Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1909)
- Date
- 1909-03-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Cenfralorqan tflr das orthodoxe Judentum l(f)S^Ij , IJJ waagsg Begründet oon Dr. Ldknann in Illainz b&si 50. Jahrgang, ssa Sranhfurfa. M.. Sen—[3 — e»sa M io. «bonnement pro Vierteljahr r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, I Hestausgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Rub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen» sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. | Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnferatenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.-G.. Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Conto bei dem Postscheck-Amt Frankfurt a. M. No. 344. Conto bei der K. K. Postsparkaste Wie« No. 79605. Conto bei dem «. Postfparkastenamt Budapest No. 18424. Conto bei der Nigaer Commerzbank in Riga und deren Filialen. Der llsckönick 9er UrfiKel un9 Correfpon9en?en 9es hanflei „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, unfl, soweit es fkfi um größere Hufffifce t. nur nach vorheriger Genehmigung gestattet Blbelkrifiscbe Ulabnideen. Um die Zeit des Beginns der gewöhnlichen Zeitrechnung machte sich unter den alexandrinischcn Juden eine Richtung geltend, die dahin strebte, die ganze Bibel in ihrem historischen wie in ihrem gesetzlichen Teil in lauter Allegorien aufzulösen. Ein Hauptvertreter dieser Richtung war der Philosoph Philo, der in seinem Kommentar zur heiligen Schrift diese Bestrebungen zum System ausbildete. Alle Begriffe der heiligen Schrift, Tiere, Pflanzen, Steine, Quellen, Brunnen, Flüsse, Geräte, Farben, Zustände, alles verlor seine Wirklichkeit, verflüchtigte sich zum bloßen Bilde, zur bloßen Darstellung irgend eines philosophischen Gedankens. So ist z. B. Laban, „der Weiße," -das Symbol der Farben und dadurch des Aeußerlichen, der Leiblichkeit und der leiblichen Güter und der Begierde nach denselben. Ahron bezeichnet das menschliche Vermögen der Rede. So begegnet Exod. 4, 14 Aharou dem Mose, denn das Wort kommt dem Gedanken entgegen, und Ahron freut sich über Mose, denn das Wort freut sich über den ausgesprochenen Gedanken. — Wir sehen heute mit Befremden auf diese für unseren Geschmack ungenießbare Art der Bibelerklärung, die indessen damals eine ernste Gefahr für das religiöse Leben bedeutete. Mit welchen Emsindungen wird aber einmal eine spätere Generation auf unser Zeitalter und seine Erzeugnisse auf dem Gebiete der Bibelforschung zurückblicken! Damals erkannten wenigstens die ernsten Vertreter der allegorischen Erklärungsweise an, daß neben dieser doch auch der einfache Wortsinn seine Geltung habe. Heute aber scheuen sich in ihren Kreise« angesehene Fachmänner der Wissenschaft nicht, die ganze biblische Geschichte in allen Einzelheiten als Dichtung und Sage hinzusteüen. Den Höhepunkt dieser „kritischen Forschung", die man, soweit ihr nicht bewußt antisemitische Motive zu Grunde liegen, als eine Krankheit unserer Zeit bezeichnen kann, bedeutet aber die neueste Glanzleistung des Marburaer Professors Je ns en. Er hat vor etwa 3 Jahren ein Buch herausgegeben „Das Gilgameschepos in der Weltliteratur", in welchem er die ganze biblische Geschichte von Abraham bis Esra-Nehemia (allerdings auch alle Stählungen des Neuen Testaments, sowie die großen Sagen der Griechen) als phantastische Reproduktion des babylonischen Gilgameschepos hinstellt, also allen Erzählungen der Bibel jeden historischen Hintergrund abspricht. Zum großen Schmerze des Verfaffers hat aber die, wie er klagt, „sich mit ihrer voraussetzungslosen Unvoreingenommenheit spreizende, in Wirklichkeit gegen alles Neue, ihre Kreise störende, nnduldsame, sogenannte moderne Theologie nicht minder wie die Orthodoxie, wie die klassische Philologie" sein Werk ignoriert, so daß es bis jetzt in weiteren Kreisen vollkommen unbekannt geblieben ist. Den Herren von der Zunft ist