Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1909)
- Date
- 1909-03-04
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Sette 22 Nr. 9. Der Israelit 4. März 1909. dem Zurijckfluten der türkischen Jnvasionsheere gingen sie mit wenigen Ausnahmen wieder mit zurück, denn unentbehrlich waren sie als Lieferanten. Die bosnischen Spaniolen stammen zumeist von jenen 30 Familien ab, welche auf Veranlassung des reichen Naftali bin Mandjur, Bankiers des Baltadschi-Mehmed Pascha, aus Salonichi und Konstantinopel in's Land kamen. Etliche wanderten aus Serbien, Bulgarien und Katime wird zur Hochzeit geschmückt. Rumelien ein. Dazu kamen welche aus Padua und Venedig, sodaß außer spanischen auch hie und da italienische Namen Vorkommen. Es mutet eigentümlich an, wenn man einen Calderon eifrig Schuhe sticken sieht, wenn dort ein Meding. Kessel flickt, ein Maestro Hühner und ein Montijo alte Hosen verkauft. Aber diese Träger berühmter Namen werden solche Geschäfte bald anderen überlassen, denn schon gehört der größte Teil der modernen Zinshäuser, oft regelrechter Prachtbauten spauiolischen Hausbesitzern. Freilich findet man neben Millionären auch bettelarme Juden. Im Jahre 1878, als zahlreiche Türken im ersten Schrecken über Hals und Kopf auswanderten da verkauften sie den Spaniolen ihre Grundstücke, die jetzt monatlich den damaligen Kaufpreis als Zins tragen. Die einheimischen Juden waren auch die ersten, mit welchen die Eroberer sowohl in Handelsverbindung treten konnten, als sie auch sofort für die Bedürfnisse nicht nur der Okkupationsarmee, sondern auch der einwandernden Oesterreicher sorgten, ohne die Preise übers Maaß zu halten. In der Türkenzeit war in Sarajevo ihr Quartier die „Tschifudhanna" (Judenviert l) doch es ward zu enge trotz der beispiellosen Genügsamkeit der Bewohner, und da half der energische Omer-Pascha, welcher einstens österreichischer Kadett war, aus der Not und erlaubte die Ansiedlung im ganzen Stadtgebiete. Sie blieben der Türkei sü. das gebotene Asyl stets dankbar, opponierten nie und ertrugen geduldig die übrigens seltenen Bedrückungen einzelner geldgieriger Vali's (Statthalter). In Sarajevo ging es ihnen einmal recht schlecht, und schon sollte ein Blutbad unter ihren Gemeindeältesten angerichiet werden, als die Türken sich selbst bewaffneten und die Todeskandidaten einer ungerechten Justiz entrissen. Es scheint, daß die Spaniolen noch nicht den einstigen Aufenthalt im schönen Spanien vergessen haben, eine gewisse Sehnsucht nach diesem Lande zeigt sich in ihren Liedern und Erzählungen. Die Frauen tragen eine eigene Tracht, während sich Mädchen und Männer türkisch kleiden, jedoch nur schwarze Farben wählenvielleicht auf Befehlselbst der auch bei Christen grellrote Fesz ist in der Regel dunkelbraun und mehr spitz geformt. Die europäische Tracht findet jedoch stetig mehr Anhä -ger, man sieht immer seltener, fast möchte man sagen leider, die bunte farbige, orientalische Tracht, die den zumeist frischen rotwangigen Gesichtern so gut steht, namentlich der niedere Frauenfesz, mit einem Goldstück oder einer Blume geschmückt, paßt zu der dichten Fülle manchmal kohlschwarzen Haares ganz prächtig. Nach der Heirat schneidet die Frau ihr Haar kurz, setzt dafür aufs Haupt ein breites, steifes, seidenes Band, das oft silberoft golddurchwirkt ist und am unteren Rande eine schnurartige aus hunderten kleiner Geldmünzen bestehende Verzierung besitzt. Das meist dunkelbraune Haar bleibt also sichtbar. Manche Frauen pflegen speziell an Festtagen über dem Haarrest eine breite und lange Seidenquafte an dem inneren Teile des Bandes anzuheften, sodaß man von weitem reich hei vorquellendes Haar herabwalleu zu sehen glaubt. Die Röcke sind breit, also nicht pluderhosenartig wie jene der Mädchen, und um die Schultern wird gewöhnlich ein gelbgeblümtes Tuch getragen, wohl eine Art spanischer Mantille. Sehr alte, konservative, ärmere Frauen tragen statt dessen eine weiße Leinwand-Umhüllung, denn vor wenigen Jahrzehnten mußten sich auch die Weiber der Ungläubigen das Gesicht verhüllen. In physisch-antropologischer Beziehung gibt der Spaniole folgendes Bild. Mittelgroß, nicht selten klein und sehr oft schmalbrüstig. Große Leute fallen deshalb auf. Der sensstiiche Typus ist nicht ganz kenntlich. Die schönen Augen gewöhnlich braun, sehr