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Der Israelit · 1909-03-04 · Heft 9 (4.3.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 9 (4.3.1909)
Date
1909-03-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der JSraeltt. No. 9 Seite 3 4. März ISOS giftung der sachlichen Diskussion großer prinzipieller Fragen das seinige beigetragen hat. Wir sind, mit dieser Arbeitsteilung ganz zufrieden: wir werden fortfahren für den Ernst und die Wahrhaftigkeit bei der politischen Beurteilung der religiösen Zeitfragen einzutreten und überlaffen es dem glorreichen Federkiel des Magdeburger Volkstribunen, unter gefälliger Mitwirkung seines reich assortierten Schimpflexikons die tiefen Weisheiten seiner politischen Ethik an den Mann zu bringen. Was der Religionsphilosoph von Magdeburg aber von der „Freien Vereinigung" schreibt, das ist so unglaublich — klug, daß es weder mit der nahenden Purimstimmung noch mit dem Aerger über die Erstarkung der gesetzestreuen Organisationen genügend erklärt werden kann. Denn also heißt es in seiner Megilla: „Was tut statt dessen die extreme, die Ultra-Orthodoxie? Sie wird nicht müde zu betonen, daß sie mit a l l e n I u d e n,*) die nicht der „Freien Vereinigung für das orthodoxe. Judentum" angehören, keinerlei Berührungspunkte mehr habe, daß sie von allen übrigen Juden*) eine Kluft trenne, die größer sei, als zwischen Katholiken und Protestanten ... Ist nun das 'eine Häuflein der freien orthodoxen Bereinigung berechtigt, sich als alleinige Vertretet des wahren und echten Judentums aufzuspielen? Kann sie es vor Gott und vor sich selbst verantworten, Tausenden und Abertausenden de rtscher Juden, denen ihr Judentum ihr alles ist und die seiner Erhaltung alles zu opfern bereit sind, ihr Judentum abzusprechen?" ..... Soll man diesen Unsinn ernsthaft widerlegen? Eine V"reinigung, die ihre Pforten jedem Juden rrrd jeder Jüdin öffnet, welche die „Jnteresft Ä des orthodoxen Judentums" zu fördern wünscht, eine Vereinigung, die eine starke propagandistische Arbeit in allen dem gesetzestreuen Judentum nicht geradezu feindlichenKreisen entfaltet und die offenbar den Glauben hegt, daß die größte Arbeit nicht hinter ihr, sondern noch vor ihr liegt — eine solch? Bereinigung soll so wahn- Hwipg sein, allen, die noch nicht ihre Mit- ^eder sind, denen aber „ihrJudentum alles Judentum abzusprechen? S. R. Hirfch'sche Wort, das die Kluft m^Orthodoxie und Neologie derjenigen zivischen den beiden christlichen Konfessionen analog setzt und das von Herrn Steinhardt und seinen Gesinnungsgenossen, aus dem Zusammenhang gerissen, zu durchsichtigen Zwecken seit Jahren mißbraucht wird, gehört — so wie es sein Urheber brauchte — in das *) Bon uns hervorgehoben. Red. Gebiet der wissenschaftlich beweisbaren Wahrheiten — aber glücklicherweise hat Herr Steinhardt ganz recht, wenn er annimmt, daß noch Tausende deutscher Juden nicht zur Fahne der im Lehrerverband dominierenden Neologie schwören, daß Tausende und Abertausende deutscher Juden von einer prinzipiellen Leugnung des überlieferten Judentums k la Gutmannschem Religionsunterricht und ähnlichen für Herrn Steinhardt verbandsheiligen Dingen nichts wissen wollen, und daß darum — jetzt folgert Herr Steinhardt nicht mehr mit — die „Freie Vereinigung" weit über den Kreis ihrer paar tausend korporierten Mitglieder hinaus im Namen einer großen Masse, mindestens einer gewaltigen Minderheit das Wort zu führen das Weil Herr Steinhardt das fühlt, darum sucht er auf seine Weise an der „Freien Vereinigung", an einzelnen ihrer Führer, herumzumäkeln, sucht sie, die seit über zwanzig Jahren besteht und wirkt, als eine Nachahmung jüngerer Verbände darzustellen, um endlich den berühmten logischen Eiertanz Frankfurter Provenienz aufzuführen, der jeden beliebigenVerein, sobald er nur das bitterböse religiöse Moment hübsch ausschaltet, zum Range be3 hb? erhebt und die Treubleibenden dann einfach als „außerhalb der Gesamtheit stehend" stigmatisiert! Wir haben dieses etwas bösartige, aber abgebrauchte Verfahren schon so oft beleuchtet, daß wir heute füglich darauf verzichten können, diese Auseinandersetzungen zu wiederholen. Im Grunde meint der gute Herr Steinhardt ja gar nicht die „Freie Vereinigung", sondern nur seinen Spezialfteund in dem Städtchen Friedberg, der ihm und dem „Verband" die