Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1909)
- Date
- 1909-03-04
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Krite 80. Nr. 9. MM VE m We Nach 2. «. M. 2. B. 1-14. (Fortsetzung.) Pharao badete sich nicht, im Fluß, der Aegypter überhaupt nicht. Ihr Fluß, ihr Nil, war ihr Gott. Wenn aber die Tochter, einer „frommen" Hoffitte folgend, an den Fluß geht, so tut sie das, um — heimlich darin zu baden und hat damit ihrem Gedanken Ausdruck verleihen, indem sie über diese Götter Aegyptens, die unschuldige Kinder zum Opfer annehmen, über ein Götzentum ihres Vaters, das ihm gestattete, Menschen so brutal zu behandeln, wie es in Aegypten Schuldnern, lässigen Steuerzahlern und Kriegsgefangenen gegenüber stets der Fall war und Israel gegenüber zur verkommensten Roheit attvorden, den Stab längst gebrochen hatte. Ihre Mägde aber, die nicht ins Wasser gingen, sondern, in der abgöttischen Verehrung verharrend, am Ufer blieben, gingen dem geistigen Tode entgegen. Sie hatten wohl weder das Verständnis noch aber als „Bedienstete" den Mut, dem hergebrachten System zu ttotzen und stimmten verständnislos in den Vers ein, der sicherlich aus der Hexenküche des Mephisto stammt: „Des Brot ich eß, des Lied ich sing." In dieser erbärmlichen Sklavengefinnung wollten sie nach dem Berichte des Midrasch und des Talmud die Königstochter sogar am guten Werke hindern. Natürlich meinten sie es ja „gut" mit ihrindem sie sie aus die bösen Folgen aufmerksam Mächten, die ihr „unvorsichttges" und „unkluges" Beginnen „bei Hofe" haben könnte. Wie sie den Zorn des erlauchten Paters und des Königs Majestät und des ganzen diplomatischen Korps wie der gesamten Regierungskreise dadurch reizen würde. Aber die edle Königstochter dankte für den „wohlmeinenden Rat", machte eine Sklavin Kim ausführenden Arm ihres strikten Befehles, der in seiner Gebundenheit, keinen Widerspruch und keine Lässigkeit duldenden Unzweideutigkeit durch die Häufung der gleichen Formen gemalt ist. rfcffro jänr* 6. Da anerkennt denn die Tauroh nicht nur die Lebensrettern in der Königstochter, sondern die bewußte Rettern Jisroels. Sie begreift sofort, was sie in den Armen hält. Sie erkennt A als das bewußte Kind, als das Kind, dessen Geburt Aegyptens böses Gewissen geahnt und gefürchtet, das den Schreckensbefehl veranlaßt hatte. Mir perzeihen ihrer Stellung^ als Königstochter und Äegyptenn, daß sie einen Augenblick gezögert. Sollten sie es leben lassen, oder des Aegypten zu Feinden, erzogenen Volksstammes Hoffnung in den Wellen oes Nils begraben? Ein Moment inhaltsschwerer Entscheidung und siehe da — der Knabe fängt an zu weinen — und sie fühlt Erbarmen. Das Gefühl des Weibes und des Menschen hat obgesiegt, hat im Augenblick erkannt, daß wahrer Patriotismus nicht Unrecht der eigenen Regierung dulden darf, daß wahre Liebe zum Gemeinwesen nicht im blinden Gehorsam Weht. Wie herrlich aber steht sie da ClüKm mit Sakeph godaul). Was sie erkannt hatte, sagte sie nicht — sonst wäre es mit der Rettung vorbei gewesen, laut sagte sie: eins von. den jüdischen Kindern ist dieses. Eins von den vielen. Kein hervorragendes, laßt es ltben, was macht es aus? Bewunderung erfüllt uns für diese Königstochter, die mit so viel Gefühl und Geistesgegenwatt, Entschiedenheit und Klugheit Israels Retterin geworden ist. Vergessen aber wollen wir über diesen Vorgang aber auch der Schwester nicht, die in banger Erwartung mit verhaltener Freude gemischt, von Ferne steht. Ohne daß sie es wußte, war sie in fieberhafter Erregung näher und näher gekommen. Ihre Prophetie hatte sie in gespannter Erwartung sich erfüllen sehen. Würde sie wahr werden oder ist mein Volk verloren? Ist meine Hoffnung getäuscht oder gibt es einen Gott? Werden meine Eltern nochmals jung oder werden wir Kinder sie kummervoll sich ins Grab grämen sehen? O, — — 'siehe da — — Pharaos TSC? *? _ Der Israelit._ Tochter — — chie heMlch! —Ms währ? — \ Was setze ich? , Phaxaos Tochter?! O großer Gott, wie herrlich sind doch Deine Wege. Des Frohnherrn Haus, seine leibliche Tochter hast Du auf wundervollem Pfade auserkoren, mit eigenen Händen des eigenen Vaters Wüten ttotzend, das Kind zu retten, das Israel befreien sollte! So kehrt das Unrecht stets gegen sich die Waffenso steht auch es im Dienste des Guten und ruft selbst ins Leben den Rächer seines Frevelmutes, den Vergelter seiner Miffetat. 