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Der Israelit · 1909-03-25 · Heft 12 (25.3.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 12 (25.3.1909)
Date
1909-03-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 12 Met Schließung des Landtags öezeichnet wird, mit einem Gewaltstreich von innen zu beantworten, und dem finnischen Volke zu zeigen, daß er auch gegen den Willen des russischen Ministerrates, der sich bekanntlich einem Schächtverbote widersetzte, selbstständig Gesetze zu schaffen vermag. Daß dieser Gegenstreich aus Kosten der Juden geführt wird, ist weiter nicht von B-lange und sichert ihm auch einen bleibenden Erfolg, denn daß die Zentralregierung in Petersburg ohne „triftigen Grund" und nur der Juden wegen es von neuem mit den unbotmäßigen Vasallen verderben würde, ist so ziemlich ausgeschloffen. Die einzige Instanz, die gegen den unerhörten Akt der Willkür protestieren könnte, wäre der Landtag, von dem aber leider heute noch kein Mensch weiß, wann und wie und unter welchen Umständen er sich konstituieren wird. Die Aufgaben, die jetzt den wackeren Kämpen für jüdisches Recht in Rußland und Finnland erwachsen, sind ungeheuer groß und schwer. Das Bestehen eines Schächtverbotes in einem von Rußland abhängigen Kronstaate bedeutet eine fortwährende und eminente Gefahr für die Millionen Juden des ganzen russischen Reiches. Die Echtrussen, die heute schon mit Vorliebe auf die Schweiz und auf Sachsen Hinweisen, werden nun in ihren Versuchen nicht müde werden, mit -einem Hinweis auf den eigenen Vasallenstaat, den Juden, die sie ohnedies auf der ganzen Linie wirtschaftlich zu bekämpfen und zu ruinieren trachten, auch noch den Fleischgenuß zu entz'ehen. Man ist sich auch allgemein ganz klar darüber, daß der Gewaltakt der Altfinnen als eine Art Handlangerdienst für die Partei der D u b r o v i n und Purischkewitsch aufzufassen ist. Bonder Kadettenpartei,, die bisher in der Judenfrage beharrliches Schweigen beobachtete, hörte man jüngsthin, daß sie ihren Kurs zu Gunsten der Juden geändert hätte. Es wird nun die nächste Aufgabe aller einflußreichen Kreise in Rußland sein, auf diese aufklärend einzuwirken, um einem Uebergreifen der Gefahr auf das russische Mutterland möglichst vorzubeugen. Was indessen Finnland selbst betrifft, so muß energischer und tatkräftiger als bisher nun die Gegen-Aktion einsetzen. Alle Bemühungen müssen darauf gerichtet sein, daß der kommende Landtag volle Klarheit über diese Frage, die die vitalsten Interessen der Juden betrifft, besitze, -daß den Einsichtigen seiner Mitglieder, von denen noch Gerechtigkeit zu hoffen ist, das gesamte Material, das die Ungerechtigkeit der Schächtgcgner sonnenklar an den Tag legt, zur Hand stehe. Daß diese Abwehrarbeit nicht allein von den finnischen und russischen Inden, sondern auch, und vielleicht noch in größerem Maße, von ihren Glaubensgenossen in allen Ländern und besonders in Deutschland und England geleistet werden muß, braucht kaum noch erwähnt zu werden, Quoten N'2V 1V2P -i'no V12N ptt. Hoffen wir, daß es der gemeinsamen mit Aufbietung aller Kräfte geleiteten Aktion gelingt, das finnische Schächtverbot zu einem provisorischen, das noch der Entscheidung des Landtags bedürfte, zu gestalten, schlimmeren Falls aber wenigstens die Gefahr zu lokalisieren und einer Ausdehnung