Reverenz versagt. Drum wenn der Purimwein in Strömen fließt und im traumhaften Glück des Purimrausches vor Herrn Steinhards entzückten Blicken ein alle „religiöseRichtungen" befriedigender Lehrerverband aus den Wirren der Zeit emporsteigt — dann wird der frohe Zecher das Ideal seines Lebens erfüllt sehen und uns und unseren Freunden die Hand zum Frieden reichen. Schade, daß es nur ein Purimrausch ist! Die lrage in Bosnien. Die Lage der Juden in Bosnien ist durchaus noch nicht geklärt, und ihre politische Zukunft ist leider immer noch in ein Dunkel gehüllt, das zu Zweifeln und Sorgen aller Art Anlaß gibt. Nach der Occupation war man allenthalben felsenfest davon überzeugt, daß bei der Regelung der politischen Rechte der Nationalitäten eine Judenfrage gar nicht entstehen, der Gedanke einer politischen Entrechtung der Juden gar nicht aufkommen könnte. Umsogrößer war das Staunen und die Entäuschung, als der gemeinsame Finanzminister Burian kurz darauf bei einer Besprechung der Kurieneinteilung von einer jüdischen Kurie nichts zu sagen wußte. Dann kam der huldvolle Empfang der Deputationen der bosnischen jüdischen Gemeinden durch den Kaiser und deren Audienz beim Finanzminister, der zwar keine bestimmten Zusagen machte, aber so liebenswürdig und nachdrücklich von einer gerechten Behandlung der Juden sprach, daß die Vertreter mit falscher Hoffnung und gestärktem Mute heimkehren durften. Nun will es doch beinahe scheinen, als wäre die Freude zum mindesten verfrüht gewesen. Das Ministerium fühlt sich durch die gemachten Zusicheru igen in keiner Weise gebunden, und es hat nun offen und deutlich kundgetan, daß die wiederholte Ignorierung der jüdischen Nationalität bei der Aufstellung der Wahlkurien keineswegs, wie man in optimistischen Kreisen anzunehmen geneigt war, auf Irrtum beruhe, sondern auf dem festen Willen, mit Nebergehung der Juden nur drei Wahlkurien, und zwar eine mohamedanische, römisch-und griechisch-katholische zu schaffen. Man begründet diese offensichtliche Rechtsbeugung einer minoritären Nationalität gegenüber damit, daß die Juden in Bosnien nur 11000 Seelen zählen, während nach der geplanten Wahlordnung erst auf *5000 Seelen ein Abgeordneter entfallen solle. Mit diesem fadenscheinigen Deckmantel suchte gelegentlich der letzten vom Finanzministerium in Sarajevo einberufenen Versammlung zur Beratung über die Verfassung, der Vertreter der Regierung, Ziviladlatus Benko, die geplante himmelschreiende Ungerechtigkeit gegen die Juden zu verhüllen. Es gelang ihm nicht ganz, denn die Mehrheit der Delegierten erhob lauten und entschiedenen Einspruch, und es zeigte sich wiederum, daß gerade die Mohamedaner, die einhellig dein Minister entgegentraten, sich durch ausgeprägten Rechtssinn und weitgehende Toleranz, auch den Juden gegenüber auszeichnen. Die Versammlung hatte leider das entscheidende Wort darüber nicht zu sprechen. Es ist indes rucht ausgeschlossen, daß den Juden von anderer Seite Hisse entsteht und das Ansinnen des offenkundig judenfeindlichen Finanzministeriums denn doch noch vereitelt wird. Die jüdischen Reichsratsabgeordneten in Wien haben sich der Sache mit gewohntem Eifer angenommen und finden Unterstützung bei der ungarischen Regierung. So weiß der neue „Pester Journal" zu melden, daß der Ministerpräsident Wekerle aus eine an ihn gerichtete Anftage erklärt hätte, Ungarn stehe aus den Standpunkt der vollen Gleichberechtigung und werde selbstverständlich unter allen Umständen auch für die Gleichberechtigung Daß auch wir einen Teil der Schuld an dem unS schwebenden Verhängnis haben, daß wir Und' wir es find, die unser ganzes Ge,chick selbst verschuldet,^ das tst's, waS diese Frage so rückhaltlos voraudsetzt und so-,, freimütig ausspricht, wie unsere Zit es hartnäckig tgno-' rieren und totschwetaen möchte. Wohl mögen die ver-. folgten Juden aller Z Um beffir und makelloser als ihre Verfolger gewesen sein, wohl mag ihr menschliches, b »rgerliches und soziales Verhalten niemals zu einem begründeten Borwurf Anlaß gegeben haben, aber daß fie ihrem jüdischen Berufe die Treue gebrochen haben mußten, wenn schwere Verhängnisse fie heimsuchten, darüber herrschte bis hart an die Schwelle der heutigen Zeit im jüdischen Kreise kein Zweifel. Dieses Bewußtsein, das Esther bestimmte, ihr Boss durch Fasten und Beten für die Rückkehr