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Der Israelit · 1909-03-25 · Heft 12 (25.3.1909) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 12 (25.3.1909)
Date
1909-03-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette L ftr. 12. Derselbe Staat, der einerseits mit all seinen Machtmitteln alles Erhaltende, Religiöse und Positive zu stärken sich bemühtderselbe Staat, der alle Ursache hätte, jeden Juden von alttestamentarischer Gesinnungstreue als lebendige Mahnung gegen Umsturz und Anarchie in Gold rahmen zu lassen — läßt sich durch eine verrottete Tradition jm der ungeheuerlichen Politik verleiten, hohe „Prämien" aus Judentausen auszusetzen und diese Prämien den gesinnungslosesten jüdischen Individuen auszufolgen. Diese Prämie besteht bei Soldaten in der Beförderung der Getauften. Der jüdischen Einjährige läßt sich taufen, wird zum Verräter an seiner religiösen Gemeinschaft und — avanciert. Und diesem Verräter will der Staat im Kriege gar ein en Vertrauensposten einräumen? Und das soll Staatweisheil sein? Karriere! Karriere an den Universitäten. Also die „Blüthe der Nation" an den Hochschulen wird „exvLibeärn" von einem Judentäufling, einem der erbärmlichsten aller Gesinnungslumpen erzogen und unterrichtet! Ist das Staatsweisheit? Will der Staat, das deutsche Reich, die moralisch minderwertigsten Juden denn absolut den sittlich höchststeh enden und jedenfalls höherstehenden Christen als vollgiltig an die Seite stellen? Glaubt denn irgend eine Regierung ihre Position zu stärken, wenn sie sittlich schwache Elemente befördert, hebt und bevorzugt? Ein Staat, der solchergestalt seine Bürger in Versuchung führt, Ehre, Glauben, Gewissen und Treue zu opfern,um staatliche, bürgerliche und andere Vorteile zu erlangen, die der Staat ihnen selber sonst vorenthält, ein solcher Staat untergräbt gegen seinen Willen alle sittlichen Fundamente und beraubt sich selber der besten sittlichen Kräfte. Dem heutigen Judentum aber wäre sehr zu wünschen, daß es sich auf den früheren Ehrgeiz besinne, der dem Protzentum, das überall unkrautartig emporschießt und dessen falschen und gefährlichen Ehrgeiz wir zu kennzeichnen versucht haben, am ehesten Paroli bieten könnte. Dieses Zurück gehen auf die Vergangenheit, wäre sicher ein Fortschritt. Die nächste Mnrnrner des Israelit (Ke. 13) erscheint am Donnerstag, den 1. April, die übernächste (Nr. 14) am Knsttag ftwt nvs-Feste, Montag, den 5. April, Ur. 15 am Donnerstag, de« 15. April. Kleines Feuilleton, der Ungerechten Schlaf. Bon Judäus. 2er 19. Kislew ist seit ungefähr 100 Jahren ein Festtag bei denjenigen Chasfidim, die der Lhaöad» Richtung angehören*). Damals lebte der Gründer dieser Schute Rabbi Senior Salmon aus Ljubo -- witz und Ladi einer der Größten /unter den Großen, an welchen das jüdische Rußland um diese Zeit besonders reich war. Von seiner Meisterschaft auf dem Gebiet der jüdischen Gesetzeskunde zeugt sein „Schulchan Aruch", der als des „Rebbe's Schulchan Acuch" bekannt und hoch geschätzt ist. Seine Vollendung in der Wissenschaft der Kabbala hat er in dem Werke „Tanjo" bekundet, das ein treuer Spiegel der geistigen und sittlichen Größe des Verfassers ist. Er hat dem aufstrebenden Chassidismus während einer 40 jährigen Lehrtätigkeit gewiß mehr als 100.000 Anhänger zugeführt, die alle in schwärmerischer Begeisterung und hingebender Verehrung an ihrem Führer hingen. Die mächtige Bewegung, mit welcher der Reiz seiner Persönlichkeit die Massen elektrisierte, benutzten seine Gegner, um ihn.bei der russischen Regierung als falschen Messias und revolutionären Aufruhrstifter zu verdächtigen. Diese Verdächtigungen fanden ihren Weg. zum Ohre Kaiser Pauls I. und erreichten es, daß der edle Mann zwei Jahre lang in der Peter-Paulsfestung gefangen gehalten wurde. Durch D« Mraeltt Koch-MMöschau. Paläfiina-Spenflen. Kurz vor Redaktionsschluß empfangen wir aus Jerusalem eine in Hebräisch und Jargon geschriebene Broschüre np*i2n BBtPD, in