Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1909)
- Date
- 1909-03-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jte 11 Bett» 4 18. MSrz IX»__ Die Begründung dieses Gesuches, unterstützt durch persönliche Aufklärung der Gemeindebevollmächtigten, führte zu dem nicht nur für unsere Stadt, sondern auch im Interesse der Sabbatheiligung im Allgemeinen mit großer Freude zu begrüßenden Resultat, das in der Vorwoche der Magistrat erneut mit allen gegen 3 Stimmen, das Gemeindekollegium mit 20 gegen 6 Stimmen die geforderte Ausnahmebestimmung zum Beschluß erhob. Zweifellos wird dieser Beschluß die Billigung der Kgl. Kreisregierung erhalten, deren Stellungnahme durch die Entschließung des Kgl. Staatsministeriums vorgezeichnet ist. Wir wünschen, daß das hiesige Beispiel auch an anderen Orten Nachahmung finden und ein für die Sabbatheiligung günstiges Resultat zeitigen helfen möge. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß Herr Kgl. Kommerzienrat Heimann, obwohl selbst auf religiös-liberalem Standpunkt stehend, in anerkennenswertem Gerechtigkeitssinn sich für die Forderung seiner orthodoxen Gemeindemitglieder mit aller Energie einsetzt, ein Beispiel, das gewiß zur Nachahmung empfohlen werden kann. Aber auch auf eine recht bedauerliche Erfahrung im Verfolg dieser Angelegenheit müssen wir mit aufrichtiger Betrübnis Hinweisen. Wie sich nachträglich herausftellte, hatten vor der erstmaligem Beratung 3 jüdische Angestellte an den Stimmführer der kleinen sozialdemokratischen Fraktion sich mit dem Ansinnen gewandt, dieselbe möge für die Ablehnung der geforderten Ausnahme-' bestimmung sich einsetzen, ein Ansinnen, zu dessen Stigmatisierung auch die schärfsten Ausdrücke kaum ausreichend sein dürften. Es soll mit Genugtuung konstatiert werden, daß dieses Vorgehen bei allen Sachlichdenkenden einstimmige Beurteilung gefunden hat. Hannover, 15. März. Die „Alexander und Fanny Simon'sche Stiftung" schreibt uns folgendes: Die A. und F. Simon'sche Stiftung zu Hannover (Hansahaus) vermittelt seit einiger Zeit jungen Israeliten, die sich der Landwirtschaft zuwenden wollen, Lehrstellen. Die Nachfrage nach solchen Stellen wird allmahltg erfreulich rege. Auch befinden sich unter den stellensuchenden jungen Leuten s lche aus begüterten Familien. Die Simon'sche Siiftung Prüft jeden einzelnen ihr vorgelegren Fall genau, sowohl mit Rückücht auf die Verhältnisse des Gutes, aus dem der junge Mann beschäftigt werden soll, als auch in Bezug auf die persönlichen Verhältnisse des Stellensuchenden, erteilt im einzelnen Falle Ratschläge über die Form der Ausbildung und unterstützt Mittellose unter Umständen durch Beihilfen. Erfreulicherweise finden fich neuerdings auch mehr jüdische Gutsbesitzer bereit, junge Glaubengenossen zur Ausbildung auf ihren Betrieben anzunehmen. Eine Rundfrage von Tr. Katz, des Syndikus der Stiftung, bei etwa 100 größeren jüdischen Grundbesitzern der Ostprovinzen hat ergeben, daß hier noch manche Stellen für landwirtschaftliche Ausbildung vergeben werden können. Daneben sind be verlafsen da, wie. begraben unter den: winterlichen Bahrtuch-- , Mit ausmerh'amen Augen hatte David Bock das grandiose Naturschattspiel, das der göttliche Welteuregifseur der gesamten Menschheit allabendlich bietet, vom offenen Cvupeefenster