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Der Israelit · 1909-03-11 · Heft 10 (11.3.1909) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 10 (11.3.1909)
Date
1909-03-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. jO des „Fsraelit". c.d.-c^. euilleton. Samuel da ksgicl. Eine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. (Fortsetzuug.) Abul Fotuch würdigte ihn keiner Antwort. Als er noch die Hoffnung hegte, seine geliebte Gattin und seine Kinder wieder zu sehen, hatte er sich zur Bitte und zur Unwahrheit herbeigelaffen - nun aber, da ihm die trostleere Neberzeugung inne ward, daß nichts diesen grausamen Tyrannen beugen könne, fand er all seinen Stolz, seine ganze Seelenstärke und Energie wieder. Die Augen auf den Boden geheftet, ein verächtliches Lächeln auf den Lippen, beobachtete er würdevolles Schweigen. Diese edle und ruhige Haltung brachte Badis Zorn aufs Aeußerste. Vor Wut schäumend, sprang er von seinem Sitze auf, zog seinen Säbel und stieß ihn seinem Opfer in die Brust. Abul-Fotuch empfing den Todesstoß, ohne mit den Augen zu zucken, ohne einen Klagelaut auf seine Lippen kommen zu laffen, und sein Mut entlockte selbst Badis einen unwillkürlichen Ausruf der Bewunderung. Darauf wandte sich der König an Barhun, einen seiner Sklaven, mit den Worten: „Haue diesem Leichnam den Kopf ab und hänge ihn an einen Galgen. Den Rumpf verscharre neben den des Jbn-Abbas. Meine beiden Feinde sollen bis zum Tage des letzten Gerichtes Seite an Seite ruhen. . . . Und jetzt kommt die Reihe an Dich, tritt heran, Soldat!" Der Berber, an den diese Worte gerichtet waren, geriet in unsägliche Todesangst und zitterte an allen Gliedern. Er warf sich auf die Kniee, suchte sich zu entschuldigen und beschwor den Fürsten feines Lebens zu schonen. „Elender", sprach Badis zu ihm, „hast Du denn alle Scham verloren? Der Gelehrte, bei dem einige Furcht noch entschuldbar gewesen wäre, hat, wie Du gesehen, den Tod mit Heldenmut ertragen,' er hat sich nicht zu einem einzigen Worte der Bitte Herabgelaffen, und Du, alter Krieger, der Du Dich zu den Tapfersten rechnest, zeigst solche Feigheit: Möge, Gott, sich Deiner nicht erbarmen, Du Elender:" Mit diesen Worten hieb er ihm den Kopf ab. Abul-Fotuch wurde, wie Badis angeordnet hatte, neben Jbn-Abbas begraben. Das allgemeine Bedauern der unterrichteten und gelehrten Bewohner Granadas folgte ihm nach ins Grab, und oft, wann die Araber, die verurteilt waren, stillschweigend das Joch eines Fremden und Barbaren zu tragen, an dem Orte vorüberaingen, der seine sterbliche Hülle einschloß, murmetten sie leise vor sich hin: „O, welche unvergleichlichen Gelehrten waren diese, deren Gebeine hier ruhen ... . Allah ist unsterblich, sein Name sei gepriesen und geheiligt, aber er gebe bald, daß wir wieder einen Herrn aus dem Stamme seines heiligen Volkes erhalten ebenso einen Vezier. .. Neuntes Kapitel. Der junge, zarte Gabirol genoß die verschwenderische Gastfreundschaft des Groß-Veziers von Granada in Pollen Zügen. In dessen ebenso geschmackvoll wie behaglich eingerichtetem Sommerschlößchen in Elvira, einer Nachbildung der al- Hanchrah in kleinem, hatte sich der Dichter ein stimmungsvolles Heim, ein kleines Paradies auf Erden geschaffen. Es war eines der herrlichsten Fleckchen des andalusischen Landes. Durch die wunderbare Verschmelzung der ernsten Romantik des Hochgebirges mit der lieblichsten