Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1909)
- Date
- 1909-03-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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SM- 4 11. März IS09 _ sichern, daß in den Schulen der „Alliance" das „jüdisch-religiöse Gefühl" gestärkt werde, so kann man eine solche Behauptung, ohne die subjektive Ehrlichkeit des Berichterstatters zu bezweifeln, recht gut erklären. Denn unter „jüdischreligiösem Gefühl" verstehen eben unsre modernen Reformjuden etwas durchaus anderes als die Bekenner des überlieferten Judentums. Ihnen sind die Negierung der Dreieinigkeit, die Ablehnung der Taufe, die Recitation des Schma ßroel-Satzes oder gar ein fastend verbrachter omkippur schon überwältigende Aeußerungen „jüdisch-religiösen" Gefühls. Mögen dabei Sabbath und Epeisegefetze in die Brüche gehen, die Thora zu einem Werk betrogener Betrüger herabgewürdigt, die ganze Wahrheit der Ueberlieferung in schöllen Schein aufgelöst werden — das „jüdi'ch-religiöse Gefühl" der Herren Reformrabbiner kann dabei üppig blühen und gedeihen. Mit diesem Schlagwort also vermag man — ohne Konflikt mit der eigenen Wahrheitsliebe — der Oeffentlichkeit und denjenigen Mitgliedern der deutschen Conferenzgemeinschast, die getäuscht sein wollen, vortrefflich Sand in die Augen streuen. Auch die erstell Sätze der These 3 entziehen sich der Diskussion: über das, was all jüdischem Wißen „genügend" oder nicht genügend ist für einen jüdischen Jüngling — darüber werden je nach der Weltanschauung des Beurteilers die Meinungen außerordentlich geteilt sein. Lächeln aber, wenn die Sache nicht so ernst wäre, müßte man über den trefflichen Witz, der die Schuld an der Verödung jüdischen Wissens in „ m a n ch e n " Allianceschulen nicht etwa den assimilatorischen Prinzipien des Lehrplans, sonderll — den unpädagogischen alten Melamdim und der „hergebrachten Sitte" zumißt! Der kteiile Rest von Jüdischkeit also, der sich etwa hie lind da in der Person eillheimischer Lehrer an einzelnen Schulen noch erhalten hat, — der muß auch noch beseitigt werden, wenn es „besser" werden soll iu ben jüdischen Gemeinden des Orients! Fürwahr, eine Inspiration, die des mutmaßlichen Inspirators, Antebi, würdig ist! Und endlich zum Schluß der eigentliche Knalleffekt des Berichtes, die Behauptung, die „religiöse Erziehung" etc. in den Allianceschulen entspreche sogar „durchaus den religiösen Bedürsuiffen der dortigen israelitischen Bevölkerung". Was heißt das? Glaubt Herr Dr. Porges, die „dortige israelitische Bevölkerung" sei in religiöser Hinsicht schon so tief gesunken, daß sie die als Lehrer importierten Pariser Reformjuden — trotzdem die Herren vielleicht oft so vorsichtig sind, kein öffentliches Aergernis zu geben nicht richtig auf den Grad L« tz»r«Nt. ~ ihrer religiösen Aufrichtigkeit einschätzt? Die Jugend blickt am schärfsten, und sie fühlt es sehr wohl, ob der Mann, der da lehrt und unterweist, von der Göttlichkeit der jüdischen Lehre, von der ewigen Verpflichtungskraft des ganzen unverkürzten Religionsgesetzes durchdrungen ist oder nicht. Wir möchten abwarten, ob selbst die Tailcyrands der Alliance israelite die Stirn haben werden, für den Durchschnitt der Alliance- Lehrer diese Qualifikation zu behaupten. Geht ihnen aber diese Qualifikation ab, so ist die Behauptung, daß die Alliance-Schulen ben „religiösen Bedürfnissen der dortigen israelitischen Bevölkerung" entsprechen, eine krasse Unwahrheit, wäre eii'e krasse litt« Wahrheit selbst dann, wenn an diesen Schuten täglich zehn Stuttdcn Schulchan-Aruch unterrichtet wurden! Denn an die Person der Lehrer mehr als an allen Unterrichtsstoff ist der Geist geknüpft, der einer Schule das Gepräge gibt Es ist wahrlich ein Jammer, daß man immer wieder und wieder genötigt ist, diese für jeden ehrlichett Menschen — welcher Richtung auch immer — selbstverständlichen Wahtheilen festzustellen. Aber die widerwärtige Taktik der „Alliance israelite" nötigt zu solcher Abwehr. Statt — wie es Männern geziemte — offen ehrlich zu erklären: Uns ist Judentum nichts anderes als M o - notheismus und allgemeine Menschenliebe/ wir halten Thora und Ueberlieferung für vergängliches Menschenwerk und setzen unseren Stolz dareitr, die Jugend d»e s Orients a l l n> ä h l i ch für die Abschürtelnng dieses tausendjährigen Irrtums und für