aus beobachtet. Als jetzt das letzte Lichtchen vom Himmel verglommen war, und plötzlich ein Windstoß in seinen Wagenabteil fuhr, schloß er fröstelnd das Fenster und setzte sich seufzend nieder. — Der Zug näherte sich der deutschen Grenze. ^Deutschland! Mein Vaterland!" Spontan entfuhren diese Worte den Lippen des jungen Mannes, der allein im Abteil saß. Er versank in Nachdenken. Und die letzten Jahre seines Lebens glitten an Davids innerem Auge so fliegend vorüber, wie draußen Busch und Baum am Fenster vorbeihasteten. Fünf Jahre hatte er feilte geliebte Heimat, und, was trauriger war, seine teuren Eltern nicht gesehen. Damals hatte er in jugendlichern Leichtsinn eine Handlung begangen, die vor dem Forum strenger Moral nicht bestehen konnte, und die ihm die Achtung der Mitmenschen verscherzen mußte. Und als sein Gewissen erwacht war, da trieb es ihn fort: fort aus den Augen seiner würdigen Eltern, fort aus dem Kreise der edlen Freunde, fort aus dem Bereich lästernder Zungen, fort von der Stätte leidiger Erinnerungen. Ueber'm Meere hatte er dann, mit der Thora in der Hand, sein Leben revidiert. Anfangs hatte ihn zwar die Reue überwältigt, und seine Beschämung war grenzenlos gewesen. Dann aber hatte er sich aufgerafst und beschlossen, sein Leben wieder neu anfzubauen und das neu änfgebaute Leben gegen jeden äußeren und inneren dlnsturm zu verteidigen. Fn diesem mannhaften Einporstreben blieb ihm _ Der Israelit. sonders in mustergültigen kleineren Betrieben im Großherzogtum Baden junge Leute untergrvracht worben. Hierbei hat sich die hochherzige und uneigenütztge Förderung dieser Bestrebungen seitens eines hohen badischen Regterungsbeamten als ganz besonders nutzbringend erwiesen. In Sie in hör st (Kreis Isenhagen, Provinz Hannover) wo die mit Hilfe der Simon'schen Stiftung e* richtete Land- und Lehrguts-Gesellschaft ein eigenes Lehrgut für jüdische junge Leute angekauft hat, kann vom Herbst 1909 ab mit der Einstellung von Zöglingen begonnen werden. Es ist ratsam, daß jüdische Eltern, die Söhne nach Steinhorst schicken»ollen, sich möglichst frühzeitig melden, da der Andrang sehr stark sein wird, und es für die Stiftung von Wert ist, die Qualität des sich anbtetenden Zöglingsmaterials möglichst bald überschauen zu können. Für alle Stellenvermittlungs-Bestrebungen der Simon' schen Stiftung auf dem Gebiet der Landwirtschaft gilt der Grundsatz, daß nur körperlich, intellektuell und moralisch etnwandSsreie junge Leute berücksichtigt werden können. Leider ist in dieser Mitteilung nicht gesagt, ob die Stiftung neben all den verschiedenen anerkennenswerten Rücksichten, die sie bei der Auswahl der Lehrstellen nimmt, auch aus die grundlegende Vorbedingung eines jüdischen Unternehmens Wert legt: auf die Wahrung des Sabbats. Ebensowenig verlautet bis jetzt, ob auf dem Gute zu Steinhorst für eine religiöse Erziehung der Zöglinge sowie für die Wahrung der Sabbatfeier und der Speisegesetze unter zuverlässiger Aufsicht gesorgt ist. So viel bekannt, haben in dieser Beziehung zwar Verhandlungen zwischen dem Syndikus der Stiftung und einer Kommission der „Freien Vereinigung" geschwebt, ohne daß jedoch die Oeffentnchkeit bis jetzt über das Ergebnis dieser Verhandlungen etwas erfahren hat. Die Verwaltung der Simon- Stiftung würde sich ein Verdienst