Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1909)
- Date
- 1909-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit Ein Centralorgan fOr Ins orthodoxe Jndentun 50. lahrgang. Begründet oon Or. Lelunann in fflainz _ m.._, _ m - 25. mar? 1909. Sranhlurt a. M.. Sen z 3669. M 12. Abonnement pro Vierteljahr r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HestauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Bub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Dormerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstrin u. Bögler A.-G.. Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an den Berlag erfolgen per: Conto bei dem Postfcheck-Amt Frankfurt a. M. No. 344. Conto bei der K. St. Postsparkasse Wien No. 79 605. Conto bei dem K. Postsparkassen««! Budapest No. 18434. Conto bei der Ntgaer Commerzbank in Riga und deren Filialen. Der Nachdruck der Artikel und Correfoondenjen des „Israelit“ in nur unter genauer Quellenangabe, undv soweit es fidi um größere fluffäfee handelt, nur »ach vorheriger Genehmigung gehottet i; \ €i»e Statistik. Bon Dr. Arthur Kahn in Berlin. Der Ehrgeiz kann ebenso zum Laster wie zur Tugend werden. Er vermag die Menschen zu veredeln wie zu verschlechtern. Segen und Unsegen kann aus ihm hervorgehener vermag aufzubauen und niederzureißen. Er kann seinem eignen Träger ein Leben der Reue und Gewissensbisse, wie ein Dasein innerer Zufriedenheit und Erhebung bereiten — je nach den letzten Motiven, je nach eigensüchtigen oder edlen Trieben. Der Ehrgeiz nimmt fast immer die Form der Zeitströmungen und der Umgebung an. Andere Zeiten/andere Sitten — und andere Menschen. Aber er ist stets da, der Ehrgeiz. Er schlummert in der Brust der meisten Menschen, gleicht einer Saite, die lange stumm verharrt, bis ein Finger darüber streicht. Oft unbekannt, feiner unbewußt tragen ihn die Menschen mit sich herum, und sie werden ihm eines Tages untertannur die Stärksten bleiben seiner Meister. Wie sah der Ehrgeiz der Juden noch vor einem Jahrhundert aus? Da war vor Allem der geistige Aufstieg der Traum der Ehrgeizigen. .Zu den Gelehrten gezählt zu werden, von Gelehrten abzustammen, seine Töchter an Gelehrte, seine Söhne in eine Gelehrtenfamilie zu verheiraten, war das höchste Ziel der Sehnsucht. Irgend einen Gelehrtentitel zu erlangen, wie den eines Raw, die Morenu, den Chower, dünkte den Männern damaliger Zeiten mindestens so erstrebenswert, wie den Juden der Gegenwart der Kommerzienrats-, der Doktor- und Professor- oder Geheimratstitel. So wenig wie heutigen Tages, war es auch damals bei unseren Vorfahren nur etwa der Titel allein, der das Ziel ihrer Wünsche wurde. Auch eine Würde, ein wirkliches Amt, das den Inhaber über die Masten emporhob, konnte ihre Kräfte und ihren Willen stählen. Aber der gewaltige Wandel der Dinge hat Ziel und Richtung des jüdischen Ehrgeizes in weitere, breitere Bahnen geleitetwie oft aber gegen früher in falsche und verhängnisvolle, die nur allzuhäufig aus der eignen Gemeinschaft hinausführen, das hat die Geschichte der Juden des letzten halben Jahrhunderts gelehrt. Und wie ein törichter, durch keinerlei hervorragende Eigenschaften berechtigter Ehrgeiz nicht nur lächerlich, sondern sogar verhaßt machen kann, lehren alle breitschichttgen sozialen Etschei. nungen der Gegenwart, .wo das Taufjudentum überall sich Bahn zu machen sucht. Nicht nur auf Kosten seines Judentums, sondern auch und vielleicht in noch höherem Maße, auf Kosten und zum Schaden der neuen christlichen Glaubensgemeinschaft. Klagen doch viele christliche Beamte schon seit langem darüber, daß getaufte Juden fie zu verdrängen und in der Rangbeförderung zu hemmen suchen. Das ist nicht nur glaubhaft, sondern sogar tatsächlich wahr. Denn das gerade ist ja das Motiv zum Glaubens - Wechsel, aber nicht etwa die Liebe zum Christentum, das keine grüße-en Verächter hat, als gerade die Judentäuflinge- Mancher christliche Geistliche würde sich davor