Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-03-25 · Heft 12 (25.3.1909) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 12 (25.3.1909)
Date
1909-03-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449365--65390-2508026
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

cfje Wart er a 13 s Die Medizin im Daimud. Von Dr. med. A. Klevn, Arzt, Frankfurt a. M. (Schluß.) Von den Lebererkrankungen finden Erwähnung: die trockene, blaffe und brüchige Leber (Fettleber), der Lsberabsceß, die Leberverhärtung (Cirrhose), der Leberwurm t nd Gallensteine. Man weiß, daß ein kleiner Rest der Lebersubstanz genügt, das Leben zu erhalten, was neuere experimentelle Untersuchungen wieder dargetan haken. Von Nierenerkrankungen wurden geschildert und in ihrer pathologischen Bedeutung gewürdigt: Zerfall des Nierengewebes (Neerose, acuta), Absceß, Eiterung im Nierenbecken, Nierenschrumpfung (Atrophie), welche von der von Natur aus mangelhaften Entwicklung des Organs (Hypoplasie) unterschieden wird, blasenartige Bildungen in der Niere (Cysten) Ansammlung von Urin in der Niere durch verhinderten Abfluß (Hydronephrose). Was die Nervenlehre anlagt, so galt es den Talmudisten als völlig ausgemacht, daß das Gehirn der Sitz der Intelligenz und das Rückenmark das Zentralorgan der Bewegung sei, daß Erkrankungen des letzteren Lähmung, Zittern oder Impotenz zur Folge habe. Als einst R. Levy den R. Yehuda (II. Jahrh. u. Z.) auf eine Stelle aufmerksam machte, die nach seiner Ansicht nicht richtig war, sagte dieser etwas drastisch: „Du hast wohl kein Gehirn im Schädel?" (Jebomoth 9 a). Einst sab R. Levy in einer Badestube einen Mann mit Kopfzittern. „Wehe", rief er aus, „bei Diesem haben sich Höhlen im Rückenmark gebildet." R. Chabiba hatte ein Schaf, welches beim Gehen die Hinterbeine nachschleppte. R. Jcmar diagnostizierte Ischias (nach Raschi „Krampf"), während Rabbina behauptete, daß die Lähmung vom Rückenmark ausginge. Die Sektion des Tieres gab Rabbina recht (Chullin 51). Eine ähnliche Diagnose auf ein Rückenmarksleiden stellte einst Galen, wie er stolz berichtet, bei dem Sophisten Pausanias, der an einem Krampf der Finger litt (Haeser) Interessante Mitteilungen finden sich im Talmud über Embryologie sowie über Pathologie des männlichen Sexualapparates. Haben wir schon bei den Alten den verhältnismäßig hohen Stand der chirurgischen Technik bewundert, so haben wir auch im Talmud Gelegenheit, von zahlreichen chirurgischen Maßnahmen zu hören.*) *) Bergt, hierzu, sowie zu anderen Stellen, die Arbeit von » r. I. P r e u ß, Chirurgisches in Bibel und Talmud (Deutsche Zetrschr. f. Chirurgie Bd. 59), sowie dessen weitere zahlreiche Arbeiten über unseren Gegenstand, registriert in Btrchows Jahresberichten, und Rabbinowicz, principer laimuciiqueL de ScJhechita et de Trepha au point de vue m6dical, eher l’auteur Paris. Terselbe: La m£d€cine de Talmud. Es wird unter anderem die Eröffnung der Schädelhöhle (Trepanation) mit künstlichem Ersatz der entfernten Knochenplatte erwähnt und eines concreten, derartigen Falles gedacht, der einen Mann in Enbul betraf (Chulin 57 b), vom künstlichen Ersatz eines Luftröhrenstücks bei einem Schafe berichtet, die totale operative Entfernung des Uterus, die Bauchdeckennaht (Chulin 56 b), die Gliederamputation als eine ganz gewöhnliche und häufig vorgenommene Operation erwähnt (Jerusch. Nazir VII. 1., Kerithuth 15 b, Kesuwoth 20 b, Jerusch. Nazir IX. 9., mit Erklärung von NV!2 ’JB), nebst dem künstlichen Ersatz der amputierten Gliedmaßen. Auch über künstliche Augen und Zähne, eine eigenartige Fisteloperation mittels Gersten grane, Aderlaß, Carbunkeloperation mittels Kreuzschnitt, selbstverständlich über Beschneidung und hierbei über Haemophilie (Bluterkrankheit) mit ihrer eigenartigen Vererblichkeit gesprochen, sowie eine Anzahl von Verbildungen der Knochen abgehandelt, wie wir sie heute größtenteils auf die vor ca. 100 Jahren entdeckte Rachitis (englische Krankheit) beziehen. Es ist bemerkenswert, daß wiederholt im Talmud von einem Marmorraum die Rede ist, wohin man Kranke zwecks Vornahme von Operationen Iransportierte (Baba mezia 83 b, Kethuboth 77 b). Wem fallen hier nicht unsere