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Der Israelit · 1909-04-01 · Heft 13 (1.4.1909) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 13 (1.4.1909)
Date
1909-04-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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»rfe 4 1. April 1909 D« ♦ft. 18 Lstr. 15.000 fehlen. Die Unterstützungen, die der Board leistete, haben sich gegenüber 1907 im Jahre 1908 etwas ermäßigt, eine Folge der verminderten Einwanderung und der geringeren Kosten für Rückwanderungen. Dagegen bietet das laufende Geschäftsjahr (1908/09) schon wieder ein beträchtlich ungünstigeres Bild, und die Einwanderung ist im starken Wachstum begriffen. Erfreulich ist, daß der Bericht ein wachsendes Verständnis der armen jüdischen Bevölkerung des East End für die Anforderungen der Reinlichkeit und Hygiene zu konstatieren weiß. Es zeigt sich, daß die 50jährige Arbeit des „Board" nach dieser Richtung doch nicht umsonst gewesen ist und daß nach dem Zeugnis der staatlichen Gesundheits- Inspektoren sowohl hinsichtlich der allgemeinen Lebensführung, als auch bei der Einschränkung ansteckender 5krankheiten auf ihren Herd, im East End jetzt bedeuetnd bessere Zustände herrschen als früher. In England wie in Amerika ist man sich der Tatsache sehr wohl bewußt, daß die Quelle für alle Not und alles Elend der East-End und East- Side-Ghetti in Rußland liegt, dem großen Reservoir, aus der dem westlichen Ghettos immer neue Massen Zuströmen. Der Londoner Bericht sagt in dieser Beziehung, daß die letzten Berichte aus. Rußland nicht die geringste Aussicht aus eine Besserung der Lage in der nächsten Zukunft gewähren und daß ungeachtet des Nachlassens der eigentlichen Ausrottungspolitik der Progreme, die 1905 ihren Höhepunkt erreichten, die Zustände doch nach wie vor keinerlei sanguinische Ausblicke in die Zukunft gestatten. So werden denn nach wie vor alle diejenigen Bestrebungen nachhaltig gefördert werden müssen, die, wenn auch in langsamer, mühevoller Arbeit, kleinen Bruchteilen der russischen Judenheit die Rettung aus ihrem sogenannten Vaterlande und eine menschenwürbige Stätte zum Leben schassen wollen. Lieber das Judentum! Uon einen „Laien an einen „Laien. Bon Wilhelm Freyhan in Preslau. ' (Fortsetzung.) Dann komme ich nochmals auf die Benediktionen oder, sagen wir lieber in unserem guten alten „Loschaun Hakaudesch" auf die „Brochaus" zurück, die in erster Linie zu den rabbinischen Einrichtungen zu zählen sind. Sie sind uns in unveränderter Form bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben und legen Zeugnis ab von der tiefen, vornehmen Denkart unserer alten 'D'Drn, jener Leute, die man gar so gern als weltfremde, ungebildete Sophisten mir engbegrenztem destoweniger warf er einen schielenden Blick voll Mißtrauen auf feinen Partner, den dieser aber aujsing und ihn geschickt parierte, indem er mit geheucheltem Gleichmut sich erhob und leise die' Worte fallen ließ: „Ich glaube, du hast schon ein wenig zu stark gezecht für unser Geschäft. Ich hätte es dir gern zugewiesen, aber da du keine Lust hast und die Lache heute erledigt sein muß, so werde ich eimnal den dicken Iwan aufsuchen, der ist jetzt in seiner L>tammkneipe, der ist froh damit." Das zog. Der dicke Iwan war ein gefährlicher Nebenbuhler von Petrowitsch; ihm wollte er einen