Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1909)
- Date
- 1909-03-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 10. __ bestehenden Vereine und Stiftungen, soweit sie wohltätige Zwecke verfolgen, mit ausgenommen werden. Den vorläufigen Bericht der Bibliotheks- Kommission erstattet sodann Herr Dr. Plaut in ausführlicher Weise. Nach diesem Bericht haben sich bereits eine ganze Reihe von Institutionen bereit erklärt, ihre Bibliothek neben der Gemeinde- Bibliothek, der zu errichtenden große Lesehalle zu überweisen, unter der Bedingung, daß die Bibliothek Eigentum der betreffenden Vereine bleibt und als solches auch äußerlich gekennzeichnet wird, auch haben die Henry Jones-Loge und die Zionistische Ortsgruppe beschlossen, einen jährlichen Beitrag von 200 resp. 100 M. für die Lesehalle zu bewilligen und auch von einzelnen Gemeinde- Mitgliedern sind dem Referenten größere Beträge zur Verfügung gestellt worden. In dankenswerter Weise hat Herr Dr. Rieger sich bereit erklärt, das Anlt eines Bibliothekars unentgeltlich zu übernehmendie Verhandlungen mit der Patriotischen Gesellschaft betreffs Mietuug eines Lokals sind dem Abschluß nahe, so daß die Angelegenheit, vorbchaltlich der Genehmigung des Gemeindevorstandes, die der Kommissar bei den betreffenden Verhandlungen als ziemlich sicher in Aussicht gestellt hat, in allernächster Zeit ihrer Verwirklichung entgegengehen wird. Die Versammlung nahm diesen Bericht mit großer Befriedigung auf und wählte Herrn Peine für den verstorbenen Herrn Tuch als Mitglied der Bibliothekskommission. Beim nächsten Punkt der Tagesordnung : Neuwahl von 4 Mitgliedern der Armenkommission rügt Herr Laskar, daß bei Bildung des Wahlaufsatzes der Gemeinde- Vorstand nicht von dem in den Statuten ihm eingeräumten Recht Gebrauch gemacht hätte, um auch weibliche Mitglieder in Vorschlag zu bringen. Der Redner weist auf die hohe soziale Bedeutung der weiblichen Mithülfe in der Armenpflege hin und stellt einen diesbezüglichen Antrag. Der Antrag des Herrn Lasker wird genügend unterstützt und gelangt auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung. Die statutengemäß aus dem Armenkollegium ausscheidenden Herren M David, Joseph Koch (M. d. B.), S. M. Nathan und Oskar Rüben werden per Aklamation wieder gewählt. Ebenso wird Herr Dr. med. B. Levy zum Vorstandsmitglied des Vereins zur Unterstützung kurbedürftiger Israeliten (Theresien- Stiftung) wiedergewählt. Die übrigen Punkte der Tagesordnung werden in geheimer Sitzung beraten. LI. Hamburg, 3. März. Wie bereits im vorigen Bericht erwähnt, haben die veränderten Wohnungsverhältnisse innerhalb der hiesigen Gemeinde schon seit langer Zeit den Neubau eines Gotteshauses im ehemaligen Vorort Hoheluft zur dringenden Notwendigkeit gemacht. Wie in der General - Versammlung der jetzt vereinigten „Kelilath Jophi" und „Agudath Jeschurun-Bereine mitgeteilt wurde, sieht dieser langersehnte Plan nunmehr seiner Vollendung entgegen. Es ist dem Vorstand bereits gelungen, ein für seine Zwecke passendes Grundstück, Hohelustchaussee 25a, zu erwerben und es soll der Bau, sobald die Witterungsverhältnisse es erlauben, sofort in Angriff genommen werden, sodaß das Gotteshaus noch zu den hohen Feiertagen seiner Bestimmung übergeben werden wird Die Synagoge wird nach den Plänen eines hiesigen renommierten Architekten errichtet werden und den Anforderungen der Neuzeit entsprechend, hohe, luftige Räume aufweisen, die vor: drei Seiten Tageslicht erhalten, so - daß der Gebranch der künstlichen Beleuchtung auf ein Minimum beschränkt sein wird. Wie weiter mitgeteilt wurde, ist auch die finanzielle Seite des Unternehmens gesichert, da eine große Anzahl der dortigen Anwohner sowie viele Freunde der Sache für die ersten fünf Jahre einen Garantiefonds zur Deckung eines etwa sich ergebenden Defizits gezeichnet