Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1909)
- Date
- 1909-03-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449365--65384-2508020- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Israelit. «r. 12 Veite 4 35. März 1S0S _ dern, welche wie Orgelpfeifen in allen Größen und Alterslagen den festlich gedeckt?« Tisch einrahmten. Auf diesem Tisch lag eine silberne Taschenuhr mit dem Zifferblatt nach unten, damit man das Silber des Deckels sehen konnte. Denn an diesem Abend legen sie ihre kostbarsten Wert- und Schmucksachen auf den Tisch, und diese Uhr war neben einem silbernen Eßlöffel, der als Hochzeitsgeschenk in den Besitz der Familie gekommen war, ihr einziger Wertgegenstand. Wie sie da sangen und jubelten, wie diese das Jahr hindurch gedrückten und geplagten Menschen aller Sorge entbürdet, ihr Freiheitsfest feierten, das kann ich nie vergessen. Damals Habe ich die Herrlichkeit Gottes in ihrer ergreifendsten Offenbarung gesehen, und den Mittelpunkt der ganzen Feier bildeteten die drei Mazzos auf einer zinnenen Schüssel in der Mitte des Tisches. Wenn in diesen Mazzos Christenblut wäre, sagte ich mir damals und sage es auch noch heute, dann hätte sich hier nicht die Herrlichkeit Gottes offenbart, die ich mit eigenen Augen geschaut habe".) Und nicht'nur der Seder in seinem ganzen Ensemble, auch seine einzelnen Symbole sind mit einer gehobenen Weihe und Bedeutsamkeit ausgestattet, für welche leider viele von uns abgestumpft sind, und deren Tiefe sie erst zu ahnen beginnen, wenn sie das ehrerbietige Staunen gewahren, mit dem der Blick eines gebildeten Nichtjuden auf diesen ihm fremden Heiligtümern ruht. Ich hatte einmal zwei berühmte christliche Universitätsprofessoren wenige Tage vor Pessach zu Gast, von welchen der eine durch unseren mehrjährigen Verkehr die Mazzos kannte, während der andere keine Ahnui g von ihrem Vorhandensein hatte. Als dieser durch einige verbindliche Worte für die erwiesene Gastlichkeit dankte, bemerkte der erftere, er schließe sich ganz den Worten seines Freundes an, aber er müsse doch hinzufügen, daß alles das, was sie hier genossen hätten, füglich Dinge wären, die sie auch anderwärts bekommen könnten. Aber ich hätte noch etwas, das man vergeblich im erstklassigen Hotel suche und das hätte ich meinen Gästen vorenthalien. „Unser Wirt," sagte er zu seinem Freunde gewandt, „hat noch von demselben Brot, das die Israeliten bei ihrem Auszug aus Aegypten aßen, davon hat er uns aber nichts gegeben!" Der Angeredete sah seinen Kollegen und dann mich mit cinem Blick an, als handle es sich um ein Märchen aus „Tausend und eine Nacht" und fragte mich dann, ob das wirklich wahr sei und ob er das Brot einmal selber sehen könne. Lächelnd brachte ich ihm einige Mazzos, die er erst nicht.zu berühren wagte, indem er sie mit staunender Ehrerbietung von allen Seiten betrachtete. Er erkundigte sich über ihren Ursprung, ihre Herstellung, ihre Bedeutung und Verwendung, fragte, ob ich vielleicht geneigt wäre, dem Museum ein Exemplar zu überlassen und konnte sich, als er davon gekostet hatte, nicht genug über die Schmackhaftigkeit eines Brotes wundern, das doch lediglich aus Mehl und Wasser bestehe und dem nicht einmal Salz oder Fett beigemischt sei. Seitdem schickte ich den beiden Herren alljährlich einige Mazzos, für die sie mir dann nicht genug danken konnten. Die Dankbriefe dieser Herren sind ein wahrer Kiddisch Haschem und dürften manchen von der gleichgültigen Gedankenlosigkeit heilen, mit der er dieses uns von Gott gereichte Symbol hinnimmt. „Seit Jahrtausenden," schreibt einer dieser Herren, „leben wir Christen schon mit den Juden zusammen, in einem und demselben Land, in einer und derselben Stadt, vielleicht in einem und demselben Hause, und wir kennen doch nur ihr Aeußeresj ihr innerstes Selbst, ihr Seelenleben, ihr religiöses Denken und Empfinden ist und bleibt uns ein mit sieben Siegeln verschlossenes Geheimnis. Daß sie heute noch dasselbe Brot effen, wie es ihre Väter aßen, sichert auch den spätesten Enkeln, noch den Geist und die Gesinnung der Väter. Mit ihrem ungegohrenen Brote in der Hand beim