Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1909)
- Date
- 1909-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 18. TVallein es fehlt — nicht der Glaube, den besitzen sie in solcher Fülle, daß er es ihnen ermöglicht, selbst das Unglaublichste zu glauben — es fehlt ihnen die aus dieser Kunde zu ziehende Konsequenz, ihre Umsetzung in die Tat, es fehlt zu dem Gesetz nichts als die Kleinigkeit seiner Erfüllung. Wir danken's Gott, daß er uns auserwählt hat von allen Völkern und uns dieses Fest gegeben hat, das uns das tägliche Brot versagt und uns zum Genuß von Sklavenbrot und bitteren Kräutern verpflichtet. Wer beneidet uus in der außerjüdischen Welt um die Erfüllung dieser Pflichten, wer hätte auch nur Lust, es uns darin nachzutun? Wenn die Welt sonst von Erwählung, Auszeichnung und Rangerhöhung spricht, so denkt sie dabei in erster Reihe an Befreiung, an Dispens, nicht aber an Uebernahme von neuen, größeren und schwereren Pflichten. Wer uns unsere Erwählung neidet, beneidet uns um die Pflichten, die sie uns auferlegt, also um etwas, das er sich jeden Tag zu eigen machen kann, wenn er sich zu dem Opfer entschließen will, sich einmal unter das Regime der jüdischen Lebenspflicht zu stellen, wie es der Jude mit Hintansetzung von Gut und Blut, von Ehre und Ansehen, mit Verzicht auf alles tut, woran sonst das Menschen herz hängt. Wer diese Probe machen will, wird diese Erwählung mit anderen Augen als bisher ansehen. Wer sich dazu nicht entschließen kann, ist ,-icht berechtigt, über das „auserwählte Volk" die Nase zu rümpfen. Der Vater, welcher der Sache noch tiefer auf den Grund gehen möchte, wird an der Hand der eigenartigen Fassung des Kiddusch-Wortlautes, noch eine Fülle anregender Belehrung seinen Kindern zu bieten in der Lage sein. Während unsere Festgebete, wenn sie von der Erwählung Israels handeln, eine Erwählung aus allen „Völkern und Sprachen" betonen — S2v wnoöm o'öyn *720 12mm nna niawSn — leitet unser Kiddusch mit der Einzahl ein: pW1? *720 12ÖOr»l Dy *720 122 ma 1VK und spricht von einer Erwählung aus Volk und Sprache, um dann, merkwürdiger Weise wieder mit der Mehrheit auszuklingen: l2niNl|mn2 122 12 D'Dtyn *7212 rnnp. Rabbi Schmuel Ehrenfeld 7"5CT, Verfasser der ILIO jnn n"ltP erklärt tn seinem großzügig angelegten Hagada-Kommentar diese Eigenart unseres Kiddusch durch folgenden Hinweis. Wenn wir von der Erwählung Israels sprechen, denken wir zunächst an die ihm gewordene Offenbarung am Sinai. In Wirklichkeit erfolgte jedoch diese Erwählung bereits zu einer Zeit, in der Israel nicht vorhanden war. „Als der Höchste Völkern Besitz anwies, als der Er Menschheit-Söhne schied, bestimmte er Völkergebiete für noch zu zählende treu und frei. Petzach-Ge-anken. Im großen Ringen der Völker um ihr nationales Dasein, um Entwicklung und Fortbestand winkte zumeist denen die siegeSpalme, die zwei Worte ans ihr Panier geschrieben hatten: Treue und Fr eilt e i 1. Da, wo diese beiden Sterne einem Volke im Gampsgewoge ooranleuchteten, mußten sie über alle Hindernisse hinweg uusehlbar zum Siege führen. Aber;ie gehören zusammen, diese beiden nationalen Güter und sind eng mit einander verschlungen. Sie sind vielleicht gar zwei Worte für einen Begriff. Tie Treue bedarf zu ihrem Schuhe, zu ihrer Wahrung der Freiheit. Ohne innere Treue ist aber die Freiheit ein leerer Schalt, ohne Motive, ohne ethische Unterlage und Berechtigung. Die Treue, die die Brust des Einzelnen mir Stammesbewußtsein erfüllt uid die Volksgenossen um die gemeinsamen Ideale und Traditionen, um die nationalen Heiligtümer schanrt, muß auch naturgemäß in ihnen den Freihiets- Söhne Jisraels. Denn GotteS Teil ist fein Volk, Jakob das ihm zugefallene Erbe." (5. B. M Kap. 32. 