solchen fetten Bissen nicht zukommen lassen. „Nur nicht gleich so oben hinaus, Dundukoff. Ich habe ja kein Wort gegen den ganzen Handel gesagt, man wird sich aber doch vorher besprechen dürfen, natürlich besorg ich die Geschichte und morgen Abend treffen wir uns hier wieder." Dundukoff reichte seinem Genossen über der: Tisch den Hausschlüssel und das Messer, dann erhob ^rch Petrowitsch, denn es war Zeit, neun Uhr hatte es eben geschlagen. Beim Erheben geriet er ein wenig ins Schwanken, denn er hatte selbst nach seinen Begriffen viel getrunken. Aber ein derber Rippenstoß von Tundukoff's geübter Hand genügte, um das gestörte Gleichgewicht sofort wieder herzustellen. Er beleitete ihn bis zur Türe, sprach dort noch einmal ie Oertlichkeit und die ganze Ausführung des Mordplans durch und verließ ohne Schwanken die Schenke nnt der Zusicherung, es werde alles richtig besorgt. Tie frische Luft tat das ihrige, um Petrowitsch neu zu beleben. Cr ging einige Mal? vor dem verschlossenen Hause auf und ab, schloß es in einem Augenblick, in dem keiner vorbei ging, rasch und behutsam auf, schloß die Türe wieder von innen und schlich, die ihm wohlbekannte Treppe hinauf direkt in das dunkle Gesichtskreis hinstellt und die, wie immer vermutet wird, ihre höchste Seligkeit darin gefunden haben, über irgend eine talmudische Stelle ein Leben lang zu studieren, ohne daß sie dem Geist des Gesetzes Rechnung getragen, aber ihr Hauptaugenmerk auf besonders geistreiche „Spitzfindigkeiten" und Diskussionen richteten! Wie könnte man auch von ihnen verlangen, daß sie dem „religiösen Empfinden" des denkenden europäischen Juden im 20. Jahrhundert hätten zu entsprechen vermögen! Kannten denn diese Religionslehrer überhaupt die Ethik, „die jedem lebendig quellende Wirklichkeit", den „Born religiöser Erquickung", die erst das „reformierte Judentum" uns bringen soll, oder kam es ihnen nicht lediglich auf die „alte, unverstandene Sitte" an, als die unsere schönsten Festgebräuche charakterisiert werden? Nnd dann der althergebrachte Gottesdienst an den Festtagen! So tiefer und ernster Natur ist das religiöse Fühlen und Denken derer, die der Reform huldigen, daß es ihnen geradezu fürchterlich bei dem Gedanken zu Mute wird, „eine ganze Woche lang" zu Gottes Lob und Preis an einem Festgottesdienst teilnehmen zu müssen. „Acht Tage lang ein Fest begehen," so ist in jenen Festtagsbetrachtungen zu lesen, „acht Tage hindurch einer Erinnerung sich weihen, acht Tage lang dasselbe „Jaale we jowau", dasselbe Siebengebet, acht Tage lang Tag für Tag Thoravorlesung! Welche Monotonie!" Und hieran schließen sich einige Worte, aus denen unzweideutig hervorgeht, daß der Herr Vertreter des „reformierten Judentums" den Grundgedanken, der dem gesetzestreuen Judentum als Folie dient, überhaupt nicht kennt. „Denken Sie doch nur an die heutigen Menschen mit ihrer nervösen tast und Eilfertigkeit," so fährt er fort, „denken ie nur an den heutigen Geschäftsverkehr: von Stadt zu Stadt eilt und sputet sich der Kaufmann, rastlos tätig. Und da soll er acht Tage hindurch täglich fast eine volle Stunde sich demselben Gottesdienste widmen." Diese Worte verdienen mit ehernen Lettern ein gegraben zu werden, allen denen ein lebendiges Zeugnis, die die Existenzberechtigung des tausendjährigen, gesetzestreuen Judentums im 20. Jahrhundert