7. Mirjam war näher gekommen und stand nun neben der Königstochter. Ihre Erregung läßt sie die höfische Ehrerbietung vergessendie Königstochter war wohl auch loyal und populär, man wußte, daß sie auf die Form nicht achtete. Mirjam redet sie an. „Soll ich gehen?" ist der Freudenschrei, den sie tut. Das Kind ist dem Leben wiedergeschenkt — sie will das Ihrige dazu tun, es seinem Stamme und seiner Bestimmung zu erhalten. Nicht eine Amme will sie rufen, eine jüdische Amme. Das Wort der Weisen dürfte in bildlichem Ausdruck die tiefe Wahrheit enthalten, daß die Ernährung auf die Charakterbildung des Kindes einen großen Einstuß hat. Darauf legt Mirjam Wert. Es soll gleich die „Milch der frommen Denkart" einsaugen. 8. Wiederum ein schöner Zug der Königstochter, die es gestattet. Wie malt das Wort „nö^yn" die jugendliche Behendigkeit, wie hurtig, dankerfüllten hoffnungsfrohen Herzens springt Mirjam dvvon, hin zur Mutter, zum Vater, ihnen die Freudenbotschaft zu bringen: das Kind ist gerettrt. Gerettet und euch wiedergeschenkt. Mutter, schnell, schnell, zum Fluß, du sollst die Amme seinschnell, damit das Rettungswerk nicht durchquert werde. Schnell, schnell!! 9. Das Kind sehnt sich nach der Mutter. Es ist chm eingepflanzt, daß es nicht zu jedem Zutrauen besitztnicht in jedem Mann und jeder Frau Vater und Mutter erblicken kann. Auch dem Menschenherzen ist das Artgesetz eingehaucht. Das Kind sehnt sich nach seiner Sippe. Zwar nimmt die von Raschi gitterte Stelle des Talmud an, daß die Königstochter nicht wußte was sie sagte. Sie hatte aber vielleicht später doch davon erfahren, daß in einem Hause ein Kind verborgen wurde, die Häscher hatten dafür gesorgt, daß das Haus bekannt wurde, sonst wäre Jochebeth nicht genötigt gewesen, das Kind noch auszusetzen — und die Königstochter wußte, mit wem sie es zu tun hatte, und wenn sie es vorher auch nicht gewußt hätte, das Interesse, das Mirjam an den Tag gelegt, hätte es ihr verraten. Indes versuchten wir V. 6 den Sachverhalt aus dem Bericht,-wie ihn die Torah gibt, zu erkennen und erhalten dazu aus vorliegendem Verse noch eine Bestättgung, welche oie Charakterzeichnung des erhabenen Edelsinnes der Königstochter in Verbindung mit klugem, schonendem Vorgehen vervollständigt. Das Anerbieten der Amme, einen Lohn zu zahlen, erkennen die Weisen schon als ein die Königstochter ehrendes Zeichen einer besonderen Hochherzigkeit. Es wird aber dieser Zug noch erhöht, wenn wir die völlige klare Ueberblickung der Verhältnisse und der Personenfrage bei der Königstochter voraussetzen. Sie gibt eben den Lohn trotzdem, um diese ihre Kenntnis zu verschleiern und der Außenwelt gegenüber den Schein zu bestättgen, als wäre dieses Kind für Jochebeth nicht mehr als ein fremder Säugling. Mit Bewußtsein handelt die Königstöchter bei ihrer eminenten RettNNgstat. lZvrtsebMlg folgt.) „var Cied der Eleder.“ Bereits in Nr. 5 des vorigen Jahrgangs wiesen wir auf ein so betiteltes Merkchen von Willy Wolf, Frankfurt-Main 1908 bei Sänger & Friedberg, 71 Seiten 8®, hin. Das Merkchen ist eine Erklärung ' des Hohenliedes im Sinne unserer Weisen-' oie 'dasselbe als Zwiegespräch zwischen Gott und Israel astffäffen. Eine geist- 4. M är- 4009. uyd gemütvolle Symbolik kommt in fchlschtzör, ruhiger Hprache, hie nur durch den Gedanken wirken will, zum Ausdruck. Als Probe taffen wir einen Teil der Bemerkungen zum 4. Verse des 3. Kapitels folgen. Es heißt dort: Der erste Vers unseres Kapitels versetzt unS etwa in die Zeit des Mittelalters. In dieser Beziehung sagt Israel, wenn ich Gott mit Rücksicht auf «ein geschichtliches Schmerzenslager der Goiusmachte suchte, konnte ich seiner vollen Bedeutung für die Menschheit nicht inne werden. Ich lernte ihn nur im Versagen kennen. Allein, seine vornehmliche Seite, der getstweckende, herzerfreaenbe, segenspendenöe Zug seines Wesens, der sich nickt in einer dem Golusempfinden unbegreiflichen Weise zeigte, blieb mir infolge meiner Unzulänglichkeit fremd. 