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Der Israelit · 1909-02-25 · Heft 8 (25.2.1909) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 8 (25.2.1909)
Date
1909-02-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Geile 12. 2\ Februar 1909. führt nach Meinung Galens die Luft aus der Lunge znm linken Herzen, die Lungenarterie führt Blut nach der Lunge, um sie zu ernähren und trägt gleichzeitig die luftartigen Dünste, den „Rauch" oder „Ruß", aus dem Herzen in die Lunge, von wo sie bei der Ausatmung nach außen gelangen. Galen vergleicht auch den Atmungsprozeß mit der Verbrennung. Wie steht der Talmud zu diesen Fragen? Zwischen Rabh und Samuel (Ende des II. Jahrh. u. Z.) ist es striltig (Chulin 45 b), ob die Verletzung des Kone schel lef, der Aorta (große Körperschlagader) den Tod zur Folge habe. Nach Samuel muß die Verletzung eine gewisse Größe haben, um trepho zu machen, nach Rabh genügt die kleinste Verletzung, weil ihre Verletzung einer Herzverletzung gleich zu achten sei. An jener Stelle wird über die Verletzung der ^rei großen Brustgefäße, der unteren Hohlvene („Leberader"), Lungenader und Aorta gehandelt und bestimmt, daß ihre Verletzungen gleich den Verletzungen des zugehörigen Organs zu erachten seien, man nahm also wohl an, daß die Leberader, da sie aus der Leber, der Blutbildungszentrale der Alten, kommt, Blut führe, die Lungenvene Luft enthalte und die Aorta ebenfalls Blut führe. Der Meinung Samuels dürfte wohl die damals allgemeine Auffassung zu Grunde gelegen haben, daß die Aorta Luft enthalte, also blutleer sei. Immerhin wurde die Lehre Rabhs anerkannt, und somit die Anschauung aufrecht erhalten, welcher wohl die Meinung vom Blutgehalr der Aorta zu Grunde lag. Aus einer Stelle in Sanhedrin 77». geht hervor, daß die Ausatmungsluft eines Menschen die Luft in einem Maße vergiften kann, daß der Mensch in dieser Atmosphäre zu Grunde geht. Dort wird nämlich von R. Seira folgender hypothetische Rechtsfall konstruiert: Wenn jemand einen Menschen in einen Marmorraum führt — wo jeder Luftzutritt verhindert ist — so wird derselbe allmählich zu Grunde gehen. Derjenige, welcher ihn eingeschlossen hat, geht in diesem Falle straflos aus, während er sich strafbar macht, wenn er in diesem Raume ein Licht anzündet, womit er eine direkt lebenschädigende Handlung inszeniert hat. Hieraus dürste wohl der Schluß berechtigt sein, daß der Talmud ein Verständnis für die Ähnlichkeit des Atmungs¬ und Verbrennungsprozesses gehabt hat. Allerdings ließe sich auch denken, daß man im fraglichen Falle die Dunst- und Qualmbildung des Lichtes und deren Gefährlichkeit im Auge hatte. (Fortsetzung folgt.) Das Geheimnis der griechischen Mythologie und der Stein von Lemnos bin Konrad Schmidt, Pastor in Gleiwitz. Gleiwitz 1908. Die Frage, ob die PelaSger, die Ureinwohner Griechenlands, dem semitischen Zweige der kaukasischen Raffe zuzuteilen seien, ist nicht neuen Datums. Jedenfalls ist die Tatsache nicht zu leugnen, daß mancher altgriechische Kult mit orientalischen Elementen verschmolzen erscheint. Im HerakleSkult zeigt fich starker Einfluß heS syrischen Stadtgo.tes Milkkartvom Dienste des Baal-Moloch finden fich Spuren in Kretader Kult deS Dionysos und der Artemis, der Demeter und Athene sind schwerlich alletn-auf griechischem Boven gewachsen, sondern wohl au» voxder astatischen Gebieten entlehnt. ES ist aber ebenso die Möglichkeit nicht ausgeschloffen, daß die Urbevölkerung von Hellas indogermanischen Ursprungs gewesen sei und-ihre mythologischen Begriffe äußere Einflüsse seitens'des-stark, kulturentwickelten