Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1909)
- Date
- 1909-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449366--65404-2508041- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Alu-1 ^JVIRUIU Hamburg, 23. Mä«. Die neue vom Senat genehmigte und vom Vorstand der Deutch- Israelitischen Gemeinde in Gemeinschaft mit dem Repräsentantenkollegium beschlossene neue ( meindeverfaffung gelangt jetzt zum Versand an die Gemeindemitglieder. Von den früheren, im Jahre 1866 zuletzt revidierten Statuten weichen die neueren insofern ab, als das Statut auch die Gründung anderer Verbände wie Synagogen- und Tempelverband zuläßt. Allerdings bedarf diese Zulassung der Genehmigung des Vorstandes und des Repräsentantenkollegiums und darf diese nur dann erteilt werden, falls wenigstens dreihundert Gemeindesteuer zahlende Gemeindemitglieder dem Verbände angehören. Neu ist auch die Errichtung einer Kommission ftir das Wohlfahrtswesen, deren Zweck es ist, neben selbstgeübter Tätigkeit auf die Stiftungen, Anstalten und gemeinnützigen Vereine fördernden Einfluß auszuüben sowie auch die Verallgemeinerung und den Austausch sachlich wichtiger Erfahrungen unter ihnen herbeizuführen. Den Anforderungen der Neuzeit entspricht auch die Bestimmung, daß in die Kommissionen für Armenwesen und für Wohlfahrtswesen sowie in den Vorstand der Israelitischen Töchterschule auch weibliche Gemeindemitglieder gewählt werden können. Die Aufnahme dieses Passus ist hauptsächlich der Anregung des verstorbenen Herrn Gustav Tuch zu verdanken. Rußland. Lublin, 25. März. Im Glasgeschäft von H. Reiner wünschte vorigen Donnerstag eine Christin einige Teller zu kaufen. Die ihr gezeigte Ware gefiel ihr nicht und es wurde ihr vorgeschlagen, sich nach dem im Keller befindlichen Lager zu begeben, um dort die ihr zusagende Ware auszusuchen. Die Käuferin erwiderte, sie wolle in den Keller nicht hinuntergehen und verließ gleich das Geschäft. Sie begab sich zur Polizei und erklärte dort, die Juden hätten sie in den Keller schleppen wollen, um sie daselbst zu töten und ihr Blut zum Peffachfest zu gebrauchen. Die Polizei machte darauf in Reiners Geschäft eine strenge Untersuchung und fand da natürlich nichts Verdächtiges. Der Vorfall hat aber gleichwohl in der hiesigen Bevölkerung große Aufregung hervorgerufen. Finnland. Sum Sdiädifoerbof. Helsing fors, 29. März. Das Schächtverbot kam, wie bereits kurz mitgeteilt, völlig überraschend, niemand war darauf vorbereitet. Die finnländischen Juden waren der festen Ueberzeugung, daß, nachdem der Generalgouverneur und der Ministerrat sich zu Gunsten des Schächtens ausgesprochen hatten, dagegen nichts mehr auszurichten sein werde. Die Sache kam aber anders. Die Anstifterin der ganzen Hetze gegen das Schächten, Fräulein Konow, ruhte nicht, sie ging nach Petersburg, besuchte die Großfürsten, bis es ihr endlich gelang, ihren Plan durchzusetzen. Diese plötzliche Wendung hat auf die hiesigen Juden, wie der Hereinbruch einer Katastrophe gewirkt. Sollte es ihnen nicht gelingen, dies Verbot in Petersburg rückgängig zu machen, so stehen sie vor der Unmöglichkeit Fleisch zu genießen. Die Einfuhr koscheren Fleisches aus Rußland ist wegen der in Rußland herrschenden Cholera-Epidemie gleichfalls unmöglich und etwa das Verbot zu umgehen, und im Geheimen zu schlachten, ist völlig ausgeschlossen, da die Juden jetzt strenge überwacht werden. Das Schächtverbot berührt die Juden Finnlands umso schmerzlicher, als es unmittelbar nach der Veröffentlichung des Gesetzentwurfes über die Rechtsgleichheit der Juden erfolgt, ist. Dies dünkt ihnen jetzt wie beißender Hohn. Die Juden wissen es nämlich genau so gut, wie die Schweden und Finnen, daß nicht die Liebe zu den Tieren der Beweggrund für da- Schächtverbot war. Auch der Senat ist nicht im Zwelfel darüber, daß die christlichen Gemeinden und Der eine in den Dörfern und Städten, die sich gegen das Schächten ausgesprochen hatten,. auch nicht die leiseste Ahnung von der Frage, um die es sich handelt, haben. Dem Senat ist es genau bekannt, daß Fräulein Konow in ihren Wan der Vorträgen gegen das Schächten der Bolksmasse als wichtiges Argument erzählte, daß das Schächtverbot das einzige wirksame Mittel sei, die Juden abzuhalten, „das Land zu erobern". Und der Senat stellte sich ganz einfach auf den Standpunkt, daß er den „Volkswillen respektieren müffe und daß diese Angelegenheit" seiner Meinunc nach mit der Gleichberechtigung der Juden nichts zu tun habe." 