2»- +r'. Dann kam eine Zeit, in weicher der Druck des Golus infolge des sozialen Fortschrittes der Völker eine(bedeutende Milderung erfuhr. Ich befand mich fteilich noch im Golus, doch wurde der Wunsch in mir rege, mich zu erheben. Die soziale Scheidewand, oie das Mittelalter gegen mich aufgertchtet hatte, war gefallen. Ich hegte den Wunsch, das Stadtleben, die Stätte moderner Bildung und Gesittung, kennen zu lernen. Hier hoffte ich, den vollen Gottesbegriff wieder zu erlangen und war mir dessen nicht bewußt, dag meine geistige und soziale Befreiung aus den Fesseln dcs Mittelalters nur im Lichte der Tauroh zu Gott führt. Ich hätte ihn voll und ganz gefunden, wenn ich die eine Seite seines Begriffes, die ich im Golus des Ghettos erfahren hatte, in die Freiheit des fortschrittlichen Lebens mit tzinausgenommen hätte. Während ich aber darnach strebte, unterschiedlos in meiner Umgebung aufzugehen, wurden die „Wächter der Stadt", die führenden Geister der Zeit, auf meine Eigentümlichkeit aufmerksam. Aus meinem Gesetze schöpften ffe vornehmlich den Geist, mit welchem sie im Kreise „des Stadtlebens" menschenwürdige Verhältnisse schufen, deren Herrlichkeit die Vergangenheit nie geahnt hatte. Die moderne Einrichtung, mir welcher sie das Leben ausstatteten, entsprach meinem Empfinden in solchem Maße, daß ich in ihnen die Wiedergeburt meines Geistes begrüßte: „Den meine Seele einst liebte, habt Ihr gesehen!" Doch selbst ihre herrlichsten Schöpfungen reichten an däs Göttliche nicht hinan. Erst als ich mich von ihren Anschauungen einer gottleugnenden Fortschrittlichkeit loSsaate und mich auf die Herrlichkeit meiner Tam oh zurückbesann, fand ich das Göttliche und seine Bedeutung für die Menschheit wieder. Ich erfaßte es und werde nicht rasten, bis im „Hause meiner Mutter", dem Tempel, und in meiner geistigen Pflanzstätte, dem Allerheiligsten, wieder leuchtend und segnen in die Erscheinung tritt, damit es dort in sinnbildlicher Weise die Vollendung des menschliche > Lebens zur Anschauung bringe. Diese Probe dürfte zeigen, wie sehr das Werkchen zur Bereicherung und Korrigierung unserer Welt- und Lebensanschauung sich^eignet. Es dürfte in der Ruhe der Pessachfeiertage eine erbauende und erhebende Hauslektüre sein. Der Preis ist so gering, daß ein jeder diesen geistigeu Genuß sich leicht verschaffen kann. Wir glauben, daß in jüdischen Kreisen das Interesse für das Hohelied wenigstens so groß* sein dürfte, wie in nichtjüdischen. Meinen doch die Weisen, daß wenn alle Bücher der hl. Schrift heilig sinddas Lied der Lieder allerheiligst ist. MkrerponSenren«. llacWcbttn. Einer hundert Jahre alten Zeitung, die uns von einem Freunde verehrt wurde, entnehmen wir folgende Notiz. Die Zeitung heißt: „Allgemeine Politische Nachrichten", in Essen. Die Notiz ist der Nr. 103 des Jahres 1808 von Donnerstag den 29. Dezember entlehnt. Sie läutet: „Wegen des auf den 31. dieses Monats einsallenden jüdischen Sabbats wird die Witten'sche Neujahrs-Meffe auf den 30. Dec. verlegt und dieses dem Publiko bekannt gemacht. Bochum, den 17. December 1808. Friedrich." iPb&Jl DK DTTr: So wäre es heute noch, wenn die Juden ihren Sabbat halten wollten. Ef s e n. Ein Auszug aus dem Rheinischwestfälischen Anzeiger von Sonntag, 31. Januar 1909, Nr. 25, gibt ein Merkwürdiges Bild von dem schönen konfessionellen Frieden und dem gegenseitigen „Entgegenkommen" der Bürgerschaft, das in unserer Stadt herrscht. Ein Probetanzkränzchen eines nichtjüdischen Tanzlehrers, die Kaiserfeier des 2. Bezirks-Kommandos und der 'Ball des 5kirchettchors St. Johann fanden in den Festfälen des unter Rkbbinüts-AUfsicht 'stehenden Kasinorestaurants statt/ dcchingegestoielt der jüdische' Jugettdvtrein "seinen Vortragsabend im Säale des Hvtdls «Hansa" ab.