unsere geläuterte religiöse Auffassung zu erziehen statt auf solche Weise der Wahrheit die Ehre zu geben, macht die Leitung der Alliance die krampfhaftesten Attstrengungen, um die jüdische Gesamtheit durch ein Spielen mit vieldeutigen Worten und Begriffen in dem Wahn zu erhalten, sie pflege den Geist des überlieferten Judentums mit seiner Thora und seinen Mizwoth! Je krampfhafter diese Anstrengungen tuet den, in deren Kette die Jnspektionscomödie nur ein Glied bildet, je mehr sich naive Leute auch int gesetzestreuen Lager durch die Redensarten der Alliance-Inspiratoren hinters Licht führen lassen, desto ferner rückt die Möglichkeit durch eine Reorm der Allianceleitut'.g an Haupt und Gliedern eine Gesundung auch nur im bescheidensten Umfang herbeizuführen. Wir — das möchten wir aussprechen — glauben für absehbare Zeit n i ch tan die Möglichkeit einer solchen Gesundung. Vor ihren gefüllten Kassen fitzend, von dem Wahne getragen, die Mandatare der jüdischen Gesamtheit zu sein und f ü r diese Gesamtheit Unvergängliches geleistet zu haben, erblicken die leitenden Kreise der Alliance in jedem Kritiker cinen böswilligen Nörgler und merken gar nicht, daß sie selbst — soweit die Tatsachen in Betracht kommen — der Spielball einiger weniger bezahlten Beamtett, in ihrer Urteilsbildung aber einfach die Vertreter einer höchst einseitige'.:, dem überlieferten Judentttm fremden Weltanschauung sind. Wenn diese Erkentttnis von all den jüdischen Kreisen, die das gesetzestreue Judentum im Orient erhalten wissen wollen, in voller Klarheit erfaßt und in ihrer ganzen Tragweite gewürdigt würde, daun wäre damit wenigstens der Nimbus zerstört, mit dem sich die „Alliance" heute umkleidet tlnd der allein ihr die Kraft gibt neben manchem Guten für das äußere Geschick der Juden, so unendlich viel Unheil für das Juden tum zu stiften. * * * Gleichzeitig mit den hübschen Thesen des Herrn Dr. Porges wird in der „Welt" ein Schreiben aus Salonik veröffentlicht, das ein recht wertvoller Beitrag zur Beurteilung der Jnspektions-Comödie ist. Das Schreiben lautet: „Mit großen: Erstaunen haben wir das Interview des Herrn Rabbiners Israel Levy int „Iewish df/tonick" gelesen. Herr Rabbiner Israel Levy war der Chef der Mission, die voll der „Alliance" entsendet wttrde, mit die Lage der Schulen zu prüfen. Ter Interviewte hatte nichts anderes zu sagen gehabt, als der Alliance, ihren Instituten und a n ch d e r M i s s i o n lang und breit Lob z n s p e it d e n. Aber schließlich hat doch das Zentral komitee von Paris seine Mission nicht nach dem Orient geschickt, um sich ein lobendes Zeugnis ausstellen zu lassen! T i e A l l i a n c e b r a n ch t e sich nicht e r st s e l b st z u i n s o r m i e r e n , n a ch d e m s i e wisse n ni n ß t e w i e ihre T t r e t t o r e n und L e h r e r leben. Wenn sie es nicht w'iß, so rührt das daher, daß ihre Vertreter ihre Pflicht nicht getan haben, und hier ist schon das erste der Löcher an ihrem glänzenden Panzer, Löcher, deren er noch viele hat. llnr durchaus unparteiisch zu sein, hätte die llntersuchung der Alliance von zwei französischen, zwei englischen und zwei deutschen Delegierten vorgenommen und hätte ans die Mission nicht zwei oder drei Monate, sondern ein Jahr verwendet werden müssen. Was haben denn Herr Israel Levy und seine Kollegen getan? Wie Meteore find sie in den Städten, iu einigen der Städte aufgetaucht und verschwunden, wo die Alliance Schulen unterhält. Wie lange, glauben Sie, sind dipse Herren in Saloniki geblieben. Unterschriften zu enthalten und alle Verträge in deutscher Sprache zu unterschreiben haben. Tie Juden aber lebten immer noch in ihrem Ghetto utkd ich selbst denke noch ans meiner Kindheit der Zeit, wo die Tore des Ghetto allabendlich geschlossen wurden und nur innerhalb der Jndenstadt Geschäfte betriebet! werden konnten, Ich gedenke noch des Tages im Jahre 1816, als plötzlich die Nachricht verbreitet rourde, dem Kaufmann Moritz W e h l e sei das Recht eingcräumt. worden, ans dein Graben in dem Eckhanse, welches heute „zum Spinka" genannt wird, ein Seidenwarengeschäst zu eröffnen, wie darüber ein allgemeiner Jubel entstand und die Hoffnung erweckt wurde, daß bald alle Schranken fallen werden. Iin Jahre 184« trat der erlauchte Monarch, unser erhabener Kaiser Franz Joses I. die Regierung an und unter seiner