bei dieser Leistung ihres Kollegen anscheinend etwas unheimlich zu Mute; denn sie fürchten, es könnten dadurch den Urteilsfähigen die Augen geöffnet werden, sodaß sie erkennen, wohin die Wege der modernen Kritik führen. Herr Prof. Jensen aber will sich deshalb nunmehr an die Laien wenden, damit sie „durchdrücken", was den Gelehrten ein „Aergernis" ist und er schüttet im Feuilleton der „Frankfurter Zeitung" in zwei „Gilgamesch" betitelten Abhandlungen sein volles Herz aus. Es ist aber jedenfalls interessant und für unsere Zeit charakteristisch, daß ein Gelehrter von den Berufenen an die Unberufenen appelliert. Sie, denen alle wissenschaftlichen Untersuchungen für die Beurteilung der Hypothese fehlen, sollen ihr durch das Gewicht der Masse die Anerkennung erzwingen, welche die Wissenden ihr bisher versagt haben. Und ein Weltblatt vom Range der „Frankfurter Zeitung" öffnet einem solchen Unternehmen willig seine Spalten. Jensen hat freilich auch d i e Partien seines Werkes zur Veröffentlichung ausgewählt, die bei einem großen Teil des Leserkreises der Frkf Ztg. von vornherein auf Beifall zu rechnen haben: die Bibel und das neue Testament. „Es kann nicht zweifelhaft sein, sagt er selbstbewußt, daß wir Absenker dieses (Gilgamesch-) Epos zu sehen haben in dem allergrößten Teil der altteftamentlichen Geschichten, solcher, die man als Sagen und solcher, die man, wenigstens in der Hauptsache, als Historie zu betrachten pflegt, ja, ebenso in der sogenannten Geschichte Jesu von Nazareth, weiter aber in allen großen Sagen des Griechenvolkes". Jensen stellt nun Parallelstellen aus dem Gilgamesch-Epos und aus der „Moses- Sage" nebeneinander, welche die Abhängigkeit beweisen sollen. Eabani in der Wüste Moses in der Wüste und zwar als Hüter von Midjan als Hirte, der Tiere. Ein Mädchen kommt Moses kommt zu zu einer Tränke in der einem Brunnen in der Wüste, darauf Eabani Wüste, darauf ein Mädmit seinen Tieren zu chen, Namens Zippora, eben dieser Tränke, und mit ihrem Kleinvieh zu Eabani und die' Tiere eben diesem Brunnen, trinken an der Tränke, und Moses tränkt die Tiere daraus. Schon diese beiden Gegenüberstellungen zeigen das Gezwungene und Unsinnige dieser Methode. Denn Moses trifft die Zippora nicht in der Wüste, sondern in Midian, er trifft nicht sie allein, sondern die Töchter Jithros- und er trifft sie nicht als Hirte, sondern als Flüchtling, der von Egypten kommt. Doch sehen wir weiter. Eabani gibt sich dem Moses heiratet das Mädchen hin. Mädchen. Eabani bricht mit Moses bricht mit dem Mädchen, dem er diesem seinem Weibe sich hingegeben hat, nach nach Egypten auf, wo Erach, der Stadt Gil- Aaron wohnt, gameschs, auf. Das ist nun wieder nicht wahr. Denn Moses kommt zuerst zu dem Vater des Mädchens und bleibt, nachdem er sie geheiratet hat, lange Zeit in Midjan als Hirte. Aber solche Kleinigkeiten stören natürlich nicht. — Eabani geht also nach Erach, der Stadt Gilgameschs, Moses nach Egypten, dem Wohnort Aarons, demnach Moses- Eabani, Aaron-Gilgamesch. Später heißt es dann: Der Jschtar werden Mirjam und Aaron von Gilgamesch ihre tadeln Moses, weil er verschiedenen Liebschafein neues, nämlich ein ten vorgehalten. kuschitisches Weib genommen hat. Hier hat sich also Moses-Eabani in Jschtar verwandelt, und Gilgamesch wird durch Aaron und Mirjam repräsentiert. Aber es kommt noch bester. Der heilige Himmels- Die fehlerlose rote stier von den zwei Freun- Kuh von zwei (!) Münden Gilgamesch und Eanern, Eleasar, dem bani gepackt und ge- Sohne Aarons und tötet, das Fett seiner einemzweitenMannevor Hörner dem Gott Ludas Lager hinausgeführt palbandur u. s. w. und getötet, ihre Asche an einer reinen Stätte aufbewahrt u. s. w. Der heilige Himmelsstier wird also ohne weiteres der roten Kuh gleichgesetzt. Ferner hat sich hier Gilgamesch-Aaron in Eleasar verwandelt. Gleich darauf heißt es: Eabani stirbt. Aaron stirbt. Also der frühere Moses-Eabani nunmehr Aaron. Der nächste Absatz lautet: