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Der Israelit · 1909-03-11 · Heft 10 (11.3.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 10 (11.3.1909)
Date
1909-03-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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11. März 1909 Der JSrMit. Ro. 10 Sette 3 des neologen Gemeindevorstandes gehorcht und damit im amtlichen Nest ein wundervolles waschecht „liberales" Kukuksei ausgebrütet hat. Aber der Vorgang — ganz abgesehen von dem faux pas des „zeitgemäß liberal" — ist auch an sich recht bedeutsam. Er zeigt vor allem, wie auch in Bayern ein bisher g e s e tz e s - treues Rabbinat jeden Tag in ein neologes Rabbinat verwandelt werden kann, und wie darum mit der bloßen Aufrechterhaltung der rabbinischen Befugnisse allein für die Zukunft der Orthodoxie nur wenig geschehen ist. Nur wenn — dieser Einsicht sollte sich kein denkender Jehudi verschließen — auch den an Zahl geringen gesetzestreuen Elementen im Notfälle überall die Möglichkeit gegeben ist, sich selbständig zn konstituieren und mit einem Rabbiner ihrer religiösen „Richtung" nach ihrer Fa?on selig zu werden, — nur dann kann die gesetzestreue Judenheit im Wechsel der Zeiten und in Anpassung an die verschiedenen politischen Gestaltungen ihre Lebenskraft betätigen, ja aus Ruinen immmer neues Leben hervorzaubern.. Sinnland. Der finnische Landtag ist seit einigen Tagen aufgelöst. Kurz nach seiner zweiten Eröffnung ereilte ihn dieses Geschicks als Anlaß diente die EröffnunMede des Präsidenten, der sich nicht, nach der Weisung von Petersburg, mit einigen offiziellen Worten begnügte, sondern es wagte, die verschiedenen, in letzter Zeit von der Zentralregierung in Petersburg abgewiesenen Petitionen des finnischen Senats einer eingehenden Erörterung zu nnterziehen. So etwas hört man in Petersburg nicht gern und man benutzte gern die Gelegenheit, den „selbständigen" Finnen zu zeigen, daß man noch über Mittel verfüge, ihre Vertreter zum Schweigen zu bringen. Nirgends in der Welt ist die Lage der Juden so unbestimmt und unklar als in Finnland, wo zwei extreme Richtungen sich in fortwährendem Kampfe gegen einander befinden und nur von Zeit zu Zeit sich^vereinigen, um sich gemeinsam nach außen, gegen das lieblose Mutterland zur Wehr zu setzen/ Mitten in der Parteien Haß und Hader stehen aber die Juden gewissermaßen als Symbol da, an dem sich die Geister scheiden. Entrechtung und völlige Austreibung der Juden verlangen die Einen, vollständige Gleichberechtigung die Andern. Und in einer solchen prekären Lage sind die Juden gar oft genötigt, die Hilfe der Zentralregierung in Petersburg, die andererseits eifersüchtig darüber wacht, daß von ihrer judenfeindlichen Tradition auch in Finnland nicht abgewichen wird, gegen die Uebergriffe der allzu gejüdtsche Marken tragen, ohne daß Juden dahinter stecken, weiß er nichts anzufangen. Er kann diese Taktlosigkeit und Charakterlosigkeit vor keinem irdischen Richter anklagen, er kann sie nur verachten, hassen und dieses fortgesetzte öffentliche Aergernis durch Beseitigung aller Juden beseitigt wünschen. Das war der Werdegang des Rtschus in den Zeiten Mordechais und Esthers und ist es bis auf unsere Tage geblieben. Man hat sich damals wie heute gegen die ihm zu Grunde liegende Wahrheit gesträubt. Aber die Rettung der Treubrüchigen durch den „orthodoxen" Juden Mordechai, der den Verlockungen der Hoftafel widerstand und seine Knie keiner abgöttischen Verehrung beugte, hat auch den „Wahrheits-Bünden" jener Zeit den Staar gestochen. Wer an der Hand dieser mahnenden Erfahrung der Purimgeschichte sieht, wie die Verächter der Spetsegesetze sich von Tag zu Tag in unsere » Kreise mehren, wer dus Unwesen gewahrt, das in den jüdischen Rethen mit der abgöttischen Verehrung fremder Kulte getrieben wird, und dabei die Sühne kennt, die solche Verirrungen jederzeit erforderten, der mußte am Purim inniger als sonst zum himmlichen Lenker unserer Geschicke mit der Bitte emporbltcken, daß er uns wieder Männer und Frauen wie Mordechat und Esther crstehen laffe, die uns aus unserer Zerfahrenheit reißen, indem sie uns aufs neue die alte Frage stellen und richtig beantworten lassen: „Wodurch haben wir selber das Verhängnis verschuldet, das drohend über uns schwebt?" 