derselben erfolgreich vorzu beugen. Die Sederabeadc als Erzfeber. I. Wenn ein jedes göttliche Gebot sittigend, erziehend, und heiligend auf denjenigen wirkt, der es erfüllt, so gilt dies ganz besonders von den gottgebotenen Pflichten, die sich an die Geburts stunde des GotteSvolkes knüpfen. Die Pflicht, diese Stunde mit ihren Wehen und Wonnen durch das erzählende, belehrende und belebende Wort in ewig unverwelklicher Frische zu erhalten, hat unsere Sederabende geschaffen. Diese Abende, auch nur äußerlich betrachtet, zeigen jedem, der an sie herantritt, die Herrlichkeit Gottes noch heute wie einst auf dem über die ganze Erde zerstreuten Gottesvolke ruhen, ja sie erscheinen heute, nachdem Jahrtausende seit der Erlösung und Erwählung dieses Volkes dahingerauscht sind, vielleicht noch als größeres Gotteswunder wie damals. Man wird sich unter allen menschlichen Veranstaltungen vergebens nach einer Institution umsehen, die sich mit der Eigenart unserer Sederabende vergleichen ließe. Ohne Staat und Land, ohne äußeres Band, ohne Tempel, Priester und Altar seit Jahrtausenden über den ganzen Erdball, diesseits und jenseits des Ozeans versprengt, verjagt, geduldet, finden sie sich an diesen Abenden, soweit der Vollmond leuchtet und die Sterne glänzen, zur ~eier ihres Stiftungsfestes im Geiste zusammen, edes Haus eine Festhütte, jede Familie ein eftkreis heiterer und ernster Festgenoffen, jeder amilienvater ein Festredner, der über die Einhaltung des vorgeschriebenen, für alle gleichen Festprogramms wacht. Alle effen sie dasselbe Brot, wie es vor Jahrtausenden die Väter in der Erlösungsstunde aßen, alle füllen und leeren sie die genau vorgeschriebene Zahl der Pokale, jeder Tisch trägt dieselben Symbole und Anzeichen des Festes der gebrochenen Knechtschaft und der erlangten Freiheit. Wer hat die gehetzten, in das Joch der Tagessorgen geschirrten jüdischen Menschen frei gemacht, wer hat ihnen die Last des Lebens an diesen Abenden abgenommen und sie in fteie, heitere Festgenoffen umgewandelt? Es ist der Hellige, gesegnet sei Er, der damals wie heute über die jüdischen Häuser hinfchreitet und mit einem Abalanz feiner Herrlichkeit alle zu Ihm Emporblickenden ver- Durch die stetige Regelmäßigkeit, mit der sich dieses Wunder alljährlich mit dem ersten Frühlingserwachen wiederholt, find wir leicht geneigt, seine stille, majestätische Größe zu verkennen und es als etwas Selbstverständliches hinzunehmen. Es ist daher von Interesse, als Maßstab für die Bedeutsamkeit unserer Sederfeier, den Eindruck sich zu vergegenwärtigen, den sie bei gebildeten nichtjüdischen Zuschauern zurückläßt. Bor mehreren Jah*en hatte ich einmal Veranlassung, mit einem hochgestellten deutschen Kirchenfürsten über die Blutbeschuldigung zu sprechen. Lächelnd bemerkte darauf der gefeierte Würdenträger der katholischen Kirche: /,Jch kenne diesen unglückseligen Wahn und kannte ihn schon in meiner frühesten Jugend. Bevor ich aber in der Lage war, aus den jüdischen Bekenntnisschriften die Schändlichkeit und Unmöglichkeit dieser Verleumdung nachzuweisen, war ich schon dagegen gefeit durch ein Erlebnis, das ich in meinem elsäsfischen Heimatsdorfe hatte. Dort war unser nächster Nachbar ein armer jüdischer Handelsmann, der sich das ganze Jahr vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein zu plagen