Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1909)
- Date
- 1909-03-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«eile 4 4. März 1909_ der bosnischen Juden eintreten. Hoffentlich werden diese Worte nicht nur beruhigend aus die besorgten bosnischen Juden und ermutigend auf alle ehrlichen Kämpfer für das Recht der Letzeren wirken, sondern auch diejenigen zur Pflicht zurückrufen, welche es nicht verschmähen, einen schwächeren Bevölkerungsteil, der zudem das treuste, friedliebendste Element im Lande bildet, um seine politischen Rechte zu bringen. vir geheime Jahresversammlung Oes ernttalverrius. Seit dem „Fall" Emil Cohn, der seiner Zeit so viel Staub aufwirbelte und das jüdische Berlin in Erregung versetzt hatte, ist keiner Versammlung mit so großer allgemeiner Spannung mehr entgegengesehen worden, wie der Jahresversammlung des „Centralvereins". Ganz erklärlich. Die Verwaltung bez. der Vorstand hatte sich derart gegen allen jüdischen Geist versündigt, daß selbst dem „liberalsten" Juden die Galle überlaufen mußte. Schon seit Jahren hat der „Centralverein" neben der ihm in erster Linie zufallenden Aufgabe, die bürgerlichen und politischen Rechte der deutschen Juden nach Kräften schützen zu helfen und gegen Beschimpfungen und soziale Kränkungen zu verteidigen, noch eine Art Innenpolitik getrieben, die sich nicht selten auch gegen das konservative Element feiner Mitgliedschaft richtete. Den Herren des Vorstands war sicher nicht sonderlich zu Mute, als sie nach den Vorgängen der letzten Monate die Jahresversammlung auf Montag Abend in Scharwenk s Musiksaal nach der Lützowstraße 76 einzuberufen hatten. Sie ließen daher ach die denkbar größte Vorsicht walten und verschickten nur persönlich zum Zutritt gültige Karten. Und der Vorstand ging sogar noch einen Schritt weiter und versandte folgendes vertrauliche Schreiben an eine ausgesuchte Auswahl seiner Mitglieder, die er für verläßlich genug hielt, um unter allen Umständen den „Mugdanianern" die Stange zu halten. Das betreffende Schreiben auf den bedruckten Briefbogen des „Vereins deutscher x.“ lautet wie folgt: Hochgeehrter Herr! In unserer letzten Vorstandssitzung ist der Wunsch geäußert worden, es möchten unsere Freunde, insbesondere die Vorfitzenden unsere Ortsgruppen veranlaßt werden, aus ja bekannten Gründen eine größere Anzahl zuverlässiger Bereinsmitglieder zum Erscheinen in der Generalversammlung zu veianlassen. Um diese Aufgabe zu erleichtern, haben wir die einliegenden Karlen drucken lassen, bitten sie zu versenden und uns event. mitzuteilen, falls noch mehrere Exem- ,_Der Israelit. plare gewünscht werben. Wir werden Ihnen dann sofort welche zug hen lasten. Mit vorzüglicher Hochachtung Centralverein Deutscher Staatsbürger- Jüdischen Glaubens. (gez.) Dr. L. Hollender. Diese Uebervorsicht oppositionelle Geister, an denen in Berlin nun einmal kein Mangel ist, möglichst sernzuhalten, war von der bleichen Angst eines sich nicht ganz rein fühlenden Gewissens diktiert. Wozu sonst dieses viel verratende vertrauliche Schreiben an die unentwegten Getreuen des Herrn Lövinsohn? Und die an eine polizeiliche Absperrung gemahnenden rein personellen Eintrittskarten? Ein vor stiller Leere gähnender Saal wie bei sonstigen Versammlungen des Vereins, wäre dem Vorstand sicherlich lieber gewesen als der bis zum letzten Plätzchen und noch darüber gefüllte Raum. Solange Herr Dr. Hollender als Referent nicht ohne Geschick und Wärme sprach, herrschte denn auch noch Ruhe und Ordnung, die aber bald von einer tumultierenden Unordnung abgelöst wurde, als ein zweiter Redner die Affäre Mugdan zu beschönigen suchte. Und als Herr Schemel kurz und bündig den Antrag stellte, Herr Lövinsohn möge zur Sühne des beleidigten jüdischen Ehrgefühls aus dem Vorstand ausscheiden, ging der Spektakel völlig los. Der Vorsitzende, Herr Horwitz, der bis dahin mit anerkennenswerter Korrektheit und Unparteilichkeit die Versammlung geleitet hatte, verlor sichtbar und immer schneller die nötige Ruhe und vor allem seine Unparteilichkeit, wodurch er der Sache Lövinsohn ebenso sehr schadete wie dieser selbst, als er pro domo zu sprechen begann. War es schon ein Taktfehler des Herrn Lövinsohn, überhaupt an diesem Abend das Wort zu ergreifen, sowares ein ebenso großertaktischer Mißgriff statt seineFehler mannhafteinzugestehen und sich zu