Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1909)
- Date
- 1909-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Gette 2. Nr. 9. strebungen, die, für die wahrhaft Einsichtigen und Rechtdenkenden überflüssig und von den Irregeleiteten ungekannt und unbeachtet, auf die demagogischen Verführer und Hetzer, die ja zumeist die Wahrheit kennen und sie wissentlich verdrehen, keinen sonderlichen Eindruck zu machen vermögen. Mit einer gewissen Beschämung denkt man heute zurück, wieviel Ernst und ehrlichen Eifer man einst einem Hammerstein, Ahlwardt, und zuletzt auch P ü ck l e r gewidmet hat, Leuten deren Gebühren damals schon auf Zuchthaus oder Irrenanstalt hinwies. Oft aber muß der Judenhaß nur als Vorwand, als Deckmantel, als Reizmittel zur Gewinnung der Massen herhalten, während die Führer andere höhere Ziele vor Augen haben. Man denke nur an die Christlich-Sozialen Lueger'scher Richtung, die, wie alle Welt weiß, über den kleinlichen Judenhaß weit hinaus, ganz was anderes erstrebten: die Betätigung der Macht und öffentlichen Gewalt, die Erstickung jeder freiheitlichen Geistesregung auf politischem oder sozialem Gebiete, die 'Reaktion im dunkelsten und häßlichsten Sinne dieses Wortes. Das ist ein Umstand, der unseres Erachtens von den Abwehrvereinen noch viel zu wenig beachtet und gewürdigt wird. Wir aber sollten doch fürwahr jetwas Besseres zu tun haben und statt den Kampf mit diesen Feiüden auf der ganzen Linie aujtzunehmen, ihn getrost denjenigen überlassen, die sich in Wahrheit am meisten bedroht fühlen und sowohl besseren Grund wie ruch bessere Mittel zu seiner Führung haben. Man mißverstehe uns nicht. Die Abwehr an sich ist im Prinzipe nicht immer zu verwerfen und kann auch oft als eine zwingende Notwendigkeit erscheinen. Umso weniger ist es aber gerechtfertigt, die eifrige Verteidigungsarbeit an Lappalien zu verwenden und unsere Kraft in einem aussichtslosen Kampfe nach außen zu verbrauchen, da im Inneren so viele der nützlichen Arbeiten und ernsten Aufgaben unser harren. Eine Art der Abwehr allerdings, das sei hier besonders betont, muß heute noch gebilligt, ja warm empfohlen werden, die Abwehr, die so alt wie Juden und Judenhaß überhaupt, heute, in der Blütezeit des „wissenschaftlichen" Antisemitismus mehr denn je unentbehrlich erscheint: Die Apologie, die Verteidigung unseres Teuersten.und Heiligsten vor den Feinden, die es mit roher Hand verunreinigen und verunglimpfen. Haman ist entwickelungsfähig und weiß sich den veränderten Verhältnissen und den gesteigerten geistigen Bedürfnissen vollauf anzupaffen. Nicht mehr wie früher auf das bloße „Vertilgen, Töten und Vernichten" ist heute sein Sinn gerichtet. Das überläßt er ruhig 3udcnlo$ und Mental. (Zu Purim.) Wenn ein Weiser eine Frage stellt, so liegt, nach einem bewährten jüdischen Erfahrungssatz, schon in der Art der Fragestellung die halbe Antwort. Als Unwissender gilt daher dem jüdischen Sprachgebrauch nicht derjenige, welchrr^nicht zu antworten, sondern wer nicht zu fragen versteht. Die Schranke, welche menschlichem Wissen gezogen ist, kann eS auch dem Weisesten unmöglich machen, alle sich ihm aufdrängenden Fragen zu beantworten. Aber diese S chranke möglichst in die Ferne zu rücken, Bresche in ste legen, der Wahrheit durch Nachdenken, durch Vertiefen und Untersuchungen, die sich zu Fragen verdichten, möglichst nahe zu kommen) das ist die charakteristische Eigenart deS Weisen. Deshalb bietet der alles menschliche Wissen und Streben umspannende Talmud seine Weisheitsfülle in Form von Frage und Antwort dar und legt durch diese bloße, äußere Kon- Der Israelit dem Plebs, der die Konsequenzen feiner Lehre ziehen und seine Theorie in lebendige Tat umsetzen mag. Er, der bessere Haman von heute, hat ein höheres Ziel vor Augen. Er sucht das Judentum ins Herz und Mark zu treffen und seine Lebensquelle zu verunreinigen. Wenn der alte Haman das Schlagwort prägte: „Ihre Gesetze sind anders als die der anderen