der die deutsch-holländische Gemeinde (sie nennt sich jetzt konsequent: deutsche Gemeinde), in den schärfsten Ausdrücken gegen die von den Amsterdamer Pekidim beschlossene Reorganisation der Chalucka Protest erhebt, die Pckidim zur Abdan kung ausfordert und die Bildung einer gesonderten deutschen Chaluka verlangt. Diese deutsche Chaluka solle dann ohne jede Untersuchung des Bedürfnisses jeder Seele ihre Rente zahlen und jedwede Neuerung als unnütz und schädlich abweisen! Wir kommen auf die erstaunliche Broschüre, die man geradezu als selbstmörderisch bezeichnen darf, noch zurück. Für heute wollten wir nur betonen, daß die Amsterdamer Pekidim bei allen ihren Maßnahmen in engster Fühlung mit den rabbinischen Autoritäten Deutschlands vorgegangen sind, und daß es daher ein hoffnungsloser Versuch ist, Deutschland gegen Holland auszuspielen. Alle Freunde des heiligen Landes bitten wir, sich durch die „Protestbewegung" der Armen des nn VVo in ihren Sympathien für diese nicht beeinträchtigen zu lassen. Mit Festigkeit und Milde zugleich wird es. den Amsterdamer Pekidim zweifellos gelingen, unter Aufrechterhaltung der wiederholt veröffentlichten Beschlüsse auch die Jerusalemer Kreise zu beruhigen, je mehr die Spenden in Deutschland durchreichliche Gaben an die SnmmelsteUe« der dentschhvllandifchen KrrwaUnng die Organisation stärken und damit die törichten Spekulationen auf deren Zerstörung zu Nichte machen.. veulWnalionale Logth. Nachdem das Liebeswerben der Deutsch- Nationalen. Handlungsgehilfen beim „Verbände der Deutschen Handlungsgehilfen" im April v. I. nicht ganz den gewünschten Erfolg gebracht hatte und die Machtgelüste ihres Leiters, des Herrn Schack, in der Hauptsache ungestillt geblieben waren, verlegt sich jetzt dieser Herr von Neuem auf das Werben, richtiger auf die eine wunderbare Verkettung von Umständen gelang es, den Fürsten Adam Czartovyski derart für den Graenen zu interessieren, daß der Fürst seinen Jufreund, den inzwischen zur Regierung gelangten Kaiser Alexander I. veranlaßte, dem „Rebbe", wie man ihn ohne weitere Bezeichnung nannte, die Freiheit zu schenken. Das geschah am 19. Kislew und dies ist die Veranlassung, welche die Chabadäer noch heute diesen Tag festlich begehen läßt. Am letzten 19. Kislew waren es 10 Jahre, daß die Chabad-Chassürim in Elisabethgrad sich wie alljährlich zu diesem Feste zusammengefunden hatten. Es ging hoch her, bei diesem Anlaß. Drei lange Festtafeln vereinigten am Abend die Genossen, über welchen die Feststimmung geradezu ausgegosscn schien. Worte der Thora, herrliche Gesänge und Erzählungen nahmen einen breiten Raum ein und fanden ein geneigtes Ohr, auch wenn es sich um Vorkommnisse handelte, deren wesentlicher Inhalt allen längst bekannt war. Denn die Erzähler waren meist geistreiche Männer, die es durch ihre Darstellung verstanden, auch .dein bereits Bekannten, einen gewissen Reiz der Neuheit zu verleihen. Sie hatten hauptsächlich das gottgesegnete, vielseitige Leben und Wirken des „SRcö&e" zum Gegenstände, sie behandelten aber auch die hoch» nrteressanten Lebensschicksale seiner Nachkommen, dre noch heute die Führung der Chabäd-Chassidim in Ljubowitfch inne haben. Mitternacht war längst vorüber, als man sich anschickte, das gastliche Haus des Herrn Israel .Katzenellenbogen zu verlassen, als dieser noch" einmal ein Schlußwort an die Versammelten richtete, in welchem er ihnen für ihr Erscheinen dankte, indem er daran die Hoffnung knüpfte, daß alle Anwesenden von dem Herrn über Leben und Tod begnadet wecken --möchten, - wie heute so auch kommendes Jahr und noch ungezählte andere Jahre an diesem Feste teil- 25, März 18p» Eroberung und Unterjochung aller übrigen Handlungsgehilfen - Verbände. Diesem Zweck soll auch der neue Satzungsentwurf des Verbandes dienen, den Herr Schack in dem Vereinsorgane der „Deutschen Handelswacht" mit folgendem Geleitwort veröffentlicht: „Gilt es doch, in den nächsten Jahren die letzte Schlacht um die