Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1909)
- Date
- 1909-03-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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£rzid|?ung und Le(i Beil Var „Leienen", eint Nnrtgnn-. ' Bon B. Rohrheimer in Biblis. Auf der diesjährigen Generalversammlung des Fundes g. j. Lehret wurde über die Fortbildung des jüdischen Lehrer in den Religionswissenschaften in ausgiebiger Weise verhandelt. Es wäre vielleicht ersprießlicher gewesen, wenn das Thema gelautet hätte: „Die Fortbildung des jüdischen Lehrers." Dann hätte auch, wie eS von einigen Diskussionsrednern ja bereits geschehen ist, die Fortbildung im Kantorate und in der Schechitah iy den Kreis der Betrachtungen gezogen werden können, und zwar in einer der Wichtigkeit der beiden Funktionen entsprechenden Weise. Ein Teil des Kantorats hätte sich freilich auch so ganz ungezwungen in das Thema ringliedern lassen können, ich meine das «Leienen", denn, um es gleich vornweg zu nehmen, Pas richtige Leienen ist nicht nur eine Kunst, sondern auch eine Wissenschaft, deren Wurzeln ip den für viele so steinigen Boden der Grammatik ein gepflanzt sind. Wer das Leienen also gründlich erlernen und damit einer religiösen Pflicht genügen will, der versenke sich in das Studium der hebräischen Grammatik, insbesondere in das der Accentenlehre. Ich weiß es wohl, -aß man nicht zu gleicher Zeit ein geschickter Lehrer, rin vorzüglicher Prediger, ein geschulter Borbeter, ein ausgezeichneter K*V)p und ein gewandter önw sein kann, aber vernachlässigen darf man keines dieser Aemter; in jedem derselben soll rqan sich soweit als irgend möglich zu vei vollkommnen suchen. Ich glaube aber kaum auf Widerspruch zu stoßen, Wenn ich behaupte, daß heute der amp fyn fast überall zu kurz kommt. Die Gründe für diese Erscheinung find ja naheliegend. In wie vielen Gemeindsn ist mau denn heute noch in der Lage, die Leistungen des Lehrers als *oip Sjn richtig zn bewerten? Bei den Probevorstellungen wird im besten Falle auf die Reinheit und Klangfülle der Stimme und auf die gesangtechnische Befähigung des Kandidaten geachtet, das sinngemäße Borbeten dagegen, das eine Vertrautheit mit der hebräischen Grammatik und ein inniges Versenken in den Geist und den Inhalt der Gebete voraussetzt, findet fast kaum eine Beachtung. Wenn schon bei den Gebeten die Hauptsache, der #rh'ß, zur Nebensache herab sinkt, wieviel mehr ist dies bei der Thoravorlesung der Fall. Man ist leider jetzt schon sehr froh, wenn keine groben, sinnstörenden Fehler gemacht werden, die Kunst aber, jeden Sabbath Mt Sidrah nach den Regeln der Grammatik und der Accentenlehre fehlerfrei und genau vortragen zu können, nimmt immer mehr ab und darum meine ich, daß eine Fortbildung auch auf diesem Gebiete dringend notwendig ist. soll nun der Zweck dieser Zeilen keineswegs sein, ein Klagelied über den Rückgang der Kunst des guten „Leienen" anzustimmen und ich will mich auch nicht aus die bloße Forderung der Fortbildung beschränken, sondern ich möchte nur mein Scherflein dazu beitragen, daß es künftig anders und bester wird. Ich möchte meinen Kollegen einen Weg zeigen, wie sie für das anscheinend so trockene Studium lebhaftes Jntereffe gewinnen und dem bisher meistens mechanischen Einüben der „Trop geheißenen Singsangweise" auch eine wissenschaftliche Seite abgewinnen können. Der feststehenden Tatsache gegenüber, daß die Accentlehre auf grammatischer Grundlage aufgebaut ist und der Satzlehre der hebräischen Grammatik aufs genaueste entspricht, konnte von den alten pnpin der Grundsatz ausgesprochen werden, daß der Text nur nach den Accenten übersetzt werden dürfe. So sagt Aben ESra in seinem o'iTKö *i£D, einer grammatischen Schrift: N7'D'Dj?