Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1909)
- Date
- 1909-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I Der Israelit Hill) Ein Cenfratorgan für das orthodoxe Jaienfnm f/fUE IHl raggg Begründet ooi Dr. Lehmann in ülainz Hl 50. lahrgans. ebss Sranhfurta.nl.. gen— M ». Kbonnement pro «ierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HeftauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Arr^-abe: Desterrrich-Lngaru s ÜwgüÄ 8 eh,, ^Amerika du cts., Niederlande Oöti., Framrrich Vrs. 2.50. Abonnementbei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HeftauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate r 30 Pfennig für die sechSgespaltme r Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstein u. Bögler A.-G.» Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an dm Verlag erfolgen per: Conto bei de» Postscheck-SMt Krantsnrh. a. AK. Ro. 314. Conto bei der «. «. PoWdrtaffe «Kn 91% 79 6«5/ Conto bei dem ft. Postsparkaffenamt Budapest Ro. 184S4. Conto bei der Rigaer Commerzbank in Ria-» und deren Filialm. ver NackSruck Ser flrfihel unö Correföonflenjen öes „Israelit“ fff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fidi um größere flufffifee handelt, nur nach norheriger Genehmigung gestattet Uom flbwebrkampf. Wieder rollen wir unsere alte Megillah auf und lesen daraus voll Spannung, Rührung und Heiterkeit die alte und ewig neue Geschichte von der Gefahr, die Israel drohte und seiner wunderbaren Errettung, die Erzählung, in der wie in kaum einer zweiten, noch tausend andere Geschehnisse und wunderbare Erlebnisse in der Geschichte unseres Volkes bis auf die Gegenwart sich widerspiegeln. „Die Tage des Purim werden nichtverschwinven aus der Mitte derJuden und ihr Andenken wird nicht ausgelöscht werden bei ihren Nach! o m m e n" sagt die heilige Urkunde selbst. Die Tradition aber, die Hamans Stammbaum bis zu Amalek zurückzuführen weiß, machte aus diefem^Haman-AmalM ein Symbol, an dem das Wesen und die. Entwicklung des sich forterbenden tzuderchüss^ sich eikennen und verfolgen läßt, das Mer auch die Mittel, die der Jude in ErkenntnisHxv Gefahr zu ihrer Abwehr allezeit mit Vorliebe wählte, kenntlich bezeichnet. Wollte man eine Geschichte der jüdischen Abwehrbeftrebungen seit der Zerstörung des jüdischen Staatswesens schreiben, sie würde klein und blättetzarvl ausfallen. Was die Juden angesichts der gefahrvollen Lage zu ihrer Verteidigung unternahmen und unternehmen konnten, und wie sie sich zur Wehr setzten, ist mit dem einen Wore der Megillah drastisch gekennzeichnet: — sie sammelten sich. Durch Sammlung der Kräfte und gesteigerte Pflege des Geistes, der leitend und schützend in ihrer Mitte lebte, suchten sie die innere Festigkeit und Geschlossenheit zu erlangen, die ihnen zur Begegnung der Gefahr unumgänglich notwendig erschien. Wie hätte auch an Abwehr und Verteidigung nur gedacht werden können, in der bitteren Leidensepoche des jüdischen Volkes im Mittelalter, da Grausamkeit, von keinerlei Rechtsbegriffen und Humanitätsempfindungen gemildert, die Welt beherrschte und die Juden, diese allezeit Recht- und Schutzlosen, zu bedrücken, Kaiser und König, Edelmann und Geistlicher als ihr gutes Recht empfanden? Es blieb ihnen also als einziges Berteidigungsmittel die Sammlung und innere Befestigung, um so gerüstet einer befferen Zeit entgegenzuharren, in der festen Zuversicht, daß die Katastrophe nur eine vorübergehende Störung im Gange der Weltgeschichte bedeute, die schließlich doch ihnen und ihrer gerechten Sache -um Stege verhelfen muß. Tempora mutantur et nosmutamur in illis. Auch der Judenhaß mußte, wollte er sich erhalten, andere Form und Gestalt annehmen, und mit dem neuen Worte „Antisemitismus" konnte und mußte auch die Abwehrbewegung eiusetzen. Der Antisemitismus, wie der Judenhaß sich heute nennt, der im krassen Widerspruch" zum modernen Denken und Empfinden entstanden und sich erhält, mußte den Gedanken einer Abwehr naturgemäß aufkommen lassen, umsomehr als diejenigen, die ihn, den Antisemitismus, ins Leben riefen, selber unsicher und der Unhaltbarkeit ihres Unterfangens sich bewußt, ihn unter allerhand falschen wissenschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Vorspiegelungen