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Der Israelit · 1909-03-18 · Heft 11 (18.3.1909) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 11 (18.3.1909)
Date
1909-03-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 8 Nr. 11 hielt Herr Bestrksrabbmer Lazar Sckönfeld, der mit begeisterten Worten den Wohltätigkeitsstnn der jüdischen Frau feierte. Zum Schlüsse dankte Herr Rabbiner Schönfeld im Namen des Vereins der greisen, verdienstvollen Präfidentin Frau Fanni Müller, die dem Vereine seit seinem Bestände vorsteht, für ihre gewissenhafte und selbst ose Arbeit, der das Aufblübe n des Vereins zu verdanken sei. Bizepräsidentin Frau Emma Mautner überreichte ihr sodann im Namen der Mitglieder als Zeichen der Anhänglichkeit und Wertschätzung ein sehr schönes Bukett. Frau Müller dankte tief gerührt für die ihr bereiteten Ovationen und Aufmerksamkeiten. Eine gemütliche Purim Unterhaltung bildete den Schluß der schönen Feier. Personalien. Hannover, 15. März. Der Gemeindesekretär Hoffmann, dessen 40jahr ges Amtsjubiläums vor etwa einem Jahre unter Beteiligung der Verwaltung und der ganzen Gemeinde gefeiert wurde, begeht heute seinen 70. Geburtstag und gleichzeitig sein 50jähriges Lehrerjubiläum. Bon einer Feier ist auf Wunsch des Jubilars Abstand genommen worden. Tulzbürg, Oberpf., 12 März. Am Purim fand die Beerdigung unseres ältesten Gemeindemitgliedes, des Herrn Löw Feuchtwanger statt, der an diesem Tage seinen 88. Geburtstag gefeiert hätte. Wir verlieren in ihm einen guten Jehudi. Der Verstorbene war auch viele Jahre an den 2"^ in hiesiger Gemeinde als Baal-Tefillah und Baal-Tokeah tätig und lange * Zeit ^itgliefr der jüdischen Verwaltung. Herr Rabbiner Dr. Weinberg widmete dem Verstorbenen, angesichts des Festes, einen nur kurzen, aber inhaltsreichen und dem Werte und der Bedeutung des Entschlafenen angemessen, auf biogaphische Tatsachen sich beschränkende Nachruf. Theilheim b. Weigolshausen (Unterfr.), 15. März. Vorige Woche verstarb hier un rwartet schnell Frau Jette Neumann im Alter von 67 Jahren. Sie war eine echt jüdische Frau, die, mit den Tugenden der wahren. Gottesfurcht und Menschenliebe geziert, als leuchtendes Beispiel in ihrem Kreise wirkte. Auch der hiesige Frauenverein, dem ne viele Jahre bedorstand, verliert an ihr ein treues Mitglied. rr"32fjfl Nagy-Bajom, 11. März. Wiederum hat die ungarische Orthodoxie einen schmerzlichen Verlust zu beklagen- Einer ihrer ersten geistigen Führer, Rabbiner S. W. Jungreis dahier, Sohn des berühmten Esengerer Rabbiners Aschur Jungreis wurde durch den Tod seiner Gemeinde und knm großen Kreise seiner Verehrer entrisien. Der Dahingeschiedene wirkte Jahrzehntelang mit großer Hingebung in seiner Gemeinde, seine unermüdlichen Tätigkeit kam aber der gesam en ungarischen Orthodoxie zugute. Das große Ansehen, dessen sich der Verblichene in den weitesten Kreisen erfreute, gelangte besonders anläßlich seiner Beerdiguna zum Ausdruck, zu welcher eine überaus große Anzahl siiner Schüler und Verehrer sich eingefunden hatte, um dem gefeierten Rabbl die letzte Ehre zu erweisen. ,-l"2NN Prag, 17. März. Am verschied hier Al. L. Löwy, der durch 30 Jahre bei der hiesigen Kultusgemeinde als ErvnP fungierte. Er war ein seltener ^3 nsyi min* Sein ganzes Leben lang hatte er'mit wrorigen, osr niederschmetternden Verhältnissen zu kämpfen, aber er trug sein Lebensschickml mit frommer Gottergebenheit. Er war auch in der kleinen Synagoge, die die hiesigen Gefetzestreuen erhalten. An seinem Leichenbegängnis beteiligten sich so ziemlich alle, die hier noch NND und HiCV äu schätzen w.ssen. Oberradbiner Dr. N. Ehrenfeld ""und ein Lohn des Verstorbenen, Herr Julius Löwy, hielten ihm Nachrufe. BagfeUye, 10. März. Bei der am 10. d. Mts. stattgefundenen Generalversammlung der hiesigen orthodoxen Gemeinde wurde Herr Rabbiner Ch. Ehrenthal mit Einwill lgug