&n '^2 njn Vy ww hz .r6*f porn DDKD „Jede den Accenten widersprechende Erklärung ist zu verwerfen". Diesen wichtigen grundlegenden Satz sollte sich jeder *oip vor einer jedesmaligen Thoravorlesung ins Gedächtnis zurückrufen, denn will er dem Sinn des Textes gerecht werden, so darf er die Accente nicht vernachlässigen. Hier ist wohl der Ort, auf das für jeden Lehrer unentbehrliche Werk Javhets miD„ "*o;ipn empfeh end hinzuweisen. Es will freilich studiert, durchgearbeitet sein und eswäre deshalb wünschenswert, daß es in den Fortbildungskursen, aber auch schon in den Lehrerbildungsanstalten ein Gegenstand fleißigen Studiums werde. An der Hand des systematisch aufgebauten e^aphetschen Werks wird es den angehenden ehrern eine wahre Freude sein, eine mno nicht mehr mechanisch einzulernen, sondern logisch zu begreifen und in der Aufeinanderfolge der roru keine Willkür, sondern streng bis ins kleinste durchgeführte Regeln der Accentlehre zu erblicken. So ist dieses Werk vorzüglich geeignet vthtA »WpV möy, die Wiederherstellung des alten Gottesdienstes bezüglich der Thoravorlesung in die Wege zu leiten und dem angehenden Kantor Lust und Liebe zu einem Gegenstand einzufiößen, der bisher für ihn eine Bürde und eine Quelle der Unlustgefühle war. Olle Legenden entstehen. Unter» diesem Titel schreibt man uns! Einen hübschen Beitrag zur Geschichte der Entstehung von Legenden liefert ein „Vorgang" auf der jüngsten Generalversammlurg des „Bundes g. j. L." Herr Rabbiner Dr. Cahn-Fulda sprach über den hohen Wert der Fortbildungskurse. Bor allem, so führte der Redner aus, tragen sie zur Kräftigung des Charakters des Lehrers bei. Wer jahraus jahrein ohne Zusammenhang und ohne Fühlung mit den Kollegen auf dem Lande lebe, der sei, als der schwächere Teil, gar oft geneigt, um des lieben Friedens halber den Wünschen des „Parnes" entgegenzukommen, auch da, wo mannhafter Widerstand am Platze sei. Auf der Fortbildungskonserenz dagegen werde dem Lehrer der Rücken gestärkt. Auch die Behandlung der Zeit- und Streitfragen halte er für recht nötig, da aus Unkenntnis der Verhältnisse oft schwere Fehler begangen werden. So erinnere er daran, daß s. Z. bei Beratung des preußischen Bolksschul-Unterhaltungsgesetzes auch viele Lehrer die bekannte Petition des „Verbandes der deutschen Juden" unterzeichnet und damit, ohne es zu wissen oder gar zu wollen, die Vernichtung der jüdischen Volksschule in Preußen gutgeheißen hätten. Für den Nichteingeweihten sei hier bemerkt, daß der Redner wie kein Anderer in der Lage war, für die Richtigkeit dieser Behauptung einzustehen, denn in seinen Bemühungen um die Erhaltung der so schwer bedrohten jüdischen Bolkschule traf er überall auf den Widerstand des Verbandes d. d. I., der bis ganz zuletzt immer und immer wieder für die „Gleichberechtigung" der Juden eintrat. Wäre diese Forderung durchgegangen, so wäre das Schicksal der jüdischen Volksschulen endgültig besiegelt gewesen und nur ein ganz kleiner Prozentsatz derselben würde heute noch bestehen; alle übrigen wären aufgelöst und zwar auf Grund der Gleichberechtigung. Daß bei der Erinnerung an diese Eventualität der Reder einer gewissen inneren Erregung nicht ganz Herr werden konnte, ist ja leicht begreiflich, aber t o t zuschweigen war hier gar nichts. In dem Frankfurter «Israelitischen Familienblatt" erfährt dieser „Vorgang" folgende Darstellung : In der darauffolgenden Diskussion spricht zunächst Rabbiner Dr. Cahn Fulda. Redner ereifert fich für die Erhaltung der Charakce festigtet der Lehrer, die disweiu n dem „Parnes" zuliebe versagtunserer Zeit täten vor allen Dingen Charaktere noi. Andererseits rum Redner in scharfen Worten*) die Eigenmächtigkeit der Lehrer**), die, ohne den Vorstand des Bundes zu fragen und ohne *) Außer dem Herrn Berichterstatter hat kaum ein Teilnehmer an der Versammlung etwas von scharfen Worten vernmmneu. **) Bon einer solchen war absolut keine Rede.