idyllischsten Anmut des Hügellandes, des Kontrastes nackter steriler Felsenmassen mit jener unbeschreiblichen Ueppigkeit, Fülle und Pracht der Vegetation, welche man eben nur im Süden und besonders im Südwesten Europas findet. Und dazu der zauberische Farbenwechsel der warmen Beleuchtung, der unter allen Gegenden Südeuropas vielleicht keiner in solchem Grade eigen ist, wie den edengleichen Gefilden der Bergteraffen von Granada. Hier sah Gabirol manchmal Freunde, am liebsten aber pflegte er die Einsamkeit. Hier wollte er all das Ungemach, das ihn in schon so früher Jugend betroffen, in den Abgrund der Vergessenheit wandern lassen. Hier konnte sein stolzer anspruchsvoller Geist sich vollkommen jener Sehnsucht hingeben, die sein ganzes Leben ausfüüte, der Sehnsucht nach der Ergründung der höchsten. Wahrheiten. Hier entstand sein bedeutendstes philosophisches Werk, „Der Ouell des Lebens", das seinen Weg nahm durch die Jahrhunderte und das selbst Völkern anderen Glaubens ein Born der Erkenntnis werden sollte. Aber auch den Anforderungen der Zeit brachte er seinen Zoll. Sprachforschung war die tonangebende Wissenschaft geworden und der ehrgeizige hochstrebende Jüngling wußte auch, sich hierin zu versuchen. Gar manches kunstvoll geflochtene Poem entstand hier. Bald zeigte es sich, daß Gabirol nicht nur grammatische Lehrgedichte formen konnte. Ein Dichter war auferftanden in Juda, wie einen solchen die arme, durch die Jahrtausende gehetzte Lämmerherde Israels seit den Tagen des Hirten auf dem Königstrone nicht mehr besaß. Schlürf' ich der Lippen Honig ein? Berauschte mich des Kusses Wein? Hab Wangenblüten ich gepflückt? Gesogen Atems frischen Duft? Mich hat Gabirols Lied erquickt, Sein Aushauch junger Frühlingsluft. So sangen in jener Zeit die Jünglinge auf den Straßen von Granada, Malaga und Kordoba. Mit wonnigem Empfinden und hohem Stolze gewahrte Samuel, wie sein Schützling sich zum bedeutendsten und beliebtesteu Dichter der Judenheit emporzuschwingen im Begriffe war und die gemeinsame Liebe zur Dichtkunst bildete das enge Band, das beide Männer innig umschlang, Manches übermütige Aufwallen des jüngeren Freundes ertrug Samuel mit bewundernsiverter Geduld. Legte Gabirol statt dankbarer Gesinnung ein stolzes Bewußtsein der Ueberlegenheit an den Tag, so lächelte Samuel wohlwollend. Gabirol zerfloß dann in Reue und Rührung Aber der Feind schläft nicht. Dem Geheimschreiber des Vezieren war die Gunst, deren der Dichter genoß, schon längst ein Gegenstand der Qual und des Neides und er sprach eines Tages von dem Jüngling dem Minister in einer Weise, daß Samuels Neigung zu dem Freunde zu erkalten begann. Der Dichter strafte zuerst die abnehmende Wärme des Veziers mit vorwurfsvoller Klage: Geschick, durchfurchst noch immer meinen Rücken, Gönnst mir nicht Ruh, fährst fort mich zu bedrücken. Willst Du mir Samuel auch meinen Meister, Den Leiter meiner Roße noch entrücken? Allmählich wandte sich sein stolzer Sinn ganz von ihm ab und er griff Samuel vielleicht an seiner verletzlichsten Stelle an, indem er den Dichter in ihm verspottete. Nun schwankte das Verhältnis zwischen den beiden bedeutendsten Männer ihrer Zeit zwischen Abstoßen und Annähern. Kurze Berschen flogen herüber und hinüber, die ursprüngliche Innigkeit erlangte die Freundschaft der Beiden nie wieder. Während ehedem aus Gabirols Leier die herrlichsten Lobeshymnen .auf den Staatsmann