Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1909)
- Date
- 1909-04-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Centraloman lür Jas orthodoxe Juienfnm IlflB&h III *agjgg Begründe! doi Dr. Lehmann in lllainz B&aa m I April 1909. 50. Jahrgang. MM Sranhfurt a. M.. den M 13. 10. Ilifan 3669. Abonnement pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, Hestausgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Rnb., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten» Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.-G., Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Conto bei dem PostscheckAmt Frankfurt a. M No. 344. Conto bei der K. St. Postsparkasse Wie» No. 79 605» Conto bei dem ft. Postsparkassen««! Budapest No. 18424. Conto bei der Nigaer Commerzbank in Niga und deren Filialen. Der nathdruth Der flrfihel und Correfpondenjen des „Israelit“ if! nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es slcki um größere flufiäfee handelt, nur narfi vorheriger Qenehmigung gestattet Die Sederabendt als €rzicber. II. -mp Mit Kiddusch beginnt die Feier des Sederabends. Das Glück, die Wonne und die Seligkeit Hat noch kein Mund ausgesprochen, Hat noch keine Feder beschrieben, die den jüdischen Familienvater bewegen, wenn die bis Hart an die Schwelle des Festes rastlos arbeitende Hand den gefüllten Pokal erhebt, und er im Kreise seiner Familie Gott dafür dankt, daß er uns auserwählt und geheiligt hat mehr als alle Völker, indem er uns unsere heiligen Festzeiten mit ihrer Freude und Wonne zum unverlierbaren Eigentum gab. Rings um diesen lichten Kreis senkt die dunkle, wirUiche und die oft noch dunklere soziale Nacht ihre schwarzen Schwingen des Vorurteils, des Wahns und Haffes. Auf Schritt und Tritt läßt es der große gebildete und ungebildete Troß sie empfinden, daß sie Juden sind, daß sie sich als das auserwählte Volk Gottes dünken. Dieser Troß versagt ihnen den Vollgenuß ihrer Menschin- und Bürgerrechte, oder er gewährt sie ihnen geizend, knickernd, indem er sie duldet, d. h beleidigt. Das alles ficht die heiter-ernsten Festqenossen heute nicht an. Ihr Stiftungsfest, ihr Freiheits- und Verbrüderungsfest hat sie unempfindlich gemacht gegen allen sie umgrollenden Rassen- und Klaffenhatz. Mag dieser auch keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ihnen bittere Tropfen in ihren Lebenskelch zu träufeln, in ihren Festpokal mischt sich nichts davon. Aus ihm schlürfen sie Ersatz für das Leben, das man ihnen draußen verkümmern, verleiden und vergällen möchte, aus ihm gewinnen sie den Seelen- ^uschuß, die mrP nölM ihrer Ruh- und Feiertage, an ihm zerschellt alles, was mißgünstige geschäftliche Scheelsucht und geistlicher Theologendünkel gegen sie planen mögen. Der erste und letzte Vorwurf und Anwurf, der sich gegen sie richtet und sie zur Zielscheibe brutaler Rohheit und höhnenden Spottes machen möchte, die kränkende Beschimpfung, daß sie Juden sind, das ist in den weihevoll gehobenen Momenten ihres Familienlebens, den Sederabenden, ihre Freude, ihr Stolz, ihr glückseliges Bewußtsein, dem sie zur Einleitung dieser Feststunden mit gefülltem, hoch gehobenem Pokal, lauten feierlichen Ausdruck verleihen. Und wenn die Sederabende unseren Kindern gar nichts brächten als dieses Frohgefühl des Kiddusch,, als dieses Selbstbewußtsein zum vyn Gott erwählten Volke zählen zu dürfen, es allein genügte, sie gegen die antisemitische Rohheit zu schützen, der sie im Leben der Schule und später in der Schule des Lebens aus gesetzt sind. Aber dieses stolze Selbstbewußtsein darf nicht gelehrt, darf nicht gepredigt oder auf welche äußere Weise auch immer den Kindern beigebracht werden. Das müssen sie aus den leuchtenden Augen des Vaters ablesen, das müssen sie aus seiner freudig erregten Stimme heraushören, das darf in keinem Falle doziert, sondern muß von ihnen, ohne daß sie es wissen und wollen, herausgefunden werden. Dazu ist es allerdings erforderlich, daß der Vater selber von dem Geiste beseelt ist, den er aus seine Kinder übertragen möchte. Dafür bedarf es keiner großen Gelehrsamkeit, dafür bedarf es nur der treuen, echten, edlen Gesinnung, wie