Vorherrschaft in der Handlungsaehtlfenbewegu g zu schlagen! Die beiden alten Verbände zählen heute zusammen 170 000 Mitglieder, wir 120000, also 50000 zü wenig. Diese Fünfzigtausend wollen wir uns in den nächsten Jahren holen und noch etwas dazu, fodaß wir mit zweimalhundert-ausend Mitgliedern die Frage, wem die Zukunft in der Hand lunaSgehilfenbewegunä gehört, auch für die letzten Zweifler endgültig entschieden haben w.rden. Mit den erhöhten Einnahmen, die uns nach unserem Vorschläge schon für nächstes Jahr zur Verfügung stehen, soll das ein fröhliches Werb.n werden — bis in die letzte Handlungsgehilfenkammer hinein sollen unsere Flugschriften flattern und uns neue Freunde und Anhänger werben." Eines glauben wir dem kampfeömutigeil und so siegesgewissen Verbände raten zu müssen, nämlich, bei seinem „fröhlichen Werben" nicht an Recht und Billigkeit zu appellieren, ebensowenig aber an die Vernunft und die gesunde Logik der Deutschen Handlungsgehilfen. Es sei denn, daß der schneidige Herr Schack in seinen Flugblättern, die „bis in die letzte Handlungsgehilfenkammer hineinflattern sollen", die §§ 6 und 7 seilles Entwurfes, oder wenigstens einen derselben verschweigt, tz 6 lautet: „Parteipolitische und konfessionelle Bestrebungen innerhalb des Verbandes sino ausgeschlossen." Der darauffolgende § 7 besagt aber wörtlich: „Juden und in einem bewußten Gegensatz zum Deutschtum stehende Angehörige anderer Nationen oder Rassen können keinerlei Mitgliedsrecht erwerben." Wo bleibt da der in Handelskreisen sonst als erste Voraussetzung geltende gesullde Menschenverstand und das für jedes noch so kleine Unternehmen unumgänglich notwendige klare Zielbewußtsein? Ein Schfiditnerböf in Sinnlanö. So haben es die erbitterten altfinnischen Judenfeinde denn doch noch erreicht. Der finnische Senat hat, , wie eine Depesche aus Helsingfors vom 19. ds. Mts. meldet, ein Schächtverbot für ganz Finnland erlaffen. Noch kennt man die Details dieses neuesten Gewaltakts des offiziellen Antisemetismus in Finnland nicht. Aber dem Eingeweihten und mit den Verhältnissen Vertrauten fällt das Kombinieren nicht schwer. Der Landtag ist aufgelöst, und der judenfeindliche Senat benutzte nun die parlamentlose Zeit, um den Staatsstreich von außen, als welcher die zunehmen. Das Verdienst des großen Mannes, dessen Gedächtnis sie heute feierte», werde gewiß schützend und segnend über alten walten, die heute einen neuen Knoten in dem Band geschürzt hätten, das sie mit dem Zaddik unauflösbar verbinde. Unter den Gästen hatte Herr Chajim Friedemann, ein 'hochangesehener Großindustrieller und Kaufmann erster Gilde, den weitesten Weg nach Hause. Er war Inhaber einer großen Spiritusbrennerei, die außerhalb der Stadt lag und die kaum in dreiviertel Stunde» zu erreichen war. „Reb Chajim, ich gebe Euch Jemand von meinen Leuten zur Begleitung mit, damit Ihr den weiten .Weg nicht so allein zu gehen braucht", meinte der biedere Wirt. „In der Vorstadt, die Ihr passieren müßt, treibt sich viel schlechtes Gesindel herum, bei dem ein handfester Begleiter recht g,nt angebracht sein kann." „Wo denkt Ihr hin, Rabbi Israel?" entgegnete Herr Friedmann. „Ich brauche keinen Begleiter, denn ich fürchte nichts. . Heute Abend am allerwenigsten habt Ihr nicht eben selber gesagt, das S'chus (Verdienstder Zaddik (Gerechten) werde seinen Verehrern beistehen? Dieser Schutz ist ivertvoller, als der eines Begleiters. Gut Nacht, Rabbi Israel!" Mit diesen Worten verließ er das Haus und ging in der Richtung seiner Wohnung zu, die er auch ohne jedes Hindernis erreichte. An demselben Abend, an dem sich im Mittelpunkt der Stadt die Chasfidim versammelt hatten, kamen in einer Branntweinschenke des Viertels, in welchem Chajim Friedmann wohnte, die Stammgäste zusammen, die hier allabendlich verkehrten. Bei Eintritt der Dunkelheit saßen nur 3—4 Personen in dem dumpfen von Tabäksqualm und Brannrweingernch angefüllten

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