Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1909)
- Date
- 1909-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 3. Nr. 10. Der JSraeM 11. März 1909 Gilgamesch zieht durch Moses und' die andie Wüste u. s. w. dereir Israeliten ziehen weiter durch die Wüste u. s. w. Hier also sind wieder Gilgamesch und Moses identisch. In diesem Tone geht es weiter. Wo es gar nicht mehr klappen will, weil auch der geringste Anklang fehlt, da werden die babylonischen Sagen von den 7 Plagen und der Sintflut noch dazugenommen, so daß Moses auch bei der Sintflut vorkommt. Aber Jensen verwahrt sich dagegen, daß er auf Grund „irgend welcher nichts beweisender Parallelismen" seine Schlüfle ziehe; es ist vielmehr der im wesentlichen gleiche oder doch ähnliche Gesamtverlauf, der ihn dazu zwingt. Ein Blick auf die Parallelstellen und auf die entsprechenden Partien der Bibel zeigt, was es damit auf sich hat. Eabani wird ein Bru- Aaron, Moses Bruder und Genosse Gilgader, wird dessen Gemeschs. Eabani entweicht allem Anschein nach in die Wüste. nosse. Moses flieht in die Wüste von Midjan und gelangt darauf nach Hvreb. In der Wüste erscheint dem Moses Gott, befiehlt ihm zurückzukeyren und stellt ihm seinen Bruder Aaron als Genossen in Aussicht. In der Wüste offenbart sich dem Eabani der Sonnengott, befiehlt ihm implicite, zurückzukehren, und spricht zu ihm von seinem Genoffen und Bruder Gilgamesch. Also: Nachdem Moses Aarons Genosse war, flieht er wieder in die Wüste, dort erscheint ihm Gott und stellt ihm seinen Bruder Aaron als Genoffen in Aussicht. Wie man sieht, lauter Hirngespinste. Dabei muß man noch beachten, daß es in den Parallelismen Jensens von Ausdrücken, wie „wohl", „anscheinend", „einer Rezension nach" wimmelt. Das Gilgamesch-Epos enthält nämlich große Lücken, die Jensen seinem System entsprechend e r g ä n z t. Es ist ohne weiteres klar, daß man mit dieser Methode jedes beliebige Dichtwerk von der Odyssee bis auf „Hermann und Dorothea", ja auch jede Periode der Geschichte auf das Gilgamesch-Epos zurückführen kann. Man sollte es doch kaum für möglich halten, daß solche Faftnachtsscherze, die sich sehr gut als Stoff für eine Faschingszeitung eignen würden, von einem Universitätsprofessor dem Publikum als ernste Wissenschaft geboten werden können, und es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, daß eine große Zeitung es nicht unter ihrer Würde hält, solchen Expektorationen Raum zu gewähren. Für denkende Leser könnte eine derartige Probe allerdings zu einer Quelle der Aufklärung über das Wesen der modernen Bibelkritik werden,- aber leider muß man befürchten, daß die große Menge der Urteilslosen, die alles Neue und die Autorität Untergrabende, wenn es auch noch so töricht ist, zusagt, auch auf diese bodenlosen Hypothesen hereinfallen wird. Das Purimfest, das wir in diesen Tagen gefeiert haben, erinnert uns an die Errettung aus einer schweren Gefahr, die den äußeren Bestand Israels bedrohte. Noch gefährlicher aber sind die Angriffe, die unser geistiges Besitztum zu zerstören versuchen. Aber auch diese müssen zu Schanden werden, und wie echte Wissenschaft schon vieles von dem was, man früher als „Beweis" gegen die Thora ins Feld führte, als Lüge erwiesen hat, so werden auch die Versuche der heutigen literarischen Antisemiten, die Göttlichkeit der Thora zu erschüttern, zu Nichte werden. Und dann wird man mit derselben Geringschätzung über diese Versuche urteilen wie über ähnliche Geistesprodukte früherer Perioden, über welche die Wissenschaft längst zur Tagesordnung übergegangen ist. Dr. J. U. och-mm-scha«. Ein ReflaMionsjubiläum. In Berlin vereinigten sich dieser Tage Freunde und Verehrer des Herausgebers der „Jüdischen Presse", Dr. Hirsch Hildesheimer, um die fünfundzwanzigste Wiederkehr des Tages zu feiern, an dem der verehrte Mann die Schriftleitung seines Blattes übernahm. Wir möchten diesen Anlaß nicht vorübergehen lassen, ohne