Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1909)
- Date
- 1909-03-04
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Der Israelit. Seite IS 4. März 1900. No. 9_ Ich bin zwar im Begriffe, von Euch zu scheiden, ja, keiner Eurer späteren Lehrer wird ewig in Eurer Mitte bleiben- Ihr aber als Volk bestehet immerdar!" Wohl selten in der jüdischen Geschichte war das Bedürfnis, diese goldenen Worte zu allgemeiner Erkenntnis und Verbreitung zu bringen, so groß wie in der Gegenwart. Gewaltig toben die Wogen der Zeit, und im Strudel ihrer Strömung vergißt die Judenheit ihre Aufgabedie edlen Errungenschaften der verflossenen Jahrtausende wirft sie über Bord. Da nahet Purim mit der trostreichen Wahrheit, daß Gott sein Volk aus jeder Not errettet, weil Er es einer Zukunft entgegenführen will, in der sich Jisroel wieder der Tauroh zuwendet und ein Band der treuen Pflichterfüllung das gesamte jüdische Volk umschlingt. So spiegelt der Purim die Unsterblichkeit der Jud'enheit, Chanukkoh die Unvergänglichkeit des Judentums wieder. Diese beiden Momente treten uns in lehrreicher Gegenüberstellung im '2V Dinn vor Augen. Dort ziehen die Monate des Jahres mit ihren bedeutsamen geschichtlichen Ereignissen an uns vorüber, und vom dem Purimmonat, wird das große Wort gesprochen, ihn habe Ahasweros deshalb zum Termine der geplanten Ausrottung der Juden gewählt, weil er sich sagte: „Ich werde die Juden einsangen wie die Fische des Meeres!" Der persische Herrscher habe aber dabei den Segen außer acht gelassen, den Vater Jakob seinen Enkeln Manaffe und Ephraim erteilte: „Fischgleich werden sie mitten auf Erden zu einer Menge gedeihen!" Durch die Gegenüberstellung der elf Monde und des Adar bewirken unsere Weisen hier eine begriffsmäßige, beherzigenswerte Scheidung der Lichtfarben des geschichtlich so reich kolorierten jüdischen Kalenders. Sie stellen uns elf Monate zur Rechten und einen zur Linken, lassen die Fülle der elfe sich von dem einen wirkungsvoll abheben und diesen doch wieder jenen gegenüber gleichbedeutend erscheinen, sondern aber beide Teile — das Judentum — die elf Monate und die Judenheit — der Adar —scharf von einander ab und betrachten als Lebensaufgabe des Juden ihre harmonische Verbindung. Alle Momente nämlich, die der '2V 2inn aus dem Nationalschatze der elf Monate anführt, zeigen die Judenheit in ihrem Verhältnis zum Judentum. Der jüdische Mann, der sich im Mssa« durch die Darbringung des Pesachopfers Gottes „Tanis", Herr Doktor, ißt man auch gern noch abends spät was, nicht wahr?" Der Arzt ließ es sich schmecken. So wohl mundete es ihm in seiner Junggesellenwohnung nicht. Welche Behaglichkeit liebevolle Frauenhände um sich verbreiten. Der Aufbruch fiel ihm schwer, nachdem längst alles Erforderliche besprochen war. „Wenn Sie gestatten, komme ich wieder und erkundige mich nach dem Resultat Ihrer Bemühungen", waren seine Abschiedsworte. Mirjams Wege zur Unterstützung der Frau waren am Purin von glänzendem Erfolg gekrönt. Sie brauchte den Namen ihres Schützlings nicht zu verraten und hatte trotzdem bald genügende Mittel, um der Frau das Erforderliche zu gewähren und apch für die Kinder zu sorgen. Der junge Arzt , hatte es noch öfters für nötig befunden, abends hei einem Glase Tee mit den Damen die Pflege der. Frau Meyer zu besprechen. Mit fast gemischten Gekühlen mußte, er sich in einigen Wochen gestehen, daß sein ärztlicher Rat für die Frau nicht mehr nöttg war. Mnes Wprgens, Mirjam.Dar in der Schule, schellte es, die Mutter öffnew. Vor ihr. steht der Arzt Erstaunt bittet sie ihn/, näher zu treten. Ich komme heute nicht als Arzt, ich komme als Pattent. Mir fehlt etwas, eine Frauenhyrd^ nämlich. Der Tee schmeckt mir