8, 9.) Es war dies in jener Zeit, in welcher die ganze Menschheit „ein Volk bildete und eine Sprache hatte." (1. B. M. Kap. 11, 6.) Schon damals hatte Gott die Heiligung der Menschheit durch Gebote und Verbote angebahnt, die aber nur von den Stammvätern des israelitschen Volkes beachtet wurden, während die große Gesamtheit sich auf die Erfüllung der sieben noachtdischett Gebote beschränkte. Mit dieser Erwählung zu jener Zeit als es nur ein Volk und eine Sprache gab, leitet unser Kiddusch ein. Schon damals hat uns Gott durch von ihm erteilte Mizwos geheiligt. Nn'ere Feste, die uns Gott gegeben um dem Auszug aus Mizrajim ein ewig ungetrübtes Gedächtnis zu sichern, stammen allerdings aus der Zeit, in welcher die Menschen viele Völker bildeten, aus tvelchen uns Gott zu seinem Dienste herausgegriffen hat. Daraus ergiebt sich, daß selbst die Pflichten, deren Uebernahme und Erfüllung uns auszeichnet, ursprünglich Gemeingut der Menschheit waren, aus der wir zuerst herausgegriffen wurden, nachdem die übrigen Völker diese Pflichten von sich gewiesen. Aber dieser Gegensatz wird kein ewiger sein. Der Gott, der Israel heilgit, helligt auch die Zeiten, daß sie sich dem göttlichen Sittengesetze zuerst unterordnen und dann daraus dieselbe Seligkeit, dieselbe Daseinsfreude schöpfen, die wir heute aus unseren Festen und aus der Erfüllung aller von Gott gebotenen Pflichten gewinnen. Deshalb klingt unser Kiddusch in den Segeusspruch aus: .DMötro *781«" tnpe 'n nnt* -si->2 Ein Sederabend ist zn kurz, um all das Herrliche in Worte zu kleiden, das seine bloße Einleitung, sein Kiddusch, enthält. Diese entschiedene Betonung unserer jüdischen Eigenart auf Grund der frühesten Vergangenheit und dabei der ebenso zuversichtliche Ausblick in die Zukunft, der die Heiligung Israels auf alle Zeiten überträgt, eine volle Würdigung dieser Kidduschgedanken allein dürfte einem um die religiöse Zukunft der Seinen besorgten Vater genügen, um seine^Kinder mit den Gedanken und Anschauungen auszurüsten, die ihnen in der schwankenden Gegenwart den Halt gewähren, der das Bewußtsein der endlichen Aussöhnung des Gegensatzes zwischen Israel und der es umflutenden Zeit, in so herzerhebender Weise bietet. In dieser Weife gewähren die sämtlichen Punkte des Seder-Programms reichliche Gelegenheit, eine Fülle von Betrachtungen und Belehrungen an sie zu knüpfen. Das nun folgende Händewaschen drang^ erwecken, den heißen Wunsch, sich in Freiheit und Selbständigkeit als Volk entsprechend seiner nationalen Eigenart ansleben zn können. Frei wollte, mußte das Volk sein, um die Treue zn seinen Traditionen zu hüten, sich seine Eigenart zn wahren. Die Völker gingen unter, verschwanden aus der Reihe der Nationen, so sie durch äußere Stürme oder eigenes Verschulden des einen oder anderen dieser höchsten Güter verlustig gingen. Man nahm ihnen hie Freiheit und sie tauchten unter, gaben in fremder Umgebung die Treue preis und verschwanden. Oder es machten sich schon in den Feiten des Glückes Feichen der Untrene, der Ferietzung im Volkskörper bemerkbar, die unaufhaltsam zur Auslösung führen mußten. Israel hat die Treue beivahrt, lange noch bevor sich die Sklavenkette in Meizraijm lockerte, lange noch, nachdem es Freiheit und nationale Selbständigkeit eingebüßt hatte. Es hütete» sie, die Treue, die Alten, es hüteten sie die Jungen, es hüteten sie vor allem die Mütter und Frauen. Israel brachte also scheinbar das Wunder zustande, Treue auch ohne Freiheit zn hüten und zu erhalten. Aber nur s ch e i n b a r. In der Tat entbehrte das Volk auch in der drückendsten Gefangenschaft der Freiheit nicht, seiner e i ge n e n i n n e re n Freiheit, so cs sich treu blieb. Des Bedrückers drohende Stimme und oer betten dumpfes Geklirre wurden laut übertönl von dem himmlischen überwältigenden Sang, der seine Seele umrauschte und sein Inneres erfüllte, und heute noch wie damals lautet: „Du hast uns auserwählt von allen Völkern-liebt c st u n S u n d hatte st a n u n s W o h l g e f a l l e n — - - 1) a st u n S erhob e n - g ehellig 1 - - u n s bei tt e m Die n st e g e n ä h e r t dein e n g r o ß c n n n d h e i l i g c n W a m e n über n n s genannt . . . ." 