alljährlichen Feste ihrer Freiheit dürfen sie mit viel größerem Rechte als mrr das Wort des Dichters nachsprechen und seiner Verwirklichung vertrauen: Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen noch Gefahr — Wir wollen trauen auf den höchsten Gott Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen." In Wirklichkeit bedarf es jedoch nicht erst des Hinweises von außerjüdischer Seite, um uns den Flügelschlag des Gottesgeistes ahnen zu lassen, der aus den Sederabenden und ihren tiefsinnigen Symbolen zu uns spricht. Die weisen Regler unseres gesamten Pslichtlebens, welchen wir auch die Festordnung urlserer Sederabende verdanken, haben es nicht an Andeutungen und Schlüssen fehlen lassen,* die uns die erziehende Kraft enthüllen mit welchen gerade diese Institution ausgestattet ist. Sie haben das Programm dieser Festabende in, ihrem kernigen, gedrungenen Lapidarstil an die Spitze der Sederfeier gestellt und damit die glänzendsten Lichtpunkte fixiert, um welche sich die symbolischen Handlungen dieser Familienfeier zwanglos gruppieren lassen. naep irxiö nacm Tja prr osns ,pmi snp .nana bbn “pn poac “[*ny jnPtr “[td nn» Es ist unmöglich, diese einzelnen Nummern durch eine Uebersetzung wiederzugebeu, welche den Gegenstand in erschöpfender Weise wiedergibt. Die Erklärer der Pessach-Hagada haben dieses Programm selber zum Gegenstand sinniger B> - trachtungen gemacht und daran in künstlicher, oft auch erkünstelter Weise eine Fülle weiser Lebensregeln und ethischer Belehrungen geknüpft. Für den Zweck dieser Zeilen genügt es jedoch, eine Beschränkung auf die Erklärung und Darstellung der einfachen Bedeutung dieser Worte, um daran die erziehende Kraft der Sederabende in ihrer ganzen Tiefe würdigen zu können. (Fortsetzung folgt.) Vas ketteten Oes Lempelberger. Von hochgeschätzter rabbinischer Seite wird uns geschrieben: Da es in gegenwärtiger Zeit vielen Glaubensgenossen ein Herzensbedürfnis ist, nach dem heiligen Lande und speziell nach Jerusalem zu Pilgern, so erscheint es mir angemessen, daran zu erinnern, daß es nach den Vorschriften des jüdischen Religionsgesetzes noch heutzutage streng verboten ist, den Tempelplatz zu betreten. Die jüdischen Dezisoren geben hierüber folgende Vorschriften : Maimonides mran rP2 'n VI. 16 und VII. entscheidet, daß die Heiligkeit des Tempelplatzes durch die Zerstörung des Tempels nicht ausgehoben ist, sondern für uns ewig fortdauert. Es darf demnach der durch körperliche Zustandsveränderungen Köta gewordene (wie 2t und ma) den ganzen Tempelberg nicht betreten (Mischna Kelim I 8.) Aber selbst derje ige, der durch und trottr 2iyn von jener nKDita frei geworden wäre, darf jedenfalls nach der Vorschrift der Thora (Num. 19 20) nicht denjenigen Raum bet eten, auf welchem ehemals der Tempel und dessen Vorhof (die mry) standen, da wir alle, in Ermangelung des von der Schrift geforderten Reinigungsmittels der m§ als D'no 'KDEa gelten, denen bei ni2-Strafe das Betreten jener heiligen Stätten verboten ist. R. Abraham b. David (n"3AP) das. ist zwar der Ansicht, daß derjenige, welcher jetzt diese Räume betritt nicht mit rro bestraft wird (ma 12 pK Dir nny Daran), nichtsdestoweniger ist dies auch nach n"2to heutzutage verboten, wie dies von R. Jakob Ettlinger V'act in seinem Responsen p'S pa2 I. Nr. 2 klar dargelegt wird. Indessen steht n"2*n mit dieser Milderung des Verbots ganz vereinzelt da - sämtliche Dezisoren, soweit sie diese Frage behandeln, pflichten vielmehr Maimonides bei und bezeichnen d s Betreten des Tempel- oder Vorhofplatzes als ein rro -iid’’#. Wir nennen hier nur "pann i£D Petrowitsch -ah fein Vis-ä.vis mit funkelnden Blicken an und rief ungeduldig: „Nun, raus mit deinem Plan und mache mich nicht neugierig, .das schlägt mir auf die Nerven und dre sind kitzlig. Also, was hast du vor?" Aus diese Frage oder richtiger auf den laut?