Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-03-04 · Heft 9 (4.3.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 9 (4.3.1909)
Date
1909-03-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449362--65327-2507960
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6. Nr. 8 Der JSraelit 4 März 19VS Gesinnungsgenossen stand ihr bevor. Und nunmehr hat sie auch diese mxö: "p-ipo jnn erfüllt. Heißer, tiefinnigster Dank sei ihr dafür gezollt, daß sie die Orthodoxie von diesem „gelben Fleck" befreit hat. Uttd auch d i e Freude gönne»! wir ganz gerne unseren neologeu Brüdern, sich mit der Gewinnung solcher orth. Elemente für ihre Unifikationspläne recht sehr zu freuen — um so eher, da -hk O222VQ nnowa - Preßburg, 15. Febr. In der heutigen Generalversammlung des Preßburger Komitates bildete der Antrag des städtischen Munizipal- Ausschusses zu Gunsten der allgemeinen und gänzlichen Sonntagsruhe den Gegenstand einer lebhaften Debatte. Es wurden zwei Gegenanträge eingebracht, auch einer dahinlautend, mit Rücksicht auf die Berhältnisse auf dem Lande, den Antrag der Stadt Preßburg nicht zu unterstützen und zur Tagesordnung überzugehen. Der zweite Gegenantrag verlangt die Einführung der gänzlichen Sonntagsruhe ausschließlich für die Wirtshäuser. — Indes wurden beide Anträge bei der namentlichen Abstimmung mit einer Majorität von 8 Stimmen verworfen. — Gtoßgrundbesitzer Herrn. Frey in D. Szerdahely entfaltete in dieser Angelegenheit eine lobenswerte rührige Tätigkeit, sodaß es nur noch an 9 Stimmen fehlte, um den Antrag auf gänzliche Sonntagsruhe zu Falle zu bringen. Rußland. Sur frage 9er Sonntagsruhe. Petersburg, 28. Februar. Die Duma-Kommission für Arbeiter- und Augestellten-Angelegenheiten hat sich vor kurzem mit der Ruhetagsfrage eingehend befaßt. Das von der Regierung vorgelegte Gesetzesprojekt bestimmt eine Maximal-Arbeitszeit von 5 Stunden am Sonntag für alle öffentlichen Geschäftshäuser, überläßt aber den Lokalverwaltungen die Gewährung der Erlaubnis für die einzelnen Orte innerhalb dieser Frist. Die extreme Rechte möchte nun am liebsten das Offenhälten von Geschäften an Sonntagen gänzlich verbieten, um dadurch die am Sabbat ruhenden Juden zu schädigen/ andererseits will sie aber den ihr auch nicht gerade sympatischen Arbeitern und Angestellten keine 24stündige Ruhepause gewähren. Sie akzeptierte daher gern den Regierungsvorschlag in der begründeten Erwartung, daß die örtlichen Administrationen es schon „richtig" niachen werden: im jüdischen Rayon werden sic die strenge Sonntagsruhe durchführen und in den anderen Gouvernements die fünfstündige Arbeitszeit am Sonntag festsetzen. Die Oktobristen sind in der Frage und werden hinaiiSgeworsen. (Man wirft deir Gläubigen hinaus.) Borsitzender (fortfahrend): Ich glaube, (Zwischenrufe: Werst ihn auch hinaus.» fortsahrend: Ich glaube in Ihrem Sinne zu handeln, wenn ich festste!le, daßMoses niemals existiert, har. (Bravo, bravo.) Das sogenannte Alte Testament ist erst in sehr später Zeit entstanden. (Bravo, bravo.) Auch König David hat nie gelebt, trotzdem er gesagt hat, ich will nicht sterben, sondern leben. Tie sogenannten Psalmen hat ein römischer dldvokat iin 3. Jahrhundert nachgcmacht. Lehrer Reinhardt: Meine Herren, ich beantrage, bei der Redaktion der Frankfurter Zeitung hunderttausend Exemplare des vorige Woche erschienenen Gilga mesch- Artikels als Propagandamaterial für unseren Verein zu bestellen und insbesondere in der Gegend von Frankfurt, Fulda und Friedberg zur Verteilung zu bringen. Wer nach der Lektüre dieses genialen Aussatzes nicht die Neberzeugung gewinnt, das; Moses seine ganze Weisheit von Babe! bezogen hat, dem ist einfach nicht zu helfen. (Lebhafter Beifall.! Endlich must einmal die Macht der Finsterlinge in Friedberg und Fulda gebrochen, endlich einmal durch das strahlende Licht der Aufklärung diesen Friedensstörern, diesen Fanatikern, diesen lierrschsüchtigen Despoten der Garaus gemacht werden. (Zwischenrufe: Aufhängen!) Und die Iugendbildner müssen vor allem dazu angehalten werden, jeden Tag eine Stunde Schiur aus dem Feuilleton der Frankfurter Zeitung zu lernen! Das ist der einzige W e g z »t r Rettung des deutschen Judentums. (Donnernder