Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1909)
- Date
- 1909-03-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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11. März 1909._punkte aus die in Galizien herrschende Trunksucht bekämpft und daher das Eingehen vieler Schänken freudig begrüßt, so muß man jedoch Vorsorge treffen, daß ein ganzer Stand nicht vom grünen Tische aus durch Verordnungen brotlos gemacht werde. Der Verband der Schänker ist daher notwendig und seine Arbeiten verdienen Förderung. Ungarn. Die klnkieilsgemeinöe. (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 5. März. Auch die im Dienste der neologen Landeskanztei-Potitik stehenden sch ein orthodoxen Machthaber in Balassa-Gysarmar müssen nunmehr die traurige Erfahrung machen, daß es mit der „Einheit" nicht immer klappt. In dieser orthodoxen Gemeinde haben bekanntlich vor etlichen Jahren ein paar neologe Demagogen das Heft an sich gerissen, und zwar nicht auf die erlaubteste Art und Weise. Dieselben wollten der einheitlichen orthodoxen Gemeinde 'mit aller Gewalt einen neologen Prediger als ungarischen Kanzelredner aufbürden. Und selbst als ein junger orthodoxer Rabbiner mit einer ungarischen Probepredigt all die neologen Kandidaten in den Schatten stellte, wollten sie nicht den Weg der Verständigung mit den Orthodoxen in der Gemeinde beschreiten. „Einen orthodoxen Rabbiner haben wir schon, einen zweiten orthodoxen Rabbiner, und wäre er noch so tüchtig, brauchen wir nicht," so lautete die Losung in der Gemeindestube.-Mit Rücksicht auf die Einheit der Gemeinde besteht dort seit -Jahr und Tag ein Schiedsgericht. Dieses Schiedsgericht hat nunmehr unter anderen bei der letzten Gemeindewahl, zutage getretenen Gesetzeswidrigkeiten auch von seiten der Neologen begangene Wahlfälschungen konstatiert, und demzufolge die Wahl für ungültig erklärt. Die neologen Gewalthaber aber gaben sich Mit dem schiedsgerichtlichen Urteile nicht zufrieden und so wurde ein neues Schiedsgericht angeordnet. Auf Anraten der neologen Landeskanzlei in Pest weigerte sich aber der abgesetzte Gemeindevorstand, Schiedsrichter zu nominieren. So hat nunmehr der Kultusminister eine Verordnung an das Neograder Komitat gerichtet, worin dasselbe aufgefordert wird, die provisorische Gemeindeleitung zu Balassa- Gyarnat anzuweisen, daß sie unverzüglich die statutenmäßigen Vorbereitungen zur Neuwahl des Vorstandes und der Repräsentanz treffe und gleich darauf diese Wahl vornehmen laffe. Zur Ueberwachung der Gesetzmäßigkeit der Vorbereitungen und der Wahl entsendet aber der Minister den 3. orthodoxen Kanzleirat L. Hartstein. Zugleich wurde das Komitatmunizipium angewiesen, den Genannten bei dieser seiner Kontroütätigkeit nötigenfalls beförderlichen Beistand zu leisten. Kuftland. öaron tlora? öünjburg. Petersb urg, 5. März. Nach langem, schweren Leiden ist am 1. März der bekannte Petersburger Philanthrop Baron Horaz Günzburg im 76. Lebensjahre gestorben. Er erfreute sich der größten Sympathien und Hochachtung in Rußland und zwar nicht nur bei der jüdischen Bevölkerung, sondern auch bei den Mächtigen Rußlands, mit denen ihn sehr freundliche Beziehungen verknüpften. Während der Judenverfolgungen in Rußland suchte er einerseits die Sympathien Europas für seine Glaubensgenossen zu wecken, andererseits intervenierte er für die Bedrängten bei den Regierenden Rußlands und auch bei Hofe. Intime Freundschaft verband ihn mit vielen Staatsmännern Rußlands, insbesondere aber mit Witte und auch dem Grafen Tolstoi und ebenso mit dem liberalen Oberprokureur der Synode Fürsten Obolensky, dem unmittelbaren Nachfolger Pobiedoszonews. Als Baron Günzburg vor sechs Jahren seinen 70. Geburtstag feierte, zeichnete ihn Zar Der JSraelit. _ Nikolaus II. durch Verleihung des Annen-Ordens erster Klasse "aus, den ihm im Namen des Kaisers der damalige Minister Witte persönlich überbrachte. Seit langen Jahren war Baron Günzburg bereits im Besitze des Titels eines wirklichen Staatsrates mit dem Prädikat „Exzellenz". Baron Günzburg hinterläßt sechs Söhne und drei Töchter. Der älteste seiner Söhne ist der bekannte Orientalist und Sprachforscher Baron David Günzburg, der jüngst Forschungen über den Ursprung der baskischen Sprache in