in Granada erklungen waren, kamen nunmehr eine große Anzahl von Liedern Salomos in Umlauf, die aus der veränderten Stimmung und Beziehung heraus ertönten. Die Klagen über die Untreue des Freundes werden immer häufiger und dringender, lange beteuert der Dichter noch immer seine heiße Liebe — endlich zieht leise wie ein schwaches Wölkchen der Spott heran. Aber Samuel weiß sich zu wehren, er stimmt genau denselben Ton wie sein mißgelaunter Schützling an: Ich rede sanft, er schmollt, Ich liebe und er grollt) Ich zeuge mit Beweisen, Er weiß nur falsch zu gleißen. .Wenn in unserer Zeit zwischen bedeutenden oder berühmten Männern eine literarische Fehde entbrennt und die beiden Kämpfenden schleudern sich in der Tagespresse heftige Artikel, poetische Satyren aller Art an die Köpfe, so nimmt man wohl in weiten Kreisen an solchem Geplänkel Interesse, belustigt sich auch über einen guten Witz, den der eine auf Kosten des anderen auffliegen läßt, aber darüber hinaus geht der Anteil nicht, der an solchen Dingen genommen wird. Das Blatt, vom Tag geboren, geht mit dem Tag verloren. Anders war es zu jener Zeit. Für die damaligen Schöngeister Granadas und Malagös — und jeder, der ein wenig auf sich hielt, war Schöngeist — ja für ganz Spanien war dieser Dichterstreit eines der wichtigsten Ereigniffe, das mit der lebhaftesten Spannung verfolgt wurde. Man teilte sich in Gruppen, von denen die eine für Samuel, die andere für Gabirol eifrig Partei nahm und so jedes neue Stachelgedicht bald mit Jubel, bald mit Entrüstung aufnahm. Manche standen auch den beiden Männern oder einem von ihnen näher; es fehlte nicht an Versuchen zur Vermittlung und so erschienen eines Tages eine große Anzahl von Mitgliedern beider Gruppen in des Dichters lustig-farbiger Behausung, um eine Versöhnung zwischen den beiden Lieblingen der andalusischen Juden herbeizuführen. Kein einziger der Freunde fehlte. Niemand wollte der interessanten Verhandlung fernbleiben, denn dabei gewesen zu sein, erhöhte die Wichtigkeit der Personen auf viele Monate hinaus. Da saßen sie nun rund im Kreise, vorne, die dem Dichter nahestehenden, vielfach in seinen Gedichten Verherrlichten: der Isaak, der Achjah, der Chajun, der Salomo, der Jaacob, auch der Sohn des Nagid fehlte nicht. Ritterlich gebildet, liebenswürdig, schön, von Natur allen Zwistigkeiten abhold, trat er, durch den stützen Tod seines Bruders Jehuda von den Eltern und dem Hausfreunde Rabbenu Nissim ein wenig verhätschelt, gleichwohl nicht in frischer gesunder Männlichkeit auf, ließ sich vielmehr leicht durch Freunde in seinen Gedanken und Handlungen bestimmen. So gehörte er auch jetzt zu den heftigsten Gegnern des Dichters. Durch das andauernde Spötteln der' Freunde fühlte sich der vornehme Jüngling in der Schmähung des Vaters tief gekränkt) an die Stelle der Verehrung für Gabirol, in der er groß geworden war, trat nun zornglühende Erbitterung, und er mochte des Mannes spotten, dem er früher Größe nicht abstritt, den er aber nun als in jähem Rückgänge begriffen wähnte. Die Tagung begann, dem Sohne des Nagid ließ man die erste RÄe. „Sage, mein Salomo, sprach Joseph, ist es wahr, daß Du den folgenden Vers auf meinen Vater und Lehrer ersonnen hast:" Mir war so kalt, mich hat ein solcher Frost durchschnitten, Als hörte ich ein Lied von Samuel, dem Leviten. (Fortsetzung folgt.)

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