1 April 1908 — lfm. — wird dem einsichtigen Erzieher willkommenen Anlaß bieten, die bedeutsame Institution des Händewaschens — d'T ri.S'O2 — den Seinen nahe zn legen. Bielen ist es gänzlich unbekannt, daß dieses Waschen der Hände nicht nur vor deni Brotgenuß, sondern auch vor dem Genießen aller Dinge vorg schrieben ist, die vor dem Essen in eine Flüssigkeit, wie hier - D£P2 — eingctaucht werden.*) Unsere Zeit hat das Prinzip der „Teilung der Arbeit" auf ihre Fahne geschrieben mit allen ihren erfreulichen und beklagenswerten Begleiterscheinungen. Die jüdische Anschauung lehrt die „Teilung des Genusses" und bringt sie mit Ifrp in so sinniger Weise symbolisch zunr Ausdruck, daß sie sich zu emer ungemein fruchtbaren Anwendung für das praktische Leben erweist. Es ist unmöglich für diese Anwendung Lehren zu geben .und Regeln aufzustellen. Alles hängt von der Jndividnalität des Familienvaters nno des ihn umgebenden Fannlienkre ses ab. Die Thora hat nicht nur für vier verschieden geartete Kinder, sondern auch für die tausendfachen Abstufungen und - Verschiedenheiten gesprochen, die zwischen dem D2N und yan, zwischen dem on und dem yiv 12'tt liegen. Die ausführlichere Behandlung der ersten Nummer dieses Festprogramms sollte daher nur den Versuch einer Darstellung bieten wie auch die übrigen 14 Teile erzieherisch zu verwerten sind. Ihre tiefsymbolische Bedeutung und ihr hoher erzieherischer Wert für das wirkliche jüdische Pflichtleben deutet das Wort an, in welches die ganze Sederhandlung erklingt und in dem Wunsch gipf.lt, das was an diesen Abenden sinnbildlich seine Darstellung fand, möge in der Tat unseres ganzen Lebens nun auch in voller Verwirklichung zum Ausdruck gelangen. pIlN 12'2k -ltMO Mochewrmöschav. „Religion ist Prloallsckie". In der jüngsten Sitzung des zionistischen Aktionskomitees, über die wir bereits kurz beenrro |2W sniNS r6i2ö nroin «r sN2!2 e ta’Bw "Qi Sskt cup SitrS n:irn San ß’ö’n S2O nrn nb'bn rrarnw nisn npros ('i p"D p yn '■’d n irr t ito) '121 nsvzv Israel war frei trotz der äußeren Fesseln and es verstand sogleich den göttlichen Führer, dessen gewaltiger Ruf sein schlummerndes Freiheitsbewußisei.i zu wecken und aufzurüttetn unternahm. Es verstanden ihn zunächst die allezeit Treuesten, — die Alten, dann auch die Jungen und alle, die treulich zu ihrem Volke hielten und den Wunsch und den Willen hatten, in Freiheit und Selbständigkeit ihrem Gotte zu dienen .... zu allerletzt aber auch das glaubensschwache, schwankende Mischvolk, das 3py- Diesen tonnte natürlich die Befreiung keine Freiheit bringen und unter dem Drucke der Sktavenketten, die sw mit in die Freiheit brachten, mußte oft genug das ganze Volk bitter seufzen Frei war Israel immer und überall, sowohl in Aegylen als unter der Herrschaft Babels und Roms, sowohl in dem finsteren Mittelalter als in den Ländern der Nor in der Gegenwart, so es nur sich und seinem Gesetze, dem Urquell aller sittlichen F r v iheir, treu blieb. Es hatte aber die Freiheit eingebüßt ,sobald es. im Besitze derselben, sie mißverstand und mißbrauchte und 'die eigentliche wahrhaft beglückende Freiheit, die aus der Gebundenheit an den göttlichen Willen entspringt, verkannte, jene Freiheit, die in der Vorstellung unserer weisen Lehrer tief in die Tafeln des Gesetzes eingegraben wurde. ♦nnn nSn nnn Kipn Sn Wie anders malt sich doch die jüdische T r e u e und noch mehr die jüdische Freiheit in den Köpfen derer, die durch die politische Befreiung des vorigen Jahrhunderts des inneren Haltes, der wahrhaft jüdischen, an die Treue gebundenen Freiheit teilweise verlustig gegangen, nun verzweifelt an der Erneuerung des Judentums herumtaoorieren. „Treu sein" — so kantet das letzte Wort . ..