bestreiten, ihnen allen, die sich „in unserer modernen Zeit" über die veralteten Glaubenslehren und Grundsätze erhaben fühlen, die sich „erleuchtet" und „liberal" genug dünken, um die Religionsgesetze, welche für unsere Ahnen an der Wiege der Menschheitskultur und Zivilisation geeignet sein mochten, in unserem Zeitalter der „Aufklärung" zum alten Gerümpel stellen zu dürfen. „Sind Sie „„noch"" fromm?" Sie halten „„noch"" Schtbbos?", so und ähnlich lauten wohl jene Phrasen, mit denen der „liberale' (neologe) Jude Schlafzimmer. Dort überzeugte er sich durch ein ciugezündetes Schwefelholz, daß die Oertlichkeit genau der Schilderung Dundukofs's entsprach. Er legte Uch beuqem unter das Bett der Hausfrau nnd wartete dort der Dinge, die da kommen sollten. Einen Augenblick kämpfte er mit dem Gedanken, ob er nicht sofort das Geld aus der Hausapotheke nehmen und sich leise wieder entfernen sollte, ohne den Mord auszrführen. Ta kam die Hausfrau in ihr Schlafziinmer und legte sich zur Ruhe. Petrowitsch hielt den Atem an sich; die Frau hatte nichts von seiner Anwesenheit gemerkt: Wir haben Chajim Friedinaun von dem Festessen der Chassdim bis an seine Wohnung begleitet; folgen wir ihm nunmehr in sein Haus, Er schloß die Haustüre auf und wieder ab, ging die Treppe zum ersten Stock hinauf, indem er leis? eines der herrlichen Lieder trällerte, die heute Abend gesungen wurden, hörte damit aber plötzlich aus, als er an sein Schlafzimmer kam, um den Schlaf seiner Frau nicht zu stören. Er steckte sein Licht an und sah nach seiner Frau hinüber, um sich von ihrein ruhigen Schlaf zu überzeugen und begab sich dann kurz vor 2 ckhr selber zur Ruhe. Vorher nahm er noch aus dem Schränkelchen über seinem Bette den „Tanjo", um heute am Gedächtnistage des großen Verfassers noch ein Kapitel aus diesem merkwürdigen Buch? zu lesen. Als er eben damit begonnen hatte, fiel ihm das tiefe Schnarchen seiner Frau auf, eine Ngentümlichkeit, die er bis jetzt noch nie an ihrem Schlafe wahrgenommen hatte. Er stand auf und leuchtete nach seiner Frau hin, die aber schlief ruhig wie sonst. Die Tön? kamen zwar von ihrem Bette, aber — da leuchtete er init seinem Licht unter das Bett und fand dort zu seinem Schrecken einen baumlangen.Gesellen fest eingeschlafen seiner geistigen Ueberlegenheit Ausdruck zu geben sucht, wenn er einen Gesetzestreuen kennen lernt. Wer solche Fragen stellt, leistet seiner Sache einen schlechten Dienst. Er stellt ihr unbewußt ein testimonium paupertatis aus, indem er durch Einfügen des Wörtchens „noch" zu verstehen gibt, daß eine sachliche Beantwortung seiner Frage gar nicht erwartet wird. Hätte er doch für die Begründung kein Verständnis „mehr" und mnß daher die Diskussion ängstlich vermeiden. Aehnlich verhält es sich mit den oben wiedergegebenen Worten, in denen die nervöse Hast unseres realistischen Zeitalters, dem altjüdischen, alles übrige völlig ausschließenden Gottesdienste gegenübergestellt wird. Die Anführung dieser Worte allein hätte genügt, um zu zeigen, daß das Judentum in seiner bisherigen unveränderten Gestalt gerade dem heutigen Geschlechtein unschätzbares Gut zu sein vermag. Gibt es noch aus dem weiten Erdenrunde eine Institution, eine Religionsgemeinschaft, eine Vereinigung Gleichgesinnter oder ähnliches, das dem modernen Menschen in seiner „nervösen Haft und