selten blau oder schwarz. Die Frauen sind klein, heiraten oft mit 12 Jahren schon, verblühen aber bald. Schöne Männer und schöne junge Mädchen sind zahlreich. Die Familien sind mit Kindern reich gesegnet. An ihren Häusern fehlt wohl nie ein Erker oder Balkon, den sie mit Vorliebe benutzen, gewiß eine aus Spanien mitgebrachte Gewohnheit. Sie sind dem Fortschritte geneigt, legen die wenn auch malerische, so doch unpraktische Türkentracht immer mehr ab, lernen deutsch und sprechen es zumeist fli ßend ohne Akzent. Während aber die bosnischen Kaufleute eher den eingewanderten Geschäftsleuten den Luxus bei Errichtung großstädtischer Lokale nachal men, bleiben die Spaniolen zumeist in ihren alten bescheidenen Gewölben und bei der bescheidenen Lebensweise. Sie lieben Geselligkeit, nicht nur untereinander, sond>rn schließen sich auch den vornehmsten Klubs an. Ihre Zeitung ist die „Alborada" (Morgendämmerung), ihre Vereine sind die Benevolencio, Progresso und andere. Mit Vorliebe suchen sie die modernen Kaffeehäwer auf, promenieren am Korso und Quai, fahren mittels Vergnügungszuges in den benachbarten Badeort „Jlidsche", doch selten trifft n.an sie auf Spaziergängen in der herrlichen Gebirgswelt der Haupftadt. In ihren religiösen Angelegenheiten bilden sie die eigene Gemeinde der „Sephardim^, welche mit jener der abendländischen, also eingewanderten „Aschkenasim" nicht viel Berührungspunkte hat und fast nie hört man von ehelichen Verbindungen zwischen Mitgliedern der beiden Gemeinden. In Sarajevo habe > die österreichischungarischen Juden einen schönen neuen Tempel, die Spaniolen zwei sehr schlichte Gebäude hart nebeneinanderstehend und einige ebenso einfache Bethäuser. Eine uralte kostbare Thora wird in dem einen der älteren Gebetshäuser aufbewahrt. Jene alten Leute, welche sich von der orientalischen Tracht nicht mehr trennen können, namentlich die beturbanten Aeltesten, machen einen ehrwürdigen patriarchalischen Eindruck. Manche Spaniolen beschließen ihre letztest Tage in Jerusalem. Sie bestellen ihr Haus, sichern sich von ihren Erben eine bescheidene Rente, und an einem bestimmten Tage treten oft mehrere hoch betagte Greise gleichzeitig die Fahrt an. In wallende Gewänder angetan beginnen sie frohen Mutes ihre Reise. Ein großer Teil der spaniolischen Gemeinde gibt ihnen tatsächlich das letzte Geleite bis zum Bahnhofe. In der heiligen Stadt verbringen sie ihre Zeit zum größten Tei.e im Gebete und im Studium der Thora zu. Sonst unterscheiden sie sich nur wenig in ihren Gebräuchen von den anderen Juden. Aehnlich wie bei Türken darf keine Frauensperson am Leichenbegängnis teilnehmen. Nach den Zeremonien im Sterbehause wird der Tote in einem offenen aus ganz schwachen weißen Brettern gezimmerten Sarge zum Gottesacker getragen. Alle Begleiter wechseln ohne Unterlaß im Tragen der Leiche ab. Noch nicht einmal zehn Sekunden bleibt die Handhabe in einer Hand. Der Tote wird am Friedhof solange auf die Erde oder eine Grabplatte gelegt, bis die Totengräber mit ihrer Arbeit fertig sind, die sie erst beginnen durften, als der Leichenzug das Trauerhaus verließ. Währenddessen lagern sich die Leidtragenden und Gäste im Grase, Kaffee und Limonadenverkäufer machen gute Geschäfte und es herrscht eine förmlich animierte Stimmung. Endlich treten etliche ältere Leute zum Sarge um die Totenklage anzustimmen, einige junge Leute brummen die Melodie mit. Man ist eben im Orient, wo man den Tod nicht sehr tragisch nimmt. Ist die letzte Ruhestätte für ihren stillen Bewohner fertig geschaufelt und der Leichnam in das Grab gelegt, so wird der Sarg zerspalten, mit den Spanen der Tote bedeckt und die Grube zugeschüttet. Mächtige oft 2—3 Kubikmeter fassende, in der Regel sehr roh behauene Quadern werden auf das Grab gewälzt, bald haben sie prismatische Form, bald ist ihr Oberteil abgerundet. In hebräischen Berschwörung gegen Samuel. Lettern wird nichts anders als der Name und die Jahreszahl nach jüdischem Kalender eingemeißelt. Nur sehr reiche Spaniolen lassen seit einigen Jahren die Grabsteine in Sarkophagform aushauen und versehen sie auch mit größer» Inschriften. Der Friedhof bleibt uneingefriedet, übermütige Kinder tollen nach Herzenslust und spielen Verstecken zwischen den Monumenten, das Vieh sucht ungestört dort seine Nahrung. Doch wird mit dem