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Der Israelit · 1909-03-11 · Heft 10 (11.3.1909) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 10 (11.3.1909)
Date
1909-03-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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cfceWarfi Die Scbrankcn des natarerkeiuiens. Aus einem Aufsatz der Monatsschrift »Nord und Süd" V0!l Prof. Johannes Rernke in Kiel. (Schlus;.) Die Entwicklung war pur möglich bei Zufuhr der erforderlichen Brutwärme zum Ei, und diese können wir als notwendige äußere Bedingung der Entwicklung bezeichnen, denn ohne sie wäre keine Entwicklung eingetreten. Weit bedeutsamer indes sind die inneren Bedingungen der Entwicklung, die bereits in der ersten Zelle gegeben waren als Erbgut, das von dem Huhn stammte, welches das Ei gelegt hatte, und wodurch das Protoplasma gezwungen wurde, sich zum Hühnchen zu entwickeln. Während die Eischale wohl den Zutritt von Wärme und von Sauerstoff zum Keim gestattete, wurden durch sie alle sonstigen äußeren Einflüsse ferngehalten, so daß nur die erblichen Gestaltungskräfte auf den werdenden Keim Einfluß gewinnen konnten. Hier zeigt sich nun, daß die äußeren Entwicklungsbedingungen des Tiers für uns erkennbar und begreiflich sind, während die inneren Ursachen unerkennbar und unbegreiflich bleiben. Wie die Vererbung, so ist tatsächlich auch die Entwicklung eines Tieres aus dem Ei für uns nur begreiflich und erkennbar im äußeren Ablauf ihrer Erscheinung, deren inneres Wesen, d. h. der zugrunde liegende innere Ursachenkomplex, uns im einzelnen unerkennbar bleibt. Allein diese Unerkennbarkeit ist keine prinzipielle wie die der Dinge an sich, sondern eine praktische, tatsächliche, dem gegenwärtigen Stande unseres Wissens entsprechende. Es ist die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß -er menschliche Verstand in ferner Zukunft einmal den Schleier von den letzten Geheimnissen der Vererbung und Entwicklung hinwegzieht, und daß dann erkennbar wird, was heute unerkennbar ist. Hier haben wir somit keine absolute, sondern nur eine relative Schranke des Naturerkennens, durch die wir uns eingeengt finden, und in den täglichen Fortschritten unseres Wissens von der Natur besitzen wir Beispiele, daß solche Grenze sich weiter und weiter hinausschieben läßt. Ich möchte nunmehr untersuchen, inwiefern auf dem Gebiete der Abstammungslehre, die heute unter den naturwissenschaftlichen, bezw. naturphilosophischen Problemen auf weite Kreise die größte Anziehungskraft ausübt, eine wirkliche Erkenntnis sich gewinnen läßt. Als Ausgangspunkt hat uns die Tatsache zu dienen, daß die Generationen der Pflanzen und Tiere kettenförmige Zusammenhänge bilden, deren Endglied die lebenden Repräsentanten sind, deren frühere Glieder, die Reihe der Vorfahren, sich im Dunkel vergangener erdgeschichtlicher Perioden verlieren. Während wir in der Gegenwart beobachten, daß die Eltern eines Tieres oder einer Pflanze mit den Nachkommen in den wesentlichen Merkmalen übereinstimmen, macht die Phantasie philosophisch denkender Naturforscher die Annahme, daß die heute lebenden Arten aus anderen, ihnen mehr oder weniger unähnlichen Arten der Tertiärzeit oder einer früheren Zeit durch einen Vorgang der Umbildung entstanden sind, wobei es Nebensache ist, ob wir uns die Umbildung als eine allmähliche oder als eine sprungweise vorstellen wollen. Diese Annahme wird gestützt durch die Tatsache, die sich aus den Versteinerungen feststellen läßt, daß in der ältesten Tertiärzeit wohl die gleichen Gattungen von Pflanzen lebten wie in der Gegenwart, aber andere Arten, und daß in den späteren Abschnitten der Tertiäreit sich immer zahlreichere Arten finden, die mit en lebenden übereinstimmen, bis zuletzt die Vegetation der Gegenwart erscheint. Freilich muß eingeräumt werden, daß ein lückenloser Zusammenhang zwischen einer alttertiären, ausgestorbenen und einer lebenden Art in keinem einzigen Falle nachgewiesen werden konnte. Wie verfährt nun die Abstammungslehre, und welcher Hilfsmittel bedient sie sich, um zu einer abgerundeten Theorie zu gelangen? Ihr erstes Hilfsmittel ist die Stütze der An alogie. Die