« Ton, in deni sie erfolgte, erhielt Petrowitsch einen unsichtbaren, aber deshalb nicht minder derben Fußtritt unter dem Tisch, Er beeilte sich auch gar nicht mit der Antwort, sondern bestellte zuerst noch eine Bowle Punsch, eine Bcstellnug, die schon genügte, um beruhigend ans die Nerven des neugierigen Fragers zu wirken. Erst als er einige Gläser davon geschlürft, rückte Dundukoff etwas näher und begann :n,t gedämpfter Stimme: „Tu sollst heute Nacht 10,000 Nabel aus dem Schlafzimmer des Juden Friedmann holen und magst sie für dich allein behalten. Fch verlange von dir dagegen gar nichts, als daß du dem Lump oen Hals abschneidest. Und das muß heute?lbend noch geschehen: eine bessere Feit und Gelegenheit als heule kommt vor Jahresfrist nicht wieder, Heute Abend feiern die Juden ein Fest, der Frieomann k-omurt erst nach Mitternacht schwer bezecht nach Hause. Jetzt ist 8 Uhr. Du schleichst dich zwischen st und 10 Uhr •inä Haus und gehst direkt ins Schlafzimmer Dasselbe ist eine Treppe hoch, das erste Zimmer rechts. Dort stehen zlvei Betten. Das am Fenster ist dasjenige der Frau, das neben der Tür ist das seinige. Ueber seinem Bett ist ein kleiPs Wandschränkchen befestigt, das eigentlich eine Hausapotheke ist, aber darin liegen 10,000 Rubel in Banknoten, die er immer in Bereitschaft liegen hat, um nötigen Falls jeden Augenhlrck baares Geld zur Hand zu haben. Das Haus' ist geschlossen; hier ist der Schlüssel. Das Hans ist aus den Gängen nicht erleuchtet. Die Dienerschaft ist im andern Flügel; die Frau verläßt ihr Wohnzimmer nie vor 10 Uhr Abends. Bis zu dieser Stunde mußt du im Schlafzimmer sein und dich ruhig unter das Bett der Frau legen. Dort wartest du die stunde ab, bis sie zu Bett gegangen ist und bis Friedman» selber zu Hause ist und sich auf's Ohr gelegt hat. (Schluß folgtF (Die jüdische Bevölkerung in Wien nnd Budapest.) Tie Entwicklung der jüdischen Bevölkerung der zlvei Hauptstädte der österreichischen Monarchie ist aus den nachfolgenden statistischen Taten ersichtlich: Wien Budapest 1869 51,880 41,938 1880 72,588 68,578 1890 118,495 103,317 1900 146,926 130,000 1906 175,000 169,974 Wien lind Budapest sind also neben Warschau und London die größten jüdischen Gemeinden Europas. Aus der Tabelle ist ersichtlich, daß die jüdische Bevölkeruilg der ungarischen Hauptstadt in den letzten iö Jahren rascher anwächst, als diejenige Wiens. In Budapest wohnen 20 0/o aller Juden Ungarns, während Wien nur etwa 12i/3 o/o aller österreichischen Juden beherbergt. Das ungewöhnlich starte Anwachsen beider (Gemeinden ist selbstredend nicht ein Resultat natürlicher Vermehrung, sondern der rapid zagenommenen Einwanderung. In Ungarn war die Einwanderung noch bedeutender als in Oesterreich. Biele Tausende ungarische Juden kommen aber auch nach Wien. So zählte man im Jahre 1900 unter den nahezu 417,000 Juden in Wien 50,390, also 34 o/0 der Gesamtzahl, Staatsfremde. Bon diesen waren nicht weniger als 45,000 ungarische Juden. (Buttfische.) Ein Leser unseres Blattes hat von der Kgl. Biologischen Anstalt ans Helgoland das folgende Schreiben erhalten: _ „Aus Ihr geehrtes Schreiben an den Deutschen seefischerei-Berein vom 23. Dezember 1908 in dem Sie anfragen, welche von den Buttsischen Floße und Schuppen, welche davon mir Schuppen haben, geben lvir folgende Antwort: All e sogen. B u t t s i s ch e (Plattfische, Pleuronectiden, Seitenschwimmer) haben s o w o h l F l o s s e n, w i e auch Schuppen nur einer einzigen Ausnahme. Der Steinbutt nämlich hat zwar Flößen, aber keine echte Schuppen, vielmehr eine nackte Haut, in der an Stelle der Schuppen auf der dunklen Oberseite steinartige H a u t k n o ch e n eingebettet sind. Die Schuppen einiger andern Arten von Buttfischen, z. B. die Rotzunge und der Scholle sind sehr klein und glatt, sodaß dem Laien der Fisch schuppenlos erscheint. Die in den Konsum gelangenden Buttsische der See sind: Heilbutt oder Halleslunder, S t e i n b u 11, Glatthaut oder Kleist, Scholle oder Goldbutt, Flunder, K l i e s ch e, Rotzunge, echte S e e - z u n g e." Daß damit noch keineswegs das entscheidende Wort darüber gesprochen ist, ob und welche Buttfische als "ltPD gelten Tonnen und daß es zu diesem Zwecke noch einer näheren Nnterschung der ’Spra bedarf, ist ohne Weiteres ersichtlich. („Und das ««es dlotz for fnfzig Fenge!") Der verstorbene ehemalige Reichstagsabgeordnete und Hof-