Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1909)
- Date
- 1909-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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etraHttmtz" an,den Ehaul Ha maned und Neu mondstagen gar «eine volle Stunde" widmet und „acht Tage hindurch dasselbe „Jale we jowau und Mufsafgebet" sagt! Wird es ihm nicht wahres Herzensbedürfnis sein, dem seine Altvordern in weiser Voraussicht Rechnung getragen, noch ehe sie seine Mühen und Plagen im modernen Wirtschaftsleben gekannt? Wird er nicht gar an jedem Halbfesttage, der die Werktätigkeit gestattet, diejes „Jale we jowau" und Mussafgebet mit erhöhter Inbrunst beten, sich mit seiner ganzen Persönlichkeit, seinem Wirken und Schaffen seinem Schöpfer unterstellend? Und wenn er an diesen acht Festtagen dem heiligen Wort der göttlichen Lehre tauscht, die ihm Führerin und Lebensgestalterin ist, liegt denn darin eine Monotonie? Oder bietet ein solcher wahrer Festgottesdienst in seiner Schlichtheit etwa „den Ruin des ganzen Festes!" Vermag er uns nicht vielmehr jener hohen Lebensauffassung näher zu bringen, die das reale Erwerbsleben allein ohne den göttlich-ewigen Leitstern vor Augen, schal und öde findet/ vermag er uns nicht eher ein solches Lebensideal zu erhalten, als die imposanten Orgelklänge und minutiös einstudierten Lieder eines aus Juden und Christen zusammengesetzten Ct'vres, deffen Mitglieder sicherlich nur den. Augenblick des Schlußzeichens abwarten, um von dort aus für dasselbe Geld dieselben Lieder in lateinischem, also ihnen wahrscheinlich ebenso unverständlichem Text wie es der hebräische ist, zum Lobe irgend einer anderen als Gott oder Heiligen verehrten Gottheit zu singen? Gerade das, was als „abgestanden" uno als Ruin des Festtages" bezeichnet wird, gerade das ist die Kraft des Judentums! Die tägliche Erneuerung seines Bundes mit seinem Gotte stählt den Juden gegen die Mühen des Tages, macht ihn zu einem unbezwingbaren roober de bronce in den Sturmfluten des Widerstreits um die moderne Weltanschauung. Wenn daher an anderer Stelle die Aufhebung des täglichen Gottesdienstes gefordert wird, weil ein „öffentlicher Gottesdienst an einem Tage der Woche vollständig ausreicht", so beweist der Herr Reformator hiermit, wie wenig er in das eigentliche Wesen des Judentums eingedrungen ist. (Schluß folgt.) 7 HT 93(2* * LDf*. und orrespondenzen achrichten. getttjvtree Jftrtdr. E. B. Berlin, 20. März Die hiesige jüdische Gemeinde hat einen schweren Verlust zu verzeichnen. An den Folgen einer Operation, die durch einen Unfall notwendig geworden war, starb gestern im Alter von 45 Jahren der stellvertretende Vorsitzende ihres Vorstandes, Justizrath Dr. Edmund Lachmann. Der Verstorbene galt als der kommende Mann für den ersten Borstandssitz und brachte für dieses Amt auch eine ungewöhnliche Tatkraft, Geschäftsgewandheit und schnelle Auffassungsgabe, selbst für verwickelte Berwaltungsfragen mit. Dem Hilfsverein der deutschen Juden gehörte er als Mitglied des Central-Comites und der Jca als Vertreter der Berliner Gemeinde an.. Wie Eingeweihte versichern, war es seinem Einflüsse zu danken, wenn sich die Sympathien der Jca mehr und mehr der Palästina-Sache zuwandten. Es wird der jüdischen Gemeinde nicht leicht fallen, Ersatz für den Dahingeschiedenen zu finden. Die tiaupiDerfammlung 9es Bülfsoereins. (Bon unferm Korrespondenten) E. B. B erlin, 28. MäiH. Der „Hilfsverein der deutschen Juden" hielt heute seine gut besuchte, ordentliche' General-Versammlung ab. Bor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende Herr JamesSimonderim abgelaufenen Jahre durch den Tod abberufenen Mitglieder des Zentral-Komitees, der Herren Charles M. Hallgarten- ~ rankfurt a. M., Kommerzienrat Paul Wen d erankfurt a.O. und Justizrat E. Lachmannlerlin, zu deren Ehren die Versammlung sich erhob. — Zum Geschäftsberichte, der in den nächsten Tagen im Drucke fertig vorliegen wird, und auS