1. lehrigten Schüler in dieser Beziehung anzurufen. Nun ist der zweite Landtag geschloffen und in Erwartung der kommenden Ereignisse dürfen die Juden wohl ausrufen: JiOö 'S '1X1 'S ’IK* Bedenkt man, daß unter den abgewiesenen Petitionen des finnischen Senates sich auch der Antrag eines Schächtverbots befand, so begreift man ohne Weiteres, daß die Juden nicht gerade immer Grund hätten, über die Oberaufsicht in Petersburg zu klagen. Indessen sind doch die Juden Finnlands durch die Schließung des Landtags um eine Hoffnung ärmer geworden. Gerade jetzt bot der Landtag die beste Aussicht zur Regelung der Judenfrage im Sinne des sozialdemokratischen Antrages. Dieser Antrag, der vollständige Gleichberechtigung aller in Finnland eingebürgerten Juden verlangt, hatte insofern gute Chancen, als seine Initiatoren, die Sozialdemokraten, die allein im Parlament über 83 Stimmen verfügten, auch der Unterstützung aller anderen kleineren liberalen Parteien sicher sein durften. Nun aber ist auch diese Hoffnung dahin, und die Möglichkeit einer Regelung und Besserung der jüdischen Lage in die weite Ferne gerückt. Und der nächste Landtag? Soweit sich die Lage überblicken läßt, wird es mit der einen Schließung noch lange nicht sein Bewenden haben. So lange der finnische Landtag ein Produkt des allgemeinen Wahlrechtes ist, wird er nicht imstande sein, die Gunst der russischen Regierung sich zu erwerben, und darum wird man in Petersburg bald auf die Schaffung eines neuen Wahlmodus auch für Finnland bedacht sein. Erst dann, wenn es der russischen Regierung gelingen wird, dem finnischen Volke einen gefügigen Landtag auf Grund eines beschränkten, von reaktionärem Geiste getragenen Wahlrechtes zu geben, wird der völlige Frieden zwischen Mutter und Tochter hergestellt sein. Dann wird sich aber das finnische Parlament auch als würdige Filiale der dritten Reichsduma bewähren und von Altfinnen beherrscht sein, die in vielen Beziehungen, ganz besonders aber in der Judenfrage, die natürlichen Verbündeten der Echtrussen sind. Die Tn$ptktion$-£omödie der Alliance Tsraelite. Als die Alliance Jsraelite vor Monaten die Absicht verkündete, durch eine Inspektions-Commission den Stand und die Ergebnisse ihres orientalischen Schulwerks prüfen zu lassen, haben kundige Beurteiler sofort starke Zweifel an dem objektiven Kleines Feuilleton. Zur Geschickte der Prager jüdischen Gemeinde. Os» feiner Festrede anläßlich der -Einweihung des Neubaus des jüdischen Rathauses zu Prag (Ziehe Korr. Prag in Nr. 5) gab Herr Tr. Ludwig Bendiener folgende interessante Taten über die Entstehung und die wechselvollen Geschicke der Prager- Gemeinde: „Darüber wann zuerst in Prag eine jüdische Gemeinde sich gebildet hat, sind verschiedene Ansichten. Tie Sage läßt eine Gemeinde schon bald nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem hier entstehen. Ein Bericht der Statthalterei an die Kaiserin Maria Theresia spricht davon, daß schon vor 1000 Jahren in Prag eine jüdische Gemeinde bestanden habe und spätere Dokumente, Schriftsteller und Chronisten wissen davon, daß im Jahre 1067 die Juden am Aujezd und am Wyschehrad wohnten, daß sie 1098 von da vertrieben wurden und in der sogenannten Judenstadt sich ansässig machten. Im Jahre 1290 wurden tausende Glaubensgenossen ermordet, weil sie bezichtigt wurden, sich an Hostien versündigt zu haben, eine Verfolgung, die sich im Jahre 1380 wiederholte. Im Stadtbuch findet sich verzeichnet, daß Papst Innozenz den Juden Privilegien erteilte, die vom König Ottokar von Böhmen bestätigt wurden, in denen es hieß, daß derjenige, welcher den jüdischen Fried- Werte dieses „Prüfens" gehegt, Zweifel, die durch die parteiische Zusammensetzung der Prüfungskommission und durch die brüske Ablehnung der von achtzig hervorragenden Persönlichkeiten geforderten Mitsendung eines orthodoxen Vertrauensmannes nur allzurasch gerechtfertigt wurden. Jetzt werden in dem offiziellen Vereinsorgane der Oeffenkichkeit die Thesen unterbreitet, in denen das deutsche Mitglied der Commission, Rabbiner Dr. Porges, die Ergebnisse seiner Inspektionsreise zusammenfaßt. Sie lauten: „1. Tie Anklagen, die gegen die religiöse Richtung unserer Schulen, gegen die religiöse Führung unserer Lehrer und ehemal-gen Schüler vorgebracht worden, sind unbegründet, irrtümlich erhoben oder tendenziös erdichtet oder auch ungerechtfertigte Verallgemeinerungen bedeutungsloser Einzelfälle. 