entschuldigen, sich mit Ausreden, .die wenig plausibel klangen, heraus zu winden. Es wäre seiner würdiger gewesen, seine groben Mißgriffe einzugestehen und er hätte sich dann einen guten Abgang und sogar eine starke Position geschaffen. . Aber er machte Fehler auf Fehler, die seine Freunde nicht zu reparieren vermochten. Ueberhaupr hatten, was auch von den meisten Anwesenden bald bemerkt wurde, die Parteigänger Lövinsohns einen recht unglücklichen Tag und Abend. Noch selten hat man im „Centralverein" so unlogisch und unüberzeugend reden hören, wie an diesem Abend. Dr. Levi, ein Verteidiger des Mugdanmärtyrers, sprach ebenso schal wie der sonst sehr mundfertige Dessauer Landtagsredner Anwalt Dr. Cohn, die beide die unglückliche Sache nur noch verschlechterten. Die Parteien, die sich im Zuhörerraum gebildet hatten, erschwerten allerdings ungemein die Leitung und die freie ____ Er. 9 Aussprache. Als jedoch Herr Direktor Liechtenstein in ganz unverständlicher Weise von Herrn Horwitz förmlich brüskiert worden war, als er mit schwer belastendem Material gegen die Leitung des Centralvereins zu sprechen begann, entstand ein solcher Lärm, wie er in einer österreichischen Landtagsstube Gebrauch sein mag. Herr Horwitz war von allen guten Geistern verlassen und hatte seine Contenance völlig verloren, als en den Redner, dem die Menge, plötzlich totenstill geworden, mit großer Spannung^ zuhörte, daran erinnerte, daß die Dreiminuten-Redezeit vorüber sei. Auch der Urteilsloseste konnte sich nunmehr dem Eindruck nicht mehr entziehen, daß hier nicht eine große Versammlung mit gleichem Recht, sondern eine kleine Partei die Herrschaft für sich in Anspruch zu nehmen suchte. Die Zurufe „Partei! Clique! Vergewaltigung!" gaben diesem allgemeinen Gefühl Ausdruck. Daß Herr Lichtenstein, dem in so offenbar parteilicher Weise das Wort abgeschnitten wurde, noch an andrer Stelle mit der Versammlungsleitung sprechen wird, mußte jedem Anwesenden nach dieser Szene klar sein. Und wenn die Versammlungsleiter zum Schluffe noch eine an den Haaren herbeigezogene Vertrauenskundgebung herausquetschten, so war dies doch nur ein Pyrrhussieg, und nichts weniger als ein Triumph. Es scheint, daß in dieser Versammlung wohl, aber nicht für die Beteiligten, das letzte Wort in der Mugdanaffäre gesprochen worden ist. Wer ohne innere Beteiligung in den Lärm und das Gebühren der hier versammelten Menschen hineinblickte, wer beobachtete, wie stets der Redner, der das letzte Schlagwort ausjprack, eine seichte Redensart mit Applaus an die Leute bringen konnte und wie dieselben Menschen, die eben noch jeden Angriff gegen Lövinsohn und Mugdan mit betäubendem Beifallklatschen lohnten, im nächsten Augenblick seinen Parteigängern zuzujubelten, der mußte sich sagen, daß die hier versammelten Juden keineswegs zu jenen Klaffen der Berliner Einwohnerschaft gehörten, nach denen man Berlin die Stadt der Intelligenz zu nennen pflegt. Die Juden in den Provinzstädten brauchen sich nicht geschlagen zu fühlen, wenn Berlin die Stadt der Intelligenz genannt wird. In den Scharwenkasälen in der Lützowstraße war diese Intelligenz ganz entschieden in der Minderheit. Dann allein liegt der Sieg der Partei, die am diesem Abend am Vorstandssitz Platz genommen hatte. Es war aber nur ein Sieg, bei dem der Vorstand des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens auf der Anklagebank saß. Wenn die Verurteilung ausblieb, so lag das nur daran, daß die kompetentesten Richter nicht da waren. Sie fehlen stets in solchen Versammlungen, hei denen in der Regel Ettern und alle Verwandten felsenfest überzeugt. Zwar ging es sin der Schule nicht mehr so gut, aber was wollte das bedeuten? Haben nicht alle großen Dichter zu den schlechtesten Schülern gehört? Hat nicht Zola wegen „Ungenügend" im Aufsätze seinen Skstdiengang abbrechen müssen? Nachums Ziel war auch nicht die Schule, sondern die Redaktion. In seiner Phantasie stand die Redaktion als ein Haus der höchsten Volkommenheit da, als ein Mittelpunkt für alle Weltgeschehnisse, in dem alle Fäden zusammenlaufen und die Maschinen des Lebens in stete Bewegung setzen, die dann die geheimen Beziehungen mit der Erdenrunde, ja dem Himmel, unterhalten. Einen Redakteur sah er in seiner kindlichen Phantasie als einen Uebermenschen, der allmächtig, allgegenwärtig und allwissend über Tod