des hiesigen Oberrabdiners einstimmig zum Rabbtnats-Berweser gewählt. Derselbe, ein hervorragender n"D un edler Charakter, rst seit zwei Jahren in der hiesigen Gemeinde erfolgreich tätig. Durch seine schönen Vorträge, die von und fiK'T durchdrungen find, hat er sich die Achtung der Gemeinde in hohem Maße erworben, der sie nun mit seiner Ernennung zum Rabbinats-Verweser in schönster Weise Ausdruck verliehen hat. Sprechraal. i. Ein Artikel der „Augsburger Abendzeitung". In ihrer Nummer vom 2. März veröffentlicht die „Augsburger Abendzeitung" einen längeren Aufsatz über die Revision des Juden-Edikies, der mit den Initialen D. L. gezeichnet ist. Ter Aufsatz gibt zunächst einen Ueberblick über die Verhandlungen im Finanzausschuß vom 11. Juli Der Israelit. 18. März 1909 1908 mtb die Einsetzung der Kommission zur Vorbereitung der Revision durch den Landesverein. Alsdann werden die Strömungen gekennzeichnet, welche sich den Bestrebungen aus Durchführung der Revision entgegenstellen. Es heißt in dieser Beziehung: „Vor allem verlautet, daß die Mehrzahl der bayerischen Rabbiner sich in einer im November in Wnrzbnrg stattgehabten Konefrenz mit aller Energie gegen irgend eine Abänderung der bisherigen Gesetzgebung, die allerdings in tveitgehendster ätzeise die Ömnrpotenz der bayerischen Rabbiner so ziemlich auf allen Gebieten des Genteindelebens statuiert hat, ausgesprochen habe. Die .Herren befürchten, daß ein Teil ihrer hierarchischen Rechte durch die zu erwartenden neuen Normen geschmälert werden könnte, wobei seitens der beteiligten Kreise völlig übersehen wird, daß diese Rechte, soweit sie die religiösen Ausgaben der Gemeinde betreffen, nicht in dem Gesetze selbst, sondern in der Ministerialentschließung vom 29. Juni 1863 sestgelegt sind. Nur wenige Rabbiner, an deren Spitze Münchens Gemeinderabbiner, haben bisher volles Verständnis für die Situation bekundet, die es ihnen zur Pflicht macht, sich nicht zum Hüter einer völlig antiquierten und in der Praxis abrogierten Gesetzgebung aufzuspielen, vielmehr mit Energie und Hingabe an dem Zustandekommen neuer gesetzlicher Bestimmungen mitzuarbeiten, die auch für die Rechte der Liabbiner auf dem Gebiete der religiösen Gemeindeaufgaben eine einwandfreiere Basis schafft, als jene einer vor 46 Fahren erlassenen, von der modernen Entwicklung längst überholtere Ministerialentschließung. Neben dieser passiven Resistenz der Rabbiner bildet den Hauptstein des Anstoßes die schon im Finanzausschuß vom Kultusminister erwähnte Tatsache des Fehlens einer geistlichen Oberbehörde in der israelitischen Privatkirchengesellschast. Mit dieser Tatsache muß aber als eurer Knumstöstlichen und unabänderlichen gerechnet werden, und es wäre völlig Verkehrs, wenn die Anschauung einiger sonderbarer Schwärmer im sogenannten „liberalen" Lager Oberhand ^gewinnen würde, die daraus abzielt, gelegentlich der' Revision nunmehr der israelitischen Religionsgemeinschaft die Rechte einer öffentlichen Kirchengesellschaft zu gewähren und ihr irgend eine Konsistorialverfassung oder sonstige Oberbehörde auszuoktrohieren. Ganz abgesehen davon, daß zweifelsohne jedweder derartige Vorstoß auf den schärfsten Widerspruch seitens der maßgebendsten politischen Partei in Bayern stoßen müßte, würde die Rezipierung der israelitischen Religionsgemeinschaft als öffentliche Kirchengesettschaft eine Verfassungsänderung bedeuten und es bedarf wohl keiner weiteren Auseinandersetzung, daß und warum man sich in Bayern schwerlich in absehbarer Zeit aus ein so gefahrvolles Experiment wie jenes einer Aenderung der Bersassungsbcstimmungen einlassen wird. Des weiteren vollzieht sich zweifelsohne die Entwicklung der Dinge im modernen Staate in ganz entgegengesetztem Sinne, als in jenem der Ausnahme einer weiteren Konfession in die vom Staate anerkannten Kirchengesellschaften., Es wäre geradezu unlogisch