nicht. Es ist mir! so einsam, ich stehe ganz allein. Ich möchte Ersatz haben für die früh verlorene Häuslichkeit. Als Kind beinahe verlor ich die Eltern und bin Diensten hingab, legte damit dar, daß für chn jüdische Geburt auch jüdische Pflichterfüllung bedingt. Solange diese Lehre des Freiheits monats dem Volksgeiste gegenwärttg ist- Solange im Hinblick auf die Mannaspende, die uns zum ersten Male im Jjar von Gott gereicht ward, allwöchentlich der Sabbath beobachtet wird, in dem Bewußtsein, daß Gott, der seine Getreuen in Wüsteneien speiste, sie auch heute noch in der Woche für den Sabbath mitversorgt- Solange die Judenheit der Tatsache gedenkt, daß uns oie Tauroh erst im Siwatt gegeben wurde, nachdem wir uns 49 Tage auf ihren Empfang innerlich vorbereitet hatten, also ernste, innere Rüstung für den Aufschwung zur Höhe des jüdischen Ideals die Aufgabe bedeutet, welche die Tauroh an uns stellt - Solange in der Brust des jüdischen Mannes ein Verständnis für den Umstand lebt, daß nur deshalb im Thamuß Jeruscholajims Mauern fielen, weil unser Leben der Bestimmung des heiligen Landes widersprach - Solange die Lehre des Monats Aw gewürdigt wird, daß die Tauroh hoch über den Personen ragt und ttotz aller Untreue, der sie begegnet, ihren Siegeszug vollendet, weil eben in diesem Monate das Sterben des älteren Wüstengeschlechtes aufhörte, das wegen seines Ungehorsames gegen Gottes Willen nicht mit nach dem gelobten Lande ziehen sollte, und über desselt Grab hinweg der Rest des Volkes, die jüngere Generation, dem Ziele der Wanderung weiter entgegenschritt - Solange die Gnade Gottes Anerkennung findet, die im Elitl ungeachtet der Verirrung beim goldenen Kalbe neue Gesetzestafeln spendete - Solange der Tischri in Jisroels Kreisen seine Wirkung übt, von seinem weihevollen Beginne, wo der Schofarruf zur Selbstprüfung lädt bis zu seiner lichtumspiegelten Höhe, auf der uns das göttliche Wort die innere Empfindung der Freude und des Glücks als die Blüte aller sittlichen Aufgaben reicht: „Freuet Euch vor dem Angesichte Gottes," wo der Arme seine Hütte und der Reiche seinen Palast verläßt, um unter das Schutzdach Gottes zu ziehen - Solange die Flut zur Zeit Noahs, die im Marcheschwan begann, in unserer Auffassung als die Retterin der Menschheit lebt, indem sie für die Entfaltung des Menschentums eine reine Bahn schuf - Solange der im Kislew errichtete zweite Tempel uns mit dem Geiste erfüllt, den der Prophet Secharjah mit den ewig denkwürdigen seitdem fast immer unter Fremden gewesen. Jetzt bei Ihnen lernte ich zum ersten Male wieder den Reiz der Häuslichkeit kennen. Es ist kein glänzendes Los, das ich der Frau bieten kann. Meine Einnahmen sind gering im Verhältnis zu meinen Anstrengungen und von meiner Frau verlange ich viel. Sie muß meine Gefährtin sein im vollsten Umfang des Wortes. Sie soll meine Assistentin sein in der Praxis und gleichzeitig mir oft mürrischen Gesellen den Mut halten allem Schweren gegenüber, mir ein Heim bieten, wie ihre Mutter es sie gelehrt hat und — damit ergreift er die Hand der erstaunten Frau und küßt sie zärtlich — mit mir auch die Mutter teilend." Laut aufschluchzend sinkt die Mutter zurück in den Sessel. Der junge Arzt erschreckt. „Mute ich Ihnen zu viel zu, ist mein Ansinnen zu groß?" „Freudentränen sind es, Dank gegen den Allerhöchsten. Was mir meine Mirjam war und ist, brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen. Ich weiß, daß ihre Antwort wie die meine sein wird. Sie wird glücklich sein, Nützliches wirken zu können an der Seite eines edlen Mannes. Erwarten Sie chre Rückkehr, sie wird gleich da sein." „Muttes, sagte der junge Mann zärtlich, „weißt Du, was mir das sicherste Zeichen für Mirjams