in Funktion setzten, die eine Widerlegung und Aufklärung zuwellen geradezu herausforderten. In einer Zeit der allgemeinen Schulbildung und des allgemeinen Wahlrechtes reichten die auf religiöse Vorurteile gestützten Ammenmärchen nicht mehr allein aus, um den Judenhaß zu nähren. Da mußte man schon soziale und wirtschaftliche Dekorationen zu Hilfe nehmen, von einer politischen Notwendigkeit reden, und endlich den Antisemitismus mit einer gemachten „Geschichte" und einer Raffentheorie begründen oder auch mit einer Stattstik, die, ein Produkt der freien Phantasie, auf die erregte Phantasie der Gläubigen wirken sollte. Was war da natürlicher als eine energische Gegenwehr, als eine gemeinsame Verteidigungsarbeit derjenigen jüdischen und judenfreundlichen Kreise, die sich voll Empörung und sittlicher Entrüstung ob dieses widerlichen, schamlosen Treibens, ob der Schmach d^s Jahrhunderts zur Abwehr des Antisemitismus zusammenfanden? Mag nun der Berteidigungskampf an sich noch so menschlich begreiflich und in gewissem Sinne auch berechtigt sein, so ist doch die Frage, ob er auch immer in taktischer und strategischer Beziehung richtig geführt wird, ob stets mit der rechten Waffe am rechten Platze operiert wird, leider nicht in allen Fällen bejahend zu beantworten. Bei allem Re'pekt vor der mühevollen, rmetJermützigeu Arbeit der tapferen Männer aus den nichtjüdischen Kreisen, die es sich zur Ehrenpflicht anrechnen, die Schmach durch offenen Kampf von sich und ihrem Volke abzuwenden, zu zeigen, daß es im Jahrhundert der Kultur und Zivilisation noch Männer im Volke der Dichter und Denker gibt, denen Toleranz und Gerechtigkeit kein leerer Schall ist, bealler Hochachtung und aufrichtiger Dankbarkeit, die wir für diese obpn niDlK 'TDn, für diese Ehrenretter unseres und ihres Volkes hegen, muß doch andererseits gesagt sein, daß der Jude, der überempfindlich sein Judentum nicht besser zu dokumentieren weiß, als indem er sein verletztes „jüdisches Ehrgefühl" in allen Fällen und unter allen Umständen auch da wo es sich um keine Eingriffe in seine Rechte oder ernstliche Angriffe handelt, zu rächen sucht, doch nur damit zeigt, daß die innenjüdische Welt ihm nicht mehr viel zu bieten, nicht mehr zu ersetzen vermag, was ihm die äußere vorenthält, ihm nicht mehr jene Beglückung und stolze Befriedigung bringt, die unsere Väter in den Zeiten bitterster Not mit überlegenem Lächeln, auf die Feinde herabsehen ließ. Wie sollte er auch sonst die Nadelstiche von außen so schwer und bitter empfinden, wenn das jüdische Bewußtsein in seinem Inneren stärkend und beglückend wohnte? Man braucht gewiß nichterst als Lobredner, alter vergangener Zeiten sich'in das Gehetto mit seinem reichen jüdischen Innenleben zurückzuversetzen, um die völlige Zweck- und Aussichtslosigkeit des Guerillakrieges, des ewigen Geplänkels, des Lärms um nichts, wie er oft genug mit so viel Ernst und Eifer in unseren Abwehrkreisen betrieben wird, überzeugend zu beweisen. Man braucht nur auf die «ei. otler vier Jahrzehnte Antisemismus und auf die armseligen Erfolge der Verteidigungsarbeit hinzuweisen, um die Frage zu rechtfertigen, ob sie, die Verteidigung, soweit sie von jüdischer Seite geführt wird und sich in Kleinlichkeiten verliert, nicht eine unnütze Kraftvergeudung bedeutet, eine unverzeihliche Verschwendung der zur inneren Befestigung so unentbehrlich notwendigen jüdischen Kraft. Das Schlagwort, wonach „der Hieb die beste Verteidigung" sei, ist nirgends so schlecht angebracht als bei diesem leidigen Kampfe mit anttsemittscher Dummheit und Bosheit. Die aus Uebereifer und Ueberempfindlichkeit geführten Geaenhiebe haben kaum jemals ein befriedigendes Resultat gezeitigt, oft genug aber der Weisen Worte bestätigt: „Der eine ägyptische Frosch, vermehrt sich ins Unendliche, so blindlings und wütend auf ihn eingehauen wird." Heute nach Jahrzehnten mühevoller aufreibender Arbeit müssen sich, die Abwehrvereine eingeftehen, daß die praktischen Resultate in gar keinem Verhältnis zu den Verlusten an Zeit, 5kraft und' Mühe stehen. Der Niedergang des Antisemitismus, wenn ein solcher wirklich zu verzeichnen ist, resultiert aus allen anderen Ursachen eher als aus jenen an sich löblichen politffchen Abwehrbe-