glorreichen Herrschaft erlangten die Juden volle Gleichberechtigung, das Recht überall zu wohnen nnd zu wirken." Dr. Bendiener nannte nun einige der Männer, welche als Vorsteher und Rabbiner gewirkt haben, so Mordechai Meisel, der auf eigene Kosten das jüdische Rathaus erbauen ließ, 1ä02 die seineil Namen tragende Meiselsyuagoge, das jüdische Hospital, die .Hochsynagoge, in welcher die Eide abzulegen waren, ivenn in Zivilprozcsscn die Oberjuristen aus einen solchen erkannten. Zur Zeit Meißels lebte der hohe Rabbi Löw, der Freund Ticho de Brahes, bald nach ihm Jesaja Horwitz, der Verfasser des berühmten Werkes „Die zwei Vundestaseln", Lippmann Heller, der Verfasser des berühmten Misch,lakommentnrs rVlBDID Im Jahre M41 schrieb der christliche Gelehrte, Georg W i e tz e l, über die Juden iu Prag und üb".' deren Vorsteher itttb Rabbiner: „Gelehrtere Iuoeu habe ich in meinem Leben nicht gesehen, aber auch nicht klügere." Der Vorsteher Jakob B a t f ch e b a wurde im Jahre 1616 von: Kaiser Ferdinand II. in den Adelstand erhobeii, ntit dem Prädikate: Edler v. Treuenberg, und nach der Schlacht am Weißen Berge, 1618, hat Kaiser Ferdinand II. die Inden gerettet, wofür für dessen Seelenheil in einem Gebete noch jetzt gedacht wird. Ter Oberrabbiner Oppenheimer, 1704, war der Begründer der berühmteil Bibliothek, welche mehr als 100 Jahre später von der Oxfvrder Universität um 10,000 Taler erworben wurde und ivelche der Stolz dieser Universität ist, da sie uralte Dokumente enthält, die nicht um Millionen hergegeben werden. 17',2 folgte der hochgelehrte Oberrabbiner Ezechiel Lauda n, eitler der größten Talmudisten, dessen zahlreiche Schüler in die ganze Welt gelangten. (Getreidebau bei den alten Völkern.) lieber dieses interessante Thema schreibt die „Bäcker- Zeitung" u. a.: „Merkwürdig und bewnnderungswert ist es, daß die 'Menschen in Hinsicht ans die Getreidearterl seit Jahrtausenden nichts Neues gelernt haben, aber auch nicht das Geringste. Wir bauen noch heute das, ivas die Alten bauten, und haben wir -von den Alten auch Nachrichten über Getreidearten, so bekamen wir sie doch nur von vielleicht längst verschwundeneti, untergegangenen Völkerschaften, deren Ursprung sich im Dunkel der Geschichte verliert. Aus der Vorzeit der Geschichte leriren wir zuerst die Phönizier als Kultur- und Handelsvolk kennen, welche einen Küstenstrich Syriens am Fuße des Libaiwil bis zum mittelländischen Meere bewohnten: ein schönes fruchtbares Land mit reichen Waldungen und erzreicheil Bergwerken. Tie Bewohner arbeitend, handelnd nnd mit dem kühnsten Mute die Meere durchschiffend, brachten mit ihren Waren und Handelsartikeln den Völkern, mit denen sie in Verkehr traten, auch die Kultur mit und unterliegt es keinem Zweifel, daß sie den westlichen Küsten des mittelländischen Meeres unter anbeten Kulturpflanzen auch die ihnen bekannten Getreidearten gebracht haben, wenn auch oielleicht nur, um dort wieder Getreide einzukaufen, wie sie es mit dem Wein machten, den sie von ben Inseln des mittelländischen Meeres eintauschten, narhdem sie zuerst die Rebe dorthin verpflanzt hatten. Sie gingen sogar bereits mit ihren Schiffen 1100 v. d. übl. Ztr. durch die Straße von Gibraltar, legten die Stadt Kadix an und machten dieselbe znm Mittelpunkt Niid Stapelplatz ihres ausgezeichneten Handels, besuchten von dort weiter Madeira und die kanarischen Insstn, holten von den britischen Inseln Zinn und ars der Nordsee Bernstein. Ackerbau indessen trieben sie sehr wenig und bezogen das meiste Getreide aus Judäa, woraus ganz sicherzu schließen ist, daß die bei den Juden gebauterr Getreidearten auch bei ihnen in Gebrauch waren und durch sie weiter verbreitet wurden. Daß bei den alten Juden der Ackerbau bestand, ersehen wir aus der Bibel, ebenso auch zum Teil die Getreidearten, welch: von ihnen gekannt nnd gebaut wurden. - Mit Sicherheit können Weizen, eine Dinkelart und Gerste genannt werden, ivelche von ihnen bennnt niid angebaut wurden. lieber die Art und Weise, wie der Ackerbau betrieben wurde, liegen uns genauere Nachrichten oor. Ten Pflug und die Egge kannten sie bereits, auch vt von einem Joch Ochsen die Rede. Wenn nach Jochen gerechnet wird, so ist ein Ochs gemeint, man erwähnt Ochsen nnd Füllen, die den Acker bauen und nidjt gemengtes Futter bekommen sollen, ebenso solle» nicht