Entwicklung der höheren Tiere und der höheren Pflanzen beginnt mit ganz einfachen körperlichen Gebilden und schreitet zu immer zusammengesetzteren fort bis zur fertigen Gestalt. Den Ausgangspunkt bildet eine einfache Zelle, das Ei. Durch Zellteilung und Differenzierung der gebildeten Zellen zu den Anfängen der Ge-- webe und Organe bis zur Vollendung dieser letzteren zeitigt der Entwicklungsprozeß ii^ erblicher Wiederholung einen Organismus, der butt elterlichen Organismus gleicht. Die Abstammungslehre nimmt ein analoges Hervorgehen zusammengesetzter Tier- und Pflanzengestalten aus einfacheren ün. In den Anfang alles Lebens auf unserem Planeten verlegt sie frei lebende Einzelzellen, aus denen im Laufe vieler Generationen erst mehrzellige, dann vielzelliger Organismen hervorgingen, bis die Tiere und Pflanzen entstanden, die uns heute umgeben. Neben dieser Voraussetzung einer Entwicklung vom Mederen zum Höheren, d. h. vom. Einfacheren zum Zusammengesetzteren, nimmt die Deszendenzlehre an, daß im Laufe langer erdgeschichtlicher Perioden die Abstammung ungleiche Gestalten aus ursprünglich gleichen hervorgehen ließ. Im großen und ganzen soll sich also die aufsteigende Individualentwicklung in der Stammesentwicklung der Organismen durch die Kette der Generationen hindurch wiederholt haben, so daß schließlich in den fertigen Körperformen der Wirbeltiere und .Blütenpflanzen der Höhepunkt und Abschluß dieser Differenzierungen erreicht wurde. Die hypothetische Stammesentwicklung oder Phylogenie hat in ihrem Fortschritt von einzelnen frei lebenden Zellen zu den vielzelligen hochorganischen Krebsen, Armfüßern «Bracchiopoden) und Kopffüßern (Cephalopoden) unter den Tieren, zu den Farnen und Gymnospermen unter den Pflanzen geführt, und dieser ganze riesenhafte phylogenetische Prozeß hat sich abgespielt in Perioden der Erdgeschichte, über deren lebende Wesen wir keinerlei Erfahrung besitzendenn unter den ältern Lebewesen, von denen die Erdgeschichte weiß, gab es bereits Krebse, Armsüßer und Kopffüßer, sowie Farne und Gymnospermen, die nicht wesentlich verschieden von den in der Gegenwart lebenden waren. Unter den obwaltenden Bedingungen, d. h. wegen des kristallinischen Zustandes der vorkambrischen Erdgeschichten, durch den die Erhaltung von Versteinerungen ausgeschlossen ist, besitzen wir nicht nur kein tatsächliches Wissen von der vorkambrischen Organisationswelt, sondern auch die Möglichkeit jedes Wissens davon erscheint ausgeschlossen. Insofern greift hier Agnostizismus Platz. Allein die Organisation des menschlichen Geistes läßt sich dadurch in ihren Wünschen und Hoffnungen noch nicht besiegendem empirischen Agnostizismus braucht kein Agnostizismus der Idee zu entsprechenes wird der Agnostizismus selbst zum Ausgangspunkt einer positiven Methode des Forschens, als welchen ihn Huxley gekennzeichnet hat. In der Idee bleibt uns unbenommen, untervorsichtigem Geltenlassen der Phantasie uns Vorstellungen zu bilden über den Gang einerphylogenetischen Abstammungsreihe von Einzelellen bis zu Krebsen oder bis zu Farnkräutern inauf. Wenn die Zoologen und die Botaniker die Konstruktion solcher Stammbäume versuchen, so erörtern sie verschiedene Möglichkeiten unterfortwährender Berücksichtigung der vergleichenden Morphologie und der individuellen Entwicklung der Krebse und Farne, und unter diesen verschiedenen Möglichkeiten wird bei Abwägung aller Gründe und Gegenstände schließlich eine einzelne Auffassung sich als die wahrscheinlichste ergeben. Der Grad ihrer Wahrscheinlichkeit läßt sich um ein bedeutendes erhöhen, wenn alle Botaniker und alle Zoologen darin übereinstimmen, einen einzelnen in der Vorstellung konstruierten phylogenetischen Prozeß, d. h. eine einzelne Abstammungslinie als die einleuchtendste anzuerkennen. Ein solches Verfahren ist durchaus wissenschaftlich, solange man dabei bleibt, daß es sich hierbei um einen theoretisch kombinierten und erschlossenen Zusammenhang handle. Sobald man aber Unkundigen mit der anmaßenden Sicherheit des Dogmatikers verkündet, der Aufftieg von der Zelle bis zum Krebs sei phylogenetisch wirklich

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