Völker," so sagt sein heutiger Nachfolger: „Nein, ihre alten Gesetze sind in den Gesetzes-Kodices der älteren Völker bereits enthalten, sodaß sie sich der Priorität der heute als Gemeingut aller Menschen geheiligten Lehre zu Unrecht rühmten, ja selbst ihre Geschichte, ihre Tradition, ist weiter nichts als die Variation irgend eines Epos, einer alten Bolkslegende." Man denke an Delitzsch, oder an die neueste Reprise des Purimstücks von Prof. Jensen in Marburg. Da muß die Verteidigungsarbeit angesetzt werden und zwar so, daß ihre aufklärendc Wirkung nach Außen und Innen sich segensvoll gestaltet. Auch nach Innen/ denn^ wir bedürfen — zu unserer Schande sei es gesagt — heute der Apologie auch ganz besonders in eigener Mitte für die Schwachen und Matten in unserem Lager, auf die es der Amalek aller Zeiten in erster Reihe abgesehen hat. Wir können auch im Interesse der innerer Sammlung und Festigung dieses Abwehrmittels, der Apologetik, nicht mehr gut entbehren. Es ist eine traurige und. beschämende, aber doch bestehende Tatsache, daß viele aus unseren Reihen heute ihr Wissen in jüdischen Dingen nicht aus dem lebendigen Born des jüdischen Schrifttums, sondern aus fremden trüben Quellen geschöpft haben. Diese Schwachen, die keine Liebe und keine Tradition mit ihrem Volke verbindet und urteilsunfähig auf eine voraussetzungslose Wissenschaft schwören, sind in der Regel die ersten Opfer des mit Hypothesen und Theorien gegen das Judentum einherziehenden Amaleks. Eine gute Apologetik müßte da helfend einareifen, belehrend und aufklärend nach außen, aber auch stärkend und aufrichtend nach innen. ' Freilich müßte die Apologetik nach Innen so angelegt sein, daß sie nicht als letzte Instanz, sondern vielmehr als Anregung und Ansporn um Studium der Quellen zu gelten hätte, von enen allein ein heilvoller Einfluß auf die Jugend zu erwarten ist D’VTrr rat? iiKon. Sie und auch die Anderen mögen es an der Quelle erfahren, daß ein anderer Geist die jüdischen Gesetze geschaffen hat als der, welcher den vergilbten Pergamenten der Assyrer und Babylonier zu Grunde liegt, daß unsere Thora nicht aus einer Reihe orakelhafter Priestervorschriften und dunkler, aus astronomischem Aberglauben hervorgegangener, sich wiedersprechender Legenden bestehe, sondern struktton den Gedanken an die Bedeutsamkeit nahe, welche seinen bloßen Fragen innewohnt, ganz abgesehen von der Antwort, die darauf folgt. Wenn im Talmud wie in einem Epos seine Geistesfürsten redend, handelnd, stagend und antwortend vor unserem Auge auftreten, so braucht man nur irgend eines dieser lebenden Bilder herauszugreifen, um dies in jedem Zuge bestätigt zu finden. Es fragten die Schüler den Rabbi Schimeon ben Jochai: „Wodurch hat Israel in jener Zeit (der Purimgeschtchte) die Vernichtung verschuldet?" Lehrer: „Sagt Ihr es!" Schüler: „Weil fie von der Mahlzeit jenes Gesetzlosen (Achaschwerosch) genossen hatten." Lehrer: „Wäre dem so, so bätte nur die Juden in Schuschan, nicht diejenigen in der ganzen übrigen Welt das Geschick ereilen sollen." Schüler: „Sag Du es!" Lehrer: „Weil fie fich vor dem Götzenbilde (NebuchadnezerS) niedergeworfen hatten." (Talmud Megilla Fol. 12 s.) Der kurze wesentliche Inhalt dieses Dialogs zwischen Schülern und Lehrern ist, daß bas BerhägniS, welches in den Tagen von Mordechat und Esther über der gesamten Juoenheit schwebte, durch den Genuß verbotener Speisen ober durch Götzendienst verschuldet war. Um unS das mitzutetlen, hätten dem Talmud, der selber Stürze als Würze jeder Belehrung bezeichnet, wenige Worte genügen können. Wenn dies aber nicht geschieht, wenn uns in ausführlicher Breite der Wortlaut der Fragen mitgeteilt wirb, welche zu dieser Belehrung anregten, so darf man sicher sein, daß die bloße Form der Fragestellung von lehrreicher Bedeutsamkeit ist. Wodurch hat Israel in jener Zeit die Vernichtung verschuldet? Um das Ergreifende, Ueberwältigende dieser Frage 4 MärzffWMW von Gottesgeist getragene