den Denkschriften der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Petersburg veröffentlicht hat. Der verstorbene Baron, vermöge seiner Stellung und seines Einflusses ein Führer der jüdischen Intelligenz, stand aber keineswegs wie diese den innerjüdischen Verhältnissen indifferent gegenüber. Er war vielmehr ein Gönner und Förderer aller humanitären und Gemeindeinstitutionen in Petersburg und mehr als einmal trat er nach eingehender Vorberatung mit den Rabbinern Rußlands m.t gutem Erfolge als Wortführer der russischen Judenheit bei den Behörden auf. An der Trauerfeier nahmen auch Graf Witte und viele Duma-Abgeordneten teil. Türkei. Cüritifdiei Brief. (Bon unserm Korrespondenten) Konstantinopel, 7. März. Ein Jrade bestätigte letzten Dienstag die Wahl des Herrn Chaim Nahoum zum Großrabbiner der „jüdischen Nation", und am □'ms wird der Neuerwählte in Gegenwart der Meglig ruchani und gaschmi den üblichen Eid der Treue zum Gesetz (d. h. zum Staatsgesetz) leisten. Seit 47 Jahren ist der Posten des Chachambaschi unbesetzt gewesen. Bei der geradezu erschreckenden geistigen Dekadenz der Spaniolen in den letzten Jahrzehnten fehlte es an einer hervorragenden Persönlichkeit, die man als würdig erachtet hätte, dieses hohe Amt, das dem türkischen Gesetze gemäß dem des Krrta tfto in der alten guten Zeit gleichkommt, zu bekleiden. So begnügte man sich mit einem „Kaimakam", einem Stellvertreter. Auf diese Weise konnte das „Amt" in seiner Würde erhalten werden. Mit der Wahl des Herrn Nahoum, eines domo novus, der weder auf dem Gebiete jüdischen noch auf dem allgemeinen Wiffens sich irgend welche Verdienste errungen hatte, ist das Amt zu einer gewöhnlichen Kronrabbinerstelle gesunken. Diesen Jammer gerade wollten wir verhüten, wenn wir an dieser Stelle so oft Stellung gegen Herrn Nahoum nahmen. Herr Nahoum selbst fühlt, daß er seines Amtes nicht würdig ist, denn er hat in den letzten Wochen vielen Chachamim gegenüber geäußert, daß er alle religiösen Angelegenheiten ganz dem Bethdin überlaffe und strengstens darüber wachen werde, daß den Juden ihre religiöse Autonomie in der Türkei erhalten bleibe. Das ehrt Nahoum persönlich, ist aber ein schwacher Trost für die Entwürdigung, die seine Wahl für rronn Tor bedeutet. Beunruhigende Nachrichten treffen von Saloniki ein. Saloniki ist eine wahrhaft jüdische Stadt, in der MlP selbst das Zollamt und die Banque Ottomann geschlossen blieb, weil der ganze Handel in den Händen der Juden lag. In dieser Stadt nun brach ein wirtschaftlicher Wettbewerb zwischen Juden und Griechen aus, der für die Entwicklung der Juden in der neuerwachten Türkei höchst unangenehm werden kann. Man schreibt darüber dem Osmanischen Lloyd unterm 4. März aus Saloniki folgendes: Wie schon einmal kurz daraus verwiesen, macht sich hier eine immer ausgeprägter- Spannung in wirtschaftlicher Beziehung zwischen Griechen und Israeliten bemerkbar, welche nun Formen angenommen hat, die vermuten lassen, daß man am Beginne einer gegen die Juden überhaupt gerichteten Bewegung steht, die näher zu verfolgen interessant genug ist. Man sucht zwar griechischerseits, der Bewegung einen politischen Hintergrund zu geben, dürfte aber damit wenig Glück haben.,und auch wenig Glauben finden. Sie stützt sich darauf, daß die Juden eine Rr. 10. Sette 7. Minorität sind, die gewissermaßen unter denr alten Regime noch zur Geltung kommen konnte, aber trotz ihrer Intelligenz und ihres savair faire in Handelssachen heute bei entsprechendem Vorgehen seitens der Griechen stark zurückgedrängt werden kann. Man stützt sich auf das Inland, dessen Handel zum großen 'Teile in den Händen der Griechen ruht. Diese müssen dafür gewonnen werden, daß sie sich für ihre Bedürfnisse nicht inehr nur der Vermittlung der Israeliten bedielten, sondern sie müssen an gehalten werden, ihren Bedarf bei (Griechen zu decken, wenigstens foioeit dies zur Jeit möglich ist, denn der ^eldzngeplan der riechen konnte noch nicht ganz in die Praxis überseht werden. Die Griechen ntüssen zur Erkenntnis ihrer Bedeutung für den Handel tommell, sie inüssen ihr national?