erwerben, wenn sie die jüdische Oeffentlichkeit über ihre Absichten in religiöser Beziehung rückhaltlos unterrichtete, zumal uns bekannt geworden ist, daß von hervorragender Seite Spenden für das neue Unternehmen nur unter der Bedingung gegeben wurden, daß auf die religiösen Anforderungen ausreichend Rücksicht genommen werde. Oesterreich. Wien, 12. März. Der Anwalt der Mutter Leopold Hilsners, Dr. Friedrich Elbogen, überreichte im Namen derselben anläßlich des 60-jährigen Regierungsjubiläums ein Gnadengesuch an den Kaiser, das von Tausenden, die von der Unschuld Hilsners überzeugt sind, unterzeichnet war. Das Gesuch, in dem nachgewiesen wird, daß die Geschworenen das Opfer einer Volkspsychose waren, wurde auf dem sonderbaren Umweg durch das Kreisgericht Pisek abgewiesen, „weil keine wichtigen Gründe für die gesüchte gnadenweise Nachsicht dieser Strafe vorliegen". dann nichts Hinderliches, nichts Feindseliges erspart. Aber durch Entehrungen und Entbehrungen, durch Versuchungen und Seelenqualen, durch Erwerbsnöte und Sorgen kämpfte und läuterte sich sein besseres Ich hindurch und empor. Da rieben die Mahlsteine des Lebens alles Unedle aus ihm heraus, llnd der Garten seiner Seele blühte neu auf. Und David fühlte, daß das Blühen nun änhalten würde unter dem Sonnenstrahl oes Glückes sowohl, wie unter den Wettern der Leiden. Und eines Tages war die Sehnsucht nach der Heimat und ihren Lieben >»ie ein Rausch über ihn gekommen und er hatte sich ans dem nächsten Dampfer,' der nach dein Kontinent abging, eingeschifft. - Der Zug hielt. Emmerich", klang es an sein Lhr. Eine Glückswelle durchströmte Davids Herz. Die Heimat, die Heimat war da. Und ob er wollte oder nicht, er freute sich der argwöhnischen deutschen Zöllner und der grimmigen deutschen Bahnbeamten. Er betrat den Bahnsteig, leerte säst andächtig ein Glas deutschen Bieres, und sog gierig den trauten Klang der heimatlichen Laute ein, die durch die Luft schwirrten. -.Und weiter stürmte der Zug, aus Vesel zu. Und wieder stand David am offenen Fenster und trank in tiefen Zügen die Luft seiner geliebten Heimat. Wie er nun hinansblickte. in die dunkle Abendlandschaft, da erschien es ihm, als ob seine Zukunft im Baterlande düsterer vor ihm liege, als sonst irgendwo. Dort, woher er kam. hatte er mit den Schatten seiner einstigen Verirrung nicht zu kämpfen brauchen. -Dort genoß er doch Vertrauen und Achtung, jene F-ak oren, die einen Teschnwah-Gang so unendlich fördern können. ' Mas hatte ihn nur bestimmt, in sein Vaterland znrükitzukehr.n? Wer hatte ihn gerufen? Wer würde Herr Dr. Ellbogen unterzieht nun diese Erwiderung und dieses merkwürdige „Urteil" des Kreisgerlchts Pisek einer scharfen Kritik und erinnert daran, daß der jetzige Präsident des Kreisgerichts, der jetzt keinen Grund findet für die erbetene Nachsicht, es war, der unter dem unmittelbaren Eindruck des Todesurteils seinerzeit zu dem Verteidiger Hilsners die Worte sprach: „Ein Unschuldiger ist heute verurteilt worden". Wie nun aus Prag mitgeteilt wird, ist die letzte Nummer der dort erscheinenden jüdischen Wochenschrift „Selbstwehr", die den Artikel des Dr. Elbogen aus der hiesigen „Sonn- und Montagszeitung" abgedruckt hat, von der Staatsanwaltschaft be chlagnahmt worden. Lemberg, 1. März. Die Mitglieder des „Jüdischen