haben. Auch der Verwaltung des Synagogenverbandes, die das Unternehmen in dankenswerter Weise gefördert hat, gebührt Anerkennung. Die Verwaltung liefert nicht nur Der Israeli: das gesamte Gestühl, sondern hat auch einen eineinmaligen Beitrag von 400 Mk. zu den ersten Unkosten zur Verfügung gestellt und hat außerdem zum Garantiefonds für die ersten 5 Jahre einen Betrag gezeichnet. Würzburg, 5. März. Die Prophezeihung Ihrer 8. F. Artikel: res venit ad triarios und der Wunsch derselben, scheint in Erfüllung zu gehen. Am 28. Februar tagte in Würzburg unter dem Vorsitz des Herrn Distriktsrabbiners Bamberger eine Versammlung von orthodoxen Herren, Rabbiner und Nichtrabbiner, welche die schon längstt projektierte Idee der Vereinigung der traditionell gesinnten Elemente in Bayern endlich ihrer Verwirklichung entgegenzuführen sich entschloß. Die Gründung einer Vereinigung wurde beschlossen, ein Statutenentwurf durchberaten und für die offizielle Konstituierung der erste Sonntag im Jjar in Aussicht genommen. An diesem Tage sollen auch die inner bayerischen Verhältnisse besprochen werden, so daß der Vorschlag des Herrn S. F. bald verwirklicht sein dürfte. Die Vereinigung soll, wie man uns berichtet, ein Kartellverhältnis mit gesinnungsverwandten Verbänden in Aussicht nehmen. Nürnberg, 22. Februar. In der gestrigen Generalversammlung des hiesigen „Israelitischen Hü lfsv er ei nes" verursachte eine Interpellation aus dem Kreise der Mitglieder eine stürmische Debatte. Zu Grunde lagen folgende merkwürdige Vorgänge. Der Vorsitzende der orthodoxen Adaß Jisroel-Vereinigung in Nürnberg war seit einer langen Reihe von Jahren als Sekretär der hiesigen Wohltätigkeitsvereine tätig. Die Differenzen, welche in den letzten Jahren, namentlich seit dem Regierungsantritt des Rabbiners Dr. Freudenthal wegen der zwangsweisen Heranziehung gesetzestreuer Kinder zum neologen Religionsunterrichte entstanden sind, veranlagten nun den Rabbiner, sich gegen die Teilnahme des orthodoxen Herrn, der in jenen Kämpfen in den vordersten Reihen stand, an den humanitären Bestrebungen des Vereines aufzulehnen. Er weigerte sich, in den Sitzungen, an denen der Sekretär teilnehme, den Vorsitz zu führen. Schließlich richtete der Vorstand des Vereines an den orthodoxen Herrn einen Brief, in dem ihm mitgeteilt wurde, daß man auf sein Erscheinen bei den Sitzungen verzichte. Der also Beleidigte zog natürlich "die Konsequenz und legte sein Amt nieder. Dieser empörende Vorgang, der ein grelles Licht auf den „Liberalismus" des neologen Rabbiners wirft, bildete die Veranlassung zu der gestrigen Anfrage. Obgleich ein - bekannter liberaler Kommerzienrat Uebergang zur Tagesordnung beantragte, und obgleich Herr Dr. Freudenthal im Vollgefühle seines liberalen Machtbewußtseins diesen hyperliberalen Antrag unter allerlei beleidigenden Anrempelungen der Interpellanten unterstützte, wandten sich doch angesehene Gesinnungsgenossen der Herren gegen diese Art des Mundtotmachens unbequemer Gegner. Die Sache wurde also von der Versammlung gründlich erörtert und zwar in einer Weise, die dem Ansehen des Herrn Dr. Freudenthal nicht gerade nützlich war. Schließlich wurde die Erklärung abgegeben, daß man „trotz aller prinzipiellen Unterschiede in religiösen Fragen dennoch in Sachen der Wohltätigkeit weiter Zusammenarbeiten wolle." Warten wir ab, ob die neologen Heißsporne sich darauf einfassen. Oesterreich. W i e n, 6. März. Der Präsident der Wienerisraelischen Kultusgemeinde und des „Allgemeinen Oesterreichischen Israelitischen Bundes" Dr. Alfred Stern hat im Einvernehmen mit den jüdischen Abgeordneten des österreichischen Reichsrates und den Vorständen der Kultusgemeinden der einzelnen Landeshauptstädte Oesterreichs eine Aktion eingeleitet, um die drohende Außerachtlassung der Gleichberechtigung der Juden in Bosnien abwehren zu