und widersinnig, wenn in einer Zeitperiode, deren gegenwärtige und zukünftige Tendenzen denn doch auf die völlige Trennung des Verhältnisses von Staat und Kirche gerichtet sind, die „liberalen" Führer einer Privatk'rchengesellschast dieser Entwicklung in den Arm fallen und die Schaffung eines „Oberrats" oder eine „Konsistoriums" Lur Bearbeitung der religiösen Ausgaben der jüdischen Kultnsgcmeinden verlangen würden. Auch die historische Entwicklung der jüdischen Religion, welche jede kirchliche Oberbehörde perhorresziert, und der einzelnen Knltusgemeinde die weitestgehende Autonomie gewährleistet, läßt keinen Zweifel darüber aufkommen, daß jedwede Zwängsorganisation und staatliche Bevormundung, wie dies z. B. .derzeit in Württemberg und Baden der Fall ist, zu. einer Verödung des Gemeindelebens führen und der freien Entwicklung der Dinge Fesseln schlagen muß, während andererseits nirgendwo blühendere, jüdische Gemeindeverbünde, nirgendwo reichere karitative und soziale jüdische Wohltütigkcitsorganisationen vorhanden sind als in den Vereinigten Staaten von Amerika, also dort, wo das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche in geradezu idealem Sinne durchgeführt ist." Der Artikel betont alsdann noch die ^Notwendigkeit, daß die zukünftige Gesetzgebung den Großgemeinden das nobile okkieium einer Beitragsverpstichtüng für den Unterhalt der Synagogen, Friedhöfe, für die Besoldung der ReligionSlehrer in leistungsschwachen jüdischen Landgenreinden auferlegen und auch diese über den Rahmen der lokalen .Kultusinstitutionen hinausgehende Beitragsleiftung unter die religiösen Aufgaben der Israelitischen Großgemeinden zu subsumieren. Auch das bereite Schwierigkeiten. Muß somit'mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß die Vorarbeiten für die neue Kirchenversassung der Israeliten in Bayern, ähnlich, wie dies bei der gesetzgeberischen Vorbereitung der neuen Kirchen-Gemeinde-Ordimng für die öffentlichen Kirchengesellschaften der Fall war, noch einen Zeitraum von 8—10 Fahren beanspruchen und daß während dieses Zeitraumes das veraltete Edikt von 1813 noch seinen 100jährigen Geburtstag schlecht und recht — freilich, wie Heimberger zutreffend bemerkt, mehr schlecht als recht — erleben wird, so heischen auf der anderen Seite Gerechtigkeit und Gewissensfreiheit, daß das bayerische Kultusministerium. gegenüber der nun einmal vorhandenen Spaltung irr Neologie und Orthodoxie im Sinne der in der' Finanzausschußsitznng vom 11. Juli 1907 abgegebenen Erklärung alles vorkehrt, „daß keine Seite eine Gewlsseusbedrückung erfahre". Als ein sehr zwecknräßiges Mittel zur Hintanhaltnng derartiger Vergewaltigungen der Minorität durch die Majorität erscheint nach den im politischen Leben in Bayern in jüngster Zeit gemachten Erfahrungen bu- Einsührung der Verhältniswahl in den Verwaltnngskörpcr der israelitischen Kultusgemeinden." Die Vorzüge der Proportionalwahlen werden alsdann noch unter Berufung auf Rosin und Heimberger des näheren entwickelt. (Wir hielten uns für verpflichtet, ans dem bedeutsamen Aussatz die wichtigsten Stellen wiederzugeben, ohne daß wir unsererseits zu der Frage der Proportionalwahlen feste Stellung nehmen möchten. Wenn der Verfasser des tzlrtikels, der offenbar gleich uns ein Freund der Revision ist, für deren Zustandekommen mit einem Zeiträume von 8—10 Jahren rechnet, dann wissen wir allerdings nicht, zu welchem Zwecke jetzt schon erbitterte Kämpfe über das Prinzip der Revision geführt werden! Die Redaktion des Israelit./ II. Infiltrationen. Ein Schlußwort (?) zur bayrischen Revisionsfrage. 