und Leben verfügt, Glück und Unglück spendet, Menschenherzen beglückt und bricht, je nachdem wie er bei Laune ist und den Federstrich führt.. Und der Tag, an dem er zum ersten Male das Glück hatte, die Redaktion eines jüdischen Blattes zu betreten, einen Redakteur von Angesicht zu Angesicht zu erblicken, war der Tag des größten Entzückens und größten Schmerzes, der größten Freude und größten Enttäuschung seines Lebens. Da stand er und sah sich das ominöse altertümliche Haus an. Mie verklärt und träumerisch ihn doch die grauen Mauern anstarrten, wie geheimnisvoll die Steine an den Wänden flüsterten. Es schien Sm, als ob Funken aus .dem Schornstein sprühten, trahlen, die sich in weitem Umfange ausbreiteten und zum Himmel ausblitzten... « llnd nun stand er mit pochendenr Herzen vor der Türe und klopfte leise und schüchtern. „Hereins" ries eine barsche Stimme, die nicht im Geringsten wie die eines Uebermenschen klang. Nachum trat leise ein und blieb bescheiden an der Türe stehen. Eine Hünengestalt in Hemdsärmeln schaute ihn sehr verdrießlich, fast feindselig an und fragte dann ebenso barsch: „Sie wünschen?" Was er wünschte! — Großer Gott! — Wie das so rasch und unvermittelt jn wenigen Worten ausdrücken. was ein jugendlicher Schwärmer wünscht, hofft und erwartet, wenn er zum ersten Male in seinen! Leben eine Redaktionsstube betritt! Nachum hielt natürlich den Mann für den Allgewaltigen, obgleich ihm die Hemdsärmel durchaus nicht zum Uebermenschentum passen wollten' und seine Frage hatte ihn sehr entmutigt. Da er noch immer nicht antwortete, wiederholte der Mann seine Frage noch um eine Nuance mißtrauischer: „Sie wünschen?" Nachum murmelte etwas von Redakteur und Redaktion. Da nmrde der Mann mit den Hemdsärmeln sehr gleichgültig und wies ihn nach einer anderen Türe. Siun trat er ein und wußte, daß er sich bisher nur in der Vorhalle befunden hatte. Nun stand er aber im Allerheiligsten. Jn einem Sessel vor einem Schreibtische wiegte sich ein kleines Männchen. .Er sah Nachum scharf durch seine Brille an und fragte ihn ebenfalls, wenn auch in weiterem, sanfterem Tone nach seinem Wunsche. Auch hier wieder Wünsche, Wünsche, die ja kaum aussprechlich sind . Das Männchen hatte indessen wcitergeschrieben. Er schien den .Eintretenden als ein eingelaufenes Manuskript zu betrachten, das man sich gelegentlich noch ansehen könnte, das aber absolut nicht eilt. Und Nachum hatte unterdessen Zeit, sich mit Muße den Raum anzusehen. Stöße von Briefen, Drucksachen, Papieren, Akten und Zeitungen lagen im wirren Durcheinander. Der Mann, dem zwei Bleistifte aus beiden Ohren wie zwei Hörner hervorstachen, tauchte , ortwährend die Feder ein und schrieb und kratzte und murmelte, und es schien Nachum, als ob mit jedem Federstriche ganze Welten gebaut oder verwüstet würden. Es schien ihm, als ob die Punkte und Striche sich ausbreiteten, sich rötlich färbten, und in zündende Stoffe sich verwandelten, urn alles in die Luft zu sprengen. Unten vor ihm stand, o Grauen und Schrecken, — ein Entsetzen ergriff Nachum, als er das Monstru!n sah, — ein ungeheuer großer Papierkorb. Der Papierkorb. — Er kannte seine Bedeutung als Vielfraß, als Nimmersatt, und Massengrab! Und man sah es dem Rohrgeslechte kaum an, wie viele in durchwachten Nächten so liebevoll gehegte Hoffnungen jugendlicher Seelen es schon verschlungen hatte! Es war Nachum zu Mute, als ob ein allgewaltiger bisher unsichtbar gewesener Feind plötzlich aus seinem Verstecke herausgerückt und sich offenbart hätte. Und fast schien es ihm, als ob dieser Korb Leben bekäme, als ob er sich bewegte, von seinen! Platz sich erhob und alles mit sich fortreißend, den Redaktionssessel samt Inhalt, auf ihn zustürmte. Ta weckte ihn plötzlich der Redakteur aus seinen Gedanken: „Sie wünschen?" .Nachum beschloß, aus seiner Reserve herauszutreten und sich in seiner ganzen literarischen Bedeutung erkennen zu geben. „Ich heiße Nachum Schwarmgeist — sagte er — und bin der Verfasser des Artikels aus Budewitz und des Purimgedichtes, welch letzteres noch nicht erschienen ist. Ter Mann sah Nachum forschend an und fragte: ,Melchen Artikel?" Eine solche Gemeinheit! Er kannte nicht einmal seinen Namen, er wußte nichts von dem Artikel, den der Autor in stillen Nächten mehr als hundert Mal sich im Geiste vorgeführt Und Wort für Wort auswendig gelernt hatte.