können. In einer zu _ '_11, März 1909 diesem Zwecks einberufenen Konferenz wurde die Idee angeregt, daß man eine gleiche Aktion auch in Ungarn einleite. Dr. Alfred Stern wendete sich im Sinne dieses Beschlusses an den Präsidenten der israelitischen Landeskanzlei Dr. Moriz Mezei und den Präsidenten der Budapester israelitischen Kultusgemeinde Hofrat Dr. Philipp Weinmann mit der Bitte, dieselben mögen sich sowohl bei den jüdischen Abgeordneten des ungarischen Reichstages, als bei anderen maßgebenden Persönlichkeiten der ungarischen Gesellschaft für die einzuleitende Bewegung einsetzen. Die genannten Herren setzten sich sofort mit dem Referenten des ungarischen Annexions- Ausschusses Hofrat Dr. Samuel Visontai ins Einvernehmen. Bon einer vom Präsidenten des österreichischen Gemeindebundes vorgeschlagenen gemeinsamen Konferenz in Budapest wurde aus politischen Gründen Abstand genommen, gleichzeitig erklärten die Budapester jüdischen Kreise, daß man dort nichts versäumen werde, um die Gleichberechtigung der Juden in Bosnien und der Herzegowina durchzusetzen. In diesem Sinne hatte Abgeordneter Dr. Soma Visontai eine einstündige Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Dr. Alexander Wekerle, dem er über die geplante Aktion Mitteilung machte und sich über die Ansichten des ungarischen Kabrnetchefs erkundigte. Dr. Wekerle machte sich sofort erbötig, die Vertreter der Judenschaft in dieser Angelegenheit zu empfangenbetreffs der aufgeworfenen Fragen aber gab er, wie bereits mitgeteilt, die Erklärung ab, daß Ungarn unter allen Umständen das Prinzip der vollen Gleichberechtigung vertreten werde. — Wie man aus Sarajewo mitteilt, wurde zum Zwecke des Schutzes der Rechte der Juden ein ständiges Zwölferkomitee, bestehend aus sechs Sephardim und sechs Aschkenasim, gebildet. Prag, 1. März. Nach Verhängung des Standrechtes in Prag fanden in Rakonitz drei Tage hindurch Volksaufläufe statt, in welchen der Nationalsoziale Jezek auf dem Marktplatze das Volk vor „Gewalttätigkeiten" gegen die Juden warnte, da andere Waffen zu Gebote stehen. Mehrere Kaufleute bezeugten, daß Jezek zum Boykott der jüdischen Kaufleute aufgereizt habe, und darum stand er wegen Uebertretung des § 305 (Aufreizung zu ungesetzlichen Handlungenheute vor dem Prager Strafgerichte. Alle Belastungszeugen erklärten, daß Jezek's Reden revolutionär waren, was Jezek bestreitet. Sein Verteidiger Dr. Hübschmann erklärte, daß es kein Gesetz gebe, das den Boykott verbiete. Er verlange, daß der Gerichtshof seine Inkompetenz erkläre, da die Tat des Angeklagten nicht auf den § 305 (Verleitung zu ungesetzlichen Handlungen) bezogen werden könne, sondern höchstens auf § 302 (Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen die Juden), welcher aber unter die Kompetenz des Schwurgerichtes, falle. Der Gerichtshof schloß sich nach kurzer Beratung dieser Anschauung an, erklärte sich als nicht kompetent und begründete das durch seinen Vorsitzenden Lgr. Svasta folgendermaßen: „Der Gerichtshof sieht im Boykott nichts Gesetzwidriges und Unsittliches, wie es im § 305 enthalten ist, auch besteht weder ein Gesetz noch eine Vorschrift, die den Boykott verbieten würden." Bleibt nun abzuwarten, was das Schwurgericht zu der „gesetzlichen" Arbeit des Jezek sagen wird. Lemberg, 1. März. Im Lemberger „Tagblatt" vom 14. d. M. veröffentlicht die Leitung des „Landesverbandes der Schänker" einen Aufruf, in welchem die galizischen Schänker zum Beitritte zum Verbände eingeladen werden. Der Verband will der Gefahr Vorbeugen, daß im Jahre 1911, in welchem das Propinationsrecht erlischt, der gesamte Schänkerstand durch ungerechte und von schlecht informierter Seite herausgegebene Verordnungen an den Bettelstab gebracht werde. Er will Schritte unternehmen, um ein Uebergangsstadium zu schaffen. Wenn man auch vom sozialpolitischen Stand-