Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1909)
- Date
- 1909-03-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 10. so und nicht anders gewesen, so begeht man eine Täuschung und verstößt gegen die Grundlagen aller Wissenschaft, gegen Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit. Nicht minder ist es zu tadeln, wenn man solche Stammlinien oder, falls diese verzweigt sind, solche Stammbäume auf das, von Fritz Müller als Idee ausgesprochene, sogenannte biogenetische Grundgesetz stützen willdenn dies angebliche Gesetz ist von hervorragenden Zoologen längst als unhaltbar nachgewiesen worden, und für das Pflanzenreich kann von einer Geltung desselben erst recht nicht die Rede sein. „Der Glaube ist das Organ des Erkennens," sagt Max Müller, „womit 'wir das, was den Bereich unserer Sinne und unserer Vernunft übersteigt, erfassen." Solcher Glaube spielt nicht nur in der Religion, sondern auch in der Philosophie, in der N turwissenschaft und selbst in der Mathematik seine bedeutende Rolle. In der Mathematik sind es die Grundlagen, die sogen. Axiome, an die geglaubt werden muß, denn seder Mathematiker ist von ihrer Wahrheit überzeugt und kann sie doch nicht beweisen. Ein solches Axiom ist z. B., daß parallele Linien sich niemals schneiden, auch wenn man sie bis ins Unendliche verlängertein anderes Axiom ist, daß die gerade Linie den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten bildet. Das sind einerseits unbeweisbare Glaubenssätze, andererseits unabweisliche Forderungen unseres Verstandes, an deren Richtigkeit niemand zweifelt.- Es sind aus praktischen Motiven anschauliche Wahrheiten, an die wir glauben, und in diesem Sinne habe ich einst die Abstammungslehre der Organismen für ein Axiom der modernen Biologie erklärt, weil sie mir die einfachste Erklärung für den Zusamm nhang der Arten einer Gattung, der Gattungen einer Familie usw. zu geben scheint, obgleich wir für diesen Zusammenhang eine ersahrungsmäßige Gewißheit und erfa.rungsmäßige Beweise nicht besitzen. Wollen wir lediglich den Maßstab der Erfahrung anlegen, so gelangen wir dem Abstammungsproblem gegenüber zum Agnostizismusnur der ein Heer von Tatsachen berücksichtigende und zu Argumenten ausbauende Verstand wagt es, in gläubiger Zuversicht eine Abstammungslehre aufzubauen. Nicht anders verfahren der Physiker und der Chemiker in ihrer Lehre von den Elektronen und Ionen, den Atomen und Molekülen. Daß der Naturforscher auch der Beurteilung der Einzelfälle gegenüber die nüchternste Vorsicht walten lassen nruß, ist selbstverständlich. Hier darf er der Phantasie und den eigenen Wünschen nicht die Zügel schießen lassen und nicht eine Tatsache als bewiesen verkündigen, ehe er dazu die volle Berechtigung besitzt, so daß seine Beweisgründe von jedem verständigen Menschen als bindend anerkannt werden müssen. Je wichtiger ein Einzelfall für die ganze Naturordnung erscheint, um so größere Besonnenheit ist geboten. Leider wird nicht immer nach diesem Grundsätze gehandelt, nicht selten in den allerwichtigsten Fragen mit einem unglaublichsten Leichtsinn geurteilt. Dieses gilt insbesondere in Bezug auf die oft gehörte Behauptung, daß der Mensch von einem Affen abstamme, für die keinerlei ausreichende Beweise bis jetzt erbracht worden sind. Sogar die hierfür vorgetragenen Argumente sind großenteils