Morgenlandes — wahrscheinlich durch Vermittelung der seekühnen Phönizier — erfahren haben. Der Verfasser des vorliegend en BucheS will nun das Seinige zur Lösung - dieses umstrittenen Problems nach der Richtung beitragen, baß -.die Semiten als Träger der ältesten Kultur Europas auf dem Der JSraelit. klassischen Boden Griechenlands tyreHeimar gehabt hätten." Der Weg des Beweises, den er einschlägt, ist der, die Namen des gesamten hellenischen MythologtestoffeS unmittelbar aus dem Semtttschen herzuleiten. Seinem sonderbaren Gange auf diesem mehr als schlüpftigen Boden zu folgen, sträubt sich jedes wiffenschaftliche Empfinden, und nicht selten wird seine Befürchtung, „geringschätzigem Spotte" zu begegnen, von dem Lachen des Lesers über die Kühnheit seiner Voraussetzungen und Untersuchungen übergroßen. Greif n wir nur einige der bekannteren Namen aus der behandelten Mythologie heraus und sehen wir, wie er fie erklärt! Pandora, ein in sonnenleuchtender Deutlichkeit rein griechisches Wort („die allbeschenkre", weil von den Göttern mit allen Gaben der Erde geschmückt, bezeugt von Hestod, AristophaneS u a. m.), leitet Schmidt her von *yh iq „das hinschwtndende Ge,chlechr" oder *TH H3B „die umgebende Oberfläche". Herakles, ursprüngliche begriffliche Darstellung der Sonnenkrafr, ist ihm aus 7217I (sic I) „der Wanderer" entstanden. Rentaur deutet er aus -1111 fp /HK riKip mr nwp- Amphitrite aus ITHD (von Stw. ,-sH fließen) und -7)5). Prometheus aus bk ölfi rT1KÖ pa W Part. hist, von fiDX was zündet, Feuer macht, also Funken) Olympus aus 218 (gewaltig) und Pp} (in Die Höhe gehen). Gegen 150 griechisch mythologische Namen muffen es fich gefallen lasten, in dieses sprachliche Prokustesbett gezwängt zu werden. Wiener lebendig wird hier der berühmte Ausspruch des Kammerpolitikers Stahl: „Die WMnicherst uwtefytw.'' Derm. Hz. dn ToL kehrt. stch Wissenschaft schaudernd ab von diesem unheimlichen Bille sprachlicher Mißhandlungen, unter deren Gewalt fich Psyche aus NN1VL (die Abgeschiedenen), Eros m# (brennen?), Niobe aus 213 (Duelle), Telemach aus (kühn sein) nK (Feuer entwickelt). Wer möchte hier mchr mit dem alten Horaz ausrufen: ri8um teneatis smici? Mitunter muten uns die e usführungen Schmidts an wie jener vor schon langer als 30 Jahren von einem gewiffen Backhaus geübte Versuch, die Germanen zu einem semitischen Bolksstamme zu stempeln, wobei Etymoiogteen ihr possterltches Spiel treiben, wie: Land von i-Ian, jS1# d. h. baumbewachsene Erde), Lippe von (zum . unde gehörig), Brust von 27K*12 (am Kopfe), Schwester von fflnK laut folgender Verwandlungskunst: acdowet, acdovet, scdovest, cdve8l (buchstäblich dort so zu lesen), fünf von 7,2 /pI? entsprechend den 5 Löchern im Gefichte, Rücken von p^, weil er leer von Gestchtsorganen ist (ebenfalls dort buchstäblich so zu lesen). Um eine Hauptstütze für seine Theorie zu suchen und — nicht zU finden, ver lest er sich, nachdem er das Rätsel einer ephestschen Formel das Semitische zu lösen fich bemüht, in eine liebevolle Behandlung des vermeintlich ältesten urkundlichen Sprachdenkmals vorgriechischer Perioden, der Steintnschrift zu Lemnos, von der eine gelungene Kopte dem Buche beigegeben ist. Zur Lösung der Frage, ob in prähistorischer Zeit ein semitisches Volkstum in Hellas gesessen habe, kann die Arbeit Schmidts: „Das Geheimnis usw." nicht in ernste Beziehung gebracht werden. Er hätte fich vielmehr mit Goethe aus Mignon zurufen sollen: Heiß m'ch nicht reden, heiß mich schwelgen, Den r mein Geheimnis ist mir Pflicht. Wäre es sein Geheimnis geblieben! KHDH* Der freie Wille Eine Entwicklung in Gesprächen. Von Karl Joel. München 1908. F. Bruckmann A.