Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1909)
- Date
- 1909-03-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 18 Nr. » T er Israel it Wir der Gefürchtete. Der König selbst hatte ihn zum ersten Beamten des Staates ernannt. Also mußten alle Diener sichv seinem Willen fügen, seinen Befehlen gehorchen, wie sie sich vor seiner Person niederwerfen mußten. Haman erfreute sich der höchsten Gnade des Königs, wer durfte gegen Haman sich zu erheben wagen und des Königs Ungnade sich zuziehen? Aber es schläft und und schlummert nicht der Hüter Israels. Haman konnte wohl das jüdische Volk als ein solches anschwärzen, dessen Gesetze verschieden seien von den Gesetzen des Volkes, konnte den Rat aussprechen, sie zu verderben, da es dem Staat und dem König nicht frommt, sie leben zu lassen. Aber gegen die Vorsehung und ihre Lenkung der Dinge' vermag Haman nichts. Und ohne Haman und ohne die Dienste seiner Creatur wurden wie von selbst Dienstleistungen im Gedächtnis des Königs aufgefrischt, die eine ganz andere, ja entgegengesetzte Wendung der Dinge herbeisührten. V»"Pl. Die Aufzeichnungen wurden verlesen. Niemand wollte sie lesen, und doch kam es dazu, daß der König sie hörte. Gegen den Willen der Vorleser mußten sie Mordechais Verdienste um die Person und das Leben des Königs verkünden, Mordechais, des Mannes, der den ganzen Haß Hamans trug, der ihm der Typus des Volkes schien, das mit seiner ganzen Geschichte jeder Menschengunst Hohn sprach und seiner ganzen sittlichen Richtung jede Menschenverehrung, jeden Personenkult, aufs Entschiedenste als unsittlich verwarf. Das jüdische Gesetz, das Volk als Träger dieses Gesetzes, läßt freilich nicht zu, daß der Einzelmensch sich in den Mittelpunkt dieses ganzen Volkslebens stellt. Und Haman, der ehrgeizige, der eitle, in Selbstsucht und Hochmmsdünkel mußte im Verein mit der Selbstgefälligkeit und der Ehrsucht seiner Gattin in diesem jüdischen Volk die Verurteilung seines Wesens und Wollens erblicken. Das störte ihn, wie alle seine Nach-, folget* nach ihm. Wohl noch fast allen, die sich als Judenfeinde einen Namen zu erwerben strebten, wies die rächende Nemesis später nach, wie sie nur ihren Judenhaß d.izu gebrauchten, die Blicke der Zeitgenossen von ihren Fehlern und ihrer Handlungsweise abzulenken. Und ob es dem Staate frommt, die Juden aus ihm zu vernichten, das beantwortet das Geschick der Staaten, die dem diesbezüglichen Rat ihrer treuen Ratgeber, ihrer überzeugten Nationalisten und begeisterten Vaterlandseiferer Folge gegeben haben. Würden die Könige es für der Mühe wert halten, einmal dieses verleumdete Judengesetz selbst aufzuschlagen, würden sie bei ruhiger Erwägung der Schwäche ihrer persönlichen Stimmungen inne werden und dann einmal in der auch, wem Du die Delikatesse verdankst? Den Kindern des armen Eierhändlers Meyer. Als ich von der Stunde nach Hause kam, belauschte ich ein Gespräch der Kleinen vor einem Konditorladen. Sie klagten einander, daß die Mutter krank sei und sie nun zu Purim gar nichts Gutes hätten. Da sättigten sie sich nun nach Kinderweise, ind?m sie sich den Genuß all der Köstlichkeiten vor ihren Augen ausmalten. Auf einmal sängt das Aeltere an: „Ach könnten wir nur der Mutter ein bischen Schlagrahm mitbringen, sie sagt, als sie früher Köchin bei dem reichen $. war, hätte sie den so gern gegessen und jetzt mag sie doch gar nichts effen und wird immer kränker. Vielleicht schmeckt ihr der, und der Doktor sagt doch, sie kann nur wieder gesund werden, wenn sie ordentlich essen wird." „Da fingen die Kinder an ^zu weinen und liefen eilends davon. Ich hatte gerade mein Stundengeld eben bekommen, da besorgte ich mir dann Schlagrahm und Kuchen und bringe dann nachher das „Schlachmones" zu Meyers. Wenn sie auch sonst keine Unterstützung annehmen, „Schlachmones" werden und dürfen sie doch nehmen." „Es ist recht Kind, geh' nur gleich nach dem Essen." Mirjam besorgte noch einen kräftigen Wein und brachte die Gaben zu