hatte, nm den Unterhalt für seine zahlreiche Familie zu erringen. In den Wochen vor dem jüdischen Paffafest hatte er die Mazzosbäckerei für die ganze jüdische Gemeinde und für einige Nachbargemeinden übernonimen. Als Knabe sah ich der Mazzosbereitung von der ersten Wasser- und Mehlmischung bis zur vollen Fertigstellung omb Verpackung zu; wenn es nötig wäre, könnte ich heute selber Mazzos backen, so enau habe ich alles mit angesehenvon Blut abe ich nichts wahrgenommen. Ein Amtskollege, der mir einmal von der Blutbeschuldigung sprach und dem ich mit meinen eigenen Erfahrungen entgegentrat, meinte aber, falls die Juden wirklich Lhristenblut für ihre Mazzos verwenden, so täten sie das gewiß nicht so offenkundig, daß es jedes neugierige Christenauge sehen könne. Gegen diesen Einwand konnte ich nicht- Stichhalttges geltend machen, obwohl ich früher wußtt. daß mser armer MazzoSbäcker keiner solchen Bluttat ähig war. Als ich später meine erste Pfarrstelle n meinem Heimatsdorf bekleidete, hatte ich einmal Gelegenheit, dem Familienfest beizuwohnen, ras in jedem jüdischen Hause an den beiden ersten Osterabenden gefeiert wird. Was ich da ah und hörte, wird mir ewig unvergeßlich ileiben. Unser ärmlicher Nachbar war wie um* gewandelt, er saß wie ein Fürst an der Seite seiner wackeren Frau, umgeben von seinen Kin- Kellergeschoß zusammen. Ms aber um sechs Uhr die Fabriken geschlossen tp-rrden, strömte ein? große Menge Arbeiter und Arbeiterinneu in die Schnapssp Kante, um sich vor dem Nachhausegehen durch einen Trunk zu stärken. Bald füllte ein lautes Johlen, Lachen, Schimpfen und Fluchen den Raum, der sich aber bald wieder leerte, sodaß gegen 7 Uhr nur noch 10—12 Götze Mückgeblieben waren, „pie sjch in lauter, ungezwungener Weise unterhielten. .Einer der Gäste, oer schon seit 4 Uhr dasaß, nahm an der Unterhaltung leinen Teil. Er saß in eine Ecke gedrückt bei seinem mit Schnaps gefüllten Wasserglas, dem er nach dem Kupferglanz seiner Nase schon tüchtig zugesprochen haben mußte. Er war gut gekleidet und verriet mit jeder Bewegung, daß er eigentlich nicht in die Gesellschaft gehöre, die regelmäßig hier verkehrte. In oer Tat schien er Jemanden ju erwarten, denn sobald sich die Türe öffnete, ließ er einen verstohlenen Blick nach dem Eintrctenden hirmberschweisen. Gegen 7 Uhr trat ein baumlanger, stämmiger Mann ein, der durch seine Kleidung und ganze Haltung einen beschäftigungslosen Arbeiter verriet, der hier seine Sorgen und Schmerzen in Schnaps zu ersäufen Pflegte. Trotz des schier undurchdringlichen Tabakqralms hatte ihn der Beobachter in der Ecke sofort erkannt und ein Lächeln, das über seine finsteren Züge huschte, verriet, daß der Eingetretene der längst von ihm erwartete sei. „Petrowitsch," rief ihm der in der Ecke zu, „hier ist auch ein Plak frei," und reichte ihm dabei sein halbgeleertes Schnapsglas, das der Angeredete mit einem Schluck hinter dn Binde goß. „Wie kommst du hierher, Dundukofs, es ist doch gewiß schon ein halbes Jahr her, daß ich dich nicht hier gesehen habe?" „Ein halbes Jahr.'