'Wie die Sache schließlich enden wird, kann heute nicht gesagt werden. Die finnländischen Juden, die im Allgemeinen strengreligiös sind, sind jedoch fest entschlossen, gegen diesen neuen Angriff auf ihre Religion mit allen Mitteln zu kämpfen, ohne Rücksicht, ob sie dadurch den Zorn der Bevölkerung und des Senats auf sich laden, ja selbst, wenn sie dadurch die geplante Erweiterung ihrer bürgerlichen Rechte in Frage stellen. In Petersburg hat sich bereits ein Komitee angesehener jüdischer Männer gebildet, um über die nötigen Schritte zur Zurückziehung des Verbotes zu beraten. England. JCOLand. London, 28. März. Die Leitung der „Jto" kündigt nunmehr für die nächsten Tage das Erscheinen eines Berichtes über die von ihr ausgesandte Forschungs-Expedition zur Erkundung eines geeigneten Niederlasfungsgebietes an. Da mit wird das Geheimnis gelüstet, das bisher über dem von der Jto ausersehenen Lande schwebte. Es ist C y r e n a i c a, die in der alten Geschichte berühmte Halbinsel am östlichen Rande von T ri p o l i s. Die Hauptstadt Cyrenaicas, das alte C y r e n e, ist heutzutage am bekanntesten als die Heimat der alt-griechischen Philosophen- Schule der Cyrenaicer, jener Vorgänger der Epikuräer, welche die Erzielung der größten Lust als höchstes sittliches Gut priesen. Cyrenaica kam nach dem Verfall des griechisch-macedonischen Weltreiches in den Besitz der Ptolemäer und wurde dann auch von einer zahlreichen jüdischen Gemeinde besiedelt. Inzwischen ist Cyrenaica im Dunkel der Geschichte untergetaucht. Aber es hat nicht nur seine glorreichen geschichtlichen Erinnerungen in Gestalt von Ruinen und Reliquien bewahrt, sondern auch seine alte Fruchtbarkeit und seine landwirtschaftlichen Reize. Wir werden über das Ergebnis der Forschungs-Expedition, welche unter Leitung des General-Gouverneurs von Tripolis, Rejeb Pascha, arbeitete, noch ausführlicher berichten. Türkei. Iricht am) Schaffen. (Bon unserem Korrespondenten.) Konstantinopel 27. März. In der letzten Woche machte Herr Chajim Na'oum vorschriftsgemäß seine Antrittsbesuche bei dem Großvezier, den anderen Ministern und dem Präsidenten der Kammer Ahmed Risa Bey. Bei dieser Gelegenheit äußerte sich der Großvezier Hilmi Pascha über die Juden wie folgt: „Unter allen E ementen deS ottomanifchen Reichezeichnet sich die edle jüdische Nation sowohl hinstchtlich ihrer Intelligenz wie ihrer Regierungstreue besonders auS. Dank ihrer Liebe zur Wissenschaft und ihrer Fähig feit zum Handel nimmt fie bei uns den ersten Rang ein. Die treue jüdische Nation har stets mit der großen muselmanischen Nation in Eintracht wie ein Körper, eine Seele gelebt, und wir hoffen, daß die Juden unserem Vaterlande auch in der Zukunft große Dienste leisten werden." Eine weite Perspektive stellte der Kammerpräsident Ahmed Risa Bey den Juden in Aussicht: „Dle Türk, n sind immer gegen die Juden tolerant gewesen. Wir liebten die jüdische Nation wegen ihrer - ffei-bure > Intelligenz, ihrer großen Akltvitat, ihres Polt iotismuS und ihrer ausgesprochenen L ebe zu dem Ottomanenvolke. Jetzt, da wir unter einer konstitutiv Zellen'Regierung leben, ist zu erwarten, daß die Juden, die in Rußland, und Runränien io hart verfolgt werden, in großen Maffen zu uns herüberkommen. Unser Vaterland ist groß genug und wir werden sie mit offenen Armen empfangen. Wir kennen