Beifall.) Tie Anträge R e i n h a r d t werden per Atklamtaion angenommen. Geheimer Regierungsrat von Schreier, Mitglied der Syitodalbehörde: Hochverehrte Herren! Ich habe mich immer in ineinem Leben bestrebt, allen nicht einig. Die Opposition, zu der auch die Mohammedaner und die jüdischen Abgeordneten gehören, fordert mit aller Entschiedenheit, daß es den Nichtrussen gestattet sei, ihren religiösen Ruhetag, und nur diesell, innezuhalten. Ein Vorschlag, daß dies nur inbezug auf die Mohammedaner bestimmt werde, wurde von diesen zurückgewiesen/ sie forderten das gleiche Recht auch für die anderen nicht russischen Völker. Die Angelegenhe t befindet sich noch im Beratungsstadium. Die Entscheidung für die Juden hängt zum großen Teil davon ab, ob die mohammedanischen Abgeordneten nicht schließlich doch „Umfallen" werden. FrarrkioerLh. Paris, 15. Febr. Dieser Tage wurde in Frankreich der letzte Rest jener Ungerechtigkeiten aus der Welt geschafft, welche die Reaktionäre zur Zeit des Dreyfus-Prozeffes zum Gesetze erhoben hatten. Bis zum Prozeß Dreyfus konnte die Kassation dem Dreyfusfalle ähnlicher Prozesse, von der Kriminalsektion des. Kassationshofes allein ausgesprochen werden. Da aber die Antidreyfusards wußten, daß Die Mitglieder dieser Sektion von den antisemitischen Hetzen vollständig unabhängig urteilen würd n, setzten sie im Jahre 1899 ein Spezialgesetz durch, wonach angefochtene Urteile dieses Genres nur vom Plenum des Kassationshofes aufgehoben werden können. Das Gesetz wurde geschaffen, genützt hat es den Dreyfusgegnern allerdings nichts, denn auch das Pleuum des Kassationshofes hat das Urteil gegen Dreyfus ungerecht gefunden. Das damals erzwungene Gesetz blieb bis heute in Kraft. Vorige Woche nun wurde auch dieses Andenken an die ^,Affaire" beseitigt. Türkei. Konstantinopel, 25. Februar. Als vierter jüdischer Deputierter ist dieser Tage S a s o n Effendi aus Bagdad hier eingetroffen, ein Mann von vielseitiger Bildung und reichen Sprach-Kenntnissen. Zu denen, die unsere jüdischen Interessen, soweit sie nicht rein religiöser Natur sind, mit Wärme und Nachdruck vertreten, gehört übrigens vor allen Dingen das rühmlichst bekannte Mitglied des jungtürkischen Komitees, Dr. Risa Tewfik Bey, der von seinen Kollegen kurz Felsefe Risa (der Philosoph Risa) ge nannt wird. Obgleich Muselmann, hat er seinen ersten Unterricht in eine, jüdischen Schule genossen und spricht noch heute vorzüglich spaniolisch und hebräisch. Er kennt das Judentum durch und .durch und ist voll Bewunderung für seine Literatur. Letzten Sanlstag abend hielt er in Galat vor einer großen Zuhörerschaft einen sehr inte- Parteien und Richtungen in unseren! deutschen Volke, selbst der Orthodoxie gerecht zu werden, die mich deshalb niemals bekämpft hat, und wir müssen auch in dieser Sache vollkommen unparteiisch sein. Deshalb „meine" ich, wir dürften uns nicht auf die Negierung der jüdischen Großen beschränken. Ich beantrage deshalb, festzustellen, daß auch Cäsar, ferner Alexander der Große, sowie Napoleon nie existiert haben, daß sie vielmehr mythische Figuren sind, ausgedacht von der Orthodoxie ihrer Zeit, um das große Publikum in Dummheit zu erhalten. Kommissionsrat von C h o in e z ft e r n: .Meine Herren, wenn ich auch meinem Freund Schreier in jeder Beziehung zustimme, so bin ich doch der Ansicht, daß wir nicht ans halbem Wege stehen bleiben dürfen. Wenn Sie Napoleon leugnen, so werden Sie von selbst dazu kommen, auch Bismarck in daS Peich der Mythe zu versetzen. (Zwischenrufe: Bülow.) ES erhebt sich ein furchtbarer Tumult. Ein Schutzmann erklärt die Versammlung wegen ihrer Angriffe auf den Reichskanzler für aufgelöst. Die Purimfeier. Müde von des Tages Arbeit und Last, abgespannt und verärgert, im Geiste verfolgt von deir tausenden Zahlen und vielen Nullen meiner Geschäftsbücher, von Geräusch der Arbeiter, voin Geschrei der stunden, vom ohrenbetäubenden Lärm der Straße, vom unaufhörlichen Schellen deS Telephonapparates, und Klappern der Schreibmaschine, flüchte ich mich abends nach Hause, um in den friedlichen Räumen meines Iunggesellenheims die Ruhe meines Herzens, den Frieden meiner Seele wiederzufinden. Ader weit gefehlt, im Nebenzimmer hat der musikalische