wir sie von unseren Vätern ererbt haben, und die wir nun in derselben Weise unseren Kindern weitergeben. Fühlte ich trotzdem das Bedürfnis, die Ueberleitung dieser Gesinnung auf meine Kinder noch durch ein Wort zu begleiten, so würde ich das ums Himmels willen nicht in feierlicher, salbungsvoller Weise, sondern auf leichte, heitere, ja selbst scherzhafte Art tun, ganz so wie man selbstverständliche Dinge nur so nebenbei abtut. Durch eine wohlgesetzte, gut einstudierte Rede müssen ja sonst meine Kinder glauben, es bedürfe erst eines breitspurigen Apparates, um ihnen für das so Naheliegende, Selbstverständliche den Beweis der Wahrheit zu erbringen. Vielleicht würde ich ihnen die Geschichte von dem chassidischen Rabbi erzählen, dem ein Gassenjunge auf der Straße „Jud'" nachrief und der sich daraufhin umwandte und dem kleinen Wicht einen Kreuzer schenkte. Als der Begleiter des Rabbi sich über diese Handlungsweise wunderte, bemerkte dieser lächelnd : „Wir haben alle unser gerütteltes Maß voll Fehler und Schwachen, aber keiner weiß so gut als ich, wie wenig auch ich davon frei bin. Wenn über hundert Jahre sie mir der himmlische Richter vorhält und mir auf Grund meiner unjüdischen Handlungsweise erklärt, daß so kein rechter Jude handelt, ich sei überhaupt kein Jude, dann werde ich mir diesen Knirps als Zeugen holen, der auf offener Straße erklärt hat, daß ich ein Jude bin. Sollte man einen solchen Zeugen nicht viel fürstlicher belohnen, als ich es getan habe?" Ich glaube, daß diese schlichte Erzählung viel nachhaltiger auf meine Kinder wirkt als die gelehrteste Abhandlung. Will der Vater diesen Anlaß benützen, um der tendenziösen Legendenbildung entgegen zu treten, welche' die Betonung der Erwählung Israels mit einem bonzenhaften Chauvinismus in Verbindung bringt, den sie den Erwählten gehässiger Weise andichtet, so bietet ihm der Kiddusch willkommene Gelegenheit dazu. Der aus die Erziehung seiner Kinder bedachte jüdische Vater, der sie mit den Mitteln ausrüsten möchte, um sich im ihnen aufgedrungenen Kampfe einst selbständig zu verteidigen, wird sie darauf Hinweisen, daß es sich bei dieser Erwählung nicht um Geld und Gut, nicht um Ehre und Ansehen, kurz, nicht um Dinge handelt, die andern erstrebenswert, sondern die ihnen höchst gleichgiltig, ja so verächtlich erscheinen, daß sie ganz entschieden gegen ihren Besitz protestieren würden. Wo in unserm Kiddusch und überall sonst von unserer Erwählung die Rede ist, wird immer der Gegenstand der Erwählung und Bevorzugung so deutlich genannt, daß schon eine große Dosis Unverstand und Böswilligkeit dazu gehört, darin etwas, zu finden, das auch nur irgendwie geeignet wäre, einem nationalen, dünkelhaften Hochmut Vorschub zu leisten. Wir danken Gott, daß er uns von allen Völkern auserwählt und uns seine Thora gab, wir danken in unserem Kiddusch, daß Gott uns auserwählt und uns unsere Feste gab. Darin und in nichts anderem besteht unsere^ Bevorzugung, unsere Auszeichnung und Erhebung. Hat uns je ein Volk um den Besitz unserer Thora beneidet? Das Gegenteil ist der Fall. Sinnig lehrt unsere Ueberlieferung, daß Gott sein Gesetz, bevor er es Israel offenbarte, allen Völkern anbot, daß sie es aber alle zurückgewiesen, weil sie seine Bestimmungen als hemmende, störende Fessel für die Entfaltung ungezügelter Freiheit und Leidenschaft empfanden. Auch wer diese Ueberlieferung nur sinnbildlich auffaßt, und der zu allererst, wird sich der Tatsache nicht verschließen, daß wenn jemand dieses Gesetz, das den ausschließlichen Gegenstand unserer Erwählung bildet, heute den zivilisierten und nicht zivilisierten Völkern anbieten wollte, er noch ganz dieselbe Abweisung fände wie damals. Heute braucht die Thora der Menschheit ja nicht mehr angeboten zu werden, sie findet sich in 300 Sprachen übersetzt in aller Händen. Die von ihrer Mutter abgefallenen Töchterreligionen des Judentums haben so angelegentlich die Mission übernommen, die Kunde dieses Gesetzes selbst den unkultiviertesten Völkern bis zu den fernsten Enden der Erde, au bringen, daß ihnen die Verbreitung dieser Mnde als die „Mission" par excellence gilt. Die Kuude hören sie wohl