-G. Wir haben in Nr. 4 des vorigen Jahrganges den bedeutsamen Beitrag Heinrich Gompertz' zum Problem der Willensfreiheit angezeigt und dabei kurz den Weg angedeutet, auf dem es diesem strengen Denker aus der Schule Machs gelingt, den Widerspruch zwischen deterministischer und tndetermintsttscher Anschauung anfzulösen. Eine scharfe Untersuchung des Begriffe der „Kausalität" zeigt nämlich, daß man absolut kein Recht hat, den Begriff des Zwanges über den Einzelfall erzwungener und als Zwang empfundener Handlungen hinaus auf Erscheinungen anzuwenden, die einfach nacheinander sich vollziehen, und in die wir die zwingende Verursachung lediglich hineinreflektieren. Joel nun — um zunächst einen nackten logischen Kern aus seinem gedankenreichen, prachtvollen Werke herauszuschälen — geht einen Schritt weiter : ihm enthüllt fich die überraschende Tatsache, daß die Idee des Mechanismus, der durchgängigen kmsalen Bedingtheit alles Seins nichts anderes ist als ein Geschöpf der souveränsten menschlichen Freiheit. Gerade die Herrschaft des zwecksetzenden, die Technik handhabenden Menschen über die Natur hat diese in der menschlichen Vorstellung in einen großen Mafchinenkomplex verwandelt und auf diesem Wege zu guterletzt den freien Menschen selbst gedanklich mitetnbe ogen in diesen künstlich geschaffenen Mechanismus. Man braucht fich dieser pbtlosophiegeschtchtlichen Tatsache nur bewußt zu werben, um die Trugschlüsie des Determinismus als solche zu empfinden und ein O kr zu bekommen für die lauten Stimmen, die aus dem Menschen nnern heraus für die schöpferische, freie Kraft des Willens plädieren. Wenn wir damit denjenigen Gedanken bezeichnet haben, der nach unserem Sir. 8. Empfinden den eigentlichen Kernpunkt rn oem Gedankenaufbau Joels bezeichnet, so ist damit der Reichtum seiner „Entwickelung in Gesprächen" nicht im entferntesten auch nur angedeutet. In der Form des Dialoges, in einer Gesprächführung von so erquickender Frische und Anschaulichkeit, wie man fie bei ordentlichen Professoren der Philosophie sonst nicht gewohnt ist, geleitet uns Joel zunächst durch das ganze wiffenschaftliche Arsenal der deterministischen Anschauung, läßt nacheinander die Philosophen, Iminen, Naturforscher. Historiker- Theologen und MvrslstLdker das volle Gewicht, ihrer Gründe (unter zwangloser Zitierung der hervorragendsten Autoritäten) geltend machen, um dann, nach etwa zweihundert von den siebenhundert Seiten des Buches, die Umkehr vorzubereiten. Im Rahmen einer Besprechung den Verfasser auf dkm Wege dieser Umkehr zu begleiten, deren strenger Ideengehalt durch den freiesten künstlerischen Stil auch dem denkend n Laten genießbar wird, ist begreiflicher Weise unmöglich. Zu klassischer Größe erhebt fich die Auseinandersetzung in dem Kapitel „Die eherne Astarte", einer philosophischen Abrechnung n it dem zum modernen Götzen emporgeredeten Begriff der Kausalität, der dann in rert folgenden Kapiteln in das Gebäude der fteien Selbstbestimmung eingeordnet wird. Endet so die Entwicklung zunächst mit einem frohen Bekenntnis zur Willensfreiheit, so hat der Verfasser ein Schlußkapuel angefügt, das vom Standpunkt unserer religiösen Weltanschauung besonderes Interesse verdient. Es postuliert als notwendige Ergänzung des Freiheitsbe riffes den Gedanken „Gott", der als Mysterium eingeführt und — wie mir scheint, ohne alle innere Veranlassung — in Fcchner'schen Pantheismus eingekleidet wird. Wenn Joel deu Mut gehabt hat, der Majorität seiner