Eilfertigkeit" täglich Halt gebietet? Das ihn mahnt, daß nicht diese Hast, diese für den ruhigen Genuß eines Ideales niemals Zeit lassende Eilfertigkeit, die notgedrungen zu einer vorzeitigen Erschlaffung der uns von Gotr verliehenen Arbeitskräfte führen müssen, den einzigen Machtfaktor unseres Lebens bildet? Gerade in seinem ausgesprochenen Gegensätze zu dem Treiben und Jagen des heutigen Lebens liegt die innige Beziehung des Judentums zu ihm. Wenn der gesetzestreue Jude von erquickendem Schlafe erwacht, sich dem Leben alltäglich wieder zurückgegeben sieht, so stürzt er sich nicht sofort in den nervös hastenden Trubel, den das heutige Erwerbsleben mit sich bringt, sondern er denkt vorerst an die Ideale, deren Erfüllung hinieden seiner harrt und weiht sich einem Morgengottesdienst, der nicht in einem „kurzen Dankgebete" seinen Ausdruck finden kann, sondern einen Hauptgottesdienst darstellt, der schon am frühen Morgen eine halbe Stunde oder noch mehr der kostbaren Zeit „raubt". Ist er doch Vorbereitung und Einleitung zu einem weit längeren Gottesdienste, den der Jude mit seinem Tagewerk verrichtet, wenn er ihm die Weihe des göttlichen Siegels aufdrückt. Dann wird ihm seiner Hände Arbeit erst jene seelische Befriedigung gewähren, die er in der „Hast und Eilfertigkeit" niemals findet, die ihm aber im Augenblick zuteil wird, da er sinnend innehält, seine Gedanken dem einzig wahre» Lebenszweck zuwendend- und die halbe Stunde, die er dem Morgengottesdienst geopfert, wird ihm ein einziger Augenblick jener seelischen Befriedigung tausendfach wieder einbringen. Und was Wunder, wenn er dann seiner „historischen und laut schnarchend. Er leuchtete dem Menschen Urs Gesicht — das war der Petrowitsch, der verwegenste Strolch des Arbeiterviertels, der, wer weiß wie viel Einbrüche und Mordtaten auf dem Kerbholz hatte, der aber frei umherging, weil er seine Verbrechen mit solcher Schlauheit ausführte, daß sie ihm nicht beiviesen werden konnten. Als sich Friedmann überzeugt hatte, daß der Ernbrecher fest schlief und daß es ein schwerer Branntwcmrausch war, der ihn übermannt hatte, weckte er leise die Dinerschaft, diese mußte behutsam die schlafende Frau mit ihrem Bett in das Nebenziminer tragen, so daß sie von dem ganzen Vorgang erst erfuhr, als er glücklich vorüber war. Jetzt lag der Mnbrecher frei da, Friedmann ließ ihm Hände und Füße fesseln, ohne daß er erwachte. .Dann schickte er zur Polizei, die mit dem gefesselten Strolch nun leichtes Spiel hatte. Er erwachte erst beim Transport aus dem Zimmer in die Gefängniszelle auf und war von seinem Schlaf, seiner Fesselung nnd Verhaftung selber so überrascht, daß er noch in der Nacht ein umfassendes Ge ständnis ablegte. Als am anderen Morgen Chajim Friedmann sei» nächtliches Erlebnis den Festgenossen nach dem Morgengebet erzählte, meinte der Wirt: „Euer Gvttvertrauen und das Verdienst des Rebbe hat Euch Rabbi Chajim auf wunderbare Weise gerettet. Ein schlafender, charopendiger (schnarchender- Roscho (Wicht) zeigt uns wie der Hüter Israels nicht schläft und nicht schlummert. Das ist, was Channe i» ihrem Gebete sagt: „Die Schritte seiner Chassidim bewacht er, in dem die Schlechten in Finsternis verstumnten: nicht durch eigene Kraft behauptet sich ein Mann." (Samuel I.; 2. 9).

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