so wenig stichhaltig, daß man dem Glauben schon viel zumuten muß, wenn er von der Tatsache einer solchen Abstammung überzeugt sein will. Nur so viel läßt sich zur Zeit sagen: Der Mensch gehört nach der Organisation seines Leibes unbedingt in die Reihe der Säugetiere, und ist die Abstammungsidee überhaupt richtig, so kann auch der Mensch von ihr nicht ausgeschlossen werden. Da wir wiffen, daß der einzelne Mensch eine Entwicklung durchmacht wie alle Säugetiere, die mit der Einzelzelle beginnt, dann die Stufenfolgen gleichförmiger und differenzierter Gewebe durchläuft, bis der Organismus in allen feinen Teilen fertig geworden ist so hat es für uns auch keine Schwierigkeit zu glauben, daß er phylogenetische Borfahren befaß, die einfacheren Organisationsstufen des Tierreiches an- Der JSraelit. gehörten. Ein Wiffen von solchen tierischen Vorfahren des Menschen gibt es indes nicht, und wv die Anfänge^ des menschlichen Geistes in dieser Ahnenreihe eingesetzt haben mögen, ist uns so unbekannt wie der Zeitpunkt, indem der einzelne Mensch der Gegenwart mit den Anfängen des Bewußtseins, des Fühlens, Wollens und Denkens ausgestattet wurde. Die geistigen Eigenschaften des Menschen werden unter dem Begriff seiner Seele zusammengefaßt. Wir kennen nur die Aeußerungen, das Handeln der Seeleüber das Wesen der Seele wissen wir nichts. Wenn die Materialisten behaupten, die Seele sei eine Tätigkeit des Protoplasma der Gehirnzellen, so ist das ihr Dogma, ihr Glaubenssatz. Nicht weniger sind die Psychisten Dogmatiker, wenn sie lehren, daß es nur Seele gebe, und daß die Materie nichts anderes sei als eine Vorstellung dieser Seele. Die Dualisten endlich, die eine materielle Welt neben einer geistigen annehmen, können auch, für diese Ueberzeugung keine apodiktischen Beweise erbringen. In der Seelenfrage tritt uns daher wiederum eine Schranke des Naturerkennens entgegen, selbst wenn wir die Vereinbarkeit der Willensfreiheit mit dem Mechanismus materieller Vorgänge für undenkbar zu halten uns gezwungeu sehen. Damit kommen wir auf die alte, immer wiederholte Behauptung vom unversöhnlichen Gegensatz zwischen Religion und Naturwissenschaft, vom ewigen Kriegszustand zwischen beiden. Ich betrachte es als mein Lebenswerk, dieser unter den Gebildeten aller Länder weit verbreiteten Meinung entgegen zu treten und nicht nur die Möglichkeit des Friedens zwischen Naturwiffenschaft und Religion darzutun, sondern zu zeigen, daß gar kein Anlaß zum Kriegszustände und zu Gegensätzen besteht. Einerseits braucht die Religion nur in ihrer Sphäre zu bleiben, wie die Naturwissenschaft in der ihrigen - beide brauchen sich nur feindseliger Uebergriffe in das fremde Gebiet zu enthalten, dann ist der Friede gesichert. Die Naturwissenschaft kann aber auch freundliche Beziehungen zur Religion unterhalteu, und daß solche freundliche Beziehungen zu allen Zeiten haben bestehen können, wird durch die Tatsache bewiesen, daß die größten Naturforscher religiöse Menschen gewesen sind. Um zu einem solchen friedlichen Zusammenleben zu gelangen, hat man zweierlei zu beachten. Einnml ist die Religion durch die wissenschaftliche Kritik dahin gebracht worden, anzuec kennen, daß die Welt so unbegreiflich ist wie die Macht, deren Offenbarung sie selbst verkündigt. Sodann können Religion und Wissenschaft zusammenstimmen in dem Glauben