Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-03-04 · Heft 9 (4.3.1909) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 9 (4.3.1909)
Date
1909-03-04
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449362--65338-2507971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

5. , Jahrgang M 2. MvitatS'Seilage zum „Jsraelir Verantwortliche Redaktion t Rabbiner Dr. ß. (Qolf In Köln. MW Der Schlaf des Königs. „In dieser Nacht wich der Schlaf des Königs." (Esther VI, 1.) Die Spannung im großen Geschichtsschauspiel „Esther" hat ihren Höhepunkt erreicht. Haman frohlockt, Mordechai weint. Für Haman scheint mit dem folgenden Morgen die Sonne des Glücks in ungetrübtem Glanze der Macht und der Ehre aufgehen zu sollen, für Mordechai steht der Galgen gebaut. Seresch spinnt die Fäden der List und webt für den Gatten das Gewand der Eitelkeit/ Esther, die Königin, weint und fastet und betet — und der König begibt sich zur Ruhe. Könige können ihrer Ruhe Pflegen. Wissen sie doch ihr Land in guten Händen. Allüberall Beamte, die gewissenhaft ihre Pflicht erfüllen. Sie suchen keinen Vorteil, kennen keine eigennützigen Zwecke. Nur, um dem Vaterland in Treue und Wahrheit zu dienen, nähern sie sich den Stufen des Thrones, erhoffen nur des Königs Gunst, um für das Wohl des Volkes sich seiner Macht zu vergewissern. In höfischen Kreisen kennt man keine Ränke und keine Eigenliebe, kennt man keine Selbstsucht und keinen Eigennutz. Nach Fähigkeit und Verdienst sind die Staatsstellen verteilt. Ehrlichkeit und Unparteilichkeit zeichnen die Vorträge und Berichte aus, die dem König vorgetragen und vorgelegt werden. Jeder Mann aus dem Volke kann das Ohr des Königs haben, und der König bildet sein Urteil sich unbefangen selbst. Was ein Haman mit der ernsten Miene voller Sorge für das Boikswohl und die Königsehre rät, ist eitel Weisheit und Selbstlosigkeit. Was eine Seresch plant, ist eitel Liebe für ihr Volk. I Mag drohend das Schwert des Todes über | den Häuptern eines ganzen Teiles der Nation schweben, mag mit dem Verlust des einsichtsvollsten Teiles der Bürgerschaft das ganze Land wirtschaftlich zu Grunde gerichtet sein, mag das ganze Reich sittlich verurteilt dastehen, indem es die Waffe der Vernichtung gegen seine eigenen Untertanen wendet:-Die Könige feiern Feste und begeben sich hernach erschöpft zur Ruhe. Haman und Seresch werden schon wachen. Ob sie wachen! Nicht freilich über des Königs geheiligte Person, wohl aber über ihre eigenen ehrgeizigen Pläne. Der König möchte schlafen. Doch ein anderer König schläft nicht und läßt nicht schlafen. Der König der Könige ist es, der die Zähren der Erschreckten und Verzweifelten schaut, der das Flehen der unschuldigen Kinder hört, der in Seinem Volke Israel den Träger der Heiligung Seines heiligen Namens geschaffen und der Sittlichkeit auf Erden durch es eine Stätte der Pflege gestiftet, der Wahrheit einen lebendigen Tempel in seinen Herzen errichtet und die Menschenfreiheit durch Israels Dasein gegründet. Ist Israel in Nöten, „dann schläft und schlummert nicht der Wächter Israels". Er ist wach, ganz wach, immer wach. Und so läßt der allmächtige König der Könige den Schlaf fliehen von den Lidern des Sterblichen, „dem Er von Seinem Glanze mitgeteilt hat". So liegt er schlaflos auf seinem Lager, und er überdenkt den letzten Tag und was er brachte. Schlaflos durchwachte Nächte können auch Königen Lehrmeisterinnen werden. Die Nachtgestalten der beängstigenden Dunkelheit malen sich wie Schreckgespenster auf die Wände. Das Systems der Begünstigung und der Ungnade, das die Völker unglücklich macht und das persönliche Empfinden an Stelle der sachlichen Beurteilung die Länder regieren läßt, erweckt Mißtrauen. Der König wird stutzig. „Haman allein mit mir zu Gaste bei der Königin?" Er wittert Verrat. „Habe ich denn niemand, dem ich vertrauen kann?" Ja, ja, es richtet sich das System. Der König, der belohnt und straft, muß Freunde kaufen, um sie zu besitzen. Unbezahlt zeigt niemand einen Anteil. Hätte ich wohl eines Mannes Dienste einmal nicht belohnt, der nun in geheimer Schadenfreude den Untergang mir gönnt, eines Mannes, den die Verräter nun nicht mehr zu kaufen brauchen, der jubelnd in ihnen das Werkzeug seiner Rache sieht? Vor Verschwörern kann der Großkönig des Riesenreiches von einhundert und sieben und zwanzig Provinzen sich nicht schützen. Einer gewaltigen Macht feindlicher Heere vermag er mir den Miriaden seines Heeres Trotz zu bieten, gegen Feinde im eigenen Lande ist er wehrlos. Und doch, soll nicht einer ihm Treue halten, sollte nicht in letzter Stunde einer, und sei es der letzte im Volke, als Lebensretter gewonnen werden? Er befiehlt, er befiehlt zum zweiten Male. (Die sofortige Befolgung des Befehles wäre durch ausgedrückt worden, toan? ivk'i drückt die zögernde Befolgung aus/ vergl. 