Meyers. Der Jubel der Kinder war die schönste Belohnung. „Mama, ich glaube, das Fräulein ist ein Engel, sie hat sich unsichtbar gemacht und hat zugehört, was wir uns ausgebeten haben." Stunde ängstlichen Unbehagens nach dem Burye des Menschengedenkens rufen, würden sie unter allen Umständen einmal ehrliche Treue und wahre Zuverlässigkeit, Offenheit und Gradheit, Menschengröße und Menschenwürde suchen, wäre nur einmal nicht Abstammung und Besitz, nicht Amt und Ehren, sondern Biederkeit und Pflichtenernst für eine einzige Stunde nur die Bedingung für Hoffähigkeit; nicht zuletzt und wahrlich nicht zum Schaden der geheiligten Person der königlichen Majestät und nicht zum Nachteil ihrer Wirtsvölker müßte den Juden der Zutritt zu den Stufen des Thrones gestattet werden. So lange an Dienern und Dienersdienern vorbei der Weg zu den königlichen Gemächern führt, so lange die Könige nicht die schlichten Männer aus dem Volke gegen den Widerspruch ihrer Umgebung kennen zu lernen wünschen, die aus Gewissenhaftigkeit und Pflichtbewußtsein dem König mit Einsetzung ihrer Person Treue halten, so lange haben sie die Männer noch nicht gefunden, vor denen sie ehrend ausrufen lassen können: „so geschieht einem Manne, den der König ehren will", so lange lernen sie das Gesetz nicht kennen, dessen Verschiedenheit vom Staatsgesetz allerdings sehr groß ist, dessen ideale Welt- und Lebensanschauung ein Volk zur Ruhmeshöhe brächte, daß sein Name bis zu den fernsten Eilanden dringen würde, daß durch die Hochachtung vor der geistigen Größe und der sittlichen Höhe dieses Volkes die Schwerter der Feinde und Neider in der Scheide blieben. Eine Forderung der Sittlichkeit wäre die Abrüstung, die keine Politik zu fürchten brauchte. Ein geistiger Wettbewerb und ein sittlicher Ringkampf, zwischen den Staaten würde entstehen, der jeden politischen und diplomatischen Streit, jeden territorialen und materiellen Zwist ausschaltet. Und dem Judentum und den Juden verdankte man das nie geahnte Glück des Völkerfriedens unb der Menschenliebe, der Wohlfahrt und des Gedeihens, der inneren Reinheit und des geistigen Fortschrittes. Doch Achaschweirausch wollte schlafen, und Mordechai störte ihn nicht, und die Juden störten ihn nicht. Mag Achaschweirausch schlafen. Es kam die Stunde, da sein System den Schlaf ihm störte und es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels. — Ein Jude war es, zu dem allein der König noch Vertrauen faßte, da alle Hofschranzen sein Herz getäuscht. „Da richtet Er aus der Niedere den Aermsten empor und aus dem Kehrichthaufen, auf den die vergilbten Blätter der jüdischen Lehre geworfen waren, zu dessen Träger der armselige Jude noch gerade gut genug erschienen war, erhebt Er den Dürftigen." Und willenlos muß sich der König zum Werkzeug dieses göttlichen Willens machen. „Nun lassen Sie es sich gut schmecken, Frau Meyer, der Schlagrahm tut Ihnen gut, der erfrischt Sie vielleicht." In das Auge der kranken Frau stiegen Freudentränen. „Fräulein, Sie haben mir heute Abend wohler getan, als Sie ahnen, ich wollte an der Welt verzweifeln. Mein Mann kann bei aller Arbeit kaum das Nötigste herbeischaffen. Schnorren können und wollen wir nicht. So liege ich jetzt seit Tagen hilflos und verlassen. Die Kinder sind brav, aber wenn sie in der Schule von ihren kleinen Kameraden von den Purim-Freuden sprechen hören und wissen, daß ihrer kaum das trockene Brot harret, dann erwacht der Neid und oft genug kommt die Frage, sind wir denn schlechter, als die andern gewesen, warum geht es uns nicht gut. Jetzt haben sie echte Purim-Freude und das wird lanae, vielleicht für immer, in ihnen nachhallen." Da klopft es an die Türe,' der Arzt war es. „Ich komme spät, Frau Meyer, ich wollte auch noch die Megillah hören". „Ach, Sie haben Besuch." Er begrüßte das Fräulein, das er schon öfters in seiner Armenpraxis getroffen hatte. Das junge Mädchen verabschiedete sich von der Frau, sprach einige scherzende Worte mit den Kindern und