an eine hinter den Dingen sichende höchste Macht, die unser Begreifen übersteigt- „vor dem die Worte umkehren und das Denken, nicht findend ihn", heißt es in den Upanischads. Gott ist für die Wissenschaft von der Natur wie für die Theologie unerförschlich und unerkennbarnur im Glauben ist er zu erfassen. So hat auch Kant von seinem eigenen Werke gesagt, daß er das Wissen aufheben mußte, um für den Glauben Platz zu gewinnen. Wenn die Naturwissenschaft über ihr Arbeitsfeld hinausweist auf eine hinter der Erscheinungsflucht stehende unerkennbare Gewalt, so beschäftigen sie und die Religion sich von verschiedenen Standpunkten aus mit dem gleichen Gedanken. Mcherscha«. Sabbathai Zewi. Tragödie von Schalom Asch. Berlin 1908. S. Fischer, Verlag. Bor uns liegt Schalom Aschs „Sabbathai Zewi". Unwillkürlich fragen wir unS, ob eS möglich sei, daß der, der dies lebensvolle, von jüdischem Geiste und jüdischem Gefühle durchzogene Drama schrieb, zugleich der Verfasser so mancher häßlichen, das Judentum geradezu 11. März 19*9. Seite lf. höhnenden Schrift sein kann, und ein Bedauern ergreift uns, daß dieses Können nicht von einer starken jüdischen Ueberxeuauna.. aettaaett ist. Mit liebevollem Verständnis gestaltet der Dichter jene Zeit härtesten Drucks und inbrünstiger Erlösungshoffnung, auf deren Untergrund Sabbathai ZewiS Leven fich erhebt. Sabbathai Zewi selbst schildert Asch nicht als Betrüger, er ist lediglich ein Kind seiner Zeit, voll von ihren Phantasten, voll von ihrem Wahn, -aß das Jahr 1666 den Messias bringen müffe, und gleich jenem anderen, der seine Verkündigungen mit dem Tode büßen mußte, läßt auch er fich von seinen Jüngern zur Uebernahme jener verhängnisvollen Rolle bestimmen. Auch die intensive Beschäftigung mit der Kabbala, die er äujuitg betrieben, mögen in dem phantafievollen Jüngling Mche Gedanken erweckt haben. Eine tragische Schüla ist es, die Sabba Hai Zewi auf fich lädt, und an der er zu Grunde gehen muß- und eigentümlich ist, daß gerade Schalom Asch seinen Helden in dieser Weise schuldig werden läßt. Sabbathai, besten Gedanken von den: Himmlischen so gefangen waren, daß ihnen für das Irdische kein Raum blieb, der seine beiden Frauen von fich gehen hieß, ohne ihrer zu begehren, er fällt einem Weibe zum Opfer und in der Sinnenlust geht seine Treue zum Himmlischen und somit seine Kraft verloren. Zum Mesfias gesalbt, weilt er eben in Kairo, seine Hochzeit mit der Tochter Gottes, der Thora zu feiern,da tritt Sarah vor ihn hin, eine aus dem Kloster entsprungene Nonne, die zur Mesfiasbraut bestimmt zu sein glaubt, und ihren Lockungen vermag er nicht zu widerstehen. Im Kampf zwischen der himmlischen und irdischen Braut, zwischen der Thora und Sarah, entscheidet er fich für letztere. Das „Göttlich-Menschliche" in ihm, wie er es nennt, fordert sein Recht, von den strengen heiltgen Forderungen,der Thora hat er sich abgewandt und predigt seinem Boltz die Unterordnung unter die Herrschaft des eignen Willens, anstatt unter die der Thora. Hier bricht Sabbathai Zewi selber seine Kraft: mit dem Augenblick, da er von dem Worte Gottes weicht, weicht der Geist Gottes von ihm. So finden wir ihn als Gefangenen des Sultans. Wohl mag er von Migdal Oß — diesen stolzen Ramm (Turm der Macht) haben seine Anhänger dem Gefängniffe gegeben — Königreiche und Aemter unter 'etnen Jüngern