus, daß sich unter den eingerückten Soldaten zahlreiche gesetzestreue Juden aus Galizien und Ungarn befinden, die während der Peffachtage die größten Entbehrungen dem Chamezgenuffe vorzuziehen entschloffen find, besaßt sich gegenwärtig der Gemeindebund mit der Frage der rituellen Verköstigung der jüdischen Soldaten in Bosnien während der Peffachtage. Die überaus großen Terrain- und Verkehrsschwierigkeitw im fraglichen Gebiete legen allerdings der Durchführung dieses Vorhabens sehr große Hindernisse in den Weg. An einer Analogie für eine Maffenversorgung jüdischer Soldaten mit Mazzos im Kriegsfälle fehlt es übrigens nicht. Bekanntlich wurde anläßlich des russisch-japanischen Krieges, in welchem 400W jüdische Soldaten in der Front standen, ein ganzer Msenbahnzug mit Mazzos in die Mandschurei befördert. Allerdings hat dieser Zug, wie noch erinnerlich, sein Ziel in dieser Beziehung belästigt werden. Der Branntwein gehört allerdings jetzt mir, aber nach Euren Ostern werde ich ihn Euch zu einem Preise' anbieten, den Ihr gewiß erschwingen könnt. Und die Ziegelei, für die Du mir das schlechte Angebot gemacht hast und mit der Du Deine Brennerei erweitern willst, Du sollst sie jetzt zu dem gebotenen Preise haben und dies hier ist ja wohl der zukünftige Herr Schwiegersohn, er kann gleich nach den Feiertagen den Umbau leiten." Abends beim Seder erschien nochmals der Fürst, um sich an dem Glücke seiner Schützlinge zu weiden, Jtsche erklärte ihm den Vers: „Bechol daur wodaur omdim olenu l'chalausenu, awol Hakodcmsch boruch hu nrazilenu mijodom." 33 3 4 4 •v! .Ä I ...tz $ 4 ‘i .% ’i lAnstärrdige Russe« »erden gesucht.^ Aus Petersburg wird der „N. I. K." geschrieben: „Der Rat des Verbandes der echt-russischen Leute hat ein Zirkular an alle Abteilungen erlassen, in dem gesagt wird, die Vorstände der lokalen Gruppen sollten bei der Begründung der Kampfabteilungen nnt besonderer Vorsicht Vorgehen. Man sollte nur Mitglieder aus den besseren und gebildeteren Kreisen heranziehen, da sich bis jetzt an den Kampfabteilungen meistens nur solche Personen beteiligt hätten, die den Namen des Verbandes diskreditierten." — Man kann dem Verband $u der endlichen Erkenntnis von der Qualität der Mehrzahl seiner Mitglieder nur Glück wünschen und es ist zu hoffen, daß aus besseren und gebildeteren Kreisen, an die der Verband sich jetzt wendet, der Zulaus nicht so beträchtlich fein wird. i •'i# rJ». ■St

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