Herz ist, das „Schälchen Schlagrahm." „Große Summen geben kann jeder Vermögende, aber mit zartem Sinn des Armen Wunsch erkunden, vermag nur ein wirklich gutes Herz." Worten verkündigte: „Nicht mit Heeresmacht, nicht mit Körperkraft, sondern mit Gottes Geist wollen jüdische Heiligtümer errichtet und verwaltet sein"- Solange die Trauerklänge des Teweth wo Nebukadnezar gen Jeruscholajim zog, in unserm Herzen das richtige Verständnis finden und dort die Akkorde der Erkenntnis unserer inneren Mangelhaftigkeit anstimmen- Solange der Jude sich bewußt ist, daß derselbe Gott, der so Schritt aus Schritt die Geschichte lenkt, auch draußen die Natur beherrscht, daß auf Sein Geheiß im Monat Schewat die Fruchtbäume neue Kraft gewinnen - Solange — das wußte Ahasweros — steht die jüdische Natton gegen jede feindliche Gewalt gewappnet da! Allein jetzt, wo es sich nicht mehr durch das Band seines Gesetzes innig verknüpft fühlt, werde ich sie mit spielender Leichttgkeit auszurotten vermögen. Die Juden leben ja getrennt von aller Welt und huldigen nicht der Religion meines Landes. Bor welchem Tribunal hätte ich da Rechenschaft abzulegen, wenn ich ein Netz über sie ausbreite und sie „gleich Fischen einfange?" Ihr Lebenselement, die Tauroh, dessen sie „wie der Fisch des Wassers" unbedingt bedürfen, vermag ich zwar nicht zu bezwingenaber sie selbstdie Fische, nicht das Wasserdie Judenheit, nicht das Judentum, möchte ich ausrotten. So dachte Ahaswerosallein er und alle Folgezeiten sollten gerade bei dieser Gelegenheit erfahren, daß die „fischgleiche Eigenschaft" Jisroels mit dem ewigen Ziele der Menschheit im engsten Zusammenhänge steht und niemals einer irdischen Macht zum Opfer fällt. Schon Jakob hatte diese Eigenschaft in seinem Segen bedeutsam hervorgehoben und mit prophettschem Blicke ihren ewigen Bestand vorausgeschaut. Welch herrlichen Ausdruck verleiht ihr Rabbiner Hirsch z. Stelle: „In gesondertem Element, still, in vom Menschenauge unerreichter Tiefe lebt die Fischwelt ihr Leben. Gedankenlos geht der Mensch am Ufer hin und ahnet nicht, welch fröhliches, frisches, glückliches, ungetrübtes Leben sich da unten in reicher Fülle von Geschlecht zu Geschlecht entfaltet. So, pKn 21,22, so, in der Mitte der Erde soll das JakobSgeschlecht in seinem gesonderten Elemente, wohin die umgebende Welt ihm nicht zu folgen, dessen Bedeutung sie nicht zu ahnen vermag, sein stilles, glücklich eigenes Leben vollbringen, „fischgletch, gleichsam im Wasser, in Mitten der Menschheit auf Erden." Das Wasser — ist's nicht die Tauroh? ' min ö'ö j'x Und der am Ufer ahnungslos Wandelnde — ist's nicht Ahasweros? Er beugt sich vor der Macht des Wassers und möchte ihr nur die Lebewelt entteißen, die es in seiner Tieft birgt. Daß aber diese unter dem Schutze des Wassers daß Jisroel unter der Schirmung der Tauroy steht, ließ er ganz außer seiner Berechnung, und weil ihm diese Bibelwahrheit fremd gewesen, sollte er sie aus der Geschichte lernen. So halten sich die elf Monate und der Adar in unserem Bilde das Gleichgewicht. In jenem spiegelt sich die Lehre der Chanukkoh, die Erhaltung der Tauroh, in diesem die Wahrheit des Purim, die Erhaltung Jisroels wieder. Beide erschöpfen die ewige jüdische Zukunft und ergänzen einander. Der Purim entlehnt seinen Geist dem Lichte der Chanukkohseine Freude erweist sich nur dann als wahr, echt und rein, wenn sie aus den Oelbehältern der Chanukkoh - Menorah quillt - dort ist ihre Winkel, dort ihre Blüte. Die tudenheit entlehnt ihre Kraft dem Geiste des udentums. Ihre Taten sind nur dann wahr, echt und rein, wenn sie sich als Verwirklichung jüdischer Aufgaben darstellen. Im Judentum ist ihre Wurzel, im Judentum soll ihre Blüte prangen.