Hausgeist wieder seine restanten Vortrag über das jüdische Volk und seine Erhaltung. Daß das Lämmchen nicht von den Wölfen zerrissen wurde, daß das jüdische Volk trotz der großen Verfolgungen noch heute besteht, während die meisten alten Kulturvölker zugrunde gegangen sind, hat es, wie der Redner an Hand interessanter Beweise ausführte, einzig und allein seiner göttlichen Religion zu verdanken. Redner kam zuletzt auch auf den Zionismus zu sprechen und sagte: „Je suis sioniste moi-meme. Le sionisme en somme n’est que le resultat de cette solidarite qui caracterise le peuple juif. Qael est le but du sionisme? Humanitaire: trouver ä des malheureux core ligionaires une patrie plus demente oü ils puissent vivre en homr mes libres, puissants de leurs droits. Les moyens de sionisme sont tout pacifiques. La Palestine est votre pays plus que le nötre: nous y avons et6 les maitres bien de siecles apres vous. C’est rendre service ä notre patrie commune que de colonis.r ces terres en friche, la Palestine “ * * * Bisher ist die Bestätigung Chajim Nahoum's seitens der Regierung noch nicht erfolgt. Jnzwischeli herrscht unter der jüdischen Bevölkerung, die bisher aus der Gabella Unterstützung erhielt, grenzenloses Elend. Am schlimmsten sind die Aschkenasim daran, die bisher Lstrl. 40.—monatlich für die verschiedenen Wohltätigkeitsanstalten empfingen. Das sieht leider noch nicht nach dem Goldregen aus, den Nahoum und seine Anhänger für den Fall seiner Wahl prophezeiten. (Die Bestätigung der Wahl CH. Nahoums ist, wie die „Alliance“ mitteilt, inzwischen erfolgt. Die Redaktion.) Nalüstina. Die Lage in Jerusalem. (Bon unserem Korrespondenten.) Jerusalem, 17. Februar. Der Wakil Chachambaschi Ehiskija Sabbatai hat gestern Abend Jerusalem verlassen und ist nach Aleppo zurückgekehrt. DaS Ergebnis seiner Amtstätigkeit ist natürlich ein Zustand grenzenloser Verwirrung und Verbitterung. In einem Schreiben, das die Chachamim der sefardischen Gemeinde an Ehiskija Sabbatei richteten, fordern sie Rechenschaft von ihm für die den sefardischen Armen vorenthaltenen und für politische Zwecke verwendeten Gemeindegelder. Das sefardische Beth-Din hat übrigens dieser Tage auch ein Flugblatt veröffentlicht, das sich in überzeugenden Worten gegen die seltsame Beruhigungsbulle der russisch-aschkenasischen Bothe Dinim wendet. Während in diesem letzteren merkwürdigen Schriftstücke d e Einmischung Antebi's und seine entscheidende Stellungnahme in den Chachambaschi-Kämpfen völlig totgeschwiegen, aufreibende Tätigkeit begonnen. Dort klimpert es jetzt ungefähr zum zwölften Male in rührenden, schmelzenden, rauschenden und zerfließenden Tönen: „Tu, dn liegst nnr am Herzen, Tu, du liegst mir im Sinn, Tu, dn machst mir viel Schmerzen, Weißt nicht, wie gut ich dir bin!" Also heißt es weiter flüchten! Aber wohin? Instinktiv und hilfesuchend greife ich nach der Zeitung. Ta winkt eine .Erlösung; da steht's ausdrücklich: „A b(e n d s ' r/»9 Uhr Pürimseier des Vereins .... im Saale Es war zwar zwei Tage nach Purim, also eine „N i dj ch e f e i e r". Aber mit Rücksicht auf die trostlose Situation in meiner Behausung, wo es immer noch aus allen Ritzen und Spalten bestrickend und sinnverwirrend singt und klingt, „Tu, du liegst mir im Herzen", entschloß ich mich, mich an diesen einzigen Rettungsanker zu klammern und zur Purimfeier hinzugehen. Natürlich kam ich zu spät. Das Programm befand sich bereits in vollem Betriebe. Als ich zur Dürr hereintrat, saßen gerade zwei Damen am Klavier und trommelten wütend eine Arie aus dem Waffenschimiod. Es konnte gerade so gut auch ein Schlachtenmarsch gewesen sein. Jedenfalls war die Wirkung eine gewaltige. Einige älteren Herren und Damen waren völlig hypnotisiert, d. .h. eingeschläfert und schnarchten im Takte. Einige jüngeren Herren waren vor Begeisterung ganz weg, d. h. sie drückten sich leise und langsam zur Türe, bis sie w e g w a r e n. 9hu° einige jungen Damen hatten ihr Interesse und ihre Aufmerksamkeit sehr rege und wach gehalten. Mit großer Genugtuung und Schadenfreude schauten sie abwechselnd nach ihren musizierenden, lieben Mitschwestern und nach ihren mitleidendcn Festgenossen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.