-.' Gefühl kräftigen, dieses Ziel zlt erreichen ist die Aufgabe der betreffenden griechischen >treise, die die ganze Ennoicklniuz der Bewegung in die Hände genommen haben. lieber die Mittel zum Zwecke kann man nur erwähnen, daß die Griechen ihre erste und wichtigste Stütze für ihren wirtschaftlichen Anfschwung in der Errichtung der neuen griechischen Bankniederlassungen in Makedonien fanden, ^ie erlangten durch dieselben die nötigen Kredite und oefanden sich nicht mehr in jener abhängigen Stellung wie ehedem. Die unruhigen politischen Zustände im Lande brachten es mit sich, daß sich im Laufe der letzten Jahre viele .Naufleute des Inlandes ans Sicherheitsgründen in Salonik niederließen u.»tb hier Geschäfte errichteten. Sie zogen natürlich ihre altailgestammten Kunden iu der Provinz an sich, fanden hier die nötige finanzielle Unterstützung und bemühten sich, den israelitischen Geschäften ihre Jnlandskundschast nach Kräften abznjagen. Damit war auch schon der Anlaß zur Agitatlon im Jnlande selbst gegeben, die Griechen zu bestimmen, ihren Landsleuten beim Einkauf in r-atonik den Vorzug zu geben. Die Erleichterungen, welche die großen israelitischen Firmen ihrer Kundschaft boten, die langen .Kredite nsw., vermochten zwar nicht den gewünschten Erfolg in denr erträumten Umfange hervorzubringen, aber die .Konkurrenz machte sich doch fühlbarer und man konnte sie nicht rnehr ignorieren. Die Abfangung der aus der Provinz eingetroffenen Händler begann bereits am Bahnhofe bei Atikunft des Zages, die griechischen Kommissionäre hefteten sich an die Fersen derselben und boten alles auf, um sie den israelitischen Häusern abspenstig zu machen. Man ging weiter. Man umgingdie jüdische» Placier, man vermied es, jüdische Angestellte zu nehmen, man traf Anstalten, um sich auch von den israelitischen Fuhrleuten und Lastträgern zu befreien. Tie griechischen Kaufleute von Sorowitsch, eines sehr bedeutenden Umschlagptatzes an der Eisenbahn Salonik— Monastir, von wo die Güter nach Kastoria und weiter verfrachtet werden, stellten aus Veranlassung der Leiter der Bewegung die Bedingung, daß die in Salonik gekauften Waren durch die griechischen Fuhrleute zur Bahn geschafft und dort durch Griechen in die Waggons verladen würden. Kurz, man ging schon recht weit und so sahen sich auch die israelitischen Kauftente veranlaßt, zu dieser Frage entschiedener Stellung zn nehmen, als dies bisher der Fall war. Man will, wo es angeht, mit Gegenmaßregeln antworten, die den griechischen Handel wiederum zn schädigen geeignet sind. Die Verträglichkeit der Juden mit den ändereil Rassen ist jederzeit über allen Zweifel erhaben gewesen und deshalb niuß man auch ihre Entrüstung über das Vorgehen der Griechen verstehen. Nach unseren Informationen sind die angesehenen Juden Salonikis damit beschäftigt,ein eigenes Bankinstitut ins Leben zu rufen, um damit der Konkurrenz sofort die Spitze abzubrechen und so den Kamps im Keime zu ersticken. Zu diesem Zwecke wollen sie sich mit der Zionistischen Bank in London wie mit der J. C. A. in Verbindung setzen. vrrmkcdter. Burgkundftatt, 28. Februar. Die hiesige Kultusgemeinde unterhält seit 1852 eine Elementarschule aus eigenen Mitteln und trotzdem wurden die Jud n auch zur Unterhaltung der christlichen Volksschulen herangezogen. Auf Grund Art. 3 Abs. ll. des Schulbedarfgesetzes vom 28. Juli 1902 erhob der Kultusvorstand Moritz Lonnerstaedter gegen diese unbillige und unpraktische Besteuerung Beschwerde und verlangte von Stadtmaaistrate, den Bedarf für die christlichen Schulen durch Sonderumlagen unter Ausschluß der Israeliten zu erheben, was jedoch abgelehnt wurde. Infolgedessen wurde das verwaltungsrechtliche Verfahren eingelettet und hat nun das König!. Bezirksamt von Oberfranken zugunsten der hiesigen Juden entschieden und die Stadtgemeinde zur Rückzahlung der für Schulzwccke seit 1903 zu viel erhobenen Gemeindeumlagen verurteilt. Paris, 3. März. In der vergangenen Nacht ist das Denkmal Scheurer-Kestners, des bekannten Dreyfußfreundes, im Jardin du Luxembourg beschädigt und mit Farbe beschmiert worden. Eine Untersuchung ist ringeleitet, die sich hauptsächlich auf rohalisttsche Streife erstreckt. Kopenhage», 1. März. Die hiesige Reltgionsschule hat gestern ihre öffentliche Prüfung abgehalten, der wie gewöhnlich ein großer Teil der Gemeindemitgltrder beiwohnte. Der seit 39 Jahren hier wirkende Lehrer, Herr