verteilen, weitere Gesetze der Thora lösen, um anstatt besten das menschliche Begehren zum Gesetze zu stempeln, seine Kraft ist hinselbst Sarahs Reize vermögen ihn nur auf kurze Zeit seinen Sorgen zu entteißen. Schwer leidet er unter seiner Unwürdigkeit und langsam reift in seiner Seele der.Entschluß, da Gott ihm Tugend und Tugendlohn genommen, nti? der Sünde, die ihm geblieben, dem zu dienen, der auf Elben die Macht habe. Als Dimer Mohammeds IV. endet der Mesfias. Auch die Gestalten der übrigen, der Jünger und Propheten find treffend gezeichnet, Nehemin Kohen, Samuel Primo, Nathan Affosfi, fle leben vor unseren Augen, sie find keine abgeschiedenen Gestalten aus einem fernen Zeitalter, sondern warme Menschen aus Fletsch und Blut. Ernst und versöhnend klingt das Drama aus: „Ich glaube tn wahrhafter Gläubigkeit, daß Mesfias kommen wird. Und ob er auch noch lange säumt und zögert — ich warte doch und harre Tag auf Tag, daß er kommt." K. Mentre cade la neve. Novelle et leggende ebraiche. (Während der Schnee fällt. Jüdische Novellm und Legenden.) Bon Alessandro Loen. Roma 1907. Edizione de „La Vita Letteraria“. Wer in dem Buche ein echtes, tiefes Stück Judentum zu finden hcfft, wird enttäuscht sein. Der Verfasser gibt uns in der ersten Novelle, die eigentlich keine solche ist, eine Art Glaubensbekenntnis: er gehört zu jenen unklaren Schwärmern für „die Misston des Judentums", für ..die Unsterblichkeit des Judmtums", die nicht wiffen, worin dieselbe besteht. Bon den ftommen Traditionen seines Elternhauses hat er fich fteigemacht, und von einer nationalen Entwicklung des Judentums weiß er nichts — er spricht wenigstens nicht davon, — und dennoch ist er ein Gegner des Asstmilantmtums. Aber wenn auch kein Jude in unserem Sinn aus dem Buchzu uns spricht, so hören wir doch einen Dichter, der, von wenigm ltterarisch wertlosen Novellen abgesehen, mit liebevoll poetischem Blick in seine minder« und Jugendzeit zurückschaut, wobei das Ghetto des hochgelegcnm Gebtrgsstädtchens Urbino den Hintergrund bildet. Und uns interesfiert dieser Einblick in das jüdische Leben eines jener jüdischen Gemeinwesen in einer kleinen italienischen Stadt, wie fie jetzt leider mehr und mehr verschwinbm. Besonders schön ist die Legende von „cane diferro" („der eiserne Hund"). In der Nacht des Ti choh b Av um die Mtlernachtsstunde, da erscheint wohl manchem einmal der eiserne Hund. Er ist schwer mtt »irrenden Ketten beladen und in seinen Augen liegt eine tiefe, unsagbar tiefe Trauer. Wer einmal in diese Augm gesehen hat, der kann fie im Leben nicht wieder vergestm und wird nimmer ftoh sein. Auch das schöne Judenmädchen, dain stiller Nacht dem Hause ihres Vaters entfliehen will, um zu dem vorne mrn Christen zu eilen, den fie liebt, steht die Augen des eisernen Hundes in ihrer unsagbaren Trauer auf fich gerichtet — und fie vermag ihrem Volke und ihrem Glauben nicht mehr untreu zu werdm — und bleibt. , r Die den I rden eigene Schwermut klingt durch fast alle Erzählungen des Buchesmanchmal nur als leiser mitschwingender Ton, dann wieder anschwellend zu herben Akkorden der Trauer. So lebt die Schwermut dcs Golus selbst im sonnigen Italien der Freiheit, wo fich das Judentum so ftei entwickeln konnte, daß es im Begriff ist an dieser Freiheit zu Grunde zu gehen. Emma Destau-Goitein, Perugia 71 /. ' I ji ■J ::Ü 1 I