dem — eine dankenswerte Neuerung — ein kurzer gedruckter Ausdruck den Teilnehmern an der Versammlung überreicht wurde, führte Herr James Simon sodann folgendes aus: Die Mitgliederzahl hat sich wieder bedeutend vermehrt und bereits die Zahl von 20000 überstiegen. Die regelmäßigen Einnahmen haben sich von 98000 Mk. im Berichtsjahre auf 138 000 Mk. erhöht und in diesem Jahre bereits 151000 Mk. erreicht. Die Summe der in den ersten 6 Jahren seines Bestehens von dem Hilfsverein für seine humanitären Bestrebungen verausgabten Geldes beträgt nicht weniger als 3.770 375.41 Mk.,' davon für Auswanderungszwecke mehr als V/t Millionen Mark. Der Hilfsverein zählt jetzt an 683 Orten Mitglieder und Vertrauensmänner gegen 638 im Vorjahre. Die Propagandatätigkeit hat sich über Deutschland hinaus auf Rußland, die Schweiz und Amerika erstreckt und in den Herren S. B erg e l, Dr. W i l b u r s k y und Dr. Schm. Lewin geschickte Vertreter gefunden. Dem Letztgenannten ist es vor allem gelungen, das Interesse tatkräftiger Kreise in den Bereinigten Staaten für das Technische Institut in Haifa aufzurufen. An Zuwendungen hatte der Hilfsverein zu verzeichnen: aus dem Nachlasse der am 11. Juni 1908 in Berlin verstorbenen Frau Prof. Bernstein 20000 Mk.,' Herr M. K a r p a s in Jnkaterinoslaw stellte 5000 Rubel für Stipendiaten des Technikums in Haifa zur Verfügung, Herr und Frau Wilh. Lippmann in Nikolai spendtten 10000 Mk., Herr Prof L o e w y in Freiburg in B. 500 Mk.) aus dem Hallgartens chen Nachlasse erhielt der Verein 5000 Mk., von Herr Bleichröder in Hamburg 3000 Mk., von Herrn H e i n em a n n in Hamburg letztwillig 750 Mk., von der Jakob Plaut-Stiftung 7500 Mk.- von der Großloge für Deutschland 5000 Mk. zur Verwendung für Galizien, aus der Baro nin v. Cohn-Oppenheimer-Stiftung 1000Mk.- für den Seminarbau in Jerusalem spendete Herr James Simon 8000 Mk., Herr Dr. Nathan 4000 Mk. und Herr Generalkonsul E. Landau 2400 Mk. Endlich stellte Herr Jam es Simon zur Herausgabe von Jugendschriften für die Kinder im Orient 3000 Mk. vorläufig zur Verfügung. — Neben der kulturellen Tätigkeit entfaltete der Hilfsverein für die wirtschaftliche Verbesserung der ärmeren Telle der Judenheit eine ausgezeichnete Tätigkeit. In Galizien wurde gemeinsam mit dem Wiener Hilfsverein und der Großloge für Deutschland die Hausindustrie weiter tatkräftig gefördert mit dem Ergebnis, daß ca. 3100 Arbeitskräfte mit einem Jahresverdienst von 267 846,45 Kr. beschäftigt waren. Dieses Hilfswerk ist um so schwieriger, weil es sich um eine degenerierte, an Arbeit nicht gewohnte BolkSmasse handelt. Für die Opfer der Exeffe und der gewalttätigen Regierungsgepflogenheiten in Rumänien wurden 80000 (Ei« Echtrusfisches Jubiläum.) Der Chefredakteur und Besitzer der „Nowoje Wremja", des fanatischsten russischen Antisemitenblattes, Alexe- Ssergewitsch Ssuworin, hat am 13. d. M. sein 50jähriges Schriftstcllerjubiläum gefeiert. Pvof. Schiemann fallt aus diesem Anlaß in der „Kreuz-Ztg." folgendes vernichtende Urteil über das Blatt: «Die „Nowoje Wremja" ist während der ganzen Dauer ihrer Existenz eines der schädlichsten Blätter yewesen, die Rußland .hervorgebracht hat. Sie hat leden Chauvinismus gefördert, und das ist das einzige Feld, auf dem sie sich treu geblieben ist. Im übrigen schloß sie sich den Strömungen des Augenblicks an. Sie war religiös und national unduldsam, von rücksichtsloser Parteilichkeit, so daß es fast unmöglich war, von ihr die Zurechtstellung falsch berichteter Tatsachen zu erlangen. Aber sie duldete keine Unfähigkeiten am Redaktionstisch, hatte ein Heer von Korrespondenten, stand mit allen Stellen in Verbindung, die ihr Auskünfte schaffen konnten und war schließlich jeder Sensation zugänglich. Zur Vergiftung der deutsch-russischen Beziehungen hat sie mehr üeigetragen, als jede andere russische Zeitung. Wir ba.ben reinen Grund, Herrn Sfuworin Kränze zu flechten." Wir empfehlen diese Charakteristik