8. N* In der Gesteinskunde versteht man unter diesem Wort die Einflößung gelöster Stoffe in festes Gestein und die allmähliche Erstarrung derselben in ihrer neuen Herberge. Aehnliche Vorgänge finden sich auch in der Ideenwelt; durch irgendwelche Verkettungen dringen in das feste Gefüge einer Weltanschauung wie Fremdkörper heterogene Ideen ein und ändern fast unvermerkt, im Anfänge auch fast unmerklich, dos Gefüge einer scheinbar unerschütterlichen Reihe. Allmählich jedoch nimmt der Parasit einen immer größeren Raum ein und plötzlich steht man vor der überraschenden Entdeckung, daß durch diese Jnsiltratrationen die ganze Struktur der Weltanschauung eine andere geworden ist. ES wäre interessant, derartige» Prozessen aus religiösem Gebiete nachzuspüren; vieles würde da erklärlich, in vielen Punkten auch der richtige Weg zur Bekämpfung drohenden Verfalles gegeben. Vor allen Dingen würde die Aufdeckung solcher Infiltrationen das psychologische Motiv zeigen für die Tatsache, daß auch für streng religiöse Kreise in wichtigen Lebensfragen der die religionsgesetzliche Norm nicht mehr das letzte Wort spricht. Andere, vom Zeitgeist geborene und von demselben durchtränkte Ideen haben allmählich einen so breiten Raum eingenommen, daß man ihre Genesis ganz vergesse» hat, und den Konflikt bereits gar nicht mehr merkt. Mehrere aktuelle Beispiele mögen zunächst diese Behauptung erläutern. Jeder solide Kaufmann wird sich ängstlich hüten, gegen die Vorschriften des Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb zu verstoßen; aber wie wenige denken daran, daß auch das jüdische Gesetz aus Deur. XIY, 14 abgeleitete sehr strikte Maßnahnie» aus diesem Gebiete kennt. Allein das Schlagwort vorn freien Spiele der wirtschaftlichen Kräfte ist derartig zum Dogma geworden, daß der religionsgesetzlich! Standpunkt hinsichtlich der Grenzen erlaubter Konkurrenz kaum. noch ins Bewußtsein tritt. Es würc ferner ein Leichtes, nachzuweisen, wie derartige I» filtrationen in Verbindung mit dem mephistophelisch.'» Rezept: „Und legt ihr nicht ans, so legt ihr doch unrer" ans dein Gebiet der Bibelexegese geradezu verheerend gewirkt haben, wie ihre Spuren, wenn auch vorerst nur in verschwommenen Konturen, auch in anderen Domänen des religiösen Lebens zeigen. Pflicht der berufenen Wächter wäre es, solchen Erscheinungen in ihren Anfängen zu begegnen, denn nur dann können sie wirksam bekämpft werden. Wahrlich, es ist eine seltsame Zeit; wie sehr auch die Membrane des jüdischen Erfindungslebens unter jedem Hauch zittern, welcher von übelwollender nichtjüdischer Seite ans geht, so sehr hat man sich unter der Wucht der No. Wendigkeit gemeinsam zu übender Abwehr (zum Teil übrigens auch dies eine Infiltration!) daran gewöhnt, die Brandung, die gegen das religiöse Leben tost, tatenlos ihres zerstörenden Waltens wirken zu lassen. .Und es kann ganz wohl sein, daß unsere Epigone» dereinst bei dem Schwinden jeder judenfeinblichen Be ivcgnng in religiöser Beziehung vor einem Vaenni» stehen.- Doch unsere Phantasie hat uns fortgerissen; wes halb diese Einleitung ans hohem Kothurn? Nun lvei! gerade die Frage der Revision des bayerischen JudenediktS eine Blüte gezeitigt hat, welche uns derartig.' Erwägungen bedenklich nahe legt. Wenn wir nns,'>.' Ausführungen hierüber als Schlußwort bezeichnet nnö diese Bezeichnung wehmütig mit einem (?) begleit'! haben, so geschah dies nicht sowohl um des Stotz scuszers der gesch. Redaktion dieser Blätter willen, mit dem sie 411 jüngster Zeit die Diskussion über diese Materie illustriert hat, als insbesondere »>» dessentwillen, weil die Debatte durch einen Artik'l in der „Augsburger Abendzeitung" vom 2. März in die politische Presse verpflanzt wurde und voraus sichtlich hüben wie drüben dieser Schauplatz beib." halten werden wird. Die Leser des „Israelit" werden also wohl in Zukunft vor bajuvarischer Invasion geschützt bleiben. Der Einsender des betreffenden Artikels gehört der Orthodoxie an; wir vermuten sogar daß sein nom de plume nach denselben Grundsätzen gew'älilt ist, wie der unserige bei diesen Ausführungen. Und

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