Vorschriften und Jnstituttonen einsetzt, die, das ganze Volk . umspannend und beglückend, Allen klar und zugänglich, die Fülle ihres Segens in lebendiger Frische bis in unsere Tage hinein bewährten und bewähren. In dieser Erkenntnis gestählt und gewappnet, kann der Jude stolz und überlegen über alle kleinlichen Anrempelungen von außen hinwegsehen und im Hochgefühl seines jüdischen Berufes sich der Erkenntnis und Verwirklichung des Gottesgesetzes im eigenen Kreise hingeben. ochmrM-scha«. fflummenfdianj. Zu Magdeburg, dem alten Erzbistum, allwo eine Anzahl deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens für den, laut Gesetz vom 26. Juli 1847 erforderlichen Religionsunterricht der schulpflichtigen JugM zu jMAW-gehalten sind, lelx f- 's ist eine'alte GeftyAhte — der israelitische Lehr'' Meier Steinhawk^ Aber das Geschick hatte ihn erhöht über seine Genossen, und er herrschte als Volkstribun über sieben- oder achthundert israelitische Lehrer in den hundertsiebenundzwanzig Provinzen des Reiches, die vor seinem Federkiel ehrfürchtig sich neigten und den Offenbarungen seiner edlen Seele in heiligen Schauern lauschten. Nur einer, der in dem kleinen Städtchen Friedberg saß, der beugte sich nicht uv^ fiel nicht nieder, dieweil er ein Jude wn": Da ward der Mann mit dem Federkiel voll imms. Und da es zu gering war in seinen Augetk) die Hand anzulegen an den Juden von Friedbera allein, über den allein er sich doch so rechtschaffen geärgert hatte, so setzte er sich hin — 's ist eine alte Geschichte — und schrieb mit seinem Federkiel zwei fulminante Leitartikel gegen das „ganze Volk" des Delinquentennämlich den „Israelit" und die „Freie Vereinigung für die Interessen deß orthodoxen Judentums."- Daß Herr Steinhardt, wenn das Bild des „Israelit" vor ihm aufsteigt, die Fassung verliert und gegen den erhaltenen Nervenchoc durch törichte Schimpfereien reagiert, das nehmen wir ihm wahrlich nicht übel. Der „Israelit" darf stolz sein auf den Haß eines Mannes, der wie kaum ein zweiter zur Verschärfung der Gegensätze innerhalb der deutschen Judenheit und zur Vertu der ganzen Tiefe zu empfinden, braucht man fich nur einmal zu vergegenwärtig^', wie wir heutzutage bet üblichen Anlassen stagen und nicht fragen. Ein flüchtiger, alle Staaten und Völker des Erdballs streifender Blick zeigt uns allenthalben die Hamane bei der Arbeit, um uns den Untergang zu bereiten. Mag diese MaulwurfSarbett als Bill zur Erschwereung jüdischer Einwanderer gesetzliche Form annehme, mag fie in der Verdächtigung aller Juden als Baterlandsverräter durch Verleumdung eines jüdischen Offiziers zum Ausdruck kommen, mag fie fich durch ein Niederlassungsverbot wie in Spanien, oder durch ein Schächkverbot wie in der Schweiz und in Sachsen äußern, die brutalen Rechtsbeugungen, Bergewalttgungen, Vertreibungen und Hinschlachtungen jüdischer Menschen im Osten Europas und im Orient, alle diese ttüben, fich täglich steigernden Erfahrungen lassen kemen Zweifel über das Verhängnis aufkommen, das über unfern Häuptern waltet. Man hat Alliancen, Vereine, Verbände und Veranstaltungen der verschiedensten Art zur Wahrung und Vertretung unseres verkümmerten Rechts und zur Milderung der uns geschlagenen Wunden gegründet. Man hat zur Linderung des tausendfältigen Jammers nach den Quellen geforscht, aus welchen er fließt, man hat nach der Ursache gestagt, wie ein solcher Rückfall in die verjährte Barbarei hundert Jahre nach Verkündung der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit möglich sei und hat die großen wirtschaftlichen Krisen, die Züchtung und Verschärfung des Rassen- und Klassenhasses im allgemeinen auch zur Erklärung deS Judenhasses, des Antisemitismus, der religiösen und sozialen Unduldsamkeit und wie die neuen Wortlarven für das alte RischuS alle heißen, geltend gemacht. 1 Aber wer hat wie die Schüler R. Schimeon ben Jochais gestagt: „Womit hat Israel die zur Vernichtung führende Verfolgung verschuldet?"