2. Der Religionsunterricht an unseren Schulen, weit entfernt davon, das jüoisch-religiöse Gefühl zu schwächen, hat vielmehr dazu beigetragen, dieses Gefühl zu stärken und der Heranwachsenden Jugend aufrichtige Liebe zum Judentum, wie auch Verständnis und Eifer für die Ehre des Judentums einzuflößen. Der von der Alliance zuerst eingeführte Unterricht in der jüdischen Geschichte hat sich als wertvolles Mittel zur Hebung des jüdisch-religiösen Sinnes bewährt. 3. Der hebräische Unterricht an unseren Schulen ist durchschnittlich genügend, an einigen Schulen sogar sehr gut. Verständnis alter leichteren Stücke der Bibel im Urtext wird in der Mehrzahl der Knabenschulen erreicht, genaue Kenntnis oes Gebetbuchs und geläufiges Beten überall von Knaben und Mädchen, das Auswendigwissen eines großen Teils des Gebetbuchs und die volle Beherrschung des gottesdienstlichen Gebetstoffes von den Knaben. Wo der hebräische Unterricht zu wünschen übrig läßt, liegt die Schuld an den ungeeigneten pädagogisch ungeschulten .Lehrkräften, denen nach hergebrachter seststehender Sitte der hebräische Unterricht in den Gemeinden des Orients anvertraut wird und vorerst nicht aus den Händen genommen werden kann. Sache der Alliance wird es sein, hierin eine Besserung anzubahnen und allmählich herbeiznsühren. Ter Unterricht wie auch die religiöse Erziehung und die damit eng verbundene sittliche Ausbildung, die unsere Schüler und Schülerinnen erhalten, entspricht durchaus den religiösen, sittlichen und materiellen Bedürfnissen der dortigen israelitischen Bevölkerung." Schon die Reihenfolge dieser Thesen zeigt: daß die Commission ihre Aufgabe richtig erfaßt hatte: es galt, nicht etwa objektiv zu prüfen, sondern die Ankläger der „Alliance", die aus religiös oder national gesinnten jüdischen Kreisen in immer größerer Zahl erstehen, durch ein eindrucksvolles Arrangement verstummen zu machen. Die Herren Reisenden haben denn in der Tat alles das gesehen, was sie sehen sollten und wollten; sie schweigen tot, was im ganzen Orient die Spatzen von den Dächern pfeifen und was sie — zu ihrer Ehre sei es gesagt — vermöge ihrer blinden Voreingenommenheit vielleicht gar nicht zu würdigen vermögen. Wenn Männer wie Dr. Porges verhör zerstört oder ausgräbt, ohne Unterschied des Glaubens der Todesstrafe verfällt und sein Gut in den Besitz des Königs übergeht. lööl ordnete Kaiser Ferdinand I. an. daß die Juden an einer Seite ihres Gewandes gelbtuchene Rädchen zu tragen haben und 1630 verfügte Kaiser Ferdinand II., daß die Juden in Prag in der Kirche „zu unserer lieben Frau" zu erscheinen, christliche Predigten anzuhören und unter schweren Strafen sich hiebei des Schlafens und des Schwatzens zu enthalten haben. Für den entwickelten persönlichen Mut während der Schwedenbelagerung war den Juden das Recht erteilt worden, ihr Rathaus durch einen Turm und durch eine Uhr zu zieren, und es wurde ihnen erlaubt, durch eine Glocke die Gemeindeältesten zusammenzurufen. Im Jahre 1703 gewährte Kaiser Leopold I. der Prager israelitischen Gemeinde das Recht, statt der bis dahin unregelmäßigen Wahlen einen formellen jüdischen Magistrat zu bilden, bestehend aus 27 Personen, den ö Aeltesten, den Gemeindeältesten und 17 Beisitzern. Im Jahre 1744 wurden die Juden aus Prag vertrieben, kehrten aber nach einigen Jahren zurück. Kaiser Joses II. erließ die Hofdekrete vom 17. Januar und 18. Dezember 1782, in welchen zum erstenmal den Juoen das Recht erteilt wurde, ihre Kinder in (Gymnasien und an die Universität zu schicken, ohne das; dabei die Religionsverschiedenheit, wie es in dem Dekrete heißt, einen nachteiligen Einfluß üben solle. Tie Juden können weiter juridische und medizinische Doktoren werden, das zwangsweise Tragen des gelben Fleckes wurde aufgehoben, den Juden gestattet, ihren Anzug beliebig zu wählen, es wurde ihnen das Recht eingerünmt, Fabriken anzulegen, alle Gattungen von Gewerbe zu betreiben, woran nur die einzige Bedingung geknüpft war, daß sie sich der hebräischer

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