die Solonisationsbestrebungen der phiigntrophischen jüdischen Gesellschaften und wir werden fie unterstützen. Bei uns werden die Juden frei ihrer Relt ion leben rönnen, ohne Furcht, vei folgt zu werden." So schmeichelhaft auch diese Aeußerungen für die Juden klingen, so ist man in Konstantinopel mit den Audienzen des Herrn Nahoum, die so viel Ausgaben verursachten, nicht zufrieden. Nichts geschieht, um der großen Not zu steuern, in der sich unsere Armen hier befinden. Auf der Straße werden Lobhymnen auf die Alliance und den Großrabbiner feilgeboten — in denen eine baldige „Reform des türischen Judentums" unter dem „Gelehrten Rabbin" geweisagt wird, und tatsächlich lockern sich die religiösen Bande immer mehr. Die Gabella ist ruiniert und das Rabbinat ist zu schwach, um der Willkür der Fleischer Einhalt zu gebieten. Auch wird zum ersten Male in Konstantinopel Mazzoth ohne Rabbinatsaufsicht gebacken und vertust In Hasky hat ein Jude sich erlaubt, eine zweite Frau zu heiraten, ohne sich von der ersten gesetzlich zu scheiden, und es fand sich auch einer, der die f'trnp gab. Das ging jedoch zu weit. Unter Approbation des Großrabbiners griff nun das n'2 zu der strengen Maßregel des Bin gegen diese Familie, der folgenden Wortlaut hat: ..Nachdem der genannte Israel Zivilta, der mit seiner Ehegattin ^jOtp'7 WO 71*72 verheiratet ist, es gewagt hat eine zweite Frau 712 HD2"1 zu heiraten — der j'feTH'p “HDIS war QH3 SD"l' — so geben wir in Ueberctnstimmung mit dem Großrabbiner b.kannt, baß dieser np2“11 sowie der genannte 21V 2? nicht nrehr als Juden zu betrachten find und daß niemand fie zum Sohlen darf: denn fie find fHyö 0^*7210 btCW' Im Falle des Todes darf kein Jude die Hand zu ihrer Bestattung bieten und im Falle der Geburt darf keine Beschneidung vorgenommen werden. Es geschieht dies, weil diese sich unserem Gesetze nicht gefügt habn. Wir find wohl überzeugt, daß '"32718 sich unserer Borschrnt fügen werden. (Siegel des Meglig Ruchani.) (Siegel deS Großrabbiners.) Warum wird nicht die gleiche Maßregel^ gegen dasjenige Mitglied des Meglig Gaschmi ergriffen, das mit einer Griechin in Zivilehe lebt? Warum .. . .? Warum? — Amerika. New-Aork, 19. März. Am 14. März, wie auch an den drei folgenden Tagen, fand hier die Einweihung des neuen Talmud-Tora-Gebäudes in der 111. Straße, Hartem, statt. Es ist ein herrlicher Bau mit 21 Klassenzimmern, Synagoge und Versammlungshallen und hat etwa Cf'tT. 200.000 gekostet. 3000 Kinder werden hier gründlichen Unterricht in jüdischer Religion und den hebräischen Fächern, im religiösen Geiste, erhalten. Bei der Einweihnngsfeier fielen Spenden in Höhe von Lstr. 15.000. Unter den Rednern befanden sich die Rabbiner Margolies, Drachman und Golubowsky, die Herren Jacob H. Schiff, Adolph Leoisohn und R. T. Phillips. vermkcdtrs. Berlin, 11. März. Seiner Tätigkeit als Fortbildungsschullehrer vorläufig enthoben wurde der Gemetndechullehrer Holz. In der letzten Sitzung der Stadtverordneten hatte der sozialdemokraeische Stadtverordnete Hoffmann Einzelheiten aus der Methode berichtet, in der Öerr Holz über Bürgerkunde unterrichtet haben soll. Er ollte sich danach als ausgesprochener Antisemit gezeigt haben. Die vom Stadtschulrat Michaelis in jener Sitzung in Aussicht gesteute Untersuchung hat bereits stattgefunden. Ihr Ergebnis war, wie der Schulrat mittetlt, ein für den Beschuldigten wesentlich günstigeres. Wenn dennoch seine vorläufige Enthebung von der Schulverwaltung beschlossen wurde, so ist dies deshalb geschehen, weil er eine Arbeit mit „fast gut" bezeichnet hatte, in der der Satz vorkam- „die Verwaltung der Stadt Berlin ist die denkbar schlechteste, und der Grund hierfür ist darin zu suchen, baß in der Stadtverwaltung meist BaterlanbSverräter fitzen, welche die Antisemiten nicht zu Worte kommen lassen." Hamburg, 18. März. Einer großen Butterpanscheret ist die hiefige Polizei auf die Spur gekommen.