? Mag sein; aber gestern und vorgestern Abend kältest du mich hier treffen können. Ich war extra hierher gekommen, um dich in deiner Stamnlkneipe aufzusuchen. Mer man sagte mir, daß du schon seit 14 Tagen dich nicht hättest blicken lassen. Warst du krank?" „Krank? Ja und nem. Ich habe einen krankhaften Hunger und einen krankhaften Durst und dabei nichts zu kauen und nichts zu schlucken, das ist doch eine schwere Krankheit, wogegen selbst die größten Doktoren tein Heilmittel haben. Ich .komme heute von Cherson, wo ich in dem großen Korff'schen Eisenwerke Arbeit haben sollte, aber als ich hinkam, war alles vergeben. Vierzehn Tage habe ich mich dort umhergetrieben und wenn mir der Himmel nicht am Sonntag Abend einen reichen Juoen in den Weg geschickt hätte, den ich um seine goldene Uhr und sein Portemonnaie mit 10 Rubel Silber erleichterte, so wäre ich in Cherson vor Hunger umgckommen." „Das wäre schade gewesen, aber jetzt hast du doch Geld, wenn du so einen guten Fang getan hast?" „Wo denkst du auch hin? Nicht eine einzige Kopecke. Die zehn Rubel habe ich noch in derselben Nacht durchgebracht und den Erlös für die Uhr am folgenden Tage, so daß ich nicht einmal das Fahrgeld hierher übrig behielt. Sechzig -Werft pro Tag zu Fuß, bei dieser Kälte, das ist ein schlechtes Mittel gegen eine Hunger- und Dursttrankheit." Statt jeder Antwort ließ Dundukofs ein doppeltes Nachtessen und zwei Gläser Grog bringen. Er selbst war weder hungrig noch durstig und schob daher beide Portionen seinem Tischgenossen zu, der in wenigen Minuten damit reinen Tisch »«achte. Da es bei den Menschen einmal j» eingerichtet ist, daß ihre Sprach- und Eßwerkzeuge dieselben sind, so verlor Petrowitsch beim Essen kein Wort und Dundukofs folgte diesem Beispiele, indem er stillschmunzelnd seinem Nachbar zuschaute. Erst als das Abendbrot zu Ende war und zwei Glas Branntwein als Dessert folgten, sagte Petrowitsch, indem er seine Zigarette anzündete: „Warum hast du mich eigentlich gestern und heute schon erwartet? Und wieso kannst du überhaupt um diese Zeit abkommen, hast du denn keinen Dienst?" „Diese zwei Fragen, Petrowitsch, kann ich dir fast mit ejner Antwort beantworten. Dienst habe ich seit 14 Tagen keinen, denn mein Herr, der Jude Friedmann, hat mich vor 14 Tagen fortgejagt, wie man einen Hund vor die Türe weist. Ich bin seitdem ohne Stelle, wenn auch nicht ohne Geld. Ich öabe mir während der zehn Jahre, die ich in seinem Hause war, ein schönes Sümmchen bei Seite geschafft, deshalb eilt es mir auch nicht, wieder eine Stelle zu bekommen. Wer ich gönne dir auch einige tausend Rubel und wenn du willst, kannst du sie heute Abend noch verdienen." Petrowitsch's Augen, die in Folge des schnellen Branntweingenusses schon etwas stier vor sich gesehen hatten, fingen bei diesen Worten zu glänzen an. „Das sind viele Neuigkeiten auf einmal," entgegnete er leise. „Warum hat dich der Jude eigentlich sortgejagt?" # „Warum? Weil er ein Lump ist. Ich habe ihn wegen Unterschlagung der Branntweinsteuer angezeigt, wofür ich als Angeber 5000 Rubel wie nichts verdient hätte. Es ist aber dem Kerl gelungen, seine Unschuld nachzuweisen, und als dies geschehen war, hat er mich einfach hinausgeworfen. Was sagst du zu einem jplchen Schurkenstreich?" „Ich kann das eigentlich gar nicht so unbegreiflich finden," entgegnete der Gefragte. „Vielleicht hättest du s auch so gemacht, wenn's umgekehrt gewesen wäre, und hättest dem Denunzianten n och eine Tracht Prügel als Wegzehrung mitgegeben, die du eigentlich noch zu gut hast." „ ,***--fVm

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