des russischen Hetzblattes insbesondere jenen deutschen antisemitischen Blättern zur Beachtung, welchen die „Now. Wr." die einzige Quelle ist, aus der sie ihre Schauermären über eine jüdische Revolution in Rußland schöpfen. (Ei«e Ghetto-Bibliothek.) Bor etwa drei Jahren wurde in Brownsville, dem Ghetto-Bezirk von (Groß-) Newyork eine öffentliche Bibliothek errichtet, indem die Stadtbibliothek v on Brooklyn eine kleine, von der Uebrsv Läuostionsl Society unterhaltene Bibliothek ihrem Betrieb angliederte. Diese Bibliothek ist in der kurzen Zeit ihres Bestehens außerordentlich angewachsen; aber nicht das, sondern die Eigenart ihrer Benutzer ist es, was ihr ein besonderes Interesse sichert. Brownsville unterscheidet sich nämlich von den übrigen jüdischen Bezirken Newhorks dadurch, daß es eine fast ganz einheitliche Bevölkerung besitzt. Während in der übrigen „Ostseite" von Manhattan russische, polnische/ rumänische, litauische Juden u. s. f. durcheinander wohnen, besteht die jüdische Bevölkerung von Brownsville, das zu 98 Prozent von Juden bewohnt ist, ihrerseits zu 99 Prozent aus russischen Juden, sodaß also dort eine fast vollständig geschlossene jüdische Gemeinschaft von nahezu 90,000 Seelen besteht. Sie besitzt ihre eigene Handelskammer und verschiedene Bildungsanftalten, doch war sie bis vor kurzem aus eine kleine Zweigbibliothek angewiesen. In der Art, wie sich die Bevölkerung dieses ihres neuen Bildungs- Mittels zu bemächtigen weiß, zeigen sich, wie der Bibliothekar dieser Anstalt. L. M. Solis Cohen, im Library Journal mitteilt, überaus charakteristische Eigenheiten der zum größten Teil erst seit ganz kurzer Zeit zu Amerikanern gewordenen Einwohner. Während die ältere Generation zumeist nur Bücher der Bibel und des Talmuds liest, sind die Jungen sehr eifrige Benutzer auch der profanen Literatur und zwar in so starkem Maße, daß aut zwei Drittel aller Arbeit der Bibliothek jüngeren Leuten gewidmet werden muß. Die häusigen Umzüge, die in dieser Bevölkerungsschicht Vorkommen, haben ebenso wie die geringe Schonung, mit der sie die entliehenen.Bücher zu behandeln pflegten, das Ausleihen der Bücher anfänglich sehr erschwert, d och ist darin durch die Anwendung geeigneter Maßregeln bald eine Wendung zum Bessern eingetreten, so daß heute etwa 23,000 Bücher monatlich ausgelieben werden können. Die Anweisungen zur Benutzung der Bibliothek werden denjenigen Besuchern, die der englischen Sprache noch nicht mächtig sind, aus Zetteln in russischer oder „jiddischer" Sprache ausgehändigt; ebenso sind für die älteren Bewohner des Bezirks .^einige hundert Bücher in hebräischer, russischer und jiddischer Sprache angeschafst worden. (Ei« Ehrenwort.) Zu den Anekdoten über den Fürsten Mensdorf, die seine Milde und Gerechtigkeit als Statthalter in Polen charakterisieren, gehört auch folgende: In dem Speisesaal eines Krakauer Hotels wurde über ein Stadtereignis debattiert, welches ein jüdischer Handelsmann als Augenzeuge erzählt hatte. „Das' kann nicht sein, bas lst nicht wahr," rief der Rittmeister Graf St. «Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Herr Graf," entgegnete der Handelsmann. „Was unterstehst Du Dich?" rief zornig-höhnisch der Offizier, „woher, Jud', hast Du ein Ehrenwort?"» „Ereifern Sie sich nicht, Herr Graf! Bor fünf Jahren war Ihr Herr Bruder auch hier in Garnison; ich Hab' ihm fünfhmnoert Gulden geborgt, und er hat mir sein Ehrenwort gegeben, daß er das Geld in vierzehn Tagen zurückgeben wird. Ich habe.heute noch sein Ehrenwort, das ich jetzt Ihnen gegeben habe, damit es in Ihrer Familie bleibt." So lustig harte diese Erklärung klingt, so traurig endete sie sur den Juden, der mit einer furchtbaren Tracht Prügel jämmerlich zugerichtet, in die kalte Nacht hinausgeworfen wurde. Als Mensdorf von dem Vorfall Kunde hatte, ließ er den Offizier sofort an einen kleinen Ort versetzen und verweigerte ihm ein ganzes Jahr hindurch jeden Urlaub.