machte sich aus den Heimweg. Bald hörte sie ihren Namen rufen, hinter ihr stand der Arzt, den sie eben bei Meyers verlaffen hatte. „Sie haben ein doppelt und dreifach gutes Werk getan, mein Fräulein," _ _4^Miirz 190» Freilich eine seltene Myrrhe mit edelm Duft reinen Charakters war es, die in Mordechai als Retter des Volkes und Retter des Königs und Staates berufen ward. Zu den Bergen emvor hatte er seinen Blick gerichtet. Nicht von den Zeitengrößen, nicht von den Mächtigen der Erde erhoffte er seines Volkes Erlösung. Nicht Fürsten, nicht Parlamente sind der Hort, auf den wir bauen können. Die Macht, die die Berge gegründet, aus deren Gestein wir gehauen, die Macht, die unsere Ahnen allein hindurchgeführt durch die Zeitenströmungen, sie vor den Augen der staunenden Welt sicher emporgeführt zur Höhe ihrer Geistesstellung, zur Größe ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung, von ihr allein, von Gott allein und Seinem uns gewordenen Gesetz hat Mordechai, haben wir unsere Hilfe zu erwarten. Unser Beistand kommt nur von Gott, dem dauernden Gestalter von Himmel und Erde, von Natur und Geschichte. Er läßt nicht wanken unfern Fuß, so wir den Pfad Seiner Wege gehen. Es schlummert nicht, der, Israel, dich bewacht, wenn du der Hüter Seines Kleinods an die Menschheit bleibst. Blick hin auf die Geschichte, die Purim dich lehrt, schau hin auf die Geschichte, die in anderen Formen, anderen Zeiten, seitdem in jedem Geschlecht sich wiederholt. Erkenne begeistert die Wahrheit, die sie spendet, die Besetigung, die sie gewährt, die Lebensfreude und den Hoffensmut, mit dem sie uns rüstet und stärkt und sprich es huldigend aus: Fürwahr, es schlummert und schläft nicht der Hüter Israels. ßbanukbol) und Purim. Das Chanükkoh- und das Purimfest ergänzen einander. Chanükkoh lehrt, daß unsere Tauroh unvergänglich und dem Jsraelvolke nimmer zu entreißen ist, und Purim beweist, daß auch Israel selber, mag es noch so arm und gedrückt dastehen, niemals dem geschichtlichen Tode anheimfällt. Chanükkoh zeigt die Unvergänglichkeit der Tauroh, Purim die Unsterblichkeit Jisroels — zwei Momente, die schon unser Lehrer Moses in seiner Scheidestunde besonders hervorhob. Die Lehre, welche die Chanukkoh-Begebenheit in sich birgt, zeichnete er mit den Worten; „Die Tauroh wird nie aus dem Munde der Geschlechter Jisroels vergessen werden." Und der anderen Lehre, die sich in Susa so bedeutungsvoll bewährte, widmete er jene Ansprache an ganz Jisroel: „Ihr seid die Bleibenden. Ihr als Volk, als Trägerin der geschichtlichen Aufgaben Jisroels, ihr seid unsterblich! rief er. „Die seelische Wirkung Ihres Schlachmones" hat auf die geringen Körperkräfte mindestens ebenso günstig gewirkt, wie ein Gläschen des kräftigen Weines, den Sie ihr gebracht. In der Frau ist der Mut zum Leben erwacht und das wird ihr besser helfen, als jede ärztliche Hilfe es vermag. Bisher hat sie sich gegen jede Unterstützung von außen gewehrt, sie ist aus sehr bekoweter Familie und wollte nichts mit der Armen- Verwaltung zu tun haben, die es ja oft und nicht unbegreiflicher weise an der nötigen Zartheit fehlen läßt. Wenn Sie ihr zu kräftiger Ernährung, und das ist bei der Frau die Hauptsache, verhelfen wollen, nimmt sie es dankbar an." „Mit Freuden bin ich dazu bereit, ich will es gleich mit meiner Mutter überlegen, an wen wir uns in dieser Suche wenden können." „Gestatten Sie, daß ich Sie zur Frau Mutter begleite, die Angelenheit eilt ja." //Gewiß? gern," erwiderte Mirjam. Die Mutter war nicht wenig überrascht von dem: Erfolg des. Schlachmones. Der Arzt, durch seine Armenpraxis, und Mirjam, durch bedürftige Schüler, kannten ja die hilfsbereiten Familien der Gemeinde, zu denen ja die Eltern Mirjams in erster Linie gehört hatten. Die Mutter seufzte . „Am schwersten beim Verlust des Vermögens ist der Verzicht auf bps Gebenkönnen, wie früher." „Mütterchen, man kann doch noch Wertvolleres geben als Geld." Sie brachte Tee und Gebäck herbei. „Nach dem