unserem Kollegen von der Feder ein herzliches öin zuzurufen. Die Entwicklung der „Jüdischen Presse" und die idealen Wirkungen, die namentlich in Norddeutschland von ihr ausgegangen sind, zu würdigen, ist hier nicht der §5rt. Haben „Israelit" und „Jüdische Presse" auch in vielen Fällen verschiedene Maßstäbe bei der Beurteilung der jüdischen Zeitfragen angewandt, und sind sie auch in der „inneren Politik" vielfach auseinandergegangen, so dürfen wir doch in der Kollegin an der Spree eine wackere Mitstreiterin für die ungefährdete Erhaltung unserer gemeinsamen Heiligtümer begrüßen, dürfen — gerade aus den letzten Jahren — eine treue Waffenbrüderschaft beider Blätter in der politischen Behandlung mancher aktuellen Angelegenheit freudig konstatieren und endlich den Wunsch aussprechen, daß diese geistige Solidarität zum besten des gesetzestreuen Judentums mehr und mehr erstarken möge. Was Dr. Hirsch Hildesheimer in der Abwehr der antisemitischen Verleumdungsfeldzüge für Juden und Judentum geleistet, die nur von den Eingeweihten zu würdigenden Opfer an Kraft und Gesundheit, die er dem Verteidigungskampfe für die Schechita feit Jahren und bis in die letzten Tage hinein gebracht — das alles sichert dem Jubilare — we t hinaus über den ephemeren Ruhm des Tagesschriftstellers — die tiefste Dankbarkeit der jüdischen Gesamtheit,, und es ist uns eine gern geübte Pflicht, diesem Danke lauten und freudigen Ausdruck zu verleihen. Auf ein weiteres Vierteljahrhundert also: 23*11 nSit! „JeitgemD liberal“. Wir lesen im Anzeigenteil der „Frankfurter Zeitung" eine Bekanntmachung des Königlich bayrischen Bezirksamtes in Dürkheim, durch welches die Stelle eines Bezirksrabbiners für den Rabbinatsbezirk Frankenthal ausgeschrieben wird. In diesem Ausschreiben heißt es unter anderm: „Der anzustellende Rabbiner darf nicht über 35 Jahre alt sein, muß an einer deutschen Universität mit guter Note absolviert haben und soll in seinen religiösen Anschauungen einer zeitgemäß liberalen Richtung huldigen." Daß die bayrische Staatsregierung heute wie immer ängstlich bemüht ist, die Parität zwischen den beiden religiösen Richtungen zu wahren, ist eine uicht zu bezweifelnde Tatsache. Sie denkt gewiß nicht daran, dem orthodxen Judentum, wie es seine neologen Gegner so gern möchten, den Makel der Rückständigkeit anzuheften, ja sie kann umsoweniger daran denken, als nich Lage der Gesetzgebung eben das orthodoxe, das historische Judentum das e inzige in Bayern recipierte ist. Nun aber kommt — das ist das Wunderbare — mit einem Male das Bezirksamt zu Dürkheim an der Hardt, erklärt in der Seelenruhe des Curialftils das Judentum der „Liberalen Vereinigung" mit seiner Leugnung jüdischer Grundwahrheiten für „zeit gem äß" und weist mit einem Federstrich die ihre ewige Jugendkraft mit jedem Tage neu bewährende altjüdische Religion in die Rumpelkammer unzeitgemäßer Antiquitäten. Man darf wohl mit Fug und Recht behaupten, daß das Bezirksamt sich dieser Kousequenzen seiner Bekanntmachung nicht bewußt war, daß es vielmehr lediglich der Inspiration Judenlos und Judentat. (Schluß.) Als die Schüler Rabbi Schimeons ihren Lehrer nach der Verschuldung Israels fragten, wollte ihnen der Lehrer das Naheliegende der Antwort dadurch veranschaulichen, baß er ihnen die Frage zurückgab mit dem Bemerken, daß fie die Frage fich selber beantworten könnten. Darauf erfolgt „die Verletzung der Speisegesetze gelegentlich des KöntgSmahls" als Antwort der Schüler. Wenn das Unmögliche denkbar wäre, wenn in einer Borstandsfitzung eines unserer Verbände und Alliancen jemand die Einsicht und den Mut fände zu erklären, wir hätten die Feindschaft unserer außerjüdischen Umgebung selber heraufbeschworen, weil so viele öffentlich ,-sü^V n^231 essen, ich glaube die Zuhörer würden dem Sprecher besorgt den Puls fühlen und ihm Taktlosigkeit, Fanatismus, Unverstand und wer weiß, was noch sonst vorwerfen. Mit der Taktlosigkeit hätten