entsetzen, wenn er die Gedanken und Gefühle der Juden, die sich taufen lassen, auch nur entfernt kennen und leise ahnen würde, und er würde sich energisch dagegen verwahren, an solchen Menschen den Taufakt zu vollziehen. Er würde es dann als ein Verbrechen an dem Christentum betrachten, Menschen in seine Glaubensgemeinschaft aufzunehmen, die, mit verbrecherischer Frivolität, jedes Glaubens bar und niemals von ethischen Empfindungen und religiösem Erkennen, sondern nur von kalten Berechnungen und wohlerwogenen Absichten und Zwecken geleitet, ans Taufbecken treten. Uns Juden kann es gleichgiltig sein, wenn das Christentum, das in der Taufmanie seine Befriedigung findet, ja, in derselben sogar ein erstrebenswertes Ziel sieht, sich selber mit Menschen infiziert, deren Austritt aus dem Judentum befreiend und gesundend wirkt. Wenn es unsere nichtjüdischen Mitbürger interessiert •— und sie hätten eigentlich mehr Ursache als die Juden für ein solches Interesse — dann könnten wir ihnen eine kleine Auslese von Gründen angeben, derentwegen „Juden und Jüdinnen" (!!) zum Christentum übergetreten find. Wohlgemerkt „üb er getreten?" Denn sie find jetzt nach der Taufe, noch viel weniger „Christen", als sie vorher „Juden" waren. Unsere Liste ist generell nicht einmal gesiebt, sondern nur chronologisch ausgezeichnet. Njchj etwa meist, sondern durchweg betrifft sie Judentäuflinge, die aus den ihre Taufe bestimmenden Ursachen nicht nur kein Hehl machen, sondern ihre Motive unverhohlen — und das beweist, welche Qualität von Juden sich taufen lasten — angaben. 1. Einjährig Freiwillige, um zn Gefteiten, Unteroffizieren rc. zu avancierenfast 'älle, utn Reserveleutnantspatente zu erlangen. 2. Gymnasiasten, um in ihrem Abgangszeugnis nicht als „mosaisch" bezeichnet zu werden. 3. Studenten, um mit Corps- resp. Verbindungsstudenten kneipen zu können. Ferner um Assistentenstellen zu erlangen. Juristen, um im Verwaltungsfach unterzukommen. Approbierte und Promovierte aus den einzelnen Fakultäten, um eine Universitätskarriere anzubahnen. 4. Technische Hochschüler, um in staatlichen Instituten oder den großen industriellen Gesellschaften leichter unterzukommen. 5. Handel und Gewerbetreibende. Einige um vornehme christliche Kunden zu erlangen resp. solche zu erhalten. Einige wegen Heiraten (zweimal um eine Dame von Adel — selbstverständlich mittellose — zu ehelichen)- um höhere Stellen in großen Banken zu erlangen. Von weiblichen Judentäuflingen ist der größte Teil in höheren Töchterschulen, vorwiegend schon in den Kinderjahren, teils auf dirikte Veranlassung der Eltern getauft worden - zum Teil vor dem Berlaffen der Schule und vor und nach dem Eintritt in christliche Pensionate zum Christentum übergetreten. In späteren Altersstufen war meist Heirat mit sozial höherstehenden christlichen Personen der Anlaß zur Taufe. Die meisten getauften Jüdinnen heirateten durchwegs beschäftigungs- und vermögenslose Adelige, ferner höhere Beamte des Saatsdienstes. Bei den ärmeren Jüdinnen ist stets Aussichtslosigkeit auf Ehen mit Juden das Mottv zur Mischehe und Taufe. Ein getaufter Jude (in einem Vorort Berlins) der bereits in dritter Mischehe lebt, — kein Sterbefall, sondern nur Scheidungen gingen dem jeweils neuen „Ehebund" voraus — wünschte den Adel zu erlangen, obgleich ihm der preußische Kommerzienratstitel versagt worden ist. Er ist seit einigen Jahren getauft, Kirchenrat, und hat der fürstlich Schaumburg'schen Schatulle 100000 Mk. für einen Kirchenbau angeboten, um seine Absichten zu erreichen. Dem Deutschen Adel steht hier ein angenehmer Zuwachs in Aussicht, zu dem wir schon heute gratulieren. Von Bühnenangehörigen ist bei Juden und Jüdinnen die Taufe ebenfalls nur Endzweck. Dort spielen religiöse. Motiven ebensowenig eine Rolle, wie bei den oben erwähnten Kategorien. Auch von dieser Gruppe Juden und den ihnen geistesverwandten Musikern aus, erleidet das Christentum eine recht empfindliche Vermehrung.