modernen Operationsräume ein? Auch eine Art Narkose (Schlaftrunk) wird an dieser Stelle ei wähnt. Da waren nämlich, wie der Talmud etwas übertrieben und ulkig erzählt, 2 Gelehrte, R. Eleasar und R. JSmael. Die waren so fett, daß, wenn sie sich gegenüberstanden, ein Paar Ochsen unter der gebildeten Bauchbrücke hätten durchfahren können. R. Eleasar ließ sich operieren. Man gab ihm einen Schlaftrunk, brachte ihn in einenMarmorsagl, dort wurde die Bauchwand gespalten und es wurden einige Körbe Fett von ihm genommen. Diese alte Operation, welche auch Plinius vom Sohne des Konsul Apronius erzählt, ist übrigens vor kurzem neu erfunden und ausgeführt worden, nämlich von den Aerzten Damars und Marx (Le progrös medical 1890) und Dr. C. Schulz in Brest-Litowsk (Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie Bd. XVIII Heft 5 1908). Letzterer hat auf diese Weise einem Patienten 9 Pfund, einem anderen 11V» Pfund Fett entfernt. Dem Genuß von Süßigkeiten wird bemerkenswerter Weise ein die Heilung von Wunden verzögernder schädlicher Einfluß zugeschrieben (Bobo Kamo 85 -). Wir wissen vom Diabetes (Zuckerkrankheit), wie schwer Wunden bei dieser Krankheit heilen und von welch erheblichenTEinfluß die zuckerfreie Diät auf die Wttndheilung bei derselben ist. Die Wunden werden durch Schwamm, Wolle, Binsen und Lappen verbunden. Letztere durften nur neu verwendet werden (Sabbat 134b.) Wir sehen hier ein aseptisches Prinzip auftauchen. 1 Man kannte die Gefahren unreinen Verbandmaterials, auch die des Berührens von Wunden mit bloßer Hand (Sabbat 108 b). Schlimme Erfahrungen führten wohl die Talmudlehrer zu weiteren erstaunlichen Betrachtungen und Verordnungen, die wir heute verstehen gelernt haben: Unbedecktes Wasser re. sollte nicht getrunken werden, weil möglicherweise Schlangen beim Trinken ihr Gift haben hineinfallen lassen (Mischna Trumo VIII. 4). Gewiß beruht dieses Verbot des auf der Erfahrung gelegentlicher schwerer Erkrankung durch Wassergenuß (Cholera, Typhus, Ruhr). Jerusch. AbodeSora 41 a berichtet über einen Frommen, der sich spottend über dieses Verbot hinaussetzte, daß er mit einem hitzigen Fieber bestraft wurde. Abgekochte Flüssigkeit wird für ungefährlich angesehen (Aboda Sora 30 a), weil, wie man annahm, Schlangen nicht davon trinken. Unbedecktes Wasser wollen einige auch zum Waschen .verbieten, andere nur dann, wenn man eine Wunde an dem zu waschenden Körperteile hat (l. c.). Wie modern mutet das alles an, und welch glänzende Beobachtungsgabe spricht aus allen diesen Verordnungen, wenn auch die Begründung nicht ohne Weiteres einleuchtet. Aehnlichen Beobachtungen liegt folgendes Verbot zu Grunde: Man darf niemanden Sandalen aus Leder von einem gefallenn Tier für solches von einem gesunden verkaufendenn erstens ist es unehrlich und zweitens gefährlich. Die Erklärer beziehen die Gefahr auf das Schlangengift, an dem das Tier verendet sein könnte. Es ist aber wohl mit Sicherheit anzunehmen, daß diesem Verbot die Erfahrungen bei milzbrandgefallenen Tieren zu Grunde liegt, deren Leichen in allen Geweben die infektiösen Milzbrandbakterien beherbergen und dadurch die mit ihrer Zubereitung beschäftigten Personen erfahrungsgemäß sehr gefährden. Sehen wir hier, wie die Talmudgelehrten die Möglichkeit der Uebertragung vou Krankheitsgiften durch Kadaver und unorganisches Material mit aller Sicherheit durchschaut haben, so können wir aus einer Erzählung des Talmud feststellen, daß sie schon die Uebertragbarkeit von Krankheiten durch Insekten zu würdigen wußten, wie solche durch die neuen bakteriologischen Forschungen, z. B. bei dem Sumpffieber (Malaria) durch Robert Koch erkannt wurde. Hat man doch neuerdings sogar die Wanzen für die Uebertragung von Rückfallfieber und Pest verantwortlich gemacht (Jordanski und Klodinski, Ruff. med. Rundschau 1907 und Dr. L. Sofer, Therap. Monatsh., April 1908): Rabbi Jochanan ließ ausrufen: „Hütet Euch vor den Fliegen der an;n*n (nach Preuß: Lepra) Leidenden (Kesuwoth 77 b.) Sogar die Luft, welche um einen solchen gespielt hat, wurde als gefährlich angesehen (R. Zeira l c.) und R. Ami und R. Asi aßen nicht einmal

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.