fie vielleicht nicht so ganz Unrecht, besonders wenn man die Redeweise eines solchen enfsnt terrible mit der verbindlichen Form vergleicht, in welche die Schüler des R. Schimeon ben Jochai ihre Frage ileideten. Wenn sie Gravierendes und sonst wenig Verbindliches über ihr Volk zu sagen genötigt sind, so sprechen sie nicht von ihm, sondern von seinen Feinden. So allgemein diese Gepflogenheit allen Autoren der Talmud auch ist, so kann man diese taktvollen Ausdrucksweise doch nicht wiedergeben, ohne Gefahr zu laufen, mißverstanden zu werden. Die wörtliche Uebersetzung der an R. Schimeon ben Jochai von seinen Schülern gerichteten Frage lautec in der Tat: „Wodurch haben die Feinde Israels jener Zeit die Vernichtung verschuldet?" Aber die zarte Rücksichtnahme hinsichtlich der Form hat der Entschiedenheit und -Wahrhaftigkeit der Sache niemals Abbruch getaneine Eigenart, von der heute noch viele vieles von den talmudischen Fragestellern lernen könnten! Aehnlich wie ihre heutigen Nachfahren, so mögen auch die Vertreter der „modernen" Anschauung schon in Mordechais Zeit gedacht und gesprochen haben, als die Juden zur Hoftafel zugezogen wurden und Modechai sich am Eingang zum Königspalast aufstellte, um jeden einzelnen zurückzuhalten, der sein Judentum für das bißchen Hofgunst preiszugeben im Begriffe stand. Sie mögen sich und. andere zu täuschen versucht haben, daß ihre Verletzung der Speisegesetze das Judentum zu Ehren und Ansehen bringen, daß ihr Treubruch ein Kiddusch Haschem sei und daß Mordechai, der das alles nicht einsehe, nicht auf der Höhe der Zeit stehe und sein Unternehmen der Ausdruck fanatischen Unverstandes sei.?»us demselben Grunde treiben sie auch den modernen Götzendienst in ihren Synagogen, liebäugeln sie mit den relt. iösen Kulten ihrer Umgebung und äfsin ihre Chöre, ihre Orgeln, ihre Prediger und Predigten sklavisch nach, weil fie sich der alten „Judenhcit" schämen, weil sie glauben, wenn erst ein christlicher Besucher gar keinen Unterschied zwischen der jüdischen und christlichen Gottes Verehrung finde, daß dann alles Rischus begraben und das Morgenrot der Zeit angebrochen sei, in welcher Wolf und Lamm friedlich beisammen lagern und Löwe und Rind miteinander Stroh essen! Der tiefer Blickende sieht leider nur das lepre Stroh, das da gedroschen wird, während er die Verwirklichung der Berbrüterungs-Jllusion in weiterer Ferne als je erblickt Die nichtjüdische Welt könnte von den humansten Gesinnungen für ihre jüdischen Mitmenschen erfüllt sein und doch die Empfindung haben, daß es Or>e, Gelegenheiten und Veranualtung n gibt, an welche Juden nicht hingehö^en. Dazu gehört das tägliche Mahl zu Hause und draußen, dazu gehört der Ort und die Art der Gottesverehrung, die eben Juden und Nichtjuden scheiden. Je bereitwilliger das erleuchtete, fortgeschrittene Rcchtsgefühl uns den Zugang zu der uns umgebenden Außenwelt öffnet, um so mehr müßte unser Takt uns Zurück- Halten, von dieser Errungenschaft einen Gebrauch zu machen, der nicht nur unser Religionsgesetz, sondern auch unsere nichijüdischen Brüder verletzt. Sie kennen die Scheidewand, welche gerade durch die Speisegesitze von Gottes Willen g zogen ist und erblicken in ihrer Uebertretung eine unberechtigte Bor- und Aufdringlichkeit, eine An unlauteren Wettbewerbs, eine Störung ihres geselligen Verkehrs, die um so tiefer empfunden wird, als die besteh?nden Gesetze keinen Schutz dagegen gewähren. Genau so ist es mit den Tempeln des zeitgenössischen jüdischen Abfalls und dem Götzentum, das fich darin breit mrcht Wenn ein religiös gebildeter Christ fich nach christlichem Gottesdienst sehnt, so sucht er ihn in der Kirche, nicht in der Synagoge. Tort möchte er Juden sans Phrase sehen, dort will er die alte „Judenhett" wiederfi «den, die er noch aus seiner Kindheit her kennt, mit christelnden Juden, mit Juden, die ihren Beruf verfehlt haben, mit bloßen Phyfiognomie-Juden, welche lediglich