1. B. M, 42,25, die Diener füllten die Säcke sofort, aber 2'vr,iV) drückt die Verzögerung aus / daß sie auch das Geld zurücklegen sollten, war ein Befehl, der sie befremdete.) Man bringt die Chronik. Aber der Schreiber will nicht lesen, was der König hören will. Er will die Seiten überschlagen. Hamans, des .Gewaltigen, Plan darf ja nicht gekreuzt werden. Er £tt it l£ t 0 tt. Scblacbmonts. Es war PurirmAbend, die'Megilloh wurde verlesen, die versammelte Gemeinde folgte in lautloser Stille der immer wieder reizvollen Erzählung, wie die Königin Esther so ganz besonders merkwürdigerweise auf den Thron berufen wurde, uni ihrem Volk gegen den'Bösewicht Haman zu helfen. Tie einschmeichelnde Art des Vortragens harmonierte mit dem behaglichen Ton der Erzählung. Besondere Kraftstellen wurden von der Gemeinde mitgesungen. „IVsjislu es Homon“ . . . Ein leises Lächeln gleitet über das blaffe Gesicht einer leidenden Frau, die gar aufmerksam zuhört. Der alte Witz fällt ihr ein: „Ach wär mein Gelleche auch so weit." Wie wurde in ihrer Jugendzeit jedes Jahr Purim derselbe Witz erzählt und belacht. Doch schmerzlich verzog sich j dann ihr Gesicht, neben ihr saß ihre Tochter, ihre Stütze. Wie oft steigt in ihrem He^en der Wunsch auf, sie glücklich an der Seite eines braven Mannes zu sehen, aber, was soll aus ihr werden? Es war . ein ganz besonderes Glück, als nach dem jähen Tod ihres Mannes das junge Mädchen das Lehrerinnenexamen bestand, eigent-. lich wehr zu ihrem „Vergnügen". Einer Freundin zuliebe hatte'die einzige Tochter des anscheinend reichen Mannes sich der Anstrengung unterzogen. Doppelt hart war der Schlag, der damals durch den Tod des Vaters die Familie traf. Trotz rastloser Arbeit hatte der Sorgende den Ruin des Geschäfts nicht aufzuhalten vermocht, und ohne einen Pfennig Vermögen standen die beiden Frauen da. Der schwere Schlag hatte die ohnehin zarte und verwöhnte Frau aufs Krankenlager geworfen, doch Mirjam, die Tochter, verlor den Mut nicht. Mit Hilfe treuer Freunde machte sie alles Entbehrliche zu Geld, um über die erste Zeit hinwegzukommen, so konnte sie auch der Mutter die nötige Pflege gewähren. Ihr stets heileres Gesicht war der leidenden vielleicht die beste Medizin, sie wollte der Tochter den fröhlichen Mut nicht rauben und half ihr bei den Plänen für ihre Zukunft. „Du sollst sehen, Muttchen, wie rasch ich Stunden bekomme und wie schön das wird, wenn ich dann nach Hause komme und wir effen zusammen, was meines Muttchens Hände gekocht haben. Weißt Du, Dienstmädchenärger hast Du doch überhaupt nicht mehr, wenn wir Köchin, Hausmädchen und Jungfer in einer Person find." So hatte Mirjam oft geplaudert, bis das Gesicht der Leidenden sich aufklärte. Ihr guter Mut sollte nicht betrogen werden/ das glänzende Abgangszeugnis und die Hilft treuer Freunde verschafften ihr bald eine Anstellung an der dortigen jüdischen Schule, auch Privatstunden erhielt sie bald zur Genüge, daß sie die frohe Genugtuung hatte, ohne fremde Hilfe die geliebte Mutter zu ernähren, ja, ihrer Häuslichkeit eine gewisse Behaglichkeit geben zu können. Wenn nicht der Kummer um den Verlust des Vaters sie gedrückt hätte, wäre Mirjam ihr jetziges Leben reicher vorgekommen, als das frühere. Sie lehrte so gern und verstand es, Freundin ihren Zöglingen zu sein. Dadurch wurde auch der leidenden Frau, die sich nie von dem schweren Schlag erholte, ftohes Jugendlachen im Hause erhalten. . . Die Frau schreckte aus aus ihren Träumen. Das Lesen der Megillah war ja fast zu Ende, und sie hatte vergangene Jahre wieder durchgeträumt. Eilend erhob sich die Gemeinde und strömte nach dem Ausgang. Der Hunger nach dem „Tonis" meldete sich. „Gut Purim" klang es von allen Seiten. Sorgfältig geleitete Mirjam ihre Mutter die Steinstufen der Frauenschule hinunter. Ihr Heimweg war nur kurz. „So, Muttchen, heute Abeud gibt's was Feines zu Purim." Bald saßen sie an dem festlich hergerichteten Tisch. Mirjam ließ sich den frischen Kuchen gut schmecken. „So, Muttchen, jetzt ist aber noch was Leckeres für Dich da, das kannst Du effen." Sie brachte ein Schüfftlchen mit Schlagrahm herein. „Du Verschwenderin," drohte die Mutter lächelnd. Mirjam lachte, „Weißt Du

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.