Klub" im österreichischen Parlamente erstatteten dieser Tage in Lemberg vor einer großen Versammlung den Tätigkeitsbericht des „Jüdischen Klubs", in welchem sowohl der Abgeordnete Dr. Gabel, wie auch Abg. Adolf Stand außerordentlich interessante Mitteilungen machten. So erzählte Dr. Gabel, daß, als Dr. Straucher eine Interpellation wegen der Entführung minderjähriger jüdischer Mädchen in katholische Klöster einbrachte, die jüdischen Mitglieder des Polenklubs diese Interpellation nicht mitunterschreiben wollten und konnten, weil sie hiezu die Erlaubnis des Präsidium des Polenklubs nötig gehabt hätten. Ungarn. Budapest, 5. März. Eine Deputation jüdischer Bäcker erschien dieser Tage unter Führung des Abgeordneten Ludwig Fried im Handels- Ministerium, woselbst sie vom Staatssekretär Josef Sterenyi empfangen wurde. Die Deputation bat um Abhilfe gegen daS Nebel, welches darin liegt, daß die sabbathaltenden jüdischen Bäcker am Sonntage infolge des landesgesetzlichen Verbots nicht arbeiten können und daher in ihrem Erwerbe empfindlich geschädigt werden. Die jüdischen Bäcker glauben, daß man ihnen wenigstens gestatten könnte, am Sonntag 12 Uhr nachts mit der Arbeit zu beginnen. In seiner Antwort verwies Staatssekretär Sterenyi darauf, daß diese Frage nicht nur die Munkacser, sondern sämtliche Bäcker des Lairdes berühre. Die Frage der Sonntagsruhe sei jetzt in Verhandlung und Haudeleminister Kossuth beabsichtige, düselbe ehestens zu erledigen. Seinerseits versprach Sterenyi der Deputation, in ihrem Interesse dos Möglichste zu tun. Tisza Fi red, 5. März. Herr Kaspar- Weiß aus Tsza Fired, der Verfasser des vo» sich seiner Rückkunft freuen? Standen nicht seine Eltern noch abgewandt, mit unversöhnten Mienen? Würden die Freunde das verlornene Vertrauen zu ihm wiedergewinnen können? Und wie, wenn nun die unerbittliche Vergeltung immer noch in den Spuren seiner Tat wanderte? Wenn der Hydra, Schuld, genannt, indessen neue Köpfe gewachsen wären? Und erwarteten ihn nicht überall Mißtrauen und Schmach und daS schonungslose Gerede übelwollender Menschen? Würde das Blühen in seiner Seele nicht doch zerstört werden müssen durch den Hagclschlag menschlicher Bosheit? Eine tiefe Mutlosigkeit bemächtigte sich seiner. Wie nur Rat suchend, irrte sein Blick zum Himmel, der schweigend und düster herabschaute. Doch plötzlich spaltete sich die Himmelsdecke an einer Stelle, blasse Lichtwellen fluteten hervor, hellere und immer hellere folgten ihnen nach, und dann kam er selbst in strahlender Majestät aufgezogen, er, der Mond, unser Mond. Zauberisch glänzte sein voller Schein aus das Menschenland herab. Was eben noch gespenstisch und schemenhaft erschien, stand urplötzlich da, wie überworfen mit einem blendenden, strahlenden Lichtmäntet Und ans einmal wurde eS David so leicht, sv frob um's Herz. Es schien ihm, als ob der liebe, alte Mond eigenS jetzt die Nacht durchbrochen hätte, um in Davids Herz die Schatten der Verzagtheit zu ver scheuchen und tausend Lichterchen der Freude und Zu verficht zu .entzünden. War er denn nicht da oben hrngestellt worden, auf daß der Kleinmut, dieser lästige Begleiter der Schuldigen von den Menschen weiche? War die ewige Veränderlichkeit seines Wesens nicht Symbol des ewig wechselnden Menschenlebens? Lehrte er nicht die immer