zu Gott und die verlassene, jüdische LebenSpfltcht zu gewinnen, habm Fragen, wie die in Rede stehende, noch Jahrhunderte nachher immer mehr verschärft und fie allen Schichten der jüdischen BolkSgesamtheit eingeprägt. Heute will man von dieser SelbstkenntntS und der fie bezweckenden Selbstverurteilung nichts wiffen. Die Männer, welche an der Spitze der Alliancen, Vereine und Bestrebungen stehen, die Juden helfen möchten, wo fie in ihrer Eigenschaft als I den leiden, haben zum großen Teile schon feit zwei und mehr Generaiwnen selber mit der jüdischen Lebenspflicht gebrochen. Sie, ihre Eltern und Grogeltern mögen den ersten Schritt von dem gottgewiesenen jüdischen Lebensregtme vielleicht deshalb getan haben, um durch Prettgab^ jeder jüdischen Eigenart den Judenhaß zu entwaffnen. Daß. ihnen daS trotzalledem so schlecht gelange i ist, das hat fie empfindlicher und füglich zu Vorkämpfern für dre Rechte ihres Volkes gemacht. Daß ihnen aber selber noch irgend etwas nottut, diese Erkenntnis ist ihnen niemals aufgedämmert. Sie wußten und w fsm, daß ihre bürgerliche, fte gesellschaftl che, ihre politische Qualifikation ruhig )en Vergleich mtt jedem außerjüdischen Kreis auShalten fiine. Daß fie selber das Verhängnis verschulden, das -fie mit Ersatz ihrer ganzen Persönlichkeit abwenden möchten, daS wird ihnen als unbegreifliche Absurdität erscheinen. Sie glauben daher allen Ernstes den Judenhaß mit Druckerschwärze, BeretnSm eieret und mit Hilfe deS Staatsanwalts bannen zu könnm. Ihr bisheriger Mißerfolg macht fie nicht nur nicht stutzig, sondern läßt fie im Gegenteil glauben, fie hätten noch nicht genug philosemitifche Broschüren und Zeitungen erscheinen lassen, fie müßten noch immer neue Verbände gründen und noch lauter als bisher nach dem Staatsanwalt rufen. Senkte aber irgend ein übernatürliches Wunder ihnen den Gedanken in die Brust: wir könnten das uns drohende trübe Verhängnis durch eigene Schuld verdient haben, so würden fie ihn sorgfältig darin verschließen und eS für ein großes Unrecht und mindestens für einen taktischen Fehler halten, ihn offen auSzusprecheu. Was sollen erst unsere Feinde sagen, würden fie argumentieren, wenn wir unS selber schuldig sprechen und etwa in der Tagespreise unsere eigenen Sünden selber bekennen wollten? Aber auch in ihren BorstandSfitzungen und Generalversammlungen würden fie einen solchen Gedanken nicht auszusprechen wagen. Das wäre ja eine Beleidigung und jedenfalls eine Taktlofigkeit, die ihnen wer weiß wie viele Austrittserklärungen etnbringen könnte. Wie wett find wir aber von der Erlösung aus etwa unS bedrohendem Leid entfernt, solange unS diese Selbsterkenntnis so fern liegt und durch die Maßnahmen unserer „Retter" in immer wettere Feme gerückt wird! Diese Maßnahmen als solche sollen hier gewiß nicht bemängelt und br kämpft werden. Auch Esther und Mordechai habm menschliche rationelle Mittel angewandt, um daS Herz be* irregeleiteten Königs für ihr Volk zu gewinnm und den Sturz ihres Feindes herbeizuführen. Aber nicht auf diese Mittel, sondern auf die volle durch Fasten und Geb.'t eingeleitete Rückkehr ihres Volkes habm fie ihre Hoffnung für Gottes Schutz und Beistand gesetzt und wurden so zu wirklichen Rettem ihres Volkes. 1. (Schluß folgt.) Kleines Feuilleton. Das PürimgedicM. Wer hat nicht schon einmal vom Schwerte des T amokles gehört? Und doch, Hand aufs Herz! wer hat nicht schon einmal in stiller, schwärmerischer Stunde von einem Throne, von einer Königskrone geträumt? Auch Nachum war die Geschichte vom weisen Dionysos, der den Traum seines Höflings von Tyrannenglück durch das schwebende Schwert so klug zu stören verstand, wohl bekannt, denn er befand sich bereits in der Obersekunda. Und doch war auch er von derartigen hochfliegenden Wünschen und Träumen nicht frei. Allein nicht bis zu Herrscherkronen reichte seine weit- ' schweifende und von Ehrgeiz getragene Phantasie; ihr Ziel war nicht ein Königsthron, sondern ein RedäkkW n s s a s s e l. Redaktion! Welches Zauberwort! Welche Gefühle der Sehnsucht und Ehrerbietung löst doch dieses eine Wort in einer jugendlichen Seele aus, die von einem gütigen Geschick so zu sagen die Feder mit auf auf die Welt bekommen hat. Und daß dies bei ihm der Fall war, davon war Rachum sowohl als seine

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