Fachgenoffen zum Trotz, die „Fahne der Freiheit vom Turm der Notvi\% (ossw, (o. ist. es (cha.de, daß er die Fahnenstange nicht in dem festeren Grunde eines ungetrübten, jüdischen Monotheismus verankert, der fich aus seinen eigenen Erörterungen mit logischer Notwendigkeit ergeben dürfte. Die Identifikation Gottes mit der Weit vermag das Räiscl der nebeneinander wirkenden Freiheit und Notwendigkeit keinesw gs so restlos zu löst» wie der Begriff des überwellltchen Schöpfers, der auf die naturgesetzliche Beschränkung Seiner Unendlichkeit eine scheinbar dualistische Weltordnung gegründet bat. Vielleicht wird der Verfasser in kommenden Tagen diese Konsequenzen seiner eigenen Gedankengänge noch ziehen. Heute sei ihm warmer Dank gezollt für diese köstliche Frucht seines Denkens, die wir in den Händen zahlreicher gebildeter Juden sehen möchien. —m. Die Legende des Basischem. Bon Martin Bub er. Frankfurt a. M. 1908. Literarische Anstalt Rütten & Loening. Es ist noch nicht allzulange her, daß in Westeuropa weit über die fanatisterten jüdischen Reformkreisen hinaus bis tief in die Reihen gesetzestreuer Juden hinein das absprechende Urteil der Gr ätz und Genossen über die Literatur der Kabbala allgemein anerkanntes Dogma war. Nur wenige Kenner der chasfidischen Literatur wagten, der allgemeinen Strömung zum Trotze, die Behauptung, daß in den sarmatischen Wäldern tiefere jüdische Weisheit wohne als auf manchen Kanzeln des West -ns, ja daß die „Kabbala" doch größeres Recht auf ihren Namen als uralte Ueberlieferung befitze denn die dünnen Waffersuppen, die uns hierzulande als „Glaubenslehre des Mosatsmuk, Prophetismus und Rabvinismus gereicht zu werden pflegen. Im Laufe des letzten Jahrzehnts beginnt eine etwas gerechtere Würdigung des philosophischen Ideengehalts und der religiösen Gefühlswelt der n^2p fich anzubahnen, wenn es leider auch — trotz der verdienstvollen, aber nicht systematisch angelegten Arbeiten des bekannten Gelehrten Ahron MarcuS — noch immer an emer zusammenhän genden Darstellung der kabbalisttschen Kosmogonie und Metaphysik gebricht. Bubers Buch nun ist ein Mittelding zwischen wtffenschastltcher Darstellung und künstlerischer Nachdichtung. — Darin liegt seine Stärke und seine Schwäche. Wollte der Autor seine Leser in die Spare reine» künstlerischen Genießens hinaufführen, wollte er seine gewaltigen poetischen Ausdrucksmittel demütig in den Dienst der chasfidischen Gedankenwelt stellen — dann war es nicht wohlgetan, im Vorwort allerlei anfechtbare gelehrte Ideen über Mythos und Religion vorzutragen und einen Wiederstreit zwischen dem „unterirdischen" und dem „offiziellen" „Judentum zu konstruieren, der in dieser Form gar nicht vorhanden ist. Vergeffen wir aber bas etwas stilwidrige Vorwort und damit den „modernen" Amor und schreiten wir in die seligen Gefilde hinein, die er mit kundiger Hand uns eröffnet, dann strömt dem religiös gestnnten Menschen eine solche Fülle tiefer, echtjüdischer Intuition entgegen, und eine Psychologie von so zarter Innigkeit erschließt fich dem Beschauer, daß man kaum begreift, wie für uns Juden des Westen« diese Schätze jahrhundertlang verschüttet bleiben konnten. Mit der Bloßlegung dieser Goldader jüdischen Geisteslebens hat der Autor fich ein hohes Verdienst erworben. Bon ihm ermutigt, wenden fich andere b-gaote Kräfte vielleicht auch dem Studium der chasfidischen Philosophie zu, die